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Mobilität

Tuning auf bis zu 75 km/h

Frisierte E-Bikes alarmieren Fahrradbranche

Elektrofahrräder boomen, doch vielen Fahrern sind sie zu langsam. Deshalb tunen sie ihre E-Bikes mit simplem Zubehör aus dem Internet. Das ist illegal - Hersteller fürchten Sanktionen, die alle Pedelec-Fahrer treffen.

Getty Images/iStockphoto

Fahrradkurier auf Elektrofahrrad (Symbolbild): Tuning ist das große Ding

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Donnerstag, 04.04.2019   04:12 Uhr

E-Bike-Tuning ist bei Bosch ein delikates Thema. Von "Dringlichkeit" redet eine Unternehmenssprecherin.

Im Stuttgarter Konzern fürchten viele, dass frisierte Elektroräder das Image der Gefährte verschlechtern. "Wir wollen vermeiden, dass wegen einiger schwarzer Schafe womöglich jeder Pedelec-Fahrer mit Sanktionen belegt wird", sagt der Leiter von Boschs Elektroradsparte E-Bike-Systems, Claus Fleischer.

Elektroräder zu manipulieren ist ziemlich einfach. Diesen Eindruck gewinnt, wer ein bisschen im Internet sucht. Dort geben sich Fahrer Tipps und tauschen sich in Foren über Gefahren aus. Eine ganze Reihe an Shops bieten technische Lösungen an, die E-Räder flotter machen. Diese kleinen elektronischen Bauteile zum Anstecken ("Dongels" oder "Clips") sind für 70 bis 180 Euro zu haben.

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Ausstattung: Diese Autotechnik gibt es für Fahrräder

Pedelecs, meist einfach E-Bikes genannt, unterstützen den Fahrer normalerweise bis zu einer Geschwindigkeit von rund 25 km/h. Doch manchen Radlern genügt das nicht: Statt sich ein teureres, aber versicherungs- wie fahrerlaubnispflichtiges S-Pedelec mit Tretunterstützung bis 45 km/h zu kaufen, gehen sie einen einfacheren Weg.

"Es ist total simpel", sagt Martin Doppelbauer, E-Bike-Experte und Professor für Hybridelektrische Fahrzeuge am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), über die Manipulation mittels spezieller Tuning-Kits. "Das sind meist kleine Kästchen mit einer einfachen elektrischen Schaltung, die man zwischen Motor und Magnet einbaut. Dabei wird jeder zweite Impuls unterdrückt, die Motorsteuerung denkt, das Rad fährt 25, dabei sind es 50 km/h." Auch eine Verdreifachung des Tempos auf 75 km/h sei möglich.

Die dafür nötigen Reserven haben E-Bike-Motoren. Ihre Nenndauerleistung ist zwar auf durchschnittliche 250 Watt begrenzt, sie dürfen aber kurzzeitig mehr auf die Welle bringen.

Kontrollen sind weitgehend zwecklos

Niemand hat gezählt, wie viele der laut Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) rund 4,2 Millionen E-Bikes in Deutschland mit frisiertem Gerät unterwegs sind. Laut der Berliner Polizei ist es schwierig, äußerlich unsichtbare Softwaremanipulationen zu erkennen. Und wer identifiziert schon Tuner inmitten all der Radler in Innenstädten? So erwischte die Polizei Berlin 2017 nur drei Radler mit manipuliertem E-Rad, 2018 waren es bis zum Herbst fünf. Sprecher Carsten Müller geht aber von einer hohen Dunkelziffer aus. In Medienberichten ist mitunter davon die Rede, dass jedes dritte E-Bike manipuliert sei.

"Strafrechtlich verfolgt wird nur der Anwender"

Wer tretunterstützt mit mehr als 25 km/h unterwegs ist, begeht unter Umständen mehrere Verstöße, nämlich:

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Die Anbieter von Tuning-Kits sind sich der Rechtslage bewusst. Sie sichern sich auf ihren Webseiten ab, wo Sätze zu lesen sind wie: "Die Tuning-Box darf nicht im Straßenverkehr oder im Wirkungsbereich der StVO betrieben werden" oder: "Die Verwendung ist nur auf Privatgelände zulässig."

Bosch-Mann Fleischer sind diese "kleinen, technisch begabten Bastelfirmen" ein Dorn im Auge: "Es ist überraschend, wie viele Anbieter es gibt, es schreitet aber keine Behörde ein, obwohl sie Produkte in den Markt bringen, die die Produktsicherheit gefährden." Dank dem Hinweis auf die Straßenverkehrsordnung seien die Firmen kaum zu belangen. "Strafrechtlich verfolgt wird nur der Anwender", kritisiert Fleischer.

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E-Bike Neuheiten: Die Massenmotorisierung

Von einem "gravierenden Problem" geht auch Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der deutschen Versicherungswirtschaft (UDV), angesichts der Gefahren aus. Er wisse von vielen Händlern, die ihren Kunden beim Tunen sogar helfen. Dass Radfahrer dadurch jeden Anspruch auf Gewährleistung und Garantie verlieren, ist ihnen womöglich nicht bewusst - genauso wenig, dass Komponenten, Motor und Akku bei dauerhaft schneller Fahrweise einer Belastung ausgesetzt sind, für die sie nicht konstruiert sind und dass der Akku an Reichweite und Lebensdauer verliert.

Die Branche selbst fürchtet einen Imageverlust für E-Bikes durch Raser. "Wir sehen das Tuning mit Sorge", sagt ZIV-Geschäftsführer Neuberger. Steigen die Unfallzahlen mit E-Bikes weiter an, droht Fachleuten zufolge eine Betriebserlaubnispflicht für 25km/h schnelle Räder - vergleichbar der Typgenehmigung bei Pkw. Derzeit sind diese Räder in Deutschland und anderen EU-Ländern von der Kfz-Haftpflichtversicherungs-Verordnung ausgenommen und haben den rechtlichen Status eines Fahrrads.

Ratgeber Rad

Wenn Pedelecs versicherungspflichtig würden, unterlägen sie den gleichen Auflagen, die den schnelleren S-Pedelecs schon heute ein Nischendasein mit verschwindend niedrigen Verkaufszahlen bescheren. Diese dürfen zum Beispiel nicht auf Fahrradwegen fahren, auch viele Feld-, Wald- und Wirtschaftswege sind tabu. "Es wäre ein großer Schaden, wenn dem E-Bike der Status Fahrrad genommen wird", sagt Fleischer. Und Professor Doppelbauer meint: "Dann ist die Kategorie tot, es wäre der beste Weg, die E-Bike-Geschichte zu begraben."

Damit es so weit nicht kommt, prüfen Händler schon jetzt mit Diagnosegeräten, ob und wie oft etwa ein E-Bike mit Bosch-Antrieb getunt wurde. Ab Mai gebietet eine technische Norm, dass E-Bike-Hersteller eine Tuningerkennung in ihre neuen Räder einbauen. Sie schützt die Software vor unbefugtem Zugriff und verplombt relevante Bauteile. So sollen sich die Räder nicht mehr manipulieren lassen - zumindest nicht mit den derzeit verfügbaren technischen Mitteln.

Im Video: E-Bikes auf der Überholspur

Foto: SPIEGEL TV
insgesamt 274 Beiträge
radnomade 04.04.2019
1. Eigentlich ein alter Hut
Schon weit vor den Internet- und Elektrofrisierenzeitalter gab's das Gleiche schon einmal bereits. Vor rund 40 Jahren wurden die Mofas auch reihenweise 'frisiert'. Geschwindigkeiten, die da einige erzielt haben, lassen die 50 oder [...]
Schon weit vor den Internet- und Elektrofrisierenzeitalter gab's das Gleiche schon einmal bereits. Vor rund 40 Jahren wurden die Mofas auch reihenweise 'frisiert'. Geschwindigkeiten, die da einige erzielt haben, lassen die 50 oder 75 km/h bei den Pedelecs ziemlich lahm aussehen. Obwohl selbst nicht ganz unschuldig soll das nicht heissen, dass das was bei den Pedelecs gemacht wird, für gut gehalten wird. Es gab damals und so gib es diese natürlich heute auch, bereits Gesetze, die ein solches ungesetzliches Verhalten einschränken und richten. Die Polizei kann heute, genauso gut wie damals, ziemlich leicht feststellen, ob das entsprechende Fahrzeug die gesetzlich vorgeschrieben Höchstgeschwindigkeit überschreiten kann oder nicht. Weitere Regelungen bzw. neue Gesetze sind dafür nicht notwendig. Der einzige Unterschied liegt in der Versicherungspflicht und dem daraus folgernden Verlust des Versicherungsschutzes bei unerlaubten Fahrzeugmanipulationen. Und wenn eine Versicherungspflicht wohl auch bei Pedelecs zu begrüssen wäre, an der gesetzlichen Haftbarkeit der Manipulateure ändert sich daran jedoch nichts.
*Querdenker* 04.04.2019
2. Tuning ist Humbug
Ich bin im Besitz eines Tuning-Satzes und habe diesen ausprobiert. Natürlich kann man damit 50 km/h fahren, wenn man die entsprechende Kondition hat, sprich, die entsprechende Trittfrequenz erbringen kann. Ich kann das nicht [...]
Ich bin im Besitz eines Tuning-Satzes und habe diesen ausprobiert. Natürlich kann man damit 50 km/h fahren, wenn man die entsprechende Kondition hat, sprich, die entsprechende Trittfrequenz erbringen kann. Ich kann das nicht mehr. Die Unterstützung endet rechnerisch theoretisch bei 50 km/h und praktisch bei der Fitness des Fahrers.
dimaco 04.04.2019
3.
Ich finde es richtig, wenn dort mal mehr kontrolliert wird. Es macht auch keinen Sinn ein Pedelec zu tunen, bergauf hat man genügend Unterstützung und in der Ebene reichen die 25km/h. Wer mehr will, soll treten oder ein [...]
Ich finde es richtig, wenn dort mal mehr kontrolliert wird. Es macht auch keinen Sinn ein Pedelec zu tunen, bergauf hat man genügend Unterstützung und in der Ebene reichen die 25km/h. Wer mehr will, soll treten oder ein Kennzeichen ranschrauben. Wenn ich mit dem Rennrad fahre auf gut ausgebauten Radtrassen(ehemalige Bahntrassen), dann kommen an mir öfters getunte Pedelec vorbei geflogen.
mazzmazz 04.04.2019
4. Affentheater
"75 Km/h sind möglich". Mit 0,3 PS. Natürlich... Genau wie früher bei den Mofas wird hier viel zu viel Gewese um ein eigentliches Nicht-Thema gemacht. Jedes Qualitätsfahrrad der letzten 30 Jahre kann bedenkenlos mit [...]
"75 Km/h sind möglich". Mit 0,3 PS. Natürlich... Genau wie früher bei den Mofas wird hier viel zu viel Gewese um ein eigentliches Nicht-Thema gemacht. Jedes Qualitätsfahrrad der letzten 30 Jahre kann bedenkenlos mit 50 Km/h einen Berg hinab gefahren werden. Sofern der Fahrer das beherrscht. Ein Tuning auf mehr als S-Pedelec Niveau (45 Km/h) dürfte so gut wie nie stattfinden. Somit ist die ganze Story eher als eine Verkaufsunterstützung für die überteuerten S-Pedelecs zu sehen. Diese haben neben dem Preis den weiteren großen Nachteil, ein Kennzeichen besitzen zu müssen. Das kommt dem urbanen Kampfradler natürlich nicht zu Pass. Dass das Tuning illegal ist, ist somit ein Problem des Gesetzgebers. Ich denke, für S-Pedelecs und 50cc Roller sollte die Vmax von 45 auf 60 Km/h angehoben werden, so dass sie kein Hindernis mehr im Stadtverkehr sind. Pedelecs und Mofas sollten 35 Km/h fahren dürfen. Dies dann auch gerne verplombt, wobei das nicht gegen Tuning helfen wird. Auch die Autohersteller konnten das bislang nicht verhindern und deren Programmierer dürften noch mehr Erfahrung mit der Manipulation von Steuergeräten haben. Fahrräder, Pedelecs und S-Pedelecs sollten allesamt Versicherungskennzeichen wie Mofas / 50er führen müssen. Dies löst dann auch ein Stück weit das Problem mit rücksichtslosen Fahrradfahrern in den Innenstädten. Gerne auch ein personenbezogenes Wechselkennzeichen für Leute mit mehreren Fahrrädern.
fredderfarmer 04.04.2019
5. Zu langsam
25 kmh sind nun mal zu langsam. Jedenfalls auf dem Land. Bei erreichen der Höchstgeschwindigkeit hat man das Gefühl gegen eine Wand zu fahren. Da bin ich mit meinem normalen Fahrrad schneller unterwegs.
25 kmh sind nun mal zu langsam. Jedenfalls auf dem Land. Bei erreichen der Höchstgeschwindigkeit hat man das Gefühl gegen eine Wand zu fahren. Da bin ich mit meinem normalen Fahrrad schneller unterwegs.

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