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Mobilität

Zusammenarbeit bei neuem Elektroauto

Ein VW-Strandbuggy aus Aachen

Erst produzierte er den Streetscooter-Transporter der Post, dann den Kleinwagen e.Go Life. Jetzt könnte der Ingenieur Günther Schuh auch den ID Buggy von Volkswagen übernehmen.

Foto: Volkswagen
Von Michael Specht
Mittwoch, 06.03.2019   16:33 Uhr

Wer auf dem diesjährigen Autosalon in Genf nach der nächsten Revolution in der Branche sucht, muss genauer hinschauen. Ist es der VW ID Buggy? Eine elektrifizierte Neuauflage des legendären Strandbuggys der Sechziger- und Siebzigerjahre? Oder doch der kleine Elektroflitzer e.Go Life, hinter dem die Macher des E-Lieferwagens Streetscooter stecken? Die Antwort ist: beide. Aber weniger als Autos selbst, sondern wegen der Philosophie, die dahintersteht.

Zentrale Figur dieser Neuerung ist Günther Schuh, Chef der e.Go Mobile AG und Professor an der RWTH Aachen. Er düpierte mit dem Erfolg seines Streetscooters die gesamte arrivierte Autobranche und schickt sich jetzt an, dies mit dem ersten Pkw aus eigener Fertigung zu wiederholen.

Elektro-Schnäppchen aus Aachen

Schon ab Mitte März rollen in Aachen die ersten Serienexemplare des e.Go Life vom Band. Rund 3300 der kleinen Elektro-Flitzer will Schuh in diesem Jahr produzieren. Der Preis ab 15.900 Euro ist ein Schnäppchen verglichen mit den Kosten für andere E-Autos. Allerdings ist das Konzept sehr reduziert: In Sachen Ausstattung und Materialauswahl im Innenraum kommt der e.Go Life nicht an die Haptik gängiger Kleinwagen heran.

Der Nachfrage schadet dies anscheinend nicht, die Auftragsbücher sind voll. Kunden im europäischen Ausland müssen momentan sogar hinten anstehen. Die Auslieferung - Start ab Mai - ist vorerst auf Deutschland beschränkt. Bis zum Jahresende ist das putzige City-Car ausverkauft. Schrittweise soll die Fertigung hochgefahren werden, auf bis zu 30.000 Einheiten jährlich. Dann dürften auch luxuriösere Varianten darunter sein, vermutlich mehrheitlich.

Kunden fragen nach hochwertiger Ausstattung

"Gut zwei Drittel der Interessenten fragen nach einer höherwertigen Ausstattung", sagt Schuh. Auf dem Genfer Autosalon zeigt er deswegen die Studie e.Go Life Sports Concept - mit mehr Leistung, Ledersitzen, Breitreifen und Glasdach. "Wir wollen damit die Reaktionen des Publikums testen."

Günther Schuh ist von Haus aus Produktionsingenieur. Er weiß, wie man auch bei geringen Stückzahlen die Gewinnschwelle erreicht, und hat bei der Konzeption des e.Go Life alles darauf ausgerichtet. Deswegen kommt für den E-Flitzer auch keine selbsttragende Karosserie zum Einsatz, sondern ein Aluminium-Space-Frame, über den eine Karosseriehaut aus Kunststoff gezogen wird. So spart die Firma die Millionenbeträge, die in der Autoindustrie für die Herstellung der Karosseriewerkzeuge gemeinhin üblich sind. Schlank und flexibel, lautet seine Devise.

VW hat keinen Platz für Emotionen

Das ließ schon vor einem Jahr Herbert Diess, Vorstandschef von Volkswagen, zum Telefonhörer greifen. Im Gespräch mit Günther Schuh - beide kennen sich gut aus früheren BMW-Zeiten - ging es um die Fertigung des ID Buggy. Kleine Stückzahlen sind für einen Autohersteller wie Volkswagen ein Problem, ein Volumen von mehreren tausend Einheiten gilt als homöopathische Dosis. Deswegen starben im VW-Konzern bereits Modelle wie Eos, Scirocco und Golf Cabrio. Wolfsburg hat keinen Platz für Nischen und Emotionen.

Genau auf Letzteres aber zielt die Studie ID Buggy ab, die VW auf der Messe in Genf präsentiert. Das Retro-Elektromodell weckt Erinnerungen an die offenen Strand-Buggys der Siebzigerjahre. Mehr Autofreiheit ging damals nicht. Als Basis für die Bausätze diente den zahlreichen Anbietern ein altes Käfer-Chassis.

Elektrobaukasten als Rettung für Nischenmodelle

Der ID Buggy dagegen steht auf dem neuen Elektrobaukasten MEB, in den Volkswagen viele Milliarden Euro investiert hat, um sein Versprechen von sauberer Mobilität einzulösen. Ende dieses Jahres beginnt in Zwickau die Produktion des ersten Modells in der bald stark wachsenden Volkswagen-Elektro-Familie. Der ID ist ein Modell in Golf-Größe. Als nächstes folgen ein Crossover, eine Limousine, die Neuauflage des Bulli, ein SUV. Der Freak in der ID-Familie soll das Spaßgefährt ID Buggy werden.

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e.Go und VW Buggy: Ziemlich beste Freunde

Allerdings lässt sich so ein Nischenmodell in einem großen Konzern wie Volkswagen nicht mehr zu akzeptablen Kosten bauen. Eine Lösung heißt "Outsourcing". Zum Beispiel an Start-ups - an einen wie Günther Schuh. "Die MEB-Architektur besitzt das Potenzial, für viele Autohersteller zu einer neuen technischen Basis der E-Mobilität zu werden", sagte Diess am Rande des Genfer Autosalons - ohne jedoch genauer zu werden, um welche anderen Hersteller es sich handeln könnte.

Fiat Chrysler (FCA), Ford und PSA als möglich Abnehmer

Gedanken hierzu hat sich Stefan Bratzel gemacht, Leiter des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach: "In Frage kämen FCA mit Fiat und Jeep, aber auch Ford und selbst der PSA-Konzern", meint der Autoexperte zu möglichen Abnehmern der VW-Infrastruktur.

Noch vor wenigen Jahren währen derartige Kooperationen über Konzerngrenzen hinweg undenkbar gewesen. Fahrwerk, Motoren - jeder Hersteller hatte da seine ganz eigene Philosophie, sein Alleinstellungsmerkmal. Bei Elektroautos fragt jedoch kaum jemand, welche Motoren und welche Batterien unter der Karosserie stecken. Es wäre für beide Seiten ein Gewinn. Die Abnehmer sparten sich gigantische Entwicklungskosten eigener Systeme. Durch den Verkauf des modularen Elektrifizierungsbaukastens (MEB) an andere Hersteller holt Volkswagen einen Teil seiner Entwicklungskosten wieder herein. Gleichzeitig reduzieren sich durch das höhere Volumen die Stückkosten für alle Hersteller, die den Baukasten verwenden.

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Elektroauto e-Go: Der Elektro-Zwerg

Eine Win-Win-Situation mit dem MEB hat natürlich auch Günther Schuh vor Augen. Beim ID Buggy sind - ähnlich wie früher beim VW Käfer - Karosserie und Chassis voneinander getrennt. Dies ist der Idealfall für Kleinserienhersteller. Schuh kann für Volkswagen so nicht nur den ID Buggy als verlängerte Werkbank von Wolfsburg in einer Anzahl von jährlich 3000 bis 5000 Einheiten bauen und dabei trotzdem profitabel bleiben, sondern später vielleicht auch eigene Modelle auf das MEB-Chassis stellen. "Ich denke dabei an einen e.Go Life L", sagt er.

Auch antriebstechnisch fährt der ID Buggy voll aufs Schuhs Kurs. Der Motor sitzt im Heck, treibt die Hinterräder an. "Ein Elektroauto mit Frontantrieb ist blanker Unsinn und vereitelt den Fahrspaß." Auch sein e.Go Life ist heckgetrieben - und beschleunige die ersten 50 Meter "wie ein Porsche".

insgesamt 27 Beiträge
zeichenkette 06.03.2019
1. Hmm...
Wenn der "Elektrobaukasten" MEB die Basis für dieses Ding sein soll, dann wird das nicht billig und wer gibt schon 40.000 Euro oder mehr für ein Auto ohne Türen aus? Aber ja, so etwas in dieser Art mit zwei Sitzen, [...]
Wenn der "Elektrobaukasten" MEB die Basis für dieses Ding sein soll, dann wird das nicht billig und wer gibt schon 40.000 Euro oder mehr für ein Auto ohne Türen aus? Aber ja, so etwas in dieser Art mit zwei Sitzen, etwas Stauraum und bescheidenen Fahrleistungen wäre als Stadt- und Zweitauto sicherlich interessant - wenn es nur billig genug ist. Der Renault Twizy hat das vorgemacht und dieses Ding ist WIRKLICH klein und schlapp. Ein witziges E-Auto mit den Ausmaßen und Fahrleistungen eines 2CV oder eines alten Käfers und einem entsprechend niedrigen Preis wäre sicherlich interessant.
mr.nett 06.03.2019
2. e.GO Life
e.GO Life - ein Plastik-Gefährt mit der Anmutung und Leistung eines Trabant, nur kleiner und mit geringerer Reichweite. Und das für 15900EUR. Ein Schnäppchen.
e.GO Life - ein Plastik-Gefährt mit der Anmutung und Leistung eines Trabant, nur kleiner und mit geringerer Reichweite. Und das für 15900EUR. Ein Schnäppchen.
go-west 06.03.2019
3. Hervorragend, weiter so!
Querdenker bringen unsere Gesellschaft weiter, nicht das Heer der angepassten Mitläufer und Erfüllungsgehilfen.
Querdenker bringen unsere Gesellschaft weiter, nicht das Heer der angepassten Mitläufer und Erfüllungsgehilfen.
Referendumm 06.03.2019
4. Querdenker?
Was bitteschön soll an dem Ingenieur G. Schuh nun querdenkerhaft sein? Das tausendste nutzlose Lifestyle e-mobil - na supi! Seine Leistungen sind bisher eher dürftig - inkl. Konkurs. Und den ach so tollen [...]
Was bitteschön soll an dem Ingenieur G. Schuh nun querdenkerhaft sein? Das tausendste nutzlose Lifestyle e-mobil - na supi! Seine Leistungen sind bisher eher dürftig - inkl. Konkurs. Und den ach so tollen Streetscooter-Kram will die Post liebend gerne wieder loswerden - den Schrott will nur keiner haben! "Heimlich sucht die Post schon Investoren für den StreetScooter Das unschöne Ende des gelben Elektro-Märchens ... Ihr selbst gebautes E-Mobil hat der Deutschen Post einen PR-Coup sondergleichen beschert. Trotzdem muss sie das Projekt jetzt wieder loswerden. Sonst droht ein Desaster." DAS steht auf den Schwesterseiten von SPON im www.manager-magazin.de
frenchie3 06.03.2019
5. Haben wollen
Wenn dieser Preis durchkommt
Wenn dieser Preis durchkommt

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