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Mobilität

Autogramm Audi E-tron F05

Wie der Blitz

In wenigen Wochen startet die Elektroauto-Rennserie Formel E. Unser Autor Tom Grünweg ist den originalen E-tron F05 gefahren, mit dem Audi den Weltmeistertitel verteidigen will. Eine extreme Erfahrung.

Audi
Von
Dienstag, 13.11.2018   05:29 Uhr

Der erste Eindruck: Batmans Spielmobil. Weil den neuen Formel-E-Autos die großen Spoiler aus der Formel 1 fehlen, sieht der Wagen noch schnittiger, schneller, fieser aus. Wie ein interstellarer Kampfjet auf Rädern.

Das sagt der Hersteller: Für den scheidenden Audi-Technikvorstand Peter Mertens ist der Formel-E-Rennwagen der Vorreiter einer elektrischen Offensive. Schließlich war er der Wegbereiter für den SUV E-tron, mit dem Audi jetzt auch auf der Straße in die Elektromobilität einsteigt. Während das Unternehmen mit dem Serienmodell ein bisschen spät dran ist, war es mit dem erstmals in der Vorsaison 2017/2018 eingesetzten Rennwagen ausgesprochen flott. Und holte gleich im Debütjahr den Weltmeister-Titel.

Das ist uns aufgefallen: Einatmen, Bauch einziehen und bloß nicht wehleidig sein. Schon das Einsteigen ist beim E-tron eine Tortur. Während man konventionelle Sportwagen bisweilen mit einem Maßhandschuh vergleicht, weil sie so gut "passen", fühlt sich der Formel-E-Rennwagen eher an wie ein Thrombose-Strumpf, so eng geht es in der Röhre aus Karbon zu. Und da hat mir noch niemand den Helm mitsamt dem Genickschutz übergestülpt oder die Hosenträgergurte festgezurrt.

Fotostrecke

Autogramm Audi E-tron F05: E wie extrem

So liege ich eine Handbreit über dem Asphalt einer Rennstrecke auf Mallorca, und kann kaum mehr als meine Füße bewegen, die auf Gas und Bremse ruhen. Die Ellenbogen haben gerade so viel Spiel, dass sich die eckigen, mit Knöpfen übersäten Lenkgriffe bewegen lassen. Und nur mit größter Anstrengung bekomme ich das Kinn so weit gesenkt, dass ich auf den Monitor und seine verwirrenden Anzeigen blicken kann.

Ehe ich ins Grübeln über das Warum und Wozu komme, zieht ein Mechaniker das Ladekabel ab. Ich fühle mich plötzlich sehr allein und unerfahren.

Zwar gab es vor dem Start einen Vortrag über all die Bedienknöpfe, und eine Sicherheitseinweisung für den Elektroantrieb. Schließlich liegt in den Kabeln um mich herum eine Spannung von 700 Volt an. Aus den Ohrstöpseln krächzt zudem der Boxenfunk. Doch fast alles, was ich mir zunächst merkte, spült jetzt eine Welle von Adrenalin wieder aus dem Gedächtnis. So aufgeregt und so nervös habe ich noch in keinem Auto gesessen.

Dabei soll sich der Formel-E-Renner im Grunde simpel fahren. Gas geben, bremsen, lenken - mehr muss man nicht tun. Fast wie auf der Carrera-Bahn, nur eben in einem echten Formel-E-Auto und nicht neben der Bahn mit einem Steuergerät in der Hand.

Dann geht es los. Eine Fußbewegung, schon schießt der E-tron mit irrwitzigen Tempo auf die Piste, die Tribüne am Fahrbahnrand verwischt zu Schlieren und es drückt mich so tief in den Sitz, dass der eben noch stramme Gurt plötzlich luftig sitzt. Dass dieser scheinbare Raketenstart in absoluter Ruhe erfolgt, mag für Zuschauer befremdlich sein, das Gefühl im Auto ist dadurch umso faszinierender. In normalen Elektroautos mangelt es mir ja an Geräusch, Geruch, Vibration, kurz an Empfindungen, die für mich den Fahrspaß erst ausmachen. Aber hier haben die Sinne so viel zu tun, dass ich auf derartiges Beiwerk gut verzichten kann.

Erst recht jetzt, da die erste Kurve heranzoomt. Auf der Geraden sind alle starken Autos schnell, aber was der E-tron in der Kurve macht, das grenzt an Zauberei. Die Lenkung ist direkter als alles, was ich bisher erlebt habe - die Linie enger, der Grip der warm gefahrenen Profilreifen stärker. So jagt der E-tron unfassbar schnell ums Eck. Dazu die ultimative Kraft der Bremsen - während man in einem normalen Sportwagen noch bremst und einlenkt, hat man hier schon den Scheitelpunkt passiert und steht wieder auf dem Fahrpedal, bis nach ein paar Sekunden die nächste Kurve folgt. Denn genau wie die Stadtkurse, auf denen die Formel E unterwegs ist, ist auch diese Rennstrecke verwinkelt, und keine Gerade ist länger als 100 oder 150 Meter.

Macht nichts. Denn das reicht, um in weniger als drei Sekunden auf Tempo 150 oder 180 zu beschleunigen. Es ist ohnehin nicht die Endgeschwindigkeit, die einen beeindruckt. Die 240 km/h, die Audi als Spitze angibt, schafft man auch mit einem TT. Hier dagegen rast der Puls mit dem Auto um die Wette - und gewinnt in jeder Kurve. Jedes Mal, wenn ich das Pedal trete, bekommt nicht nur der Motor, sondern auch mein Herz einen Stromstoß. Gut, dass mir der Rennleiter nur sechs Runden gönnt. Mehr würde mein Kreislauf nicht mitmachen.

Das muss man wissen: Der E-tron F05 basiert auf der zweiten Generation des Einheitsrennwagens, mit dem der Rennsportverband FIA die Formel E bestreitet. Er wird zum ersten Mal eingesetzt, wenn die fünfte Saison am 15. Dezember in Riad startet. Neu ist im Vergleich zum ersten Modell das Design mit dem markanten Sicherheitsbügel aus Karbon über dem Cockpit - und vor allem der Akku, den McLaren entwickelt hat. Der hat jetzt eine Kapazität von 52 kWh. Das reicht mit etwas Geschick und Weitsicht für eine volle Renndistanz von 45 Minuten plus einer Runde. Der bisher nötige Fahrzeugwechsel zur Hälfte des Rennens entfällt damit. Weil so aber auch ein spannendes Taktikelement wegfällt, haben sich die Organisatoren ein paar neue Regeln ausgedacht, um für Nervenkitzel zu sorgen. So gibt es für jeden Piloten einmal pro Rennen ein kleines Leistungsplus, mit dem er drei bis vier Runden lang attackieren kann. Schon länger ein Markenzeichen der Formel E ist der Fan-Boost, bei dem die drei beliebtesten Fahrer Extra-Leistung bekommen.

Während Chassis und Akkupaket für alle gleich sind, kann jeder Hersteller den E-Motor und die Leistungselektronik selbst entwickeln. Die Leistung wiederum ist reglementiert. Im Training und im Fan-Boost leistet die bei Audi gemeinsam mit Schaeffler entwickelte Motor-Generator-Einheit an der Hinterachse 250 kW, im Rennen sind es normalerweise 200 und im Attack-Mode für die Bonus-Runde 225 kW. Verglichen mit den 300 kW des Serien-E-tron ist das wenig spektakulär. Doch während das SUV gut zwei Tonnen auf die Waage bringt, darf der Formel-E-Rennwagen inklusive Fahrer maximal 900 Kilo wiegen. Das macht ihn ungleich schneller und agiler.

Das werde ich nicht vergessen: Die Erleichterung, mit der ich den Wagen nach sechs Runden heil an der Box abgestellt habe. Schließlich ist der E-tron F05 nicht wie sonst bei solchen Track-Tests ein ausrangierter Renner aus der vergangenen Saison, sondern exakt jenes Auto, mit dem Daniel Abt und Lucas di Grassi ihren Titel als Team-Weltmeister verteidigen wollen. Das hat den Druck und den Nervenkitzel noch einmal erhöht. Trotzdem hätte ich immer weiterfahren können.

Hersteller: Audi
Typ: E-Tron F05
Karosserie: Formel-E-Rennwagen
Motor: Elektromotor
Getriebe: Eingang-Automatik
Antrieb: Heck
Leistung (E-Motor): 338 PS (250 kW)
Von 0 auf 100: 2,9 s
Höchstgeschw.: 240 km/h
Preis: 1.000.000 EUR
insgesamt 31 Beiträge
super-m 13.11.2018
1.
Bei dem Lesen der neuen Regeln musste ich Schmunzeln. "Fan-Boost"... Ist das Satire? Geht es hier noch um Motorsport oder sollte man vielleicht gleich den populärsten Fahrer mit den meisten Instagram Followern zum [...]
Bei dem Lesen der neuen Regeln musste ich Schmunzeln. "Fan-Boost"... Ist das Satire? Geht es hier noch um Motorsport oder sollte man vielleicht gleich den populärsten Fahrer mit den meisten Instagram Followern zum Weltmeister küren? Da wird ein Quark fabriziert, ohne Worte. Hoffentlich stirbt diese Rennserie schnell wieder aus. Die Popularität spricht ja sowieso für sich.
rgw_ch 13.11.2018
2. Einheits-Rennwagen
Wieso hat man sich eigentlich für einen Einheitsrennwagen entschieden? Wäre es der Innovation nicht förderlicher und auch spannender gewesen, man hätte nur ein paar Eckpunkte wie Antriebsart, Sicherheitsausstattung, Grösse [...]
Wieso hat man sich eigentlich für einen Einheitsrennwagen entschieden? Wäre es der Innovation nicht förderlicher und auch spannender gewesen, man hätte nur ein paar Eckpunkte wie Antriebsart, Sicherheitsausstattung, Grösse und Gewicht vorgeschrieben und die Hersteller ansonsten machen lassen?
thomas.wenzel 13.11.2018
3. Audi war wie so oft zu spät und schmückt sich jetzt mit dem Abt-Team
Die kleine Privatfirma aus dem Allgäu hat mit den Rennen in der Formel E begonnen Audi traute sich nicht und hat das jetzt mit Geld zugedeckt und das Team gekauft.
Die kleine Privatfirma aus dem Allgäu hat mit den Rennen in der Formel E begonnen Audi traute sich nicht und hat das jetzt mit Geld zugedeckt und das Team gekauft.
ExigeCup260 13.11.2018
4. Spann(ung)ende Zeiten
Interessant wird es, wenn die Akkus nicht mehr standardisiert sein werden und sich die Hersteller unter extremen Wettbewerbsbedingungen massiv mit der Entwicklung der Akkus beschätigen werden. Dann werden die FormelE-Renner [...]
Interessant wird es, wenn die Akkus nicht mehr standardisiert sein werden und sich die Hersteller unter extremen Wettbewerbsbedingungen massiv mit der Entwicklung der Akkus beschätigen werden. Dann werden die FormelE-Renner über kurz oder lang auch auf richtige Rennstrecken kommen und perspektivisch werden Formel1 und FormelE fusionieren.
BeatDaddy 13.11.2018
5. Solange in
der Formel E nur abgehalfterte, Formel-1 Loser-Fahrer ins Lenkrad greifen, ist diese Serie vollkommen uninteressant. Auch der Sound ist mehr als bescheiden, ich schlafe lange vor dem ersten Autowechsel ein...muss wohl am Geräusch [...]
der Formel E nur abgehalfterte, Formel-1 Loser-Fahrer ins Lenkrad greifen, ist diese Serie vollkommen uninteressant. Auch der Sound ist mehr als bescheiden, ich schlafe lange vor dem ersten Autowechsel ein...muss wohl am Geräusch und der fehlenden Spannung liegen!

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Team Fahrer 1 Fahrer 2
Amlin Aguri Katherine Legge Takuma Sato
Andretti Formula E Franck Montagny noch offen
Audi Sport Abt Lucas di Grassi Daniel Abt
China Racing Nelson Piquet jr. Ho-Pin Tung
Dragon Racing Jerome d'Ambrosio Oriol Servià
E.Dams-Renault Nicolas Prost Sébastian Buemi
Mahindra Racing Karun Chandhok Bruno Senna
Trulli Jarno Trulli Michela Cerruti
Venturi Nick Heidfeld Stéphane Sarrazin
Virgin Racing Jaime Alguersuari Sam Bird

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Rennkalender Formel E

Rennen Datum Ort (Land)
1 13. September 2014 Peking (China)
2 22. November 2014 Putrajaya (Malaysia)
3 13. Dezember 2014 Punta del Este (Uruguay)
4 10. Januar 2015 Buenos Aires (Argentinien)
5 14. Februar 2015 noch offen
6 14. März 2015 Miami (USA)
7 4. April 2015 Long Beach (USA)
8 9. Mai 2015 Monte Carlo (Monaco)
9 30. Mai 2015 Berlin (Deutschland)
10 27. Juni 2015 London (Großbritannien)

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