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Mobilität

Chinas Luxusmarke Hongqi

Rote Fahne im Aufwind

Ihre besten Tage hatte Chinas Luxusautomarke Hongqi unter Mao. Heute geben deutsche Hersteller in der Volksrepublik den Ton an. Doch nun bereitet ein Ex-Rolls-Royce-Manager von München aus ein Comeback vor.

FAW
Von
Freitag, 23.11.2018   08:16 Uhr

Manche Männer legen sich in der Midlife Crisis einen neuen Sportwagen zu. Giles Taylor hat zum 50. Geburtstag einen radikaleren Schritt gemacht.

Der Brite gab seinen prestigeträchtigen Posten als Designchef von Rolls-Royce auf und wechselte im Sommer zu einer Marke, die kaum einer kennt: Hongqi. Taylor soll der Luxustochter des chinesischen Automobilkonzerns FAW ein Gesicht geben. Dafür hat er daheim in München ein eigenes Studio bekommen. Das soll im neuen Jahr mit zunächst 50 und später deutlich mehr Mitarbeitern die Arbeit aufnehmen.

FAW hat mit Hongqi viel vor

Auf den ersten Blick ist dieser Schritt ein gewaltiger Abstieg. Doch Taylor interpretiert den Wechsel anders. Wer mit ihm spricht, hört schnell heraus: Rolls Royce ist bei aller Reputation vielleicht gar nicht der ideale Arbeitgeber. Nur alle Schaltjahre kommt mal ein neues Auto auf den Markt, und mit der Premiere von Phantom und Cullinan ist das Pulver für dieses Jahrzehnt schon verschossen.

Der Job für die Chinesen sei wiederum attraktiv: Weil Taylor in München arbeitet und nicht nach Changchun ziehen muss. Weil Hongqi (chinesisch für "Rote Fahne") die erste und einzige lokale Luxusmarke auf dem größten Automobilmarkt der Welt ist. Und weil die Chinesen damit noch viel vorhaben.

17 neue Modelle bis 2025

Der neue Chef von FAW, Xiu Liu Ping, will der verstaubten Marke zu neuem Glanz verhelfen. Sie soll die Dominanz der deutschen Marken Audi, BMW und Mercedes brechen und zum angesagtesten Luxuslabel auf den Straßen der Volksrepublik werden.

Satte 17 neue Modelle soll Hongqi deshalb bis zum Jahr 2025 aufbieten - und Taylor wird sie gestalten. In gut sechs Jahren sind das mehr Autos, als mancher Designer in seinem ganzen Berufsleben zu verantworten hat - und mehr, als Rolls-Royce in seiner gesamten Firmengeschichte präsentiert hat.

Es soll Luxusliner auf dem Niveau von Rolls-Royce geben, dazu Businesslimousinen wie den Fünfer und den Siebener von BMW, auch Sportwagen sind dabei und schließlich die unvermeidlichen Crossover, die zwischen Kombi, SUV und Van angesiedelt sind.

Schwerpunkt Elektroautos

Die Mehrzahl der Modelle sind Plug-in-Hybride und vor allem Elektrofahrzeuge. Bei den Batteriewagen haben die Designer noch mehr Freiheiten, da sich kleine E-Motoren platzsparend unterbringen lassen.

Taylor muss dabei nicht nur an die Bedürfnisse chinesischer Autofahrer denken. Zwar wolle sich Xiu Liu Ping zunächst auf den Markt der Volksrepublik konzentrieren, sagt Taylor. Doch mittelfristig hat FAW für die "Rote Fahne" eine globale Perspektive. Taylors Entwürfe könnten deshalb durchaus internationale Bedeutung erlangen.

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Im Ausland ist Hongqi bisher allerdings nur aus TV-Übertragungen bekannt. Denn die seit 1958 gebauten Luxuslimousinen werden vom ersten Tag an bei Paraden, Parteikongressen und Staatsbesuchen eingesetzt.

So ließ sich bereits der große Vorsitzende Mao im offenen Paradewagen mit Chrom und Heckflossen seinem Volk vorführen. US-Präsident Nixon wurde damit genauso abgeholt wie Bundespräsident Joachim Gauck.

Das Modell L5 ist bis heute dem Staats- und Parteiapparat vorbehalten, nur die anderen Modelle werden frei verkauft. Anfangs wurden die Wagen auf Basis von Chrysler-Technik und später mithilfe von Joint-Venture-Partner VW auf abgelegten Audi-Modellen gebaut.

Bisher schlappe Verkaufszahlen

Die aktuellen Verkaufszahlen sind bescheiden: Hongqi kommt im ganzen Jahr nur auf knapp 10.000 Zulassungen. Mercedes setzte allein im Oktober mehr als 50.000 Autos in China ab. Und so klingen Xiu Liu Pings Pläne etwas hochtrabend, wenn er bis zum Ende der Dekade die Produktion auf 100.000, bis 2025 auf 200.000 und bis 2030 auf 300.000 Autos im Jahr steigern will.

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Hongqi: Maos automobiles Erbe

Das sei ambitioniert, findet Experte Jack Yu. Der Herausgeber der angesehenen Branchenzeitung China Automotive Business Review glaubt aber, dass Hongqi die Ziele erreichen kann.

Erstens, weil Hongqi als historisch bedeutendste Marke im Land die größte Aufmerksamkeit genießt und die volle Rückendeckung des Staats hat. Dadurch sei der Hersteller faktisch finanzkräftiger als jeder andere Autohersteller auf der Welt, sagt Yu, und somit gerüstet für eigene Entwicklungen und Zukäufe.

Spezielle Angebote für hohe Staatsbeamte

Zweitens sei Xiu Liu Ping schlicht ein guter Manager. "Der Mann ist ein kluger Kopf, beweist Reformwillen und nimmt sich selbst nicht so wichtig", sagt Yu. "Wenn er FAW auf Vordermann bringt und die Rote Fahne wieder hissen kann, stehen ihm in Peking noch viel mehr Türen offen."

Ping habe bereits einige solide Modelle wie den H5 auf den Weg gebracht, die bei den Kunden gut ankämen. Sein Slogan von "New Noble" komme bei der chinesischen Elite gut an. Spezielle Angebote für hohe Staatsbeamte und private Kunden in großen Städten wie Peking oder Shenzhen seien wohl durchdacht.

Die betuchte Kundschaft hatte sich in den vergangenen Jahrzehnten allerdings zunehmend und ganz bewusst mit westlichen Wagen als Statussymbol geschmückt. Es liegt nun auch an Giles Taylor, diesen Trend ausgerechnet mit Autos zu brechen, die ihre Wurzeln tief im Kommunismus haben.

insgesamt 16 Beiträge
multimusicman 23.11.2018
1. Man sollte China nicht unterschätzen, aber
mit diesem Konzept und vor allem Design wird das nichts. Ein richtig cooles Hybridmodell mit 6 Zylindern für zügiges Fahren bei freier Strecke und einer Reichweite von 800 plus Kilometern als klassische Limousine wäre da [...]
mit diesem Konzept und vor allem Design wird das nichts. Ein richtig cooles Hybridmodell mit 6 Zylindern für zügiges Fahren bei freier Strecke und einer Reichweite von 800 plus Kilometern als klassische Limousine wäre da schon besser. Außerdem wird es von diesen Autos nie Videos auf YouTube geben, wo diese von Holländern ohne Wohnwagen mit 250plus über die linke Spur gejagt werden. Völlig hirnrissig, aber bei potenziellen Käufern ein wichtiges Argument. Ironie aus.
Dogbert 23.11.2018
2. Na, mal sehen
wenn die chinesischen Modell ähnlich uninspiriert und potthässlich werden wie die Rolls Royce braucht man sich bei BMW, Mercedes oder Jaguar sicher keine Sorgen machen.
wenn die chinesischen Modell ähnlich uninspiriert und potthässlich werden wie die Rolls Royce braucht man sich bei BMW, Mercedes oder Jaguar sicher keine Sorgen machen.
Ogim 23.11.2018
3. Quellen?
Auf welchen Zahlen beruht die Aussage der „deutschen Vorherrschaft“? Alle Marktsegmente-bestimmte Marktsegmente? Das gilt doch bestimmt nicht für die verkauften Elektrofahrzeuge?
Auf welchen Zahlen beruht die Aussage der „deutschen Vorherrschaft“? Alle Marktsegmente-bestimmte Marktsegmente? Das gilt doch bestimmt nicht für die verkauften Elektrofahrzeuge?
mikko11 23.11.2018
4.
Das Hongqi-Modell im Retro-Design müsste man vielleicht mit dem Toyota Century vergleichen. Optisch aus der Zeit gefallen, technisch aber nicht ohne.
Zitat von multimusicmanmit diesem Konzept und vor allem Design wird das nichts. Ein richtig cooles Hybridmodell mit 6 Zylindern für zügiges Fahren bei freier Strecke und einer Reichweite von 800 plus Kilometern als klassische Limousine wäre da schon besser. Außerdem wird es von diesen Autos nie Videos auf YouTube geben, wo diese von Holländern ohne Wohnwagen mit 250plus über die linke Spur gejagt werden. Völlig hirnrissig, aber bei potenziellen Käufern ein wichtiges Argument. Ironie aus.
Das Hongqi-Modell im Retro-Design müsste man vielleicht mit dem Toyota Century vergleichen. Optisch aus der Zeit gefallen, technisch aber nicht ohne.
AGCH 23.11.2018
5.
Ein L5 ein, zwei Nummern kleiner als Coupé, das könnte mir gefallen. Nicht im Windkanal rundgelutscht, aber sicherlich nicht mit den hiesigen Fussgängerschutzrichtlinien vereinbar. Schade.
Ein L5 ein, zwei Nummern kleiner als Coupé, das könnte mir gefallen. Nicht im Windkanal rundgelutscht, aber sicherlich nicht mit den hiesigen Fussgängerschutzrichtlinien vereinbar. Schade.

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