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Wissenschaft

Nasa-Chef Jim Bridenstine

Der Weltraumdiplomat

Der Favorit von US-Präsident Trump fiel zunächst mit zweifelhaften Aussagen zum Klimawandel auf. Seit April führt Jim Bridenstine nun die US-Weltraumbehörde Nasa. Wie tickt der Mann?

Foto: DPA
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Dienstag, 09.10.2018   06:22 Uhr

Manche Türen bleiben einfach zu. Und zwar egal, wer gerade davorsteht. Diese Erfahrung musste auch Jim Bridenstine am Donnerstag machen. Da war der neue Chef der US-Weltraumbehörde Nasa in einem Werk des Airbus-Konzerns in Bremen zu Gast, wo in einem Reinraum gerade das erste Exemplar des sogenannten European Service Module fertiggestellt wird.

Das ist, wie man bei Airbus stolz erklärt, das "Kraftwerk" des nächsten US-Raumschiffs namens "Orion". Die Technik aus Europa treibt die Nasa-Kapsel nicht nur an, sie liefert für die geplanten Reisen zum Mond - und später vielleicht noch tiefer ins All - auch Strom sowie Vorräte wie Luft und Wasser. Es ist das erste Mal, dass sich die Amerikaner solch überlebenswichtige Raumfahrttechnik aus Übersee liefern lassen - ein "wichtiger Teil der Infrastruktur", wie Bridenstine sagte.

Das Gerät soll Ende dieses Monats von Bremen zum Kennedy Space Center in Florida gebracht werden. Gerade laufe noch eine Testkampagne für die Auslieferung, hieß es bei Airbus, der Reinraum sei daher aus Sicherheitsgründen gesperrt. Und zwar für alle.

DPA/ D.Ducros/ ESA

"Orion"-Raumschiff mit European Service Module (künstlerische Darstellung)

Dabei war Bridenstine doch nach Bremen gekommen, um möglichst viele Türen zu öffnen. Vier Tage lang saß er unermüdlich auf den Podien des International Astronautical Congress, dem weltgrößten Treffen der Raumfahrtbranche. Neben vielen Vertretern aus Wissenschaft und Industrie traf Bridenstine auch den SPIEGEL zu einem Gespräch.

Die auf dem Kongress gewinnend vorgetragene Botschaft des US-Weltraumchefs war immer die gleiche: Amerika, so warb der Nasa-Chef, suche im All gezielt die Zusammenarbeit mit anderen Ländern. "Wir brauchen internationale Partnerschaften." So wolle sein Land zum Beispiel die geplante Station im Mondorbit, das sogenannte Gateway, keinesfalls allein bauen und betreiben.

Das Gateway soll das nächste große Projekt im All nach der Internationalen Raumstation werden. Längst nicht so groß wie diese, auch nicht dauerhaft besetzt. Es soll stattdessen als eine Art internationale Bushaltestelle auf dem Weg zum Mond und, später, womöglich auch zum Mars dienen.

Lockheed Martin / AFP

Geplanter Mondlander von Lockheed Matin (künstlerische Darstellung)

Das Bekenntnis zur Kooperation überrascht. Dazu muss man wissen, dass Bridenstine von Donald Trump höchstpersönlich ins Amt gehievt wurde - jenem US-Präsidenten, der sich bislang wenig um internationale Kooperation schert. Für Bridenstine war sein Fürsprecher am Anfang eine große Hypothek. Die Branche reagierte skeptisch: War Bridenstine womöglich ein kenntnisfreier, loyaler Trump-Unterstützer, vielleicht gar mit der Aufgabe die Organisation, die er führen sollte, nun ja, zu verschrotten? So wie Scott Pruitt, der mittlerweile zurückgetretene Chef der US-Umweltbehörde EPA?

Nur wenige Beobachter hatten den republikanischen Senator aus Oklahoma überhaupt für das höchste NASA-Amt auf dem Zettel. Hinzu kommt: Bridenstine ist zwar Ex-Militär, verfügt aber nicht über eine Astronautenkarriere wie der vorherige Amtsinhaber Charlie Bolden. Als Wirtschaftswissenschaftler hatte er noch nicht einmal ein naturwissenschaftliches Studium absolviert. Weniger Stallgeruch ging kaum.

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Monatelang, bis in den April dieses Jahres hinein, verzögerte sich die Ernennung durch den Kongress. Das Haupthindernis: Bridenstine hatte in der Vergangenheit den Einfluss des Menschen auf den Klimawandel in Zweifel gezogen - ein Unding für den Chef einer Behörde, die auch bei der Erdbeobachtung und Klimaforschung weltweit vorn dabei sein will.

Über diese Sache will Bridenstine heute nicht mehr viele Worte verlieren. Die Diskussionen um seine Ansichten zum Klimawandel seien "Teil eines politischen Spiels, das sich in Washington D.C. abspielt" gewesen, sagt er in Bremen. Heute ziehe er den Einfluss des Menschen auf die Klimaerwärmung nicht mehr in Zweifel. Kohlendioxid sei ein Treibhausgas, und der Mensch habe davon ungekannte Mengen ausgestoßen. "Deswegen sind wir verantwortlich für die Erwärmung, die wir gesehen haben." Auch diese Äußerung: erstaunlich.

SHAMIL ZHUMATOV/POOL/EPA-EFE/REX/Shutterstock

"Sojus"-Rakete in Baikonur (im Juni 2018)

Je länger das Gespräch mit Bridenstine dauert, desto mehr verfängt der Eindruck: Bridenstine ist auf diplomatischer Mission. Vor allem ist ihm erkennbar an guten Beziehungen zu Russland gelegen. Das zeigt sich auch, wenn man ihn auf das kürzlich entdeckte Loch in einer "Sojus"-Kapsel an der ISS ansprach. Die Sache, so erklärte der Nasa-Chef, müsse erst einmal ordentlich zu Ende untersucht werden. Mit Roscosmos-Chef Dimitrij Rogosin habe er "gute Gespräche" zum Thema. Und vor dem Ende der Untersuchungen über den Ursprung des Lochs zu spekulieren, das würde ein Loch in die gemeinsame Beziehung bohren. Damit übernahm der Amerikaner ein Sprachbild, das der Russe zuvor verwendet hatte. Auch das ist bemerkenswert.

In dieser Woche wird Bridenstine zum ersten Mal nach Kasachstan reisen. Seit sieben Jahren starten auch NASA-Raumfahrer vom Weltraumbahnhof Baikonur in russischen "Sojus"-Kapseln. Als zahlende Gäste. Starts amerikanischer Astronauten von amerikanischem Boden wird es erst wieder durch die kommerziellen Anbieter SpaceX und Boeing geben. Deren Astronautentaxis sind weitgehend fertig, brauchen aber noch eine offizielle Zulassung.

Kommentar

Doch auch wenn diese fliegen, sollen weiterhin US-Astronauten in russischen Kapseln starten - und Russen in den Privatraumschiffen der Amerikaner. "Unsere Partnerschaft gibt es schon seit langer Zeit. Wir wollen, dass diese Zusammenarbeit für beide Länder auf produktive Art weitergeht", so Bridenstine.

"Sehr offen und absolut bereit"

Bei den internationalen Partnern kommt das Bekenntnis des Nasa-Chefs zum gemeinsamen Arbeiten gut an. "Ich war überrascht über seine sehr deutlichen positiven Äußerungen zur Zusammenarbeit, zum Beispiel beim 'Moon Village'", sagte etwa Esa-Generaldirektor Jan Wörner im Gespräch mit dem SPIEGEL. Auch bei den Themen Exploration, Wissenschaft, Asteroidenabwehr und Weltraumschrott sei Bridenstine in Fragen der Kooperation "sehr offen".

Wie aber geht der demonstrativ zur Schau gestellte Kooperationswillen der Amerikaner im All zusammen mit der Weltraumarmee, der Space Force, die Präsident Donald Trump an den Start bringen will? Um das zu begründen, musste sich Bridenstine im Gespräch an der Quadratur des Kreises versuchen. Andere Staaten - der Nasa-Chef nannte sie nur vage "Länder, die mit uns im Wettbewerb stehen" - würden den Weltraum als "Amerikas Achillesferse" ansehen und sich so einen Vorteil erhoffen. Das könne man nicht akzeptieren.

"Unser Botschaft ist klar: Man kann sich künftig keinen Vorteil verschaffen, kein anderes Land zerstören oder dessen Zivilisation, indem man den Weg über den Weltraum wählt", so Bridenstine. Frieden schaffen durch Waffen - auf der Erde mag man sich an diese Logik gewöhnt haben. Aber muss man sie deswegen aufs Weltall übertragen? "Die Space Force soll die friedliche Nutzung des Weltalls sicherstellen", sagte Bridenstine.

Und dass am Ende Amerika eben doch oft zuerst kommt, zeigte sich auch bei der Präsentation einer "Orion"-Kapsel in diesem Sommer in Washington. Als ein Exemplar des Raumschiffs im Juli auf dem Rasen vor dem Weißen Haus ausgestellt wurde, um die amerikanische Innovationskraft im All zu feiern, da fehlte ein wichtiges Teil. Es war ausgerechnet das Servicemodul. Also das Modul, das die Europäer gerade in Bremen bauen - und auf das sie so stolz sind.

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