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Wissenschaft

Bayerisches Raumfahrtprogramm "Bavaria One"

"Söder will doch gar nicht zum Mond"

Das bayerische Raumfahrtprogramm "Bavaria One" erntet Häme - zu Unrecht, sagt Ulrich Walter, der das Konzept mitentwickelt hat. Hier erklärt der Professor für Raumfahrt, was Ministerpräsident Söder wirklich vorhat.

Ein Interview von
Freitag, 05.10.2018   15:13 Uhr

Als Bayerns Ministerpräsident Markus Söder am Dienstag ein Logo des bayerischen Raumfahrtprogramms "Bavaria One" postete - mitsamt seinem Konterfei - fragten sich viele: Meint er das ernst?

Inzwischen ist klar: Das Logo ist kein Fake und keine Satire, sondern eine Wahlkampfidee der Jungen Union Bayern, wie die Bayerische Staatskanzlei auf Anfrage des SPIEGEL bestätigte. Das Foto mit dem echten und dem "Bavaria-One-Söder" sei bei einer Wahlkampfveranstaltung in Neuburg an der Donau entstanden.

Ist Söder größenwahnsinnig? Will er zum Mond wie US-Präsident Donald Trump oder sogar zum Mars wie SpaceX-Chef Elon Musk?

Einer, der es wissen muss, ist Ulrich Walter, Professor für Raumfahrttechnik an der TU München. Er hat das Konzept für "Bavaria One" mitentwickelt und soll nun in München auch die größte Luft- und Raumfahrtfakultät Europas mitaufbauen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Walter, in sozialen Netzwerken wird das bayerische Raumfahrtprogramm "Bavaria One" belächelt, laut der "Süddeutschen Zeitung" hat sich die Staatsregierung auf die "Rückseite des Mondes" geschossen. Die Satire-Seite "Der Postillon" schreibt, Söder wolle nun endlich seinen Heimatplaneten finden. Können Sie die Häme verstehen?

Walter: Die Tatsachen werden in den sozialen Netzwerken völlig falsch dargestellt. Kaum einer weiß, worum es eigentlich geht. Söder will doch gar nicht zum Mond oder zu einem anderen Planeten fliegen. Bei "Bavaria One" geht es nicht um bemannte Raumfahrt.

SPIEGEL ONLINE: Um was geht es denn?

Walter: In den vergangenen Jahren ist die Raumfahrt kommerzieller geworden und zieht zunehmend private Investoren an. "New Space" ist inzwischen ein Riesenmarkt mit einem jährlichen Umsatz von 470 Milliarden Dollar weltweit. Und davon will nun auch Bayern profitieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll das gelingen?

Walter: Unser Ziel muss es sein, Satelliten kleiner, billiger und spezialisierter zu machen. Besonders interessant werden in den kommenden Jahren Satelliten der 100-Kilo-Klasse. Die lassen sich am Fließband herstellen und sind dann mit etwa zwei Millionen Euro pro Stück vergleichsweise günstig. Für das Satellitenprojekt "OneWeb" werden zurzeit mehr als 800 solcher Mini-Satelliten in Toulouse und Florida produziert, die von 2019 an im All ein weltweites Internet-Zugangsnetzwerk aufbauen sollen - ein Riesengeschäft. Ich bin überzeugt: Bayern könnte das auch.

SPIEGEL ONLINE: Um die Erde kreist bereits jede Menge Weltraumschrott. Wartet die Welt wirklich auf einen Satelliten "made in Bavaria"?

Walter: Unsere Satelliten sollen die Welt verbessern, indem sie etwa die Erde auf den Quadratmeter genau beobachten. So könnten wir beispielsweise genau feststellen, wo Getreide auf einem Acker am besten wächst und besser planen, wo gedüngt werden muss. Laut Hochrechnungen könnten so bis zu 17 Prozent an Stickstoff eingespart und gleichzeitig der Ertrag um bis zu 15 Prozent gesteigert werden.

SPIEGEL ONLINE: Viele kritisieren, Bayern sollte lieber in andere Dinge investieren. Noch immer gibt es in Bayern Orte ohne schnellen Internetzugang und Funklöcher, sollte das nicht Priorität haben?

Walter: Diese Probleme sind doch ein Indiz dafür, dass wir in der Vergangenheit zu spät auf technologische Entwicklungen reagiert haben. Ich halte "New Space" für einen lukrativen Markt, wir sollten diese Chance nicht verschlafen. Außerdem hindert "Bavaria One" niemanden daran, in schnelles Internet oder flächendeckende Mobilfunknetze zu investieren. Im Gegenteil, OneWeb zeigt, dass durch Satellitentechnik ein schneller Zugang zum Internet für jedermann weltweit möglich ist.

SPIEGEL ONLINE: Auf Twitter hat Söder angekündigt: "Bayern ist Marktführer: Wir investieren in Digitalisierung, Robotik, künstliche Intelligenz, Hyperloop und Raumfahrt und entwickeln sogar Quantencomputer." Ist das größenwahnsinnig?

Walter: Im Bereich Raumfahrt halte ich das für durchaus realistisch. Unser Ziel ist es, weltweit führend im Bereich Satellitentechnik zu werden - und wir wollen möglichst alles aus einer Hand anbieten: Kleine, kostengünstige Satelliten, Komponenten für Raketen, die sie ins All bringen und die Infrastruktur, um die riesigen Datenmengen zu verarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Bisher gilt Bremen als wichtigster Standort für Raumfahrt in Deutschland. Wie wollen Sie da aufholen?

Walter: Bayern kann mit Bremen durchaus mithalten. Hier sitzen Firmen wie Airbus, OHB und Tech-Start-ups der Weltraumbranche. Wir liefern Komponenten für die Trägerrakete Ariane und das Satelliten-Navigationssystem Galileo. Und nicht zuletzt baut die TU München eine eigene Fakultät für Luft- und Raumfahrt und Geodäsie auf, an der die Leute ausgebildet werden sollen, die man für die kommerzielle Weltraumnutzung braucht.

SPIEGEL ONLINE: Bisher hat Markus Söder 700 Millionen Euro für "Bavaria One" bereitgestellt. Reicht diese Summe wirklich aus, um Weltmarktführer im Bereich Satellitentechnik zu werden?

Walter: Wenn man bedenkt, dass das Geld allein von Bayern und nicht vom Bund kommt, sprechen wir über eine enorme Summe. Vielleicht müssen wir unsere Ziele erst mal priorisieren, aber ich denke, wir werden mit dem Geld viel erreichen. Bis 2022 wollen wir den ersten bayerischen Satelliten "BavariaSat" ins All schicken, der mit Sensoren, einer fernsteuerbaren Videokamera und einem Roboterarm ausgestattet ist. Die Videokamera sollen auch Bürger von der Erde aus bedienen können. Dafür wollen wir mit einem speziellen Bus Schulen, Universitäten und Städte abfahren und so "Bavaria One" und die Möglichkeiten der Fernerkundung den Menschen näherbringen.

SPIEGEL ONLINE: Wie finden Sie das "Bavaria-One-Logo" mit dem Konterfei von Söder?

Walter: (lacht) Ich war schon überrascht und hielt das Ganze zunächst für eine Fälschung. Aber ich glaube, Söder hat es gefallen.

insgesamt 39 Beiträge
Grummelchen321 05.10.2018
1. Wie
auch immer.Es ist einfach nur lustig.Aus Bayern kommen schon merkwürdige Ideen.Wie war das noch mit den Flugtaxis!Ich warte immer noch das mich meines abholt.
auch immer.Es ist einfach nur lustig.Aus Bayern kommen schon merkwürdige Ideen.Wie war das noch mit den Flugtaxis!Ich warte immer noch das mich meines abholt.
labellen 05.10.2018
2. Raumfahrt hin oder her,
mit diesem abstrusen Konterfei hat Söder ein böses Eigentor geschossen - wieder einige Prozent weniger bei der bevorstehenden Lantagswahl. Wäre seinem angeblichen Vorbild FJS so nicht passiert.
mit diesem abstrusen Konterfei hat Söder ein böses Eigentor geschossen - wieder einige Prozent weniger bei der bevorstehenden Lantagswahl. Wäre seinem angeblichen Vorbild FJS so nicht passiert.
raoul2 05.10.2018
3. Mag ja sein,
daß Söder gar nicht zum Mond will. Aber es gibt eine große Mehrheit (nicht nur der Bayern), die nicht wirklich traurig darüber wäre, wenn er denn flöge und dort bliebe.
daß Söder gar nicht zum Mond will. Aber es gibt eine große Mehrheit (nicht nur der Bayern), die nicht wirklich traurig darüber wäre, wenn er denn flöge und dort bliebe.
tiropites 05.10.2018
4. Soll ich lachen oder weinen!?
Söder braucht keine Opposition, der disqualifiziert sich von alleine.. Bavaria One.. dass ich nicht lache
Söder braucht keine Opposition, der disqualifiziert sich von alleine.. Bavaria One.. dass ich nicht lache
plusquam.perfekt 05.10.2018
5. nur noch peinlich
Das Interview ist nur peinlich, 700 mio sollte Bayern bzw Söder besser in Pflegekräfte, Lehrer und Erzieher investieren.
Das Interview ist nur peinlich, 700 mio sollte Bayern bzw Söder besser in Pflegekräfte, Lehrer und Erzieher investieren.

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