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Mobilität

Deutsche Autobauer auf der IAA 2019

Zu grün, um wahr zu sein

Die IAA steht im Zeichen der Klimakrise. Angesichts angekündigter Proteste von Umweltaktivisten überbieten sich die Hersteller auf der IAA mit ökologischen Superlativen. Die Realität auf den Ständen sieht anders aus.

Foto: Getty Images
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Mittwoch, 11.09.2019   16:23 Uhr

Bei einem Rundgang wirkt die IAA wie ein Wochenmarkt, auf dem Marktschreier ihre Waren feilbieten, je lauter desto besser. In den Messehallen, so hört es sich an, wird soeben ein Wettbewerb ausgetragen, wer die umweltfreundlichsten Autos im Angebot hat. Die Hersteller überbieten sich gegenseitig mit Argumenten, wer am engagiertesten und schnellsten die grüne Kehrtwende vollzieht.

Beispiel BMW: "Bis Ende 2021 wollen wir insgesamt eine Million elektrifizierte Fahrzeuge auf die Straße gebracht haben", verkündet Oliver Zipse, Vorstandschef bei BMW auf der IAA in Frankfurt. Bis 2023 sollen 25 elektrifizierte Modelle angeboten werden, mehr als die Hälfte davon vollelektrisch. Künftige Generationen von Elektromotoren sollen "ohne seltene Erden hergestellt und das Kobalt für die Batteriezellen direkt aus Minen in Australien und Marokko bezogen" werden.

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Die Neuheiten die IAA 2019: Fette SUV und süße Kleine

Kein anderer Hersteller habe 2019 mehr elektrifizierte Automobile verkauft als BMW, so Zipse stolz. In Norwegen seien inzwischen drei von vier verkauften Fahrzeugen E-Fahrzeuge. Rund zehn Minuten spannt der Vorstand den Bogen um BMWs Nachhaltigkeitsbemühungen immer weiter, bis schließlich die erste Premiere auf die Bühne rollt: der BMW Concept 4, ein vollelektrisches Coupé, das ab 2021 als BMW i4 auf den Markt kommen soll.

Wenig Elektro, viel PS

Klingt erst mal gut. Schaut man sich dann auf dem Messestand allerdings genauer um, ist die Realität eine andere. Statt zahlreicher Elektroautos stehen dort leistungsstarke Coupés oder dicke SUVs herum, automobile Monolithen aus grauer Vorzeit. Viele der ausgestellten Fahrzeuge haben sechs oder acht Zylinder und nicht selten 600 PS unter der Haube.

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IAA 2019: Zu grün, um wahr zu sein

Die faktischen Premieren der Bayern auf der Messe. Das BMW 8er Gran Coupé, oder das neue BMW M8 Coupé mit V8 Motor, 625 PS und einer Höchstgeschwindigkeit von 305 km/h. Auf die Bühne rollen diese Modelle bei der Pressekonferenz allerdings nicht, fast scheint es, als wolle BMW die bittere Wahrheit verheimlichen. Ob das daran liegt, dass derartige PS-Boliden die gereizte Stimmung in der Klimadebatte, die sich mit Protesten bei der IAA zum Wochenende angekündigt hat, weiter anheizen könnten, lässt sich nur mutmaßen.

Auch bei Audi ist die Auswahl an Elektro-Neuheiten dünn. Trotzdem verkünden auch die Ingolstädter Großes und Grünes. "Die Zukunft ist elektrisch", jubiliert Audi-Chef Bram Schot. Bis 2025 wolle Audi 30 elektrifizierte Modelle auf den Markt bringen, davon 20 reine E-Modelle. "Wir sind Taktgeber für die alltagstaugliche E-Mobilität", brüstet sich Schot.

Audi zeigt elektrisches Mondauto

Der vollmundigen Ankündigung folgt dann - nichts: Die einzige elektrische Neuheit, die Audi auf die Bühne rollt, ist das Konzeptauto Audi Ai:Trail: ein vollelektrischer Offroader mit neuartigem Karosseriekonzept, das Auto sieht aus wie ein Mondfahrzeug. Audi-Vorstand Bram Schot nennt es trotzdem wacker die "schönste Form nachhaltiger Mobilität". Serienproduktion? Eher unwahrscheinlich.

Die zweite IAA-Premiere passt dann rein gar nicht zur ausgerufenen Elektro-Revolution: der neue Audi RS7 Sportback mit Vierliter-V8-Motor, 600 PS und optionaler Höchstgeschwindigkeit von 305 km/h. So bleibt das Modell e-tron bis auf Weiteres der einzige verfügbare Stromer aus Ingolstadt.

Eine Halle weiter hat Daimler-Vorstandschef Ola Källenius ebenfalls Großes vor: Bis 2022 soll die Fahrzeugproduktion von Mercedes in Europa komplett CO2-neutral sein, bis 2030 soll jedes zweite verkaufte Fahrzeug ein E-Auto sein und bis 2039 soll schließlich die gesamte Flotte CO2-neutral sein.

Honda fährt vor, Mercedes bleibt zurück

Auf der Messe scheint die Elektro-Offensive bei Mercedes aber noch in weiter Ferne. Dort steht mit der Studie EQ S eine elektrische Alternative zur S-Klasse. Das künftige Spitzenmodell der elektrischen EQ-Familie mit einem 450 PS-starken Motor soll bis zu 700 Kilometer Reichweite haben. Die Höchstgeschwindigkeit liegt laut Mercedes bei mehr als 200 km/h. Mit dem EQV zeigt Mercedes zudem die Elektroversion der V-Klasse, die ab 2020 auf den Markt kommen soll. Einziges derzeit schon verfügbares E-Modell ist der EQC.

Flankiert werden die elektrischen Neuheiten bei Mercedes von fünf neuen Plug-in-Hybriden der A- und B-Klasse, und zwei SUV-Derivaten des GLE und GLC, die zumindest streckenweise elektrisch fahren können. Aber auch bei den Stuttgartern prägen vor allem leistungsstarke Modelle das Bild auf der Messe. Darunter beispielsweise das neue Mercedes-AMG GLE Coupé mit Sechszylindermotor und 435 PS.

Dass es auch anders geht, zeigt beispielsweise Opel mit dem kompakten Elektroauto Corsa-e mit 136 PS und 330 Kilometern Reichweite. Der japanische Hersteller Honda zeigt den serienreifen Honda e mit 153 PS und 220 Kilometern Reichweite.

VW hält sich zurück - und liefert

Unter den großen deutschen Herstellern gibt sich die Marke VW vergleichsweise zurückhaltend. Zwar kündigte Konzernchef Herbert Diess an, bis 2028 fast 70 neue Elektroautos auf den Markt bringen zu wollen und rechnete vor, dass das "in Summe bis dahin 22 Millionen Elektroautos" des Konzerns bedeuteten. Allerdings konzentrierte sich VW auf die Präsentation des neuen Elektroautos ID.3, mit dem die Elektromobilität massentauglich werden soll. Ansonsten zeigte VW neben einer neuen Version des Elektrokleinwagens e-Up noch das T-Roc Cabrio als Premiere auf dem Messestand. Übermotorisierte Luxuslimousinen oder PS-starke SUV gab es hingegen nicht.

Dass viele große Hersteller auch weiterhin auf große Spritfresser setzen hat zwei Gründe: Erstens sind SUV bei den Kunden noch immer sehr gefragt, rund jeder fünfte neuzugelassene Pkw ist ein SUV. Zweitens verkaufen sich die großen Autos in China derzeit noch gut. Mit einem Anteil von 40 Prozent aller verkauften Autos ist China der wichtigste Absatzmarkt für den VW-Konzern. Bei Daimler und BMW liegt dieser Anteil bei rund einem Viertel. Da China den Wechsel auf E-Mobilität aber zunehmend durch Gesetze und Subventionen vorantreibt, müssen die deutschen Hersteller auch dort umdenken. Die IAA wäre eine gute Möglichkeit dafür gewesen.

insgesamt 112 Beiträge
cph4 11.09.2019
1.
warum haben sich die hersteller auf Batterie so eingeschossen ? schade das man nicht wirklich an Alternativen arbeitet wie brennstoffzelle.
warum haben sich die hersteller auf Batterie so eingeschossen ? schade das man nicht wirklich an Alternativen arbeitet wie brennstoffzelle.
Mantrisse 11.09.2019
2. Ab in die Planwirtschaft
Tja, da lassen sie sich treiben, in die Planwirtschaft. Als nächstes dann der Ruf nach Subventionen, um "weiter voran zutreiben", was nicht voran zutreiben ist, weil die Physik es einfach nicht erlaubt. Und zum Schluss [...]
Tja, da lassen sie sich treiben, in die Planwirtschaft. Als nächstes dann der Ruf nach Subventionen, um "weiter voran zutreiben", was nicht voran zutreiben ist, weil die Physik es einfach nicht erlaubt. Und zum Schluss der Schrei nach Verboten und Geboten, die Käufer zu zwingen. Also so vorhersehbar und zum Scheitern verurteil.
dirkcoe 11.09.2019
3. Treckerchen, Panzer.....und heisse Luft
wäre wohl das ehrliche Motto der IAA gewesen. Konzeptstudien, Ankündigungen, aber SUV mit Diesel die tatsächlich gekauft werden können. Ein Besuch lohnt also nicht. Bleibt nur unseren Autobauern Alles Gute für die Zukunft zu [...]
wäre wohl das ehrliche Motto der IAA gewesen. Konzeptstudien, Ankündigungen, aber SUV mit Diesel die tatsächlich gekauft werden können. Ein Besuch lohnt also nicht. Bleibt nur unseren Autobauern Alles Gute für die Zukunft zu wünschen - der Abstieg in die zweite Liga dürfte ausgemacht sein.
gm-nk 11.09.2019
4. Positiv
Freuen wir uns doch, dass so viele E-Prototypen vorgestellt werden. Das zeigt, dass sich die Autoindustrie mit dem Thema auseinandersetzt. Das führt dann vielleicht auch dazu, dass in 5-10 Jahren die benötigte Lade-Infrastruktur [...]
Freuen wir uns doch, dass so viele E-Prototypen vorgestellt werden. Das zeigt, dass sich die Autoindustrie mit dem Thema auseinandersetzt. Das führt dann vielleicht auch dazu, dass in 5-10 Jahren die benötigte Lade-Infrastruktur steht. Wir sollten uns aber auch freuen, dass die Chinesen nach wie vor auf große Autos und SUVs stehen. Das bringt den Automobilkonzernen die nötigen Erträge, um den Umstieg auf E-Mobilität zu verkraften.
claus7447 11.09.2019
5. Darauf warte ich auch..
Was wurde eigentlich aus dem Langzeitprojekt, das Daimler-Mercedes in Island mit Bussen machte. Es wurde sang und klanglos eingestellt. Hat man kalte Füße bekommen. M.E. ist dies die Zukunftslösung - E-Mobilität ja aber [...]
Zitat von cph4warum haben sich die hersteller auf Batterie so eingeschossen ? schade das man nicht wirklich an Alternativen arbeitet wie brennstoffzelle.
Was wurde eigentlich aus dem Langzeitprojekt, das Daimler-Mercedes in Island mit Bussen machte. Es wurde sang und klanglos eingestellt. Hat man kalte Füße bekommen. M.E. ist dies die Zukunftslösung - E-Mobilität ja aber nicht via Batterie - das wird sicherlich eine für die nächsten 15-20 Jahre interessante Zwischentechnologie.

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