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Mobilität

CSU-Kandidatin Kristina Frank

Ja, sie ist mit dem Radl da

Die CSU war lange die Autofahrerpartei schlechthin. Doch plötzlich entdeckt sie das Thema Radverkehr für sich - wie Kandidatin Kristina Frank im Wahlkampf um das Münchner Rathaus. Ist die plötzliche Ergrünung glaubhaft?

Martin Augsburger

Kristina Frank (CSU), kandidiert für das Amt der Oberbürgermeisterin in München

Von , München
Dienstag, 02.07.2019   15:45 Uhr

Das Markenzeichen von Kristina Frank ist ihr Fahrrad. Selbst zu öffentlichen Terminen fährt die Münchner Kommunalreferentin am liebsten auf zwei Rädern. Häufig ist der Kindersitz noch draufmontiert, mit dem Helmtragen tue sie sich allerdings schwer, erzählt die 38-jährige CSU-Kommunalpolitikerin.

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Heft 27/2019
Das Su­per­or­gan
Der Darm und das Geheimnis eines langen Lebens

Die CSU hat eine Spitzenkandidatin, die Fahrrad fährt. Dass das schon aufmerken lässt, zeigt, wie stark die Christsozialen immer noch als Autofahrerpartei wahrgenommen werden. Ein Ruf, den die Parteistrategen nun zumindest modifizieren möchten.

2020 werden in München und in vielen anderen Großstädten Bayerns neue Oberbürgermeister gewählt. In München tritt Frank gegen den beliebten Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) an. In anderen Städten bestreiten bislang weitgehend unbekannte Kandidatinnen und Kandidaten das Rennen.

Für alle gilt: Mit einer reinen Lobbypolitik für die Autofahrer ist auch in Bayerns Großstädten nicht mehr viel zu gewinnen. Dazu hat sich die Klientel auch in der Heimat von BMW, Audi und Co. zu stark verändert. Überall setzen sich Initiativen und Verbände für mehr Radwege ein. Nach ihren Erfolgen bei der Bundestags- und der Landtagswahl könnten die Grünen zur stärksten politischen Kraft in den bayerischen Großstädten aufsteigen.

Carpool-Karaoke auf dem Fahrrad

Nur wenige Bewerber setzen bei ihrer Kampagne allerdings so stark auf das Fahrrad wie die Münchnerin Frank. Für ihren Wahlkampf hat sich die Kandidatin eigens einen Fahrrad-Viersitzer mit Elektroantrieb aus Italien importieren lassen. Sie lässt für "Bike-Talks" Gesprächspartner zusteigen, alles schön gefilmt und gepostet. Vorbild ist das Fernsehformat Carpool-Karaoke, nur eben mit dem Fahrrad.

"Für mich wäre es komisch, ins Auto umzusteigen", sagt Frank. "Das Auto, das wäre nicht ich." Das Gefährt hat einen Baldachin, neben dem CSU-Logo ist der Satz zu lesen: "Kristina Frank tritt an."

STL/ imago images

Carpool-Karaoke auf Bayerisch: Das Wahl-Vehikel von Kristina Frank

Allerdings steht sowohl bei der Münchner Kandidatin Frank als auch bei der Gesamt-CSU der Nachweis aus, dass man es wirklich ernst meint mit der Fahrradoffensive. Die Juristin Frank ließ nach ihrem Wechsel in die Verwaltung im Innenhof des Rathauses zweistöckige Fahrradständer installieren, zwei Autoparkplätze mussten weichen.

Zu weiteren Einschnitten äußert sie sich eher zurückhaltend. 700.000 Autos seien allein im Stadtgebiet angemeldet. "Die Autos müssen ja irgendwo hin. Wir können nicht einfach Parkplätze wegnehmen." Überhaupt wehre sie sich gegen eine Bevormundung einzelner Verkehrsteilnehmer. "Wir sind dagegen, zu sagen, etwas wäre das einzig Richtige."

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Anstatt den Autos durch große Fahrrad-Highways Spuren wegzunehmen, zum Beispiel in der Münchner Leopoldstraße, wirbt Frank für parallele Routen entlang von Nebenstraßen. Sie will den Parksuchverkehr durch spezielle Apps verringern, der Verkehr solle insgesamt besser fließen.

Kampf um jeden Parkplatz

Verkehrsplaner wissen indes um die unausweichliche Flächenkonkurrenz der Verkehrsmittel, für die meisten Planer ist klar, dass die Autos Platz abgeben müssen, zumal in einer boomenden Metropole wie München. Die Stadt ist seit der Jahrtausendwende um rund eine Viertelmillion Einwohner gewachsen, wegen der hohen Mietpreise steigt auch die Zahl der Pendler.

Matthias Balk/ DPA

Mittlerer Ring in München: permanenter Verkehrsinfarkt

Während die Spitzenkandidatin Wahlkampf auf dem Fahrrad macht, kämpfen ihre Parteifreunde um jeden Parkplatz, der wegfallen soll, zum Beispiel in der Münchner Fraunhoferstraße zugunsten roter Fahrradstreifen.

Jahrzehntelang belächelte die ländlich geprägte und großlimousinenorientierte Partei das Thema Fahrrad. Die von der CSU gestellten Bundesverkehrsminister verstanden sich vor allem als Interessenvertreter der Autoindustrie. Neuerdings verpflichtet Parteichef Markus Söder die CSU auch auf die Belange der Großstädte, auf Wohnen, Verkehr und Infrastruktur.

Das über Jahrzehnte SPD-regierte München nennt sich selbstbewusst "Radlhauptstadt", was eher als Ziel denn als eine Zustandsbeschreibung zu verstehen ist. Seit 2017 hat die Stadt einen eigenen Fahrradbeauftragten, 70 Straßen sind als Fahrradstraßen ausgewiesen, auf denen die Radfahrer zumindest theoretisch Vorrang haben.

Peter Kneffel/ DPA

Radverkehr in München: reine Symbolpolitik?

Fahrradverbände wie dem ADFC geht das alles zu langsam. Sie hören auch die neuen Töne aus der Politik mit Skepsis. "Bisher war meistens dann Schluss, wenn man den Autofahrern etwas wegnehmen musste", kritisiert Andreas Groh, der Münchner Vorsitzende des ADFC. "Die nötigen Konflikte trägt man lieber nicht aus."

Statt auf die neue grüne Welle in der Kommunalpolitik setzt man dort lieber auf die eigene Kampagnenmacht. In München laufen derzeit zwei Bürgerbegehren für besseren Radverkehr, eines davon setzt sich für einen Ring-Radweg auf dem Münchner Altstadtring ein. Beide haben bereits die erste Stufe im Ablauf genommen, sind sie erfolgreich, muss die Politik die Vorgaben umsetzen.

Vorbild ist das erfolgreiche Volksbegehren "Rettet die Bienen" auf Landesebene. Es hat auch den Fahrradfreunden Mut gemacht - als Beweis dafür, dass sich in Bayern Mehrheiten jenseits der CSU organisieren lassen.

insgesamt 14 Beiträge
haarer.15 02.07.2019
1. Leere Symbolik
Sie ist erst seit August 2018 Kommunalreferentin und noch nicht lange OB-Kandidatin. Wenn Kristina Frank gerade seit kurzem die Fahrrad-Offensive ergreift, so wird ihr das wohl kaum jemand glaubwürdig abnehmen. Und ein Helm ist [...]
Sie ist erst seit August 2018 Kommunalreferentin und noch nicht lange OB-Kandidatin. Wenn Kristina Frank gerade seit kurzem die Fahrrad-Offensive ergreift, so wird ihr das wohl kaum jemand glaubwürdig abnehmen. Und ein Helm ist auch Neuland für sie. Frau Frank - so wird das nix ! Im Prinzip sind die Akteure aus dem christlich-sozialen Umfeld auch nur künstlich grün angestrichen. Am deutlichsten nimmt man das bei Herrn Söder wahr. Bei dem ist die Heuchelei über grüne Themen leider am stärksten ausgeprägt.
biesi61 02.07.2019
2. Immerhin kann man in der CSU Ansätze von Lernfähigkeit erkennen.
Das ist um Lichtjahre weiter als alles, was CDU, FDP oder AfD zu bieten haben! (Man muss sie deshalb natürlich nicht gleich wählen, sondern sollte erstmal die Nachhaltigkeit dieses lobenswerten Sinneswandels abwarten.)
Das ist um Lichtjahre weiter als alles, was CDU, FDP oder AfD zu bieten haben! (Man muss sie deshalb natürlich nicht gleich wählen, sondern sollte erstmal die Nachhaltigkeit dieses lobenswerten Sinneswandels abwarten.)
spon_pix 02.07.2019
3. das Fahrrad ist kein Politikum
sondern das Verkehrsmittel erster Wahl vor allem in der Stadt. insofern hat Radfahren für mich nichts mit Glaubwürdigkeit zu tun, sondern mit Umdenken. Ich finde das prima :-)
sondern das Verkehrsmittel erster Wahl vor allem in der Stadt. insofern hat Radfahren für mich nichts mit Glaubwürdigkeit zu tun, sondern mit Umdenken. Ich finde das prima :-)
flammermann 02.07.2019
4. Greenwashing
In neudeutsch nennt man das Greenwashing, was Frau Frank da aufführt. Das haben Firmen wie Henkel oder Shell bereits erfolgreich eingesetzt. Es ist deutlich günstiger und erfolgreicher, sich einen grünen Anstrich zu verpassen [...]
In neudeutsch nennt man das Greenwashing, was Frau Frank da aufführt. Das haben Firmen wie Henkel oder Shell bereits erfolgreich eingesetzt. Es ist deutlich günstiger und erfolgreicher, sich einen grünen Anstrich zu verpassen und ihn lautstarkt zu kommunizieren, als wirklich etwas zu ändern. Ob auf die tollen Ankündigungen dann wirklich etwas folgt, wenn man gewählt wurde, bekommen eh nur die wenigsten mit.
kumi-ori 02.07.2019
5.
Dieser Artikel ist schon recht onkelhaft. Natürlich fahren auch CSU-Wähler im Stadtverkehr mit dem Fahrrad, insbesondere dann, wenn sie wenig Zeit haben. Das stundenlange Warten im Berufsverkehr ist hingegen ein beliebtes [...]
Dieser Artikel ist schon recht onkelhaft. Natürlich fahren auch CSU-Wähler im Stadtverkehr mit dem Fahrrad, insbesondere dann, wenn sie wenig Zeit haben. Das stundenlange Warten im Berufsverkehr ist hingegen ein beliebtes Pendlervergnügen. Auch der Trend, Geschäfte, Schulen, Krankenhäuser und Arztpraxen auf dem Land zunehmend auszudünnen, macht die Menschen auf dem Land vom Auto abhängig. Da die Landbewohner jedoch überwiegend CSU-Wähler sind, sind die Autofahrer und CSU-Wähler zwangsläufig in der Tendenz identisch. Ich erwarte mir vor allem realistische und konstruktiver Planung von allen beteiligten. München ist weit dichter besiedelt als alle vergleichbaren europäischen Städte, da bleibt für Verkehr, egal, ob Auto oder Fahrrad, entsprechend wenig Fläche übrig. Das Fahrrad ist schon gut, aber bei Wolkenbruch, Glatteis und Temperaturen über 35oC ist es schon weniger attraktiv und ich würde deshalb in erster Linie auf einen Ausbau des unterirdischen ÖPNV (U- und S-Bahn) zu dem Massentransprotmittel setzen, das er mal in den 80er und 90er-Jahren gewesen ist. Die Kapazität muss erhöht und Stromausfälle und Signalstörungen müssen abgeschafft werden, um der gewachsenen Bevölkerung Rechnung zu tragen. Für Pendler muss es schon weit draußen Park- and Ride-Plätze geben, am besten dauerhaft vermietet, so dass der Parkplatzsuchverkehr abgeschafft wird. Dann können alle entspannt mit der U-Bahn in die Stadt reinfahren. Eine Alternative gibt es nicht, denn auch eine CSU kann die Straßen nicht verbreitern. Das sieht Frau Frank ganz richtig.

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