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Wissenschaft

"Sojus"-Start zur ISS gescheitert

"Problem mit Triebwerk... Das war eine kurze Reise"

119 Sekunden nach dem Start schaltet sich eine "Sojus"-Trägerrakete ab, die beiden Raumfahrer an Bord müssen in Kasachstan notlanden. Was ist passiert? Und was bedeutet das für die ISS? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

DPA

Start der Raumkapsel Sojus MS-10

Freitag, 12.10.2018   11:30 Uhr

"Problem mit Triebwerk, zwei Minuten 45 Sekunden", sagt Raumfahrer Alexej Owtschinin mit ruhiger Stimme. Und dann: "Das war eine kurze Reise."

Die "kurze Reise" - damit meint Owtschinin den ersten Fehlstart einer russischen "Sojus"-Rakete seit Jahrzehnten: Am Donnerstag um 14.40 Uhr Ortszeit (10.40 Uhr MESZ) hebt eine "Sojus"-Trägerrakete vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan ab. 119 Sekunden später schaltet sie sich wegen technischer Probleme ab. Owtschinin und sein Kollege Nick Hague überlebten die Notlandung. Russland setzt die bemannte Raumfahrt nun aus, bis der Vorfall geklärt ist.

Was genau ist passiert?`

Nach vorläufigen Angaben von Experten traten schon beim Brennen der ersten Raketenstufe Probleme auf, die Nasa sprach von einer "Anomalie" an der Stufe. Deswegen zündete die zweite Stufe nicht. Wie es dazu kommen konnte, darüber lässt sich derzeit nur spekulieren. Es könnte ein falscher Befehl des Boardcomputers sein - vorstellbar ist auch ein mechanischer Defekt. Russische Ermittler kündigten eine strafrechtliche Untersuchung des gescheiterten Starts an.

Nach dem Fehler beim Abtrennen der ersten von der zweiten Raketenstufe wurde die "Sojus"-Kapsel mit den beiden Raumfahrern in 70 Kilometern Höhe abgestoßen und landete in der kasachischen Steppe. Die "Sojus" ist so ausgelegt, dass die Crew auch in problematischen Situationen nach dem Start sicher zur Erde zurückkommen kann.

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Wie geht es den beiden Raumfahrern?

Nach dem Fehlstart folgten bange Minuten bis zur Notlandung etwa 400 Kilometer vom Startpunkt entfernt. "Die Besatzung ist gelandet. Alle leben", schrieb schließlich Dmitrij Rogosin, Leiter der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos, auf Twitter. Retter bargen den russischen Kosmonauten Alexej Owtschinin und seinen US-Kollegen Nick Hague aus ihrer Kapsel, die an Fallschirmen nahe der Stadt Dscheskasgan im Zentrum Kasachstans niedergegangen war. Die beiden wurden anschließend nach Baikonur geflogen. Sie sollen bis Freitagmorgen im Krankenhaus bleiben. Für die Crew an Bord sind die körperlichen Belastungen bei solch einer Notlandung deutlich höher als bei einer normalen Rückkehr aus dem All.

Was sollten die Raumfahrer im All tun?

Owtschinin und Hague sollten zur dreiköpfigen Besatzung an Bord der ISS stoßen und ein halbes Jahr bleiben. Dort hat derzeit der deutsche Astronaut Alexander Gerst das Kommando. Zur Crew gehören auch die US-Astronautin Serena Aunón-Chancellor und der russische Kosmonaut Sergej Prokopjew. In 187 Tagen sollten sie 56 Experimente durchführen.

Erst am vergangenen Donnerstag war eine russische "Sojus"-Kapsel von der ISS zur Erde zurückgekehrt. Die Kapsel mit den drei Raumfahrern Oleg Artemjew, Drew Feustel und Ricky Arnold hatte sicher in der Steppe von Kasachstan aufgesetzt.

Was bedeutet der Fehlstart für die aktuelle ISS-Crew?

Die Europäische Raumfahrtagentur Esa bestätigte, dass der missglückte Start "Einfluss" auf die weitere Mission Gersts haben werde, der planmäßig am 13. Dezember zur Erde zurückkehren sollte. Falls er länger im All bleiben müsse, wäre dafür alles vorhanden, sagte Europas Raumfahrtchef Jan Wörner. Eine Rückkehr der jetzigen Crew zur Erde kann nicht ewig hinausgezögert werden, weil "Sojus"-Kapseln aus Sicherheitsgründen, vor allem wegen des Treibstoffs, nur rund sechs Monate an der ISS angedockt bleiben sollen.

Gerst ist seit Anfang Juni im All. Er zeigte sich erleichtert, dass der Fehlstart für die Besatzung vergleichsweise glimpflich ausging. "Schön, dass es unseren Freunden gut geht", schrieb er einige Stunden nach dem Vorfall auf Twitter. "Raumfahrt ist schwer", ergänzte er. Die Mühen seien aber wichtig für das Wohl der Menschheit.

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Sojus-Notlandung: Bange Minuten

Welche weiteren Konsequenzen gibt es?

Bemannte "Sojus"-Starts wurden ausgesetzt. "In einer solchen Situation gibt es vorerst keine weiteren Starts, bis die Ursache endgültig geklärt worden ist", sagte der für Raumfahrt zuständige Vizeregierungschef Juri Borissow. "Andererseits hat sich gezeigt, dass die Notfall- und Rettungssysteme funktionieren, und das ist sehr wichtig", sagte Borissow der Agentur Interfax zufolge.

Russische Ermittler kündigten eine strafrechtliche Untersuchung des gescheiterten Starts an. "Beamte untersuchen derzeit den Startplatz, Dokumente wurden beschlagnahmt", erklärte der russische Ermittlungsausschuss. Eine Sonderkommission sei eingerichtet worden. Die Untersuchung soll demnach klären, ob beim Bau der Rakete Sicherheitsbestimmungen missachtet wurden.

Wie mehrere russische Medien berichten, besteht nun allerdings auch die Gefahr, dass unbemannte "Sojus"-Flüge ebenfalls ausgesetzt werden könnten. Die ISS wird von Russland mit Lebensmitteln und anderem Material versorgt. Womöglich müssten die Flüge bis Ende des Jahres ausgesetzt werden.

Video: "Sojus"-Rakete muss notlanden

Foto: DPA

Wieso fliegen Amerikaner mit russischen Raketen ins All?

2011 haben die USA ihr "Space Shuttle"-Programm eingestellt. US-Astronauten können seither nur noch mit der "Sojus" zur ISS gelangen. Über das Frühjahr 2019 hinaus gibt es derzeit noch keine Verträge zwischen Roskosmos und den USA. Der neue Nasa-Chef Jim Bridenstine verfolgte den aktuellen Raketenstart von Baikonur aus und vereinbarte mit den Russen eine Fortsetzung der Zusammenarbeit.

Zwar arbeiten die Amerikaner gerade mit Hochdruck an der Zulassung privater Astronautentransporter von SpaceX und Boeing. Doch beide sind bisher noch nicht geflogen. Und bis sie mit Menschen an Bord zur Internationalen Raumstation fliegen, werden mindestens noch einige Monate vergehen. Vielleicht auch mehr.

tin/aar/AFP/dpa/Reuters

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