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Mobilität

Offroad-Architekt

Diddie macht Mountainbiker froh

Wer das Mountainbike-Fahren beherrscht, rast oft auf Diddie Schneiders Pisten im Affentempo ins Tal. Seit 25 Jahren baut er weltweit Bikeparks und Parcours. Er ist der begehrteste Streckenarchitekt in Deutschland und erfindet immer wieder die perfekte Bahn - für Weltmeister und Wochenendfahrer.

Annette Wazian
Von
Donnerstag, 04.11.2010   08:44 Uhr

Als Diddie Schneider selbst noch Radprofi war, gab es noch nicht die Aufteilung zwischen Freeride, Downhill oder Four Cross. Schneider fuhr BMX-Rad und probierte damit alles aus, was heute in Spezialdisziplinen unterteilt ist. Er weiß genau, was Fahrer auf ihrem Trail brauchen, um Spaß zu haben.

Mit 17 hat Schneider den ersten BMX-Parcours für sein Heimatdorf Aichwald entworfen. Pläne für die Strecke hatte der sechsfache Baden Württembergische BMX-Rad-Meister genug. Während des Unterrichts zeichnete er sie in seine Schulhefte. "Mit so was kann man kein Geld verdienen", schüttelte sein Mathelehrer damals missbilligend den Kopf.

Man nicht, Schneider schon. Mehr als 400 Strecken hat er in den vergangenen 25 Jahren gebaut: Vier große Bikeparks in Deutschland, außerdem Anlagen und Parcours in Israel, Malaysia und Italien. Russland hat auch schon angefragt. Er ist so etwas wie der Großmeister der Szene. Die Strecken, die er baut, brettern Profis ohne Vorab-Begehung hinunter. Das macht ihn stolz, aber auch nachdenklich. "Schließlich ist das eine wahnsinnige Verantwortung," sagt er.

Das Besondere an seinen Strecken ist der Flow. Sie haben eine Eigendynamik. Wer die Kunst des Fahrens beherrscht, tanzt auf ihnen in einem Affentempo ins Tal. Schneiders aktuelle Lieblingsstrecke ist der Freeridetrail in Willingen, selbstverständlich selbstgebaut. "Dort lässt man einfach nur rollen und genießt die Fahrt", sagt er mit leuchtenden Augen.

Knapp drei Kilometer rauscht er dort Steilkurven hinunter, fährt über spezielle Hindernisse, den so genannten Northshore-Trails und springt über Lehmhügel. Schneider liebt das Spiel mit der Schwerkraft und der Fliehkraft in den Kurven. Unten angekommen, spannt sich ein breites Grinsen über sein Gesicht.

"Der kleine Dicke will Downhill fahren"

So viel Dynamik traut man ihm auf Anhieb nicht zu. "Der kleine Dicke will Downhill fahren?", denken viele, die ihn sehen. Das weiß er und das ärgert ihn. Doch trotz seines Übergewichts fährt er alles, was er baut, auch selbst. "Nicht mehr die WM-Parcours", schränkt er ein.

Von immer weiter, immer höher im Streckenbau hält er nichts. "Sinnvoll sind Sprünge, die vielleicht nicht so hoch sind, bei denen die Leute aber Tricks machen können", findet er. An einem Sprung kann man ewig Spaß haben. Als Knirps hüpfte er Nachmittage lang mit seinen Freunden Treppen rauf und runter. Als Erwachsener ist er in mehr als 700 Bikeshows auf Tische und über Autos gesprungen und hat Uwe Ochsenknecht in dem Film "Fire, Ice & Dynamite" bei den Bike-Stunts gedoubelt.

Ernsthaft passiert ist ihm nie etwas. Sein schlimmster Unfall während seiner Profizeit war ein Schlüsselbeinbruch. "Ich bin ein Angsthase, ich wollte immer ans Limit, mir aber auf keinen Fall wehtun", sagt er und grinst. Schneider ist ein Sicherheitsfreak. Er wägt Risiken ab und plant Stunts wie Bikeparks akribisch bis ins kleinste Detail - wie sein Vorbild, der Stuntman Harry Froboess. Der doubelte 58 Stars in 412 Filmen, ohne sich je ernsthaft zu verletzen. Mit 70 machte der Mann noch einen Kopfsprung aus 40 Meter Höhe in den Zürichsee. So was fasziniert den Schwaben.

"Warum fahren wir eigentlich nicht bergab?"

Ebenso wie unkonventionelle Ideen. Als sein erster Parcours fertig war, überlegte er laut: "Warum fahren wir eigentlich nicht bergab, statt nach oben?" An Mountainbikes wie man sie heute kennt dachte damals noch niemand und seine Freunde frotzelten: "Und weil du so ein fauler Sack bist, bauen wir dir auch noch 'n Lift?"

Schneider grinst: "1999 habe ich dann meinen Bikepark in Bischofsmais eröffnet - mit Lift." Mit dem "Geißkopf" hat er sein persönliches Bikepark-rundum-perfekt-Paket verwirklicht: Dazu gehört ein Fahrradverleih mit Werkstatt, Unterricht für jedermann und ein Trainingsparcours zum Üben von Sprungkombinationen, Steilabfahrten und einigen Kurven zum Verbessern der Kurventechnik. Hier testen die Fahrer ihr Können und entscheiden, welche der neun Geißkopf-Strecken sie im Gelände wählen.

"Mountainbike-Fahren hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert," sagt Schneider. Es ist zum Familiensport geworden. Die Kinder fahren mit ihren Eltern ins Gebirge und in die Bikeparks. Die Furchtlosigkeit der Kleinen begeistert ihn.

"Die Kids heute haben ein ganz anderes Selbstverständnis als wir", sagt er. Sie kennen die YouTube-Videos, in denen die Leute mit ihren Rädern aus sechs Meter Höhe springen und wissen: das geht. Im Bikepark springen die Kinder sofort aus zwei Meter Höhe. Die 0,5 und einen Meter hohen Stufen lassen sie links liegen. "Die machen sich gar keine Gedanken, ob es geht oder nicht. Sie schaffen das, weil sie wissen, dass es geht."

Dieses Urvertrauen fehlt vielen Erwachsenen. Sie trauen sich nicht, steile Rampen herunterzufahren. Um ihnen mehr Sicherheit im Gelände zu geben, hat Schneider ein spezielles Gerät entwickelt. Dort stellen sie ihr Fahrrad drauf und probieren die richtige Gewichtsverlagerung beim Fahren steiler Bergpassagen aus.

"Lernen kann man nur in entspannter Atmosphäre", sagt Schneider. Und weil er will, dass die Leute mit einem Grinsen im Gesicht unten ankommen, bereitet er sie gut vor. Das gibt Sicherheit. "Denn wenn du glaubst du stürzt, wird's auch."

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