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Mobilität

Tandem Hase Bikes Pino Steps

Fahrrad ersetzt Kleinwagen

Dieses Fahrrad transportiert bis zu fünf Personen und Gepäck: Das Pino vom Spezialradhersteller Hase Bikes ist ein ungewöhnlich konstruiertes Tandem. Und deshalb nicht ganz billig.

Stefan Weißenborn
Von
Montag, 02.09.2019   05:04 Uhr

Der erste Eindruck: Ein Tandem, aber ein sehr spezielles.

Das sagt der Hersteller: Die Kinder kommen mit, Getränkekisten, der Markteinkauf oder Krims-Krams für den Flohmarkt - der Hersteller hat das Pino als Multitalent konstruiert.

"Es ist natürlich kein normales Rad", sagt Kilian Wagner von Hase Bikes im nordrhein-westfälischen Waltrop. Es sei ein Tandem, aber auch ein Lastenrad - und ein Kita-Taxi, dem kein Parkplatzproblem droht.

Im vorderen Sitz fährt eine zusätzliche Person mit. Wer in Zubehör investiert, kann eine ganze Familie transportieren: Die Eltern rollen in Sattel und Vordersitz, ein Kind auf einem Kindersitz auf dem hinteren Gepäckträger. Weiterer Nachwuchs kommt im Anhänger unter. Die Gesamtzuladung darf 225 kg dabei nicht überschreiten.

Aber auch für zwei Personen sei das Pino das bessere Tandem, findet Wagner: Der Sattel ist höher, der Sitz tiefer montiert - ein Stufentandem, auf dem jeder gute Sicht hat. "Bei normalen Tandems sieht der Hintermann nur den Rücken des Vordermanns", sagt Wagner.

Wer allein aufsattelt, kann das Pino als Lastesel einspannen. Über den Vordersitz lässt sich eine Tasche mit 120 Liter Ladevolumen spannen (Aufpreis: 290 Euro). Zwischen Tretlager und Vorderrad findet ein zusätzlicher Gepäckträger mit klappbaren Seitenteilen Platz ("Porter Rack", 490 Euro extra). Er fungiert zugleich als Doppelständer.

Fotostrecke

Hase Bikes Pino Steps: Samt Kind und Kisten

Gegen Aufpreis von 295 Euro lässt sich dort unten eine Tasche mit weiteren 80 Litern Volumen anbringen. So summiert sich das Ladevolumen fast auf Kleinwagenniveau, der Preis mit um die 9000 Euro in der E-Bike-Version allerdings auch. Hase Bikes erklärt das damit, dass die Firma nur rund 500 Pinos jährlich absetzt.

Herausstechend ist im Wortsinn der Vorbau. "Das hat Schlachtschiffcharakter", sagt Wagner. Vorn aus dem Oberrohr lässt sich ein Teleskoprohr ausziehen. Darauf sitzt die zweite Tretkurbel. Ist das Rohr komplett ausgezogen, können Menschen bis zu einer Körpergröße von bis zu zwei Metern komfortabel mittreten. Ist das Rohr eingeschoben, kommen auch Mitfahrer ab 1,50 Meter Körpergröße bequem an die Kurbel. Sollen Kinder vorn mitfahren, die zwischen 1 und 1,50 Meter groß sind, wird eine Kinderkurbel (490 Euro) auf dem verlängerten Oberrohr fixiert.

Das ist uns aufgefallen: Auf dem Pino sitzt man zu zweit wie in einem Boot und genießt alle Tandemvorteile. Bei der Fahrradtour muss niemand auf den anderen warten; man kann sich jederzeit unterhalten.

Der große Unterschied zu einem klassischen Tandem: Der passivere Passagier sitzt vorn, was einen gewissen Vertrauensvorschub gegenüber dem Lenkenden erfordert. Während der Hintermann führt, kann der andere nur mittreten. Bremsen, lenken, schalten? Fehlanzeige. Bei einem Unfall muss der Vordermann zudem als menschliche Knautschzone herhalten. Es braucht vorn eine Weile, bis sich das Unwohlsein legt.

Immerhin darf der Vornsitzer pausieren. Dazu hat Hase Bikes einen Freilauf eingebaut: Wird hinten pedaliert, läuft die vordere Kurbel nicht zwangsläufig mit. Das macht das Pino zum guten Partner für längere Radtouren mit Kind, das im Vordersitz ein Mittagsschläfchen halten kann und dabei von einem Fünf-Punkt-Gurt gehalten wird.

Andersherum funktioniert es aber nicht. Tritt der Vordermann in die Pedale, rotiert auch der hintere Antrieb. Am besten wartet man auf ein Signal des Hintermanns, wann es losgehen soll. Doch das ist schnell gelernt.

Das bepackte Pino schiebt fast so schwer an wie ein Motorrad. Doch rollt die Fuhre erst einmal, ist das Rad an Laufruhe kaum zu übertreffen. Wenn viel Ladung den Schwerpunkt nach unten verlagert, bleibt es umso treuer in der Spur.

Dabei gibt es allerdings einen Haken: Mit Gepäckhalterung unten beträgt die Bodenfreiheit nicht mal zehn Zentimeter. Manche Bordsteinkante wird so zum Hindernis. Ist die Kante zu hoch, setzt das Bodenblech auf oder das ganze Rad verkantet, sodass man aus dem Sattel muss. Sind Sack und Pack wiederum vorn in der Sitztasche untergebracht, fährt sich das Rad dagegen kopflastig wie ein Roadster mit schwerem Frontmotor.

Das muss man wissen: Das Lastentandem wirkt wie ein Exot, auch für Spezialradexperten. "Megageil, sehe ich zum ersten Mal", sagt ein entgegenkommender Liegeradfahrer, der für den Kommentar angehalten und die Arme verschränkt hat, um uns aufmerksam mit Kind und Kisten passieren zu lassen.

Ratgeber Rad

Einen Kompromiss ist Hase beim Rahmen eingegangen: "Wir mussten die goldene Mitte zwischen Stabilität und Gewicht finden", sagt Wagner. Die Aluminiumkonstruktion verwindet sich während der Fahrt bei seitlich wirkenden Kräften merklich. Der Fahrer muss zum Abbiegen nur den Arm ausstrecken, schon ist im vorderen Sitz ein Wabern zu spüren.

Mehr Stabilität hätten noch dickere Rohre gebracht - doch das Pino wiegt in der von uns gefahrenen Version Steps mit E-Motor bereits 31 Kilo. Doch im Grunde stört es kaum, dass sich das Pino mal windet, weil man es eher gemächlich fährt.

Gefragt ist eher Komfort als optimale Kraftausbeute. Gut, dass eine Federgabel Stöße vor allem vom sitzenden Vordermann abhält. Im Prinzip überflüssig sind dagegen die beiden am höchsten übersetzten Gänge der Elf-Gang-Kettenschaltung. Man sollte eher langsam und vorsichtig fahren, um reaktionsfähig zu bleiben. Und wer die hohen Gänge bei niedrigerem Tempo dennoch nutzt, ist untertourig unterwegs wie im Auto. Das kostet viel Kraft und saugt beim E-Bike den Akku schneller leer.

Das werden wir in Erinnerung behalten: Wie oft das Auto ungenutzt blieb, so lange wir das Pino hatten. Großeinkäufe waren mit dem Lastentandem kein Problem, und der Nachwuchs ist selten begeisterter zur Kita kutschiert worden.

insgesamt 76 Beiträge
lynx999 02.09.2019
1. Halte das Ding für ziemlich gefährlich
Ohne jedwede Schulung des Fahrers* wird der Nachwuchs nur vermeintlich vorne gesichert. Hängt das Kind dann fest im 5Punkt Gurt - eben auch wenn das Rad bereits seitlich weggekippt ist und die Last es nur schwer wieder anheben [...]
Ohne jedwede Schulung des Fahrers* wird der Nachwuchs nur vermeintlich vorne gesichert. Hängt das Kind dann fest im 5Punkt Gurt - eben auch wenn das Rad bereits seitlich weggekippt ist und die Last es nur schwer wieder anheben lassen. Plötzliches Aufsetzen führt auch zu fatalen Situationen inkl. abruptem Stehenbleiben und Schleuderbewegungen. Der Hauptfahrer* wird weggeschleudert und das Kind sowie die Last sind mit dem Fahrrad fest verzurrt welches nun unkontrolliert die Schleuderbewegung weiter macht. Auch Parkplatzprobleme wird des damit aufgrund der Größe zwangsläufig geben. Sie blockieren locker Gehwege. Auf Radwegen sind diese für andere Radfahrer extrem gefährlich. Erst recht wenn es wirklich mal zum Crash kommt.
quark2@mailinator.com 02.09.2019
2.
Also vom Bild her sieht es so aus, als käme kein Auto noch dran vorbei, wenn das wirklich rechts langzockelt und irgendwie beschleicht mich da direkt ein ungutes Gefühl, was die Sicherheit angeht. Aber für breitere Radwege [...]
Also vom Bild her sieht es so aus, als käme kein Auto noch dran vorbei, wenn das wirklich rechts langzockelt und irgendwie beschleicht mich da direkt ein ungutes Gefühl, was die Sicherheit angeht. Aber für breitere Radwege isses vielleicht was. Wenn der Radweg schmaler sein sollte, hängen ggf. andere Radfahrer dahinter fest. Persönlich kann ich zwar den Minitrend "mehr als nur ein Fahrrad" gut verstehen, wo man ja auf Teufel kommt raus die Kfz verdrängen will, aber vermutlich gibt es große regionale Unterschiede in der Anwendbarkeit. Da wo es paßt ... warum nicht ?
herbert 02.09.2019
3. wer kann sich solch ein Fahrrad leisten und ganz wichtig ...
wo sind die Strassen in Städten, wo solch ein Fahrrad ohne Gefahr fahren kann?
wo sind die Strassen in Städten, wo solch ein Fahrrad ohne Gefahr fahren kann?
schlauling 02.09.2019
4. Nette Studie, aber praxisuntauglich
Alle derartigen Räder haben die gleichen Nachteile in der Praxis: 1. Man kann sie nicht überholen oder nur auf dem Gehweg und dann gefährdet man die Fußgänger. Bis die Radwege zweispurig in jede Richtung ausgebaut sind [...]
Alle derartigen Räder haben die gleichen Nachteile in der Praxis: 1. Man kann sie nicht überholen oder nur auf dem Gehweg und dann gefährdet man die Fußgänger. Bis die Radwege zweispurig in jede Richtung ausgebaut sind (würde ca. 6 Meter Breite erfordern) wird es wohl noch 200 Jahre dauern. 2. Wird geklaut, denn schließlich ist es 8000 Euro wert 3. Von wegen: "Keine Parkplatzprobleme" Es nimmt genauso viel Platz ein wie ein PKW, einfach mal auf den Gehweg schmeissen wie bei normalen Rädern geht wohl nicht. Spätestens wenn mehrere es nutzen, oder vergleichbare Lasten- und Transporträder nutzen, ist eine Abstell-/ Parkplatzregelund nötig. In die heutigen Rad-Parkhäuser wie z.B. in Schweden Niederlande würde es aufgrund der Länge nicht reinpassen
Katzazi 02.09.2019
5. An die Bedenkenträger
Also in Köln sind ziemlich viele Lastenräder unterwegs. Häufig auch zum Transport von Kindern, die häufig auch festgeschnallt sind (was sie auch sein sollten). Viele davon wirken sperriger, als das beschriebene Rad. Für mich [...]
Also in Köln sind ziemlich viele Lastenräder unterwegs. Häufig auch zum Transport von Kindern, die häufig auch festgeschnallt sind (was sie auch sein sollten). Viele davon wirken sperriger, als das beschriebene Rad. Für mich persönlich kommt das Fahrrad nicht in Frage, da für meine Bedürfnisse ein normales Rad ausreicht, aber ich hab auch keine Familie die ich transportieren / füttern muss. Für Familien halte ich derartige Ansätze für durchaus sinnvoll und gerade eine Kombination aus Lastenrad und Tandem hört sich interessant an. Was den Platzbedarf etc anbelangt, so sehe ich hier in Köln (und das ist nicht gerade die fahrradfreundlichste Stadt), dass ein vorgeschobenes Problem ist. Eigentlich jedes Geschäft, das eigene Parkplätze für Autos anbietet hat genügend Platz, dass da auch ein Lastenrad/Tandem stehen kann. Häufig sogar mit vernünftigen Abschließmöglichkeiten. Und gerade was Kitas etc. anbelangt, sind diese schon auf ähnliche Gefährte eingestellt. Beim Ausflug ins Grüne, wird erst Recht irgendwo Platz sein. Auch dort wird es viel mehr Möglichkeiten als für sehr viel sperrigere und größere Autos geben. Zwei Farräder statt einem Tandem würden auch mehr Platz brauchen. Und was die Sicherheit wegen dem Anschnallen beim Unfall anbelangt: Das ist bei Kindersitzen und Lastenkörben und Anhängern auch nicht anders. Da werden die Kinder ebenfalls angeschnallt. Weil das insgesamt sicherer ist. Klar kann man diverse Situationen konstruieren, wo das am Ende schief läuft aber bei der Einführung des Sicherheitsgurts fürs Auto konnte man das auch. Tatsache ist aber, dass man, wenn man zu zweit auf einem zweirädrigen Fahrzeug ist, es deutlich sicherer während der Fahrt wird, wenn sich die Gewichte nicht eigenständig bewegen, sondern nur im Verbund. Und auch wenn Kinder schlafen, möchte man, dass sie nicht runterfallen, da sie sich nicht selbst halten. Einen derartigen Gurt zu liefern macht also Sinn.

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