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Mobilität

Zwischenbilanz zu E-Scootern

Wie sich Elektrostehroller auf Verkehr und Umwelt auswirken

Lösen die E-Scooter das Verkehrsproblem? Sind sie umweltfreundlich? Und wie lang hält ein E-Roller überhaupt? Was sich zwei Monate nach der Zulassung in Deutschland sagen lässt.

DPA

Ob die E-Scooter bei der Verkehrswende helfen ist noch fraglich

Samstag, 10.08.2019   14:28 Uhr

Seit Juni sind Elektroscooter in Deutschland zugelassen. Die in zahlreichen Städten zum Verleih angebotenen E-Scooter haben bereits viele Diskussionen ausgelöst: Manche erhoffen sich davon einen Beitrag zur Verkehrswende und nutzen den Roller für den letzten Kilometer, andere ärgern sich über rücksichtslose Fahrer oder achtlos auf dem Gehweg abgestellte Geräte.

Bislang ist umstritten, ob die E-Scooter tatsächlich bei der Verkehrswende helfen und Autofahrer dazu bewegen können, aufs Auto zu verzichten. Die Umweltfreundlichkeit der Scooter ist hinsichtlich Produktion und Lebensdauer ebenso fraglich, wie die Arbeitsbedingungen derjenigen, die die Roller abends zum Aufladen einsammeln. Ein Überblick über die wichtigsten Punkte:

CO2-Verbrauch: Legt man den deutschen Strommix zugrunde, würden bei einer 100-Kilometer-Strecke auf einem E-Stehroller etwa 0,5 Kilogramm des Treibhausgases CO2 ausgestoßen, sagt Alexander Jung vom Thinktank Agora Verkehrswende. Ein neuer benzinbetriebener Kleinwagen produziere auf der gleichen Strecke gut 11 Kilogramm.

Video: E-Stehroller in Hamburg - umweltfreundlich, aber nicht emissionsfrei

Foto: Markus Scholz/DPA

Akkus: Derzeitige Akku-Modelle könnten bei täglichem Laden knapp drei Jahre durchhalten, schätzt Jung. Rechne man die Produktionsschritte für den Akku zusammen, falle so viel CO2 an wie für eine 250-Kilometer-Fahrt mit einem VW Golf oder für eine Bahnfahrt von Berlin nach Köln bei durchschnittlicher Auslastung, sagt er. Allerdings ist in dieser Rechnung nicht die CO2-Belastung der Pkw einberechnet, die bedeutend höher liegt als die des Scooters.

Laut Umweltbundesamt enthalten die Akkus der Roller eine fluorhaltige, giftige Flüssigkeit, die leicht entzündlich sei. Bekommt die Batterie etwa einen Riss, könne der Akku in Brand geraten. Zudem werden für die Akkus unter anderem Lithium und seltene Erden verwendet. Der Lithium-Abbau ist für die Umwelt bedenklich und die Arbeitsbedingungen dort oft prekär.

Die gesamte Lebensdauer ihrer Roller schätzen die Betreiber derzeit auf über ein Jahr, wie Sprecher von Voi, Tier und Lime mitteilen. Inoffiziellen Studien zufolge liegen die Werte sogar deutlich darunter. Hier schwankt die Lebensdauer eines E-Stehrollers zwischen ein bis drei Monaten.

Verkehrswende: Noch gibt es nur wenige Daten zum Einfluss des E-Stehroller-Verleihs auf den Autoverkehr in deutschen Städten. Laut einer Studie des Beratungsunternehmens Civity werden die Roller bislang vor allem am Wochenende und abends genutzt, was gegen den Einsatz für den Arbeitsweg spricht. Die Funktion als Autoersatz scheint daher zumindest fraglich.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch Tilman Bracher vom Deutschen Institut für Urbanistik: "E-Stehroller werden besonders im Freizeitverkehr und von Touristen benutzt", sagt der Mobilitätsforscher. Die Roller könnten den Autoverkehr in der Stadt nicht reduzieren: "Da hat sich der Verkehrsminister einen Bären aufbinden lassen." Besonders Außenbezirke von Städten ließen sich nicht wirtschaftlich abdecken.

Das Umweltbundesamt verweist auf eine Umfrage unter 4000 Verleihnutzern in Paris. Demnach wäre fast die Hälfte der Befragten ohne Roller zu Fuß gegangen. Knapp 30 Prozent hätten den öffentlichen Nahverkehr genutzt oder das Fahrrad genommen. Nur acht Prozent der Befragten ersetzten demnach mit dem geliehenen E-Scooter eine Auto- oder Taxifahrt.

Dem halten die Anbieter eigene Befragungen entgegen: Voi teilt mit, in Deutschland, Österreich und der Schweiz hätten sich Autofahrten auf Strecken von 2 bis 5 Kilometern um 40 Prozent reduziert. Das habe eine Befragung von 1400 Nutzern in den drei Ländern ergeben. Ob die Umfrage repräsentativ ist, ist unklar.

Der Agora-Experte Jung hingegen glaubt, E-Stehroller hätten durchaus das Potenzial, ein kleiner Baustein für einen umweltfreundlicheren Stadtverkehr zu werden. Sie allein würden die Verkehrswende aber nicht schaffen. Nötig seien grundlegende Veränderungen wie der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs.

Instandhaltung: Um die Akkus aufzuladen, müssen die Roller zu Ladestationen gebracht werden. Für diesen Transport fielen unnötige CO2-Emissionen an, sagt Jung. Eine Sprecherin des Anbieters Voi sagt, das Unternehmen wolle künftig auf austauschbare Batterien und E-Lastenräder für den Transport setzen und die mehrere Tausend Roller starke Flotte nach und nach erneuern. Dafür sollten Komponenten der alten Geräte möglichst wiederverwendet werden.

Agora-Experte Jung sagt, Wechselbatterien lösten das Problem der vielen Fahrten zur Instandhaltung nicht. Denn auch um die Roller dorthin zu bringen, wo sie gebraucht würden, müssten die Geräte nach wie vor mit größeren Fahrzeugen transportiert werden.

Arbeitsbedingungen: Juicer, Unicorns, Hunter, Ranger - so nennen die E-Scooter-Verleiher diejenigen, die die Scooter zum Aufladen wieder einsammeln. Dies seien häufig Studierende oder Zeitarbeiter, die pro Roller bezahlt würden, sagt Bracher vom Institut für Urbanistik. In den ersten Wochen könne man nicht davon ausgehen, dass ein Großteil der Mitarbeiter in etablierten Arbeitsverhältnissen stecke.

Oliver Suchy, Abteilungsleiter Digitale Arbeitswelten des Deutschen Gewerkschaftsbundes, kritisiert: "Bei den E-Scootern erleben wir ähnlich prekäre Arbeitsbedingungen wie auf anderen Plattformen." Sprecher von Voi und Tier weisen die Kritik zurück. "Wir haben hier ausschließlich erfahrene Logistikpartner", sagt ein Voi-Sprecher. Der Sprecher von Tier erklärt: "Wir arbeiten in unserem operationalen Geschäft entweder mit großen Logistikpartnern zusammen oder stellen unsere Mitarbeiter ein." Von prekären Arbeitsbedingungen könne keine Rede sein.

Sicherheit: Viele Nutzer stünden das erste Mal auf den Rollern und seien entsprechend unsicher unterwegs, sagt ein Sprecher des Anbieters Lime. Den Deutschen Verkehrssicherheitsrat besorgt besonders, dass viele Nutzer betrunken auf die Geräte steigen. Die Forderung nach einer Null-Promille-Grenze für Rollernutzer wurde vom Bundesverkehrsministerium zurückgewiesen. Derzeit gelten die gleichen Promillegrenzen wie für Autofahrer.

Viele Städte klagen zudem über unachtsam abgestellte oder abgelegte Geräte. Verbände beklagten, dass nachlässig abgestellte E-Stehroller ein Problem für behinderte Menschen sein könnten. Viele Kommunen haben darum schärfere Regeln angekündigt.

Anm. d. Red.: Ursprünglich hieß es im Text, dass bislang umstritten sei, ob E-Scooter bei der Verkehrswende helfen und Autofahrer dazu bewegen können, ins Auto zu steigen. Es muss natürlich heißen, "aufs Auto zu verzichten". Dieser Fehler wurde korrigiert.

cfr/dpa

insgesamt 198 Beiträge
draco2007 10.08.2019
1.
Ein Punkt fehlt... Das Abstellen.... Meine Beobachtung in Hamburg ist, dass die Teile ÜBERALL stehen, auch mal quer im Weg oder sonst irgendwie am Rand von Fußwegen. Und da die Teile viel mehr Platz brauchen als geparkte [...]
Ein Punkt fehlt... Das Abstellen.... Meine Beobachtung in Hamburg ist, dass die Teile ÜBERALL stehen, auch mal quer im Weg oder sonst irgendwie am Rand von Fußwegen. Und da die Teile viel mehr Platz brauchen als geparkte Fahrräder nervt das ziemlich. Und trotz Kennzeichen scheint es die Polizei nicht zu interessieren. Zudem finde ich die Dinger reichlich teuer. Für etwas weniger bekomme ich einen Smart von Car to Go und kann zwei Leute plus Einkauf transportieren...
polaris65428 10.08.2019
2. Abwarten.
Es wird auch wieder längere Perioden geben in denen es unwirtlich, nass und kalt ist. Auch Schnee, Matsch und Eis können trotz fortschreitenden Klimawandels noch nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Diese Fahrzeuge sind und [...]
Es wird auch wieder längere Perioden geben in denen es unwirtlich, nass und kalt ist. Auch Schnee, Matsch und Eis können trotz fortschreitenden Klimawandels noch nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Diese Fahrzeuge sind und bleiben ein Spielzeug für schönes Wetter und das bleiben sie auch in Zukunft. Eine Wende im Straßenverkehr werden sie bestimmt nie herbeiführen.
montesol 10.08.2019
3. Spaßgerät
M.E. sind die Roller ein Spaßgerät, mit dem es einfach lustig ist ein bisschen herumzufahren. Der Nutzwert ist fast null, da man nichts transportieren kann (Einkaustüte); selbst eine größere Handtasche oder Aktentasche ist [...]
M.E. sind die Roller ein Spaßgerät, mit dem es einfach lustig ist ein bisschen herumzufahren. Der Nutzwert ist fast null, da man nichts transportieren kann (Einkaustüte); selbst eine größere Handtasche oder Aktentasche ist beim Fahren hinderlich, daher fällt die Anwendung raus für alle die etwas eingekauft haben oder Arbeitsmarerialien mit sich tragen (max. ein Rucksack funktioniert). Den immer angesprochenen "letzten Kilometer" kann man genauso gut laufen, bei mehr km (was ich schon probiert habe) wird es recht mühsam mit dem Fahren weil unbequem und auch teuer. Insofern - mich stören die Dinger nicht, aber nötig sind sie in meinen Augen überhaupt nicht. Und zu besseren Klima tragen sie ganz sicherlich nichts bei.
Oberleerer 10.08.2019
4.
Meckern ist halt schön. Obike war natürlich eine Katastrophe. Die neuen Roller fallen natürlich erstmal auf, aber mittlerweile hat man sich daran gewöhnt. Man sieht ab und zu jemand damit herumfahren, aber von einem Chaos [...]
Meckern ist halt schön. Obike war natürlich eine Katastrophe. Die neuen Roller fallen natürlich erstmal auf, aber mittlerweile hat man sich daran gewöhnt. Man sieht ab und zu jemand damit herumfahren, aber von einem Chaos erkenne ich in München keine Spur. Autofahrten werden sicher nicht ersetzt, mein Eindruck, es werden nun Fahrten unternommen, die man vorher unterlassen hätte und wo ein Leih-Fahrrad zu unpraktisch ist. Auf dem Fahrrad schwitzt man und im hiesigen Gedränge ist ein Fahrrad sehr sperrig. Will man zu einer Verabredung 2km in der Stadt ist so ein Roller eine feine Sache. Außerdem erhöht das die Akzeptanz für E-Mobilität in der Bevölkerung. Bei der Haltbarkeit kommt es sicher auch auf die Konstruktion an. Die Roller hier haben Stoßdämpfer und sind generell ziemlich massiv gebaut, was ihnen eine gewisse Leichtigkeit nimmt. Die Zahlen aus den USA sollte man gesondert betrachten.
keksguru 10.08.2019
5. das Abstellproblem ist keins
denn so ein Roller nimmt nicht mehr Platz wie ein Fahrrad weg, und über Fahrräder regnet sich niemand auf, außer vielleicht an Bahnhöfen wo es tlw null Fahrradstellplätze gibt. Und nebenbei gemerkt, Pedelec-Akkus werden auch [...]
denn so ein Roller nimmt nicht mehr Platz wie ein Fahrrad weg, und über Fahrräder regnet sich niemand auf, außer vielleicht an Bahnhöfen wo es tlw null Fahrradstellplätze gibt. Und nebenbei gemerkt, Pedelec-Akkus werden auch schlecht, und einige MOdelle altern auch ohne Nutzung fröhlich weiter, auch bei teureren Modellen.

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