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Wissenschaft

Missglückter "Sojus"-Start

Die Notlandung, die Erleichterung und ein böser Verdacht

Nach der Notlandung einer "Sojus"-Rakete haben russische Behörden strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet, wie es in mehreren Berichten heißt. Im Raum steht der Verdacht, dass beim Bau Sicherheitsbestimmungen missachtet wurden.

Foto: DPA
Donnerstag, 11.10.2018   19:50 Uhr

Russische Ermittler haben übereinstimmenden Berichten zufolge angekündigt, nach dem gescheiterten Start einer "Sojus"-Rakete strafrechtlich zu ermitteln. Das meldet die Nachrichtenagentur AFP, das schreiben auch mehrere russische Medien. Sie alle beziehen sich auf eine Webseite der Ermittler, die am Abend jedoch nicht abrufbar war.

Beamte untersuchten derzeit den Startplatz, Dokumente würden beschlagnahmt, heißt es in der Meldung der Nachrichtenagentur. Eine Sonderkommission sei eingerichtet worden. Die Untersuchung soll demnach klären, ob beim Bau der Rakete Sicherheitsbestimmungen missachtet wurden.

Bemannte "Sojus"-Starts wurden nach dem Fehlschlag vorerst ausgesetzt. "In einer solchen Situation gibt es vorerst keine weiteren Starts, bis die Ursache endgültig geklärt worden ist", sagte der für Raumfahrt zuständige Vizeregierungschef Juri Borissow.

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Sojus-Notlandung: Bange Minuten

Ein Triebwerksproblem hatte die Zwei-Mann-Besatzung der Rakete 119 Sekunden nach dem Start am Donnerstagmorgen zur Notlandung gezwungen. Der US-Astronaut Nick Hague und sein russischer Kollege Alexej Owtschinin konnten unversehrt in Kasachstan landen. Sie segelten in ihrer an Fallschirmen hängenden Kapsel zurück zur Erde.

Bange Minuten

Die "Sojus"-Trägerrakete, eigentlich das bewährte Arbeitspferd der russischen Weltraumfahrt, hatte um 14.40 Uhr Ortszeit in Baikonur abgehoben. Nach vorläufigen Angaben von Experten traten schon beim Brennen der ersten Raketenstufe Probleme auf. Die Nasa sprach von einer "Anomalie" an der Stufe. Deswegen zündete die zweite Stufe nicht.

Die Kapsel "Sojus-MS10" mit Owtschinin und Hague ging in eine flachere Flugbahn über. Es folgten bange Minuten bis zur Notlandung etwa 400 Kilometer vom Startpunkt entfernt.

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"Die Besatzung ist gelandet. Alle leben", twitterte schließlich Dmitri Rogosin, Leiter der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos. Owtschinin und Hague wurden nach Baikonur geflogen. Die Suche nach den Raketenteilen dauerte am Abend noch an. Ein ähnlicher Unfall beim Start hatte sich zuletzt 1975 ereignet.

"Schön, dass es unseren Freunden gut geht"

Aber auch in den vergangenen Jahren musste die russische Raumfahrt mehrere Rückschläge verkraften. Dazu zählen der Verlust von Satelliten und 2011 der Absturz eines unbemannten Raumtransporters vom Typ Progress M-12M auf dem Weg zur ISS. Schon damals wurden weitere Starts von "Sojus"-Raketen vorübergehend ausgesetzt.

Auf der Internationalen Raumstation ISS bleiben Kommandant Alexander Gerst aus Deutschland, der Russe Sergej Prokopjew und die Amerikanerin Serena Aunon-Chancellor nun zunächst ohne neue Kollegen. Gerst zeigte sich erleichtert, dass der Fehlstart für die Besatzung vergleichsweise glimpflich ausging. "Schön, dass es unseren Freunden gut geht", schrieb er einige Stunden nach dem Vorfall auf Twitter.

Über eine mögliche Verlängerung von Gersts Aufenthalt wegen des Unfalls sei noch nicht entschieden, sagte Europas Raumfahrtchef Jan Wörner. "Dafür ist es jetzt zu früh, es hängt ganz wesentlich davon ab, wie schnell man die Ursache findet und für die Zukunft ausschließen kann."

Gersts Mission läuft bis Dezember. Falls er länger im All bleiben müsse, wäre dafür alles vorhanden, sagte Wörner, der Europas Raumfahrtbehörde Esa leitet.

Rückschlag für die russische Raumfahrt

Russische Raumfahrtexperten zeigten sich nach dem Vorfall zuversichtlich, dass der nächste Start zur ISS im Dezember stattfinden könne. Eine Rückkehr der jetzigen Crew zur Erde kann nicht ewig hinausgezögert werden, weil "Sojus"-Kapseln aus Sicherheitsgründen, vor allem wegen des Treibstoffs, nur rund sechs Monate an der ISS angedockt bleiben sollen. Gerst ist seit Anfang Juni im All.

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Der frühere Astronaut Ulrich Walter schätzt die Situation anders ein als die Experten in Russland: "Alexander Gerst wird sicherlich noch einmal drei Monate länger da oben bleiben", sagte er. Der Professor für Raumfahrttechnik rechnet damit, dass Gerst und die zwei weiteren Besatzungsmitglieder erst Anfang 2019 zurückkehren können.

Für die russische Raumfahrt ist der Unfall ein schwerer Rückschlag. Er kommt auch zu einer Zeit, in der das sonst gute Verhältnis zu den US-Kollegen angespannt ist. Der neue Nasa-Chef Jim Bridenstine verfolgte den Start von Baikonur aus und vereinbarte mit den Russen eine Fortsetzung der Zusammenarbeit.

Die USA hatten ihr Spaceshuttle-Programm im Jahr 2011 eingestellt. US-Astronauten können seither nur noch mit der Sojus zur ISS gelangen.

jme/AFP/dpa

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