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Wissenschaft

Neue Bilder von "Ultima Thule"

Das merkwürdige Ding in der Tiefe des Alls

Die Sonde "New Horizons" hat neue Bilder vom bisher entferntesten Objekt des Sonnensystems geschickt, das Menschen je gesehen haben. "Ultima Thule", wie der Himmelskörper bei der Nasa heißt, hat eine verblüffende Form.

NASA/Johns Hopkins Applied Physics Laboratory/Southwest Research Institute/National Optical Astronomy Observatory

"New Horizons" Blick zurück auf den Himmelskörper "2014 MU69"

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Dienstag, 12.02.2019   11:47 Uhr

Die Nasa-Raumsonde "New Horizons" hat einen prominenten Fan. Queen-Gitarrenlegende Brian May veröffentlichte kürzlich einen Song namens "New Horizons (Ultima Thule Mix)". Gut, der Musiker ist nebenbei studierter und promovierter Astrophysiker. Das erklärt Mays persönliche Begeisterung für die US-Sonde, die so weit in den Kosmos vorgestoßen ist, wie wenige Geräte von der Erde. Doch jetzt dürften sich auch Laien für die Sonde interessieren: Mit "Ultima Thule" hat "New Horizons" kürzlich den bisher am weitesten von uns entfernten Körper des Sonnensystems fotografiert.

Das war zum Jahreswechsel. Daher ist die Nachricht außerhalb der Astroszene womöglich etwas untergegangen. Nun zeigen neue Bilder: Der Brocken - offiziell heißt er 2014 MU69 - hat eine ziemlich überraschende Form. Dass er aus zwei verschieden großen Teilen besteht, die durch die Wirkung der Gravitation aneinandergebunden sind, war bereits seit dem Vorbeiflug klar. Zunächst hatte es auf den Fotos so ausgesehen, als habe der Himmelskörper mit seinen etwa 30 Kilometern Gesamtdurchmesser die Form eines fliegenden Schneemanns. Doch nun zeigt sich, dass er gar nicht aus Kugeln besteht - sondern zumindest eines der Gebilde platt ist wie ein Pfannkuchen. Und auch das andere ist deformiert.

NASA/Johns Hopkins University Applied Physics Laboratory/Southwest Research Institute

Grafik zur vermuteten Form von "Ultima Thule"

"Ziemlich ungewöhnlich" nennt Ralf Jaumann vom Institut für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Berlin die neuen Bilder. "Bislang basierte unser Eindruck von Ultima Thule nur auf der begrenzten Zahl von Fotos, die 'New Horizons' vom Vorbeiflug zur Erde geschickt hat", kommentiert Alan Stern vom Southwest Research Institute in Boulder, der Chefwissenschaftler der Mission. "Inzwischen aber haben wir mehr Daten, und die verändern unseren Blick".

"Wir haben", sagt Stern, "noch nie so etwas wie dieses Objekt die Sonne umrunden sehen". Sein Kollege Jaumann glaubt, dass 2014 MU69 das Ergebnis einer Kollision der beiden Teile ist - und dass diese ihre charakteristische Form bereits vor diesem Zusammenstoß hatten. Erklären ließe sich die eigentümliche Geometrie durch die wirkenden Kräfte: "Die Gravitation war nicht groß genug, dass sich eine Kugel bildet - und die Fliehkräfte wiederum waren nicht groß genug, dass das ganze Ding auseinanderfliegt."

Fern, kalt und duster

2014 MU69 war noch nicht einmal entdeckt, als "New Horizons" im Januar 2006 gestartet wurde. Primärziel der Mission war nämlich der Pluto, der wiederum beim Abheben der Sonde noch als Planet galt. Von dem so fernen, kalten und düsteren Himmelskörper war allerdings bis dahin außer ein paar Fundamentaldaten nicht viel bekannt, "New Horizons" sollte das ändern.

Brian May - New Horizons (Ultima Thule Mix)

Und tatsächlich: Der Vorbeiflug im Sommer 2015 hat unser Bild dieser fernen Welt geradezu revolutioniert - auch wenn Pluto inzwischen offiziell nur noch als Zwergplanet um die Sonne unterwegs ist. Die Bilder zeigen extrem abwechslungsreiche Eislandschaften: Insgesamt 30 verschiedene Geländearten, darunter Berge, Schluchten, kraterzerklüftete Landschaften und glatte Eisebenen, künden von einer aktiven Geologie.

Hinter dem Pluto durfte die Sonde weiterfliegen, Treibstoff war noch ausreichend vorhanden. Mit dem "Hubble"-Teleskop hatte man bereits auf der Suche nach Zielen in den Kuipergürtel hinausgespäht, jene von Abertausenden frostigen Brocken bevölkerte Zone jenseits des Pluto, aus der immer mal wieder Kometen ins Innere des Sonnensystems abgelenkt werden. Und der im Sommer 2014 entdeckte 2014 MU69 lag günstig.

Zeitkapsel aus den Kindertagen des Sonnensystems

Mit 50.000 Kilometern in der Stunde rauschte "New Horizons" schließlich in den ersten Stunden dieses Jahres an dem Himmelskörper vorbei - und kam ihm dabei deutlich näher als Pluto: Der Abstand lag bei 3000 Kilometern, beim Zwergplaneten waren es noch etwa 12.500 Kilometer gewesen. Zum Vergleich: Die Internationale Raumstation ist etwa 400 Kilometer von der Erde entfernt, Kommunikations- und Wettersatelliten im sogenannten geostationären Orbit dagegen fast 36.000 Kilometer.

2014 MU69 ist sozusagen eine Zeitkapsel aus den Kindertagen unseres Sonnensystems vor rund 4,5 Milliarden Jahren. Seitdem dürfte das Material bei Temperaturen nur knapp oberhalb des absoluten Nullpunkts nie aufgeschmolzen worden sein. Seine rote Farbe, wie sie auf manchen der "New Horizons"-Bildern zu sehen ist, verdanke der Himmelskörper wohl gefrorenen Gasen wie Ammoniak- und Methanverbindungen, sagt Forscher Jaumann.

Was ihn besonders fasziniert: Der ferne Himmelskörper ist womöglich Vorläufer eines Kometen wie etwa Tschurjumow-Gerasimenko, kurz "Tschuri" genannt. Dieser war von der europäischen Raumsonde "Rosetta" mit ihrem deutschen Landeroboter "Philae" untersucht worden - und dürfte auch aus der Region jenseits des Neptuns ins Innere des Sonnensystems katapultiert worden sein. Auch er bestand aus zwei Teilen, zusammengehalten allein durch die Wirkung der Gravitation. "Wahrscheinlich gibt es eine Menge Körper, die so gravitativ zusammenhängen", sagt Jaumann.

Fotostrecke

Extreme Umwelt: So sieht es auf Komet Tschuri aus

"New Horizons" ist inzwischen rund 6,6 Milliarden Kilometer von der Erde entfernt und die Datenübertragung läuft extrem langsam. Insgesamt wird es etwa zwei Jahre dauern, bis alle beim Vorbeiflug gesammelten Daten an die Antennen des Deep Space Network der Nasa geschickt worden sind.

Die aktuell ausgewerteten Bilder zählen allerdings zu den letzten, die "New Horizons" beim Vorbeiflug gemacht hat - "Ultima Thule" lag zu diesem Zeitpunkt bereits wieder hinter ihr. Inzwischen ist die Sonde weiter auf dem Weg in den Kuipergürtel hinein. Nicht nur Alan Stern, der Chefwissenschaftler der Sonde, hofft nun auf eine Verlängerung der Mission. Auch Brian May könnte sich sicher dafür begeistern, vielleicht wäre dann ja sogar ein neuer Song drin.

insgesamt 7 Beiträge
schwerpunkt 12.02.2019
1.
Ich bin verblüfft. Man hat nun optisch zwei vermeintliche Objekte des Kuipergürtels untersucht. In beiden Fällen waren sie mehr oder weniger aneinander haftende Doppelobjekte. Im Kuipergürtel gibt es sicher eine Vielzahl von [...]
Ich bin verblüfft. Man hat nun optisch zwei vermeintliche Objekte des Kuipergürtels untersucht. In beiden Fällen waren sie mehr oder weniger aneinander haftende Doppelobjekte. Im Kuipergürtel gibt es sicher eine Vielzahl von Objekten. Der dafür zur Verfügung stehende Raum ist aber auch enorm groß, viel größer als beispielsweise der Raum, den die Objekte des Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter einnehmen. Und auch da ist in erster Linie ganz viel Nix. Wie wahrscheinlich ist es, dass sich dort zwei der Objekte treffen und so mit einander kollidieren, dass sie aneinander haften bleiben? irgendwas in meiner (unserer?) Vorstellung vom Kuipergürtel ist da noch nicht ganz an der richtigen Stelle eingerastet. Vor allem bekommt da auch die möglicherweise außergewöhnliche Form des interstellaren Besuchers Oumuamua vor einigen Monaten eine andere Bedeutung. Eventuell sind solch merkwürdig geformten Objekte deutlich häufiger, als man vermuten würde. Nur warum?
mailo 12.02.2019
2.
Vielleicht ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass sich zwei Objekte auf diese Weise treffen. Genau so wie die Entstehung von Leben vermutlich sehr unwahrscheinlich ist. Zumindest auf Sicht von einem Jahr. Aber es sind ja auch [...]
Vielleicht ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass sich zwei Objekte auf diese Weise treffen. Genau so wie die Entstehung von Leben vermutlich sehr unwahrscheinlich ist. Zumindest auf Sicht von einem Jahr. Aber es sind ja auch schon eine Menge Jahre verstrichen.
bronck 13.02.2019
3. Ernüchternd
Ernüchternd ist die Tatsache, das die Sone praktisch nicht mal unser "Grundstück" verlassen hat und bereits jetzt so irrwitzig weit weg von der Erde ist wie es nie ein lebender Mensch sein werden wird. Und wozu auch? [...]
Ernüchternd ist die Tatsache, das die Sone praktisch nicht mal unser "Grundstück" verlassen hat und bereits jetzt so irrwitzig weit weg von der Erde ist wie es nie ein lebender Mensch sein werden wird. Und wozu auch? Um sich auf solchen Eisbrocken die Zehen abzufrireren?
manskyEsel 13.02.2019
4.
Kann es sein, daß es sich hier um den Wohnsitz des lieben Gottes und seiner Familie handelt?Vermuzung....
Kann es sein, daß es sich hier um den Wohnsitz des lieben Gottes und seiner Familie handelt?Vermuzung....
Oberleerer 17.02.2019
5.
Durch die Gravitation ist es völlig normal, daß sich solche Objekte annähern. Wie lange kann es dauern, bis aus einzelnelnen Atomen Staub wird (Gas ist bei 0K ja auch nur fester Staub). Der Staub wird umeinanderwirbeln, [...]
Zitat von schwerpunktIch bin verblüfft. Man hat nun optisch zwei vermeintliche Objekte des Kuipergürtels untersucht. In beiden Fällen waren sie mehr oder weniger aneinander haftende Doppelobjekte. Im Kuipergürtel gibt es sicher eine Vielzahl von Objekten. Der dafür zur Verfügung stehende Raum ist aber auch enorm groß, viel größer als beispielsweise der Raum, den die Objekte des Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter einnehmen. Und auch da ist in erster Linie ganz viel Nix. Wie wahrscheinlich ist es, dass sich dort zwei der Objekte treffen und so mit einander kollidieren, dass sie aneinander haften bleiben? irgendwas in meiner (unserer?) Vorstellung vom Kuipergürtel ist da noch nicht ganz an der richtigen Stelle eingerastet. Vor allem bekommt da auch die möglicherweise außergewöhnliche Form des interstellaren Besuchers Oumuamua vor einigen Monaten eine andere Bedeutung. Eventuell sind solch merkwürdig geformten Objekte deutlich häufiger, als man vermuten würde. Nur warum?
Durch die Gravitation ist es völlig normal, daß sich solche Objekte annähern. Wie lange kann es dauern, bis aus einzelnelnen Atomen Staub wird (Gas ist bei 0K ja auch nur fester Staub). Der Staub wird umeinanderwirbeln, bis er immer wieder kollidiert und dabei Bewegungsenergie abgibt. Ich denke, ziemlich schnell wird man große Verklumpungen haben. Wenn diese kollidieren, geschieht das extrem langsam, wenn beide Klumpen noch recht klein sind und kaum eine Gravitation haben. Der Aufprall wird dann durch die Staubstruktur gedämpft. Da das ganze dann oft rotiert, weil es sich nicht exakt getroffen hat, verhindert die Rotation, daß sich eine Kugel bildet. Vlt wird es ein langer Stab und an den Enden brechen "Monde" ab. Erst im weiteren Wachstum, mit mehr Gravitation wird das ganze dann rund. Da wir ja mit unserer Sonne vermutlich schon die 3. Generation sind, würde mich interessieren, ob diese Klumpen aus der Zeit unserer Sonne stammen, oder gar von den vorhergehenden Sonnen stammt.

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