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Mobilität

Range Rover Reborn

Frisch ab Werk

Ein 40 Jahre alter Range Rover, der aussieht wie gerade vom Band gerollt: Der Hersteller Jaguar Land Rover hat daraus ein Geschäftsmodell gemacht. Hinter der Traditionspflege der Briten steckt ein Ex-Gabelstaplermanager aus Deutschland.

Land Rover
Aus Paris berichtet
Donnerstag, 09.02.2017   13:59 Uhr

Als Anfang der Siebzigerjahre der Range Rover auf den Markt kommt, wandert er direkt ins Museum: Der Louvre in Paris nimmt das kastenförmige Fahrzeug als erstes Auto überhaupt als Ausstellungstück auf. Ein Geländewagen in direkter Nachbarschaft zur Mona Lisa - Begründung für die Ehrerbietung damals: "beispielhaftes Industriedesign".

Jetzt will der Hersteller Jaguar Land Rover (JLR) die Legende in Paris auffrischen. Auf der Oldtimermesse Rétromobile zeigen die Briten ein sonderbar aufpoliertes Exemplar des Offroaders: Einen Range Rover von 1978, der auf den ersten Blick fabrikneu aussieht. Der Wagen wirkt wie ein Original, das die vergangenen vier Jahrzehnte luftdicht verpackt in einem keimfreien Labor parkte.

Leicht aufgebockt und mit offener Motorhaube wird der Wagen am Stand von Jaguar Land Rover präsentiert, unter ihm liegt ein großer Spiegel, damit er von allen Seiten begutachtet werden kann. Man muss schon ganz genau hinschauen, um die Gebrauchsspuren an ihm zu entdecken: Zum Beispiel die Unebenheiten an der Haubenkante oder die Kratzer am V8-Motor.

"Wir nennen ihn Goldie, wegen seiner Farbe", sagt Tim Hannig, der bei JLR die Klassikersparte leitet. Goldie ist das jüngste Projekt von Hannig und seinem Team. Nach dem Vorbild dieses Geländewagens, dessen korrekte Lackbezeichnung Bahama-Gold lautet, werden mindestens neun weitere Exemplare restauriert.

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Range Rover Reborn: Fabrikneu mit Vierzig

Die Range Rover der ersten Generation werden dazu bis auf die letzte Schraube auseinander genommen. "Wir fragen uns bei jedem Teil, ob es nur gereinigt, vielleicht repariert oder sogar ersetzt werden muss", sagt Hannig. Dann bringen verschiedene Unterabteilungen am Standort Browns Lane in Coventry den Motor, die Karosserie, das Fahrgestell und das Interieur in Schuss.

Der Spenderwagen, auf dem das restaurierte Modell basiert, sollte laut Hannig aus mindestens 80 Prozent Originalteilen bestehen; der Rest könne aus dem Ersatzteillager der Klassikerabteilung besorgt werden, und für die Karosseriebleche hat der Hersteller ein Presswerkzeug produzieren lassen, mit dem sich das Metall wie bei der ursprünglichen Range-Rover-Fertigung bearbeiten lässt. So entstehen Oldtimer, die aussehen wie frisch vom Band. "Wir bauen aber keine neuen Autos, sondern versuchen, soviel wie möglich zu erhalten", sagt Hannig. Goldie, so der 38-Jährige, könne beispielsweise in Deutschland als Oldtimer zugelassen werden. Das ist Autos vorbehalten, die älter als 30 Jahre sind und an denen ein gewisser Grad an Originalität erhalten geblieben ist.

Die fast makellose Erscheinung des Klassikers hat ihren Preis: Sechs bis zehn Monate Handarbeit für den Hersteller - und rund 160.000 Euro für den Kunden. Mithilfe der richtigen Spezialwerkstatt lässt sich ein alter Range Rover auch weitaus preiswerter restaurieren. "Aber nur wir können die Range Rover so herrichten, wie sie wirklich sein sollten", hält Tim Hannig dagegen. Seine Abteilung habe zum Beispiel den Zugang zu allen technischen Dokumenten. "Noch viel wichtiger ist aber der Wissensschatz unserer Mitarbeiter", sagt er. "Zum Beispiel stammte der Teppich im Range Rover ursprünglich aus der Konkursmasse eines Londoner Hotels. Es gab ihn nicht für den Automobilbereich, und wie man ihn richtig bearbeitet, weiß man nur bei uns."

An Oldtimern im Neuwagen-Look "scheiden sich die Geister", sagt Martin Heinze von der Marktbeobachtungsfirma Classic-Analytics. "Ein totrestaurierter Mercedes Flügeltürer hat zum Beispiel einen geringeren Wert als ein Exemplar mit Patina." Trotzdem kann der Experte dem Ansatz von Jaguar Land Rover einiges abgewinnen: "Da wird eine Nische bedient", sagt er, "Kunden können sich das Auto kaufen, von dem sie früher geträumt haben". Und wenn der Wagen so frisch wie der Wunsch danach sein soll, dann muss es eben ein Goldie sein.

JLR besetzt diese Nische nicht als erster Autohersteller. Fast alle Traditionsmarken der Branche unterhalten schon seit Langem eine Klassikabteilung und pflegen ihr Erbe sorgfältig. Das Geschäft mit Oldtimern boomt, auf diesem Wege können auch die Hersteller selber davon profitieren. Jaguar Land Rover ist in dieser Hinsicht zwar ein Spätstarter, gibt sich seit etwa anderthalb Jahren aber besonders viel Mühe, seinen Ikonen Denkmäler zu setzen. Und Tim Hannig spielt dabei eine wichtige Rolle.

Land Rover

Tim Hannig

Bevor der gebürtige Hamburger beim weltberühmten Sport- und Geländewagenbauer anfing, war er Produktmanager bei einem Hersteller von Gabelstaplern. Für seinen ehemaligen Arbeitgeber baute er unter anderem auch das Geschäft in Asien auf, verdiente dabei gutes Geld und kaufte sich einen Jaguar E-Type - "zusammen mit dem Schwiegervater", fügt er hinzu. Die beiden wollten den Wagen restaurieren lassen, am liebsten in China, wo Hannig damals arbeitete und die Kosten für solche Unterfangen viel geringer als in Europa sind. Dabei kamen sie auf eine Geschäftsidee: Man könnte den E-Type in Fernost ja wieder komplett neu bauen lassen. Genau das schlug er Jaguar Land Rover vor - und wurde kurz darauf zu einem Gespräch eingeladen.

Die Briten hörten sich die Vorstellungen Hannigs an. Dann schickten sie ihn zunächst mit einer freundlichen Absage nach Hause. Ein paar Monate später meldeten sie sich wieder: Ob er nicht Lust habe, die Klassikerabteilung zu konzipieren und zu leiten. Bei JLR war man offenbar davon beeindruckt, wie konkret Hannig seine Vision einer rentablen Oldtimer-Pflege ausgearbeitet hatte. Der zweifache Vater war da mit seiner Familie zwar gerade in die USA gezogen und hatte ein Haus gekauft; aber lang gezögert hat er bei dem Angebot nicht.

Ein deutscher Gabelstaplermanager als Lordsiegelbewahrer eines britischen Autoherstellers? "Vor dem Start habe ich mir natürlich schon Gedanken gemacht", sagt Hannig. Aus den ursprünglichen 22 Mitarbeitern sind aber mittlerweile 66 geworden, vor dem Range Rover wurde bereits der Land Rover Series 1 wiederbelebt und einige Exemplare des Jaguar XKSS öffentlichkeitswirksam restauriert. "Wir sind auf einem guten Weg", findet Hannig, "in diesem Jahr planen wir mit der Restaurierung von 80 Autos."

Wie weit gehen er und sein Team dabei, wann wird aus einem Wiederbelebungsversuch eine Geschichtsverfälschung? "Wir wollen die Träume unserer Kunden erfüllen, nicht bewerten", stiehlt Hannig sich aus einer konkreten Antwort. Allerdings gäbe es technische Grenzen. Der Interessent, der mit einer Diesel-Technologie ein Vermögen gemacht hat und sich einen E-Type mit Selbstzündermotor wünschte, habe leider enttäuscht werden müssen.

insgesamt 39 Beiträge
akmsu74 09.02.2017
1. Find ich gut...
Ich finde die Idee gut - zum einen sehen die "alten" Modelle zum großen Teil deutlich besser aus, als die neuen und zum anderen ist das wahrscheinlich sogar nachhaltiger, als der Neubau. Noch besser fände ich aber [...]
Ich finde die Idee gut - zum einen sehen die "alten" Modelle zum großen Teil deutlich besser aus, als die neuen und zum anderen ist das wahrscheinlich sogar nachhaltiger, als der Neubau. Noch besser fände ich aber eine "modernisierte" Variante - also alte Basis und aktueller Stand bei den Basics. (Also Bremsen und ggf. Motoren - so modern wie möglich aber so wenig unnötig komplizierte Technik, wie möglich.)
Kudi 09.02.2017
2. Was soll daran neu sein?
Solche grundlegenden Restaurationen oder gar Neukreationen gibt es schon lange, beispielsweise hier: http://www.eaglegb.com/
Solche grundlegenden Restaurationen oder gar Neukreationen gibt es schon lange, beispielsweise hier: http://www.eaglegb.com/
bobrecht 09.02.2017
3. Überfällige Idee!
Schöne und gute alte Autos wieder aufzubereiten hat nicht nur optische und qualitative Vorteiel auch im Hinblick auf Umweltschutz macht so was Sinn.
Schöne und gute alte Autos wieder aufzubereiten hat nicht nur optische und qualitative Vorteiel auch im Hinblick auf Umweltschutz macht so was Sinn.
laxness 09.02.2017
4. so einen...
...wollt ich mir damals auch kaufen, allerdings gebraucht. Hatte dem Hype geglaubt, dass die Alu-Karosserie nicht rosten kann. Dafür waren bei den Autos, die ich mir angeschaut hatte, alles Scharniere weitgehend weggefault ;-( [...]
...wollt ich mir damals auch kaufen, allerdings gebraucht. Hatte dem Hype geglaubt, dass die Alu-Karosserie nicht rosten kann. Dafür waren bei den Autos, die ich mir angeschaut hatte, alles Scharniere weitgehend weggefault ;-( Deshalb ist nach meinem Triumph Spitfire nie wieder ein Englisches Auto unter mein Hintern gekommen.
CouscousGauthier 09.02.2017
5. Sodiumbad?
"Das Aggregat wurde in einem Sodiumbad gesäubert und generalüberholt." Erst mal im denglischen Wörterbuch nachschauen: Achja, Sodium heisst Natrium. Der Motor wurde also in flüssiges Natrium gehängt (Metall, [...]
"Das Aggregat wurde in einem Sodiumbad gesäubert und generalüberholt." Erst mal im denglischen Wörterbuch nachschauen: Achja, Sodium heisst Natrium. Der Motor wurde also in flüssiges Natrium gehängt (Metall, schmilzt bei 97 Grad). Obwohl, was sollte das bringen? Meine Vermutung geht dahin, dass es sich um Natronlauge gehandelt hat. Schade, dass der Beruf des Übersetzers de facto abgeschafft wurde und jeder Journalist meint, er könne das selber bzw. besser.

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