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Mobilität

Winterreifen für Elektroautos

Wie kommen E-Mobile durch den Winter?

Die Reichweite eines Elektroautos ist auch abhängig von den Reifen, weshalb es spezielle Pneus für Stromer gibt. Allerdings sind noch keine Elektroauto-Winterreifen auf dem Markt - mit einer Ausnahme.

BMW
Von Martin Wittler
Sonntag, 01.12.2019   08:47 Uhr

Schaut man auf aktuelle Absatz-Statistiken, hat der Winterreifen anscheinend ausgedient. Während die Nachfrage nach Ganzjahresreifen im vergangenen Jahr deutlich anstieg, meldete der Wirtschaftsverband der Deutschen Kautschukindustrie für das vergangene Jahr hierzulande einen Rückgang der Winterreifen-Verkäufe um sieben Prozent. Der Trend bestimmt schon länger das Reifengeschäft - doch womöglich könnte er sich bald umkehren und die Bedeutung des Winterreifens wieder zunehmen. Der Grund: Elektroautos.

Bei E-Fahrzeugen nämlich ist die Reifenwahl nicht nur für Sicherheit und Komfort von Bedeutung, sondern sie beeinflusst auch die Reichweite entscheidend. Der französische Reifenhersteller Michelin beispielsweise verspricht ein Reichweitenplus von bis zu sechs Prozent, wenn ein E-Auto mit den speziell für Stromer entwickelten Pneus "Energy E-V" bestückt ist. Allerdings ist das ein Sommerreifen. Was noch kein einziger Reifenhersteller in Europa anbietet, sind universal einsetzbare Elektro-Auto-Winterreifen. Das liegt an den besonderen Anforderungen, die an einen solchen Reifen gestellt werden.

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Elektroautos im Winter: Sicherheit kostet Reichweite

E-Auto-Reifen sind meist besonders schmal und haben einen vergleichsweise großen Durchmesser. "Tall-and-Narrow heißt das in der Sprache der Reifenentwickler", sagt Frank Walloch, Reifenentwickler bei Continental. Der Grund : Zwischen Reifendurchmesser und Rollwiderstand besteht technisch ein direkter Zusammenhang. "Je größer der Reifendurchmesser, desto geringer der Rollwiderstand bei gleicher Auslastung des Reifens", sagt Walloch. Und je geringer der Rollwiderstand ist, desto weniger Energie wird benötigt, um die Pneus über die Fahrbahn zu bewegen. Heißt: Reifen mit geringem Rollwiderstand schonen die Batterie und lassen das E-Auto weiter fahren. Diese Regel gilt zwar auch bei Diesel und Benzinern, doch bei keiner Antriebsvariante spielt die Reichweite eine so zentrale Rolle wie beim Elektroauto.

Der ewige Zielkonflikt: Rollwiderstand vs. Traktion

Rollwiderstand bedeutet allerdings auch: Der Reifen haftet gut auf der Straße. Fachleute sprechen von Traktion. Eine gute Traktion sorgt dafür, dass der Reifen die Antriebs-, Lenk- oder Bremskraft optimal auf die Fahrbahn übertragen kann. Kurz gesagt: Das Fahren wird sicherer. Gerade im Winter, wenn die Straßen schmierig und glatt sein können, ist eine hohe Traktion wichtig. Auch weil sie Grundbedingung dafür ist, dass die Assistenzsysteme moderner Autos wirksam eingreifen und beispielsweise das Fahrzeug stabilisieren oder in Notfällen zum Stillstand bringen können.

Die Kunst der Reifenhersteller ist es nun, den richtigen Mix aus niedrigem Rollwiderstand und gleichzeitig ausreichender Traktion zu erreichen. "Bremsweg, Fahrverhalten und Fahrstabilität dürfen nicht vernachlässigt werden. Wir müssen den besten Kompromiss aus sicherem Bremsweg und geringem Rollwiderstand finden, das ist die Herausforderung", sagt Reifenentwickler Walloch. Bei E-Auto-Winterreifen für den deutschen Markt müssen die Hersteller besonders kreativ sein. Denn Lösungen wie in Continentals "Ice Contact 3", der mit gummiummantelten Spikes bestückt ist, sind in Norwegen zwar ein Renner, in Deutschland - mit Ausnahme eines kleinen Gebietes entlang der österreichischen Grenze - jedoch verboten.

Für den BMW i3 gibt es einen "Exklusiv"-Winterreifen

Ein E-Auto-Winterreifen muss also anders konzipiert sein. Gleichzeitig wäre ein hocheffizienter Winterreifen sehr wünschenswert - ist doch die Reichweite von Elektroautos wegen der Kälteempfindlichkeit der Akkus ohnehin erheblich geschmälert. Derzeit hat allerdings nur ein Reifenhersteller die passende Lösung parat - und die auch nur für ein Automodell: Der japanische Pneuproduzent Bridgestone stellt Winterreifen speziell für das BMW-Elektro-Kompaktfahrzeug i3 her. Das Modell heißt "Blizzak LM500" und verfügt, so erläutert der Hersteller auf Nachfrage, über einen hohen Silica-Anteil, eine besonders breite Profilrippe und speziell entwickelte 3D-Washboad-Lamellen, um bestmögliche Traktion bei geringstmöglichem Rollwiderstand zu bieten.

Auch Continental war schon mal ganz nah dran, hatte den Universal-E-Auto-Reifen praktisch schon fertig entwickelt: Der Prototyp "Conti e Contact" war für den europäischen Markt vorgesehen und wurde bereits 2011 als Winter- und Sommerreifen vorgestellt. Der Pneu schaffte es jedoch nie in die Serie, es mangelte an Nachfrage.

Ein paar Jahre später probierte es der US-Reifenproduzent Goodyear. 2018 zeigte das Unternehmen das Reifenmodell "Efficient Grip Performance" auf dem Autosalon in Genf. Schmale Lamellen in der Lauffläche sollten dafür sorgen, dass der Wagen besser an der Straße haftet und so die hohen Drehmomente eines E-Autos besser übertragen werden können. Allerdings: Auch dieser Pneu ist noch nicht auf dem Markt. Und Michelin hat zwar seit mehreren Jahren den erwähnten Elektroauto-Sommerreifen im Sortiment - Pläne für einen speziellen Elektroauto-Winterreifen gibt es beim französischen Hersteller aber keine.

Mit den neuen E-Autos kommen auch neue E-Auto-Reifen

Der koreanische Reifenproduzent Hankook hingegen wagt im nächsten Jahr, pünktlich zur angekündigten E-Offensive der Autohersteller, einen Vorstoß auf den europäischen Elektroauto-Reifenmarkt. Und zwar mit Sommer- und Winterreifen. Mit den Ganzjahrespneus "Kinergy Allseason EV" haben die Südkoreaner in Nordamerika bereits seit einiger Zeit einen Elektroauto-Reifen auf dem Markt, der jedoch nur für die dort erlaubten, geringeren Geschwindigkeiten konzipiert ist.

Entscheidend ist aber nicht nur, was die Reifenproduzenten anbieten, sondern vor allem was die Hersteller ab Werk aufziehen. Volkswagen beispielsweise setzt beim neuen Stromer ID.3 ab Werk auf handelsübliche Pkw-Reifenmodelle, den Sommerreifen "Eco Contact 6" und den Winterreifen "Winter Contact TS 850 P" - beides Produkte von Continental. Reifenmischung und Profilstruktur wurden für den neuen VW leicht modifiziert, heißt es beim Reifenhersteller, zudem wurden die Seitenwände weiter versteift. Der Reifen könne so schwerere Lasten, wie etwa die Batterie eines E-Autos, tragen. "Die gegenüber dem normalen 'Eco Contact 6' etwas veränderte Profilstruktur sorgt zusätzlich für gute Laufleistung - trotzt der hohen Antriebsdrehmomente des Elektrofahrzeuges", sagt Alessandra Ferraris von der Abteilung Erstausrüstungs-Reifen bei Continental.

Reifen mit geringem Rollwiderstand und guter Traktion, die trotzdem eine große Reichweite ermöglichen: Das wird die Reifenhersteller auch künftig bei der Produktion von Reifen, besonders von Winterreifen, für Elektroautos auf Trab halten. Erst recht dann, wenn BMW, VW und Co. weiterhin um jeden Kilometer Reichweite ringen.

insgesamt 231 Beiträge
seikor 01.12.2019
1. wir kommen E-Autos durch den Winter?
Teilweise besser, als alle anderen Autos. Keine Startobleme, sofort Heizung... Hab den Eindruck, hier wird wieder ein Problem beschworen, das es so in der Realität gar nicht gibt. Ach ja, die Reichweite?! Die ist meist nur die [...]
Teilweise besser, als alle anderen Autos. Keine Startobleme, sofort Heizung... Hab den Eindruck, hier wird wieder ein Problem beschworen, das es so in der Realität gar nicht gibt. Ach ja, die Reichweite?! Die ist meist nur die die E-Auto-Basher ein Problem... ;)
istdochegal73 01.12.2019
2. Marketingmasche
Die E-Autos sind mal wieder ein weiterer Grund den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Kein Mensch braucht spezielle "E-Auto Reifen". Egal ob Verbrenner oder E-Mobil, die Performance sollte für den Fahrer an [...]
Die E-Autos sind mal wieder ein weiterer Grund den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Kein Mensch braucht spezielle "E-Auto Reifen". Egal ob Verbrenner oder E-Mobil, die Performance sollte für den Fahrer an erster Stelle stehen und die ist bei herkömmlichen Sommer- oder Winterreifen immer besser, da sie kein Kompromiss darstellen. Was nützt es mir, wenn ich 10 km weiter fahren kann, wenn mir bei einer Vollbremsung die entscheidenden drei Meter zum Hinderniss fehlen?
Amadablam 01.12.2019
3. Was waren das noch für Zeiten...
...als man im Zusammenspiel von Kupplung und Handbremshebel die optimale Traktion beim Anfahren auf Schnee am Berg selbst ermittelte. Selbstverständlich auf schmalen Winterreifen, denn es war bekannt, dass ein möglichst hohes [...]
...als man im Zusammenspiel von Kupplung und Handbremshebel die optimale Traktion beim Anfahren auf Schnee am Berg selbst ermittelte. Selbstverständlich auf schmalen Winterreifen, denn es war bekannt, dass ein möglichst hohes Gewicht pro Kontaktfläche zwischen Reifen und Straße die Traktion verbessert. Das (Über-)Gewicht dürfte bei E-Autos kein Problem sein. Das hohe Drehmoment des Antriebs - mit einer degressiven Drehmomentkurve - schon.
Maverick79 01.12.2019
4. Was ist mit Tesla?
Der Konfiguration bietet optionale Winterräder ab Werk, sind das dann keine fahrzeugspezifische Winterreifen?
Der Konfiguration bietet optionale Winterräder ab Werk, sind das dann keine fahrzeugspezifische Winterreifen?
kai_4711 01.12.2019
5. Fahre meinen Tesla Model 3 mit abgestimmten Pirelli Winterreifen
Der Pirellit Sottozero 3 mit T0 Kennung ist speziell für Tesla homologiert. Neben guten Verbrauchswerten lag die Entwicklung auch auf sehr gute Geräuschreduktion, da man im E-Auto auf grund fehlender Motorgeräusche [...]
Der Pirellit Sottozero 3 mit T0 Kennung ist speziell für Tesla homologiert. Neben guten Verbrauchswerten lag die Entwicklung auch auf sehr gute Geräuschreduktion, da man im E-Auto auf grund fehlender Motorgeräusche überproportional genau hinhört. Fazit: Mein Pirelli ist wesentlich leiser als der Sommerreifen von Michelin, und der Verbtauch ähnlich wie im Sommer. Zur Überschrift möchte ich auch mal was sagen: Ein E-Auto kommt hervorragend durch den Winter, denn Reichweitenprobleme sind nur in den Medien existent. Das Vorheizen mit der serienmäßigen Standheizung ist wunderbar, die Scheiben sind sofort frei, der Allradantrieb reguliert um Welten besser beim Anfahren als jede Mechanik und der Motor muss nicht großartig warmgefahren werden. Wer möchte, kann sogar die Batterie vorheizen um mit voller Leistung und Rekuperationsleistung losfahren zu können. Dazu wird NULL Emmissionen auf den ersten 5 Kilometern rausgehauen, ich bitte mal um reale Straßenmessungen beim Diesel bei -10 Grad auf 5 Kilometer. Möchte gerne mal sehen ob die Abgaswerte bei eiskaltem Kat eingehalten werden.

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