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Mobilität

Experte zu Forderungen der Länder

"Parken müsste 15 Euro am Tag kosten. Jeden Tag"

Die Länder wollen den Radverkehr sicherer machen, CDU und CSU im Bundestag finden das ungerecht. Mobilitätsexperte Andreas Knie sagt: Beide Seiten diskutieren am eigentlichen Problem vorbei.

Sonja Wurtscheid / DPA

Für Radfahrer in deutschen Innenstädten ist es ein Parkours: Ein Fahrradfahrer weicht einem auf dem Radweg haltenden Lieferwagen aus

Ein Interview von
Freitag, 05.04.2019   16:13 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Herr Knie, sind die 15 Maßnahmen, die die Verkehrsminister der Länder für mehr Sicherheit im Radverkehr empfehlen, hilfreich oder nicht?

Andreas Knie: Die Maßnahmen sind alle nicht falsch. Aber insgesamt ist das Kleinkram, das sind nur symbolische Maßnahmen. Wir haben derzeit einen Rechtsrahmen, der ausschließlich auf die Förderung großer Autoflotten ausgerichtet ist. Da kann man nicht einzelne Symptome bekämpfen und so das Problem lösen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn das Problem?

Knie: Wir brauchen mehr Raum auf der Straße für andere Verkehrsmittel als für fahrende oder abgestellte Autos. Die 15 Forderungen sind aber viel zu kleinteilig angelegt und deshalb nicht geeignet, um die Verkehrswende einzuleiten.

SPIEGEL ONLINE: Aber brauchen Radfahrer in Deutschland wirklich mehr Platz? Schließlich stehen vor allem die Autofahrer im Stau.

Zur Person

Knie: Die Menge der Radfahrer hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Die Radwege sind nur ein paar Prozent mehr gewachsen. Wir haben Staus auf Radwegen, wir erzeugen praktisch täglich gefährliche Situationen.

SPIEGEL ONLINE: Also ist das Auto als Verkehrsträger in Deutschland in der Planung überrepräsentiert?

Knie: Viel zu stark. Wir kommen aus einer Rechtsordnung, in der das Auto immer Vorrang hat. Den müssen wir ihm nicht überall, aber in vielen kleinteiligen mobilen Welten nehmen. Das heißt, es muss mehr Platz für andere Verkehrsteilnehmer geschaffen werden und diese Verkehrsteilnehmer müssen sich dann wiederum auch an Regeln halten - in diesem Fall die Radfahrer.

SPIEGEL ONLINE: Aber nimmt man damit den Autofahrern nicht ein Stück Freiheit?

Knie: Nein. Die CDU schwingt sich hier zwar auf, den Hort der Freiheit zu verteidigen, doch das ist die Freiheit einiger weniger. Tatsächlich geht es hier um mehr Mobilität und damit um mehr Freiheit für alle.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist es in staugeplagten Städten nicht kontraproduktiv, dem Auto noch mehr Platz wegzunehmen?

Knie: Es geht nicht um den Platz, wir haben zu viele Autos. Es gibt fast 48 Millionen Pkw in Deutschland, wir können also alle in unsere Autos einsteigen und wären maximal zu zweit im Wagen. Das ist viel zu viel. Es ist besser und gerechter, die Zahl der Autos zu reduzieren.

SPIEGEL ONLINE: Viele Autofahrer würden dem entgegenhalten, dass sie die vorhandene Infrastruktur mit Steuern finanziert haben. Jetzt sollen darauf Fahrräder fahren. Ist das nicht ungerecht?

Knie: Es stimmt nicht, dass Autofahren das Autofahren bezahlt. Die Mineralölsteuer finanziert die Kosten der Infrastruktur nicht einmal ansatzweise. Es gibt eine große Deckungslücke, wir alle bezahlen mit viel Geld für die Infrastruktur. Deshalb ist es umso wichtiger, diese Infrastruktur möglichst gut aufzuteilen. Im Moment ist es ein völlig asymmetrischer Verteilungskampf, in dem das Auto viel mehr Platz okkupiert, als es für uns alle gut ist.

SPIEGEL ONLINE: Was muss sich für eine einvernehmliche Lösung ändern?

Knie: Es muss zuerst mal die Einsicht da sein, dass wir zu viele Autos haben. Das muss die Grundlinie der Politik sein. Danach sollte man die Anzahl der Autos senken und sie effizienter besetzen. Das ist durch die Digitalisierung im Rahmen von Ridesharing wunderbar möglich. Dann haben wir auch mehr Platz und ein Einvernehmen mit den Radfahrern. Aber wenn wir diese Grundsatzentscheidung nicht treffen, kommen wir nicht weiter.

SPIEGEL ONLINE: Und wie ließe sich die Situation in Deutschland kurzfristig verbessern?

Knie: Es muss eine flächendeckende Parkraumbewirtschaftung her. Das eigene Auto abzustellen muss zehn bis 15 Euro pro Tag kosten, egal ob man vor Ort wohnt oder nicht. Denn die Attraktivität des Autos besteht nur darin, dass man es überall kostenlos, beziehungsweise zu Lasten anderer, abstellen kann. Wenn Sie dem Auto diesen Vorteil nehmen, werden Modelle wie Carsharing, die Autos besser nutzen, deutlich attraktiver. Das führt zu mehr Mobilität mit weniger Autos.

SPIEGEL ONLINE: Würde man damit nicht die deutsche Autoindustrie zerstören?

Knie: Wenn die Verkehrswende nicht kommt, dann ist das der Tod der deutschen Autoindustrie. Wir werden im wahrsten Sinne des Wortes am Blech ersticken. Außerdem erkennt die Autobranche, dass sich ihr Geschäft wandelt. Und dass es ein schlechteres Geschäft ist, ein Fahrzeug nur einmal zu verkaufen, anstatt es mehrfach zu vermieten.

insgesamt 181 Beiträge
zauberer2112 05.04.2019
1. Steuern finanzieren nur ansatzweise?
Na dann: Abschaffung der Kfz- und Mineralölsteuer und Finanzierung komplett aus dem großen Topf. Die Wahrheit ist doch, dass eigentlich zweckgebundene Steuern umverteilt werden, sonst hätten wir sicherlich bessere Straßen [...]
Na dann: Abschaffung der Kfz- und Mineralölsteuer und Finanzierung komplett aus dem großen Topf. Die Wahrheit ist doch, dass eigentlich zweckgebundene Steuern umverteilt werden, sonst hätten wir sicherlich bessere Straßen nebst Radwegen. Nun lassen Sie mich raten, wo der Herr wohnt: Großstadt, ziemlich zentral, ÖPNV quasi vor der Tür sowie reichlich Einkaufsmöglichkeiten. Schulen, Ärzte und Kultureinrichtungen in der Nähe. Wer braucht da schon ein Auto? Warum nicht 30 Euro fürs Parken? Und auf dem Land fahr' ich dann halt jeden Tag mit dem Rad 15 km zur Arbeit. Ziemlich weltfremd.
sachlicherbeitrag 05.04.2019
2. Lieber mehr Fahrräder als mehr Autos
Ich lebe lieber in meinem Dorf mit mehr Rädern als mit vielen Autos. Ich hoffe, dass die Politik die Weichen in Zukunft so stellt, dass mehr Menschen das Fahrrad als Verkehrsmittel nutzen können und wollen. Autostraßen und [...]
Ich lebe lieber in meinem Dorf mit mehr Rädern als mit vielen Autos. Ich hoffe, dass die Politik die Weichen in Zukunft so stellt, dass mehr Menschen das Fahrrad als Verkehrsmittel nutzen können und wollen. Autostraßen und Parkplätze bieten keine Aufenthaltsqualität, mit dem E-Bike sind auch bergige Gegenden oder längere Wege zu schaffen. Das Auto bietet sicher oft auch tolle Vorteile, seine absolute Dominanz gegenüber Fußgängern und Radfahrern gilt es aber zurückzudrängen. Autostädte (siehe USA) sind furchtbar, (Alt)städte mit Fußgängerzonen sind lebenswert. Das sollte Beweis genug sein, dass dem Auto Platz entzogen werden muss.
inmado 05.04.2019
3. Wiedersprüchlich und unsozial!
Herr Knie sagt einerseits, beim Auto ginge es um "die Freiheit einiger weniger". Anderseits schreibt er aber: "Es gibt fast 48 Millionen Pkw in Deutschland". Ja, was denn nun? Wenn mehr als jeder 2. einen PKW [...]
Herr Knie sagt einerseits, beim Auto ginge es um "die Freiheit einiger weniger". Anderseits schreibt er aber: "Es gibt fast 48 Millionen Pkw in Deutschland". Ja, was denn nun? Wenn mehr als jeder 2. einen PKW hat, geht es offensichtlich mitnichten um "die Freiheit einiger weniger". Die Aussage "Es stimmt nicht, dass Autofahren das Autofahren bezahlt. Die Mineralölsteuer finanziert die Kosten der Infrastruktur nicht einmal ansatzweise" wage ich auch zu bezweifeln. Man findet sehr schnell zahlen, dass die Einnahmen aus KFZ-Steuer, Mineralölsteuer, etc. die Ausgaben für den Straßenbau bei weiterm übersteigen. Ich stimme zu, dass wir zu viele Autos haben. Wer das aber rein marktwirtschaftlich angehen will, sprich das Autofahren teurer machen will, der scheint sich offenbar freie Straßen für Besserverdiener zu wünschen. Den jahrzehntelangen Konsenz bzgl. mobilität via PKW kann man nicht von heute auf Morgen kündigen. Ein PKW hat schließlich einen erheblichen Wert und eine Lebensdauer von 10-15 Jahren!
Hamberliner 05.04.2019
4. abschreckendes Beispiel
Das Foto zeigt die übelste Horror-Fehlplanung schlechthin. Genau da gehört ein Radweg nämlich nicht hin. Zwischen den fließenden motorisierten Verkehr gehört der ruhende motorisierte Verkehr und die Baumreihe. Der Platz um [...]
Das Foto zeigt die übelste Horror-Fehlplanung schlechthin. Genau da gehört ein Radweg nämlich nicht hin. Zwischen den fließenden motorisierten Verkehr gehört der ruhende motorisierte Verkehr und die Baumreihe. Der Platz um gefahrlos mit dem Rad zu überholen oder Entgegenkommern oder Hindernissen auszuweichen ist der (meist leere) Fußgängerbereich, nicht die Fahrbahn. So eine Katastrophe wie auf dem Foto hat nicht den Zweck, Radfahrern effiziente und gefahrlose Fortbewegung zu ermöglichen, sondern sie als unfreiwillige Auto-Ärgerer zu rekrutieren.
paul.lemke 05.04.2019
5. Maut?
Zur Mineralölsteuer und KfZ-Steuer kommt ja auch noch die Maut. Mit diesen drei Posten könnte man gewiß die Straßen in einen guten Zustand bringen. Leider wird das Geld aber zweckentfremdet.
Zur Mineralölsteuer und KfZ-Steuer kommt ja auch noch die Maut. Mit diesen drei Posten könnte man gewiß die Straßen in einen guten Zustand bringen. Leider wird das Geld aber zweckentfremdet.
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