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Mobilität

Abgasskandal

Audi muss erstmals auch Euro-4-Diesel zurückrufen

Neuer Ärger im Abgasskandal für Audi: Laut SPIEGEL-Informationen hat das Kraftfahrtbundesamt erstmals den Rückruf von Euro-4-Modellen angeordnet, die bislang als unverdächtig galten.

DPA

Erstmals droht einem Autohersteller ein Rückruf alter Euro-4-Diesel

Von
Freitag, 08.11.2019   11:49 Uhr

Erstmals muss Audi jetzt auch alte Euro-4-Diesel zurückrufen. Nach SPIEGEL-Informationen hat das Kraftfahrtbundesamt den Rückruf angeordnet, weil es illegale Abschalteinrichtungen in den betroffenen Modellen vermutet. Das Bundesverkehrsministerium hat den Konzern zu Anhörungen eingeladen.

Audi bestätigt den Rückruf. Beim Unternehmen heißt es: "Am 5. November hat das KBA einen Rückruf für Audi-A4- und -A6-Modelle aus den Jahren 2004 bis 2009, in denen ein V6-2.7l-TDI-Motor verbaut ist, angeordnet. Ersten Schätzungen zufolge sind in Deutschland rund 40.000 solcher Fahrzeuge zugelassen. Audi steht hinsichtlich der Abarbeitung mit dem KBA in enger Abstimmung."

Bislang waren ältere Diesel, die bis zum Jahre 2010 erstzugelassen worden sind, von Rückrufen wegen manipulierter Abgassysteme nicht betroffen. Jetzt ist das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) davon überzeugt, dass bei Modellen mit 2,7 und 3,0 Liter Hubraum sogenannte Abschalteinrichtungen verbaut sind.

Die Mutter aller Abschalteinrichtungen

Die Abschalteinrichtungen sorgen dafür, dass sich die Abgasreinigung für giftige Stickoxide zumindest teilweise abschaltet, wenn sich das Fahrzeug im realen Fahrbetrieb befindet und nicht mehr im Testlabor. Die Folge der Manipulation: Die Autos stoßen weit mehr als die bei der damals gültigen Abgasnorm Euro 4 zulässigen 250 Milligramm pro Kilometer aus.

Betroffen sind nach SPIEGEL-Informationen rund 120.000 Fahrzeuge in ganz Europa. In ihnen steckt eine sogenannte Akustikfunktion. Sie war ursprünglich für die Motorensoftware programmiert worden, um das charakteristische Nagelgeräusch von Dieselautos zu verringern. Doch nach der Jahrtausendwende fügten die Entwicklungsingenieure wohl genau in diese Funktion Befehle ein, mit denen die Abgasreinigung ausgeschaltet werden konnte.

Nicht der erste Vorfall bei Audi

In Fachkreisen gilt das manipulative Werk der Audi-Leute als Mutter aller Abschalteinrichtungen. Der Motorenfachmann Georg Wachtmeister von der TU München hält das Vorgehen des Konzerns in einem Gutachten für das KBA, über das der Bayerische Rundfunk im Oktober berichtet hat, für illegal. "Eine Anwendung von Bauteil- bzw. Motorschutz ist mit den von Audi vorgebrachten Argumenten nicht gegeben", schreibt Wachtmeister laut BR und folgert: "Damit wird in Fällen der Grenzwertüberschreitung die Akustikfunktion als unerlaubte Abschalteinrichtung eingestuft."

Für Audi ist der neuerliche Fall besonders peinlich. Bereits bei jüngeren Modellen der schadstoffärmeren Normen Euro 5 und Euro 6 waren die Kontrolleure fündig geworden. Die Entwickler des Konzerns in Neckarsulm haben ganz offensichtlich für den Gesamtkonzern Volkswagen, darunter auch die Premiummarke Porsche, die manipulierten Motoren konzipiert. Ex-Audi-Chef Rupert Stadler saß auf Anordnung der Staatsanwaltschaft München wegen mutmaßlichen Betrugs mehrere Monate in Untersuchungshaft. Ihn erwartet nun der Prozess. Der Audi-Konzern, der unlängst schwache Bilanzzahlen und ein Sparprogramm angekündigt hat, kann wegen der ins Haus stehenden Rückrufe die Dieselaffäre nicht zu den Akten legen.

Die Ingenieure müssen die Abgasanlage nun so umbauen, dass die Manipulationen deaktiviert sind. Der Aufwand, in diesem Fall die vorgeschriebenen Grenzwerte einzuhalten, könnte hoch sein. Falls es ihnen nicht gelänge, könnten die Fahrzeuge zum damaligen Neupreis von den Kunden zurückgekauft werden müssen. Das wäre für Audi ein äußerst kostspieliges Unterfangen.

insgesamt 52 Beiträge
exilator_ 08.11.2019
1.
Es ist jämmerlich wie sich die Behörden und die Autoindustrie verhalten. Man könnte bestimmen, ab welchem Baujahr Abschaltvorrichtungen benutzt wurden, und ab diesem Baujahr müssen alle Diesel zur Nachrüstung. A propos [...]
Es ist jämmerlich wie sich die Behörden und die Autoindustrie verhalten. Man könnte bestimmen, ab welchem Baujahr Abschaltvorrichtungen benutzt wurden, und ab diesem Baujahr müssen alle Diesel zur Nachrüstung. A propos Nachrüstung. Also die Abschaltsoftware wurde ja zur Abgasminderung eingesetzt. Wie dann eine Behörde oder die Regierung darauf kommt, dass wenn diese Abgasschaltung weg ist, die Autos weniger CO2 ausstossen ist mir rätselhaft. Das einzige was passieren kann ist, dass die Abgaswerte der Realität entsprechen. exilator
kenterziege 08.11.2019
2. Ich habe 2008 einen Dienstwagen mit diesem Diesel gehabt....
...Das war ein gutes Fahrzeug (A4) mit hervorragenden Fahrleistungen bei geringem Verbrauch. Nach 90.000 km wurde der Anfang 2011 zurückgegeben. Der wird jetzt so 150.000 bis 200.000 drauf haben. Wenn Audi den zurücknehmen muss- [...]
...Das war ein gutes Fahrzeug (A4) mit hervorragenden Fahrleistungen bei geringem Verbrauch. Nach 90.000 km wurde der Anfang 2011 zurückgegeben. Der wird jetzt so 150.000 bis 200.000 drauf haben. Wenn Audi den zurücknehmen muss- na dann!
oldman2016 08.11.2019
3. Vorsprung durch (Schummel-)Technik
Warum entzieht das Kraftfahrtbundesamt Fahrzeugen mit illegaler Abschalteinrichtung nicht einfach die Betriebserlaubnis? In diesen Fällen wird kein Richter der Welt behaupten können, der Kunde habe dadurch, dass er das Fahrzeug [...]
Warum entzieht das Kraftfahrtbundesamt Fahrzeugen mit illegaler Abschalteinrichtung nicht einfach die Betriebserlaubnis? In diesen Fällen wird kein Richter der Welt behaupten können, der Kunde habe dadurch, dass er das Fahrzeug nicht mehr fahren dürfe, keinen wirtschaftlichen Schaden erlitten. Audi müsste dann die Fahrzeuge zurücknehmen und kann sie auf der anderen Seite doch in Russland oder Staaten ohne EU-Grenzwerte für NOX verkaufen.
Patenting 08.11.2019
4. Behördenversagen !
Die Anordnung eines Rückrufs von Autos, die seit ca. 15 Jahren herumfahren (oder mal herumgefahren sind), ist einfach nur lächerlich. Hätte das KBA mal früher genauer angeschaut, was es zugelassen hat ....
Die Anordnung eines Rückrufs von Autos, die seit ca. 15 Jahren herumfahren (oder mal herumgefahren sind), ist einfach nur lächerlich. Hätte das KBA mal früher genauer angeschaut, was es zugelassen hat ....
ForumBesucher 08.11.2019
5.
Das ist wirklich systematischer Betrug, der nicht hart genug geahndet werden kann. Das Ganze zeigt, dass über alle Wirtschaftsbereiche hinweg (aktuell wieder Fleischindustrie) massive Kontrollen notwendig sind. Die Politik darf [...]
Das ist wirklich systematischer Betrug, der nicht hart genug geahndet werden kann. Das Ganze zeigt, dass über alle Wirtschaftsbereiche hinweg (aktuell wieder Fleischindustrie) massive Kontrollen notwendig sind. Die Politik darf sich von deren Lobbyisten nicht einreden lassen, dass darunter Innovation und Leistungsfähigkeit der Unternehmen leiden würden. Das ist Schmarn. Geld für qualifizierte Kontrolleure, dazu die geeigneten Verfahren (Mehr-Augen-Prinzip), das ist mehr als notwendig. Aber das ist politisch nicht gewollt, stattdessen müssen Bürger das konsumieren, was ihnen aufgetischt wird. Es scheint, die demokratischen Gesellschaften dienen doch eher denen, die Macht und Geld haben. Wahlen dienen einzig dazu, den Menschen (scheinbare) Teilnahme an der politischen und gesellschaftlichen Gestaltung vorzuspiegeln. Klartext: das gehören etliche in den Knast, lange, verbunden mit hohen Strafzahlungen, die ihren (ergaunerten) Einkommen angepasst sind. Ja, es würde wieder heißen, dass Deutschland überspitzen würde. Ist das aber so? Angesicht der sich immer mehr anhäufigen Wirtschaftsskandale? Da agieren einige unter frecher Umgehung existierender Vorschriften und Gesetze, da ist doch keine Frage. Dagegen muss was getan werden.

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