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Mobilität

Rolls-Royce VisionNext100

Es gibt ein Leben nach der Leistung

Schiere Größe, viel Hubraum, PS im Überfluss - früher die Definition von Luxus, heute passé. Rolls-Royce gewährte nun einen Einblick in eine mögliche Zukunft der Edel-Limousinen.

Rolly Royce
Von
Montag, 20.06.2016   13:55 Uhr

Das, was Luxus im Auto einmal ausgemacht hat - ein dicker Motor, die schiere Größe eines Fahrzeugs - taugt nicht mehr zur Abgrenzung zwischen Luxuslimousine und Massenmodell, sagen Experten.

"Sämtliche bisher bekannten Luxusmerkmale sind verbraucht und somit ungültig geworden", konstatiert der Kölner Markenwissenschaftler Paolo Tumminelli. Spätestens seit dem Skoda Superb seien Größe und Beinfreiheit keine Indikatoren mehr für den Wert eines Autos. Vermeintliche Luxusmaterialien wie Chrom, Leder, Holz oder Klavierlack würden inflationär bis hinunter in Kleinwagenklassen eingesetzt und somit entwertet.

Deshalb sieht Tumminelli einen Trend zurück zu älteren, authentischeren Materialien wie Messing, Kupfer oder Silber - alles natürlich massiv und gerne graviert. Die Hölzer verlieren ihren Glanz und werden matter, offenporiger und natürlicher. Und die Liste skurriler Veredlungsstoffe wird länger. "Warum nicht Bernstein oder Walvorhaut?" fragt Tumminelli.

Das Auto als Butler

Der Trend zu neuen, ungewöhnlichen Materialien wird nichts an der Nachfrage nach Luxusautos ändern. Diese wird auch in Zukunft hoch bleiben, ist der Automobilwirtschaftler Franz-Rudolf Esch überzeugt: "Je größer die Begehrlichkeit und je weniger erreichbar Marken oder Modelle sind, umso größer ist der Luxus", sagt der Professor. Mithilfe dieser Autos können sich die Reichen von der Masse distanzieren und sich selbst einer exklusiven, kleinen Gruppe zuordnen.

Doch müssen sich die selbsternannten Premium-Hersteller sehr wohl Gedanken machen, wie man diesen Luxus über neue Materialien hinaus weiter definieren kann. "Automobiler Luxus wird künftig weniger über die Hardware, sondern mehr über weiche Faktoren definiert", erklärt der Direktor des Center of Automotive an der Fachhochschule Bergisch Gladbach, Stefan Bratzel.

Auch Esch glaubt, dass es künftig nicht mehr allein um das Auto gehen wird, sondern noch viel stärker um das Erleben. Und um persönlichen Service wie er in anderen Luxus-Lebensbereichen bereits üblich ist: "Außergewöhnliche Dienstleistungen wie der Concierge im Hotel können da einen entscheidenden Unterschied machen."

Privatjet für die Autobahn

Die Fahrzeughersteller haben dieses Problem offenbar bereits erkannt und steuern langsam dagegen. Während aktuelle Luxusmodelle wie der Bentley Mulsanne, die Maybach-Version der S-Klasse oder der Rolls-Royce Phantom noch den alten Werten huldigen, tasten sich die Hersteller mit meist ziemlich spektakulären Studien an etwas heran, was BMW-Designchef Adrian van Hooydonk gerne "The Future of Luxury" nennt.

Den jüngsten Vorstoß hat jetzt Rolls-Royce mit dem Designmodell "VisionNext100" gemacht, mit dem die britische BMW-Tochter den 100. Geburtstag des Mutterhauses feiert. Gestaltet wie ein Privatjet für die Autobahn, bricht der Zweisitzer mit so ziemlich allen Designtraditionen der selbst schon über 100 Jahre alten Marke und ist eigentlich nur noch am blau hinterleuchteten Pantheon-Grill und der noch einmal gewachsenen Kühlerfigur als Rolls-Royce zu erkennen.

Mit diesem radikalen Kurswechsel folgt Rolls-Royce einem Pfad, den Mercedes mit zwei anderen Studien bereits vorgezeichnet hat. Dem F015 von der Elektronikmesse CES im letzten Winter und der Vision Tokyo aus dem Herbst. Beides großvolumige Zäpfchen auf Rädern, die mit S-Klasse & Co nur noch den Stern gemein haben und sich vor allem innen in einer neuen Definition von Luxus versuchen.

Raumfüllendes Seidensofa statt Fahrersitz

Dass diese Autos so einen großen Sprung machen, liegt nicht nur am Mut der Designer, sondern auch an einer technischen Revolution, die Mercedes oder Rolls-Royce mit ihren Visionen vorweg nehmen: Der elektrische Antrieb und mehr noch das autonome Fahren eröffnen völlig neue Möglichkeiten.

So schafft Rolls-Royce zum Beispiel den Platz für den Chauffeur ab und setzt komplett auf Ruhe und Gemütlichkeit. Innen rüsteten die Designer den VisionNext100 zum "Grand Sanctuary" auf, zum privaten Heiligtum, in dem einen nichts und niemand mehr stören kann. Es gibt deshalb nur noch ein raumfüllendes Seidensofa, ein Teppichboden aus knöcheltiefer Wolle und Vertäfelungen aus Edelhölzern, von denen selbst Greenpeace noch nichts gehört hat. Nicht einmal der unvermeidliche Bildschirm stört die luxuriöse Leere, weil er transparent ist und damit trotz seiner bald zwei Meter Breite unsichtbar bleibt, wenn er nicht genutzt wird.

Wie ein guter Geist soll auch die digitale "Eleanor" wirken - benannt nach der Schönheit, die dem Künstler Charles Sykes beim Entwurf der Kühlerfigur Spirit of Ecstasy Modell gestanden hat. Sie liest dem Kunden alle Wünsche von den Augen ab. Auf Basis der sogenannten "predictive HMI"-Technologie (vorhersagende Mensch-Maschine-Schnittstelle) erahnt sie die Wünsche des Passagiers, weil sie seine Hobbys und Gewohnheiten kennt. Spielt der Kunde gerne Golf, schlägt Eleonor in der Nähe des Golfplatzes womöglich vor, den Spielpartner anzurufen.

Mit der Leere im Innenraum geht Rolls-Royce noch einen deutlichen Schritt weiter als Mercedes, wo es im F015 zumindest noch ein ausfahrbares Lenkrad und einen Loungesessel gibt, den man in die Fahrerposition drehen kann.

Auffallen um jeden Preis

Innen mag man mit den Rolls-Royce Designern noch mitgehen. Aber außen ist die Studie mit ihren freistehenden Kutschrädern, dem rumpfförmigen Bug und dem bootsförmigen Heck so skurril, dass man sie vorschnell für reine Provokation halten könnte.

Doch auf den zweiten Blick ist selbst das ein genialer Schachzug. Nicht nur, weil es der Studie maximale Aufmerksamkeit sichert. Sondern auch, weil dieses Auto womöglich der Eitelkeit des möglichen Besitzers schmeichelt. "Auffallen um jeden Preis," nennt Tumminelli die Kaufmotivation vieler nicht sonderlich geschmackssicherer Luxuskunden. Und mit was für einem Auto könnte man mehr auffallen, als mit dieser Luxusversion eines Batmobiles?

Und als wäre die 5,90 Meter lange und 1,60 Meter hohe Kalesche mit ihrer weit nach hinten gerückten Glaskuppel noch nicht auffällig genug, inszeniert sie ihre Ankunft auch noch wie eine Showbühne und rollt den Insassen aus der klappbaren Trittstufe einen roten Teppich aus Licht auf den Asphalt.

Karosserie aus dem Drucker

Mit dem VisionNext100 belebt Rolls-Royce die alte Idee vom Coachbuilding, dem Bau von Karosserien ohne Fahrwerk. Denn in der Vision des Designchefs gibt es künftig nur noch eine einheitliche Technologieplattform, über die der 3D-Drucker eine Hülle nach individuellem Kundenwunsch stülpt. "Das ist maximale Personalisierung", sagt Taylor und liegt damit offenbar voll im Trend.

Ein Rolls-Royce aus dem 3D-Drucker? Das klingt erst einmal alles andere als luxuriös und erscheint als unauflöslicher Widerspruch zu der hochgehaltenen Handwerkskunst mit denen diese Autos zusammengebaut werden. Doch die Tradition, diese Luxuskarossen mit feinsten Materialien auszustatten, bleibt vom 3D-Druck unbenommen.

Das neue technische Verfahren soll die groben Arbeiten am Auto ersetzen, die bereits heute von Maschinen erledigt werden. Die Hülle aus dem 3D-Drucker würde - wie es derzeit mit der Karosserie aus der Presse passiert - vom Fachmann per Hand weiterverarbeitet und im Detail lackiert.

"Nichts was der Luxuskunde wirklich besitzen will, darf Standard oder von der Stange sein", hat der amerikanische BMW-Chef Ludwig Willisch herausgefunden und dafür sogar banalste Belege aus dem Alltagsleben. "Warum sonst sollte Coca-Cola Millionen Dosen individualisieren, in dem unterschiedliche Namen darauf gedruckt werden?"

insgesamt 24 Beiträge
Timo Siedler 20.06.2016
1.
Endlich mal mutiges Design anstatt dieser öden Einheits-Sauce. Auch wenn das Vehikel unter ökologischen Aspekten eine echte Katastrophe ist.
Endlich mal mutiges Design anstatt dieser öden Einheits-Sauce. Auch wenn das Vehikel unter ökologischen Aspekten eine echte Katastrophe ist.
prophet46 20.06.2016
2. Schnell überblättern
Wen hat BMW denn da dran gelassen? Die Form ist so abwegig, dass man sich nur wundern kann das für diesen Prototypen das viele Geld ausgegeben wurde. So werden die RR in 25 Jahren jedenfalls nicht aussehen. Wetten....?
Wen hat BMW denn da dran gelassen? Die Form ist so abwegig, dass man sich nur wundern kann das für diesen Prototypen das viele Geld ausgegeben wurde. So werden die RR in 25 Jahren jedenfalls nicht aussehen. Wetten....?
MerlinXX 20.06.2016
3. Schön wär´s
Diese Studie ist so hässlich und unrealistisch, dass ich mich dazu nicht äußere. Wohl aber zu einer anderen Behauptung: "Vermeintliche Luxusmaterialien wie Chrom, Leder, Holz oder Klavierlack würden inflationär bis [...]
Diese Studie ist so hässlich und unrealistisch, dass ich mich dazu nicht äußere. Wohl aber zu einer anderen Behauptung: "Vermeintliche Luxusmaterialien wie Chrom, Leder, Holz oder Klavierlack würden inflationär bis hinunter in Kleinwagenklassen eingesetzt und somit entwertet." Schön wär´s! Es ist unglaublich schwer einen Kleinwagen zu kaufen, bei dem nicht alles aus billigstem Plastik ist. Selbst bei Oberklasse-Autos wird überall gespart, wo der Normalverbraucher nicht guckt - die Unterseite der Sitze ist zum Beispiel meistens nicht aus Leder. Alle Elemente, die die Leute nicht ständig anfassen sind aus verchromtem Plastik statt aus Metall. Ich habe mir am Ende einen von Rolls-Royce veredelten Mini ("Inspired by Goodwood") gekauft, weil alles andere Schrott war. Und selbst da gibt es noch Verbesserungspotential.
mikaiser 20.06.2016
4. Form follows function
Diese simple Motto bringt immer noch das beste Design hervor - egal, in welcher Klasse. Ich wäre gerne dabei, wenn diese RR einseitig auf dem Bordstein parkt. Was dann mit den Radverkleidungen geschieht, kann man vieleicht unter [...]
Diese simple Motto bringt immer noch das beste Design hervor - egal, in welcher Klasse. Ich wäre gerne dabei, wenn diese RR einseitig auf dem Bordstein parkt. Was dann mit den Radverkleidungen geschieht, kann man vieleicht unter "Designanpassung" verbuchen. Na ja, der Insasse wird es dank guter Geräuschdämmung vermutlich nicht mal mitbekommen ;-)
sparrenburger 20.06.2016
5. walvorhaut?
Ja Nee is klar!
Ja Nee is klar!

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