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Mobilität

Vello Bike+ im Test

Falten und walten

Der österreichische Klappradspezialist Vello will ein E-Bike mit unbegrenzter Reichweite erfunden haben - dank einer besonderen Technik im Hinterrad. Unser Autor hat das Versprechen überprüft.

Stefan Weißenborn
Von
Donnerstag, 30.05.2019   05:26 Uhr

Der erste Eindruck: Schönes Klapprad! Seine Elektrokomponenten verbirgt es geschickt. Mal sehen, was die versprochene Technik bringt.

Das sagt der Hersteller: Die Stärken des Rades erschließen sich vielen Fahrern nicht sofort - das räumt Valentin Vodev ein, Mitgründer der Wiener Firma Vello Bike. "Langsam entdecken wir, was man alles machen kann", sagten ihm viele Kunden. Denn die Technik vom italienischen Zulieferer Zehus ist kompliziert.

Das Vello Bike+ ist ein faltbares Pedelec mit einem Gang. Auf bis zu 25 km/h unterstützt der Motor den Fahrer in sechs wählbaren Stufen. Das Aggregat verbirgt sich in einer keksdosengroßen Trommel an der Hinterradnabe, zusammen mit der Batterie und einer Besonderheit: dem Neigesensor.

Dieses Gerät erkennt, ob es bergauf, bergab oder auf gerader Strecke geht. Mit diesem Wissen dosiert der E-Antrieb seine Leistung. Das wirkt wie eine virtuelle Gangschaltung: Die Trittfrequenz wird ziemlich konstant gehalten, der elektrische Schub hingegen variiert. Normalerweise messen Sensoren bei E-Bikes nur, wie stark der Fahrer beschleunigt und wie schnell sich die Kurbel dreht. So erfährt der Motor, wie stark er zusätzlich anschieben soll und spendiert dem Radler bei Anstiegen ein paar Zusatz-Watt.

Der nächste Kniff: Wenn es wieder bergab geht, gebremst wird oder Rückenwind weht, wird der Motor zum Generator. Er gewinnt Strom, der in den Akku zurückgeleitet wird. Das Vello ist laut Hersteller das "erste sich selbst ladende Elektrofaltrad".

Auch wer vorausschauend durch die Stadt fährt, kann Strom zurückgewinnen: Rollt der Fahrer auf eine rote Ampel zu, lässt er die Kurbel einfach entgegengesetzt rotieren. Darüber informiert der Rücktrittsensor den Motor, der daraufhin Energie einsammelt. Der Pedaltreter spürt einen - etwas gewöhnungsbedürftigen - Bremseffekt. Mit diesem Mechanismus verbindet der Hersteller ein geradezu unglaubliches Versprechen: Im schwächsten Unterstützungsmodus "Bike+" steige die Reichweite auf "eine unbegrenzte Zahl an Kilometern" an.

Fotostrecke

Vello Bike+: Faltbarer Plug-in-Hybrid

Das ist uns aufgefallen: Das mit der unendlichen Reichweite kommt in der Praxis nicht hin. Wahr ist: Den Verbrauch senkt, wer im "Bike+"-Modus immer mal wieder rekuperiert. Doch dass die zugehörige App am Ende einer Fahrt einen Stromverbrauch von null anzeigt, kam in unserem Testzeitraum nicht vor. Am Ende leert sich der Akku am Ende doch, wenn auch verlangsamt. Sinnvoll ist das Rekuperieren dennoch. Aufgrund der geringen Akku-Gesamtkapazität von 160 Wh hilft auf längerer Fahrt jeder Extra-Stromstoß.

Nachvollziehen kann der Fahrer all dies nur mit der App, denn dem Rad fehlt ein eigenes Display. Auch über Tempo und gewählten Fahrmodus informiert die App, die sich mit dem Rad via Bluetooth verbindet. Kleiner Trost: Wer das Smartphone mit einer Halterung (Aufpreis: 19 Euro) am Lenker befestigt, kann sich in Echtzeit per Diagramm detailliert anschauen, wie viel die Technik rekuperiert. Das animiert zum Stromsparen, lenkt aber auch vom Verkehr ab.

Wer jedoch vor dem Losfahren wissen will, für welche Strecke der Strom noch reicht, muss das Hinterrad anheben und die Kurbel per Hand bewegen, um dem Vello das Unterwegssein vorzugaukeln. Das ist unpraktisch.

Auch einen An-Aus-Schalter sucht man am Vello vergebens. Zum Einschalten des Motors muss das Rad mit mindestens 6 km/h bewegt werden - dann lässt man die Pedale dreimal rückwärts drehen, und die Zehus-Antriebseinheit im Heck beginnt ihr Werk. Dabei tönt sie ein bisschen wie eine anfahrende Straßenbahn.

Das muss man wissen: Die wichtigste Eigenschaft des Vello ist, dass es sich falten lässt. So empfiehlt es sich Pendlern, die im Mix mit Bus und Bahn per Rad die letzte Meile zur Arbeit bestreiten - wie bekanntere Konkurrenzräder von Brompton oder Riese & Müller.

Der patentierte Faltmechanismus erfordert Übung. Es gibt zwei Gelenke, eines am Tretlager, das andere oben an der Gabel. Zum Kleinmachen tritt man auf die Hutmutter an der Hinterradnabe. Dann löst sich der magnetisch fixierte Hinterbau und schwingt neben den Rahmen. Gabel und Vorderrad lassen sich auf die andere Seite drehen, ein Magnet hält sie am Hinterbau. Gefaltet lässt sich das 13,9 Kilo schwere Rad ein paar Meter tragen. Für längere Distanzen auf Bahnsteig oder Fußweg schiebt man es am herausgezogenen Sattel auf dem Hinterrad behelfsweise vor sich her.

Ratgeber Rad

Das werden wir in Erinnerung behalten: Das Vello-Bike ist ein Hingucker und verschafft Pendlern neue Möglichkeiten. Wer es aber nur ein paar Kilometer zum Bahnhof hat, kann auf den 3,2 Kilo schweren E-Antrieb vielleicht verzichten. Für tausend Euro weniger gibt es eine Vello-Version mit Shimano-11-Gang-Nabenschaltung. Dann fällt auch die App weg.

insgesamt 55 Beiträge
hufd 30.05.2019
1. Bei jedem Bremsen ein Ladezyklus weg?
Wenn man 1000 Ladezyklen hat und bei jedem Bremsen einen verbraucht, hält die Batterie deutlich kürzer. Von daher muss man in den Preis auch einbeziehen, dass man das Fahrrad oder die Batterie deutlich häufiger neu kaufen muss.
Wenn man 1000 Ladezyklen hat und bei jedem Bremsen einen verbraucht, hält die Batterie deutlich kürzer. Von daher muss man in den Preis auch einbeziehen, dass man das Fahrrad oder die Batterie deutlich häufiger neu kaufen muss.
Alex Fi 30.05.2019
2. Was ein dreister Design- und Technologieklau!
Die Firma BERNDS fertigt seit fast 30 Jahren Falträder, die dieser "Neuerung" doch extrem ähnlich sehen. Die pregnante Federung der Hinterradschwinge und den klappbaren Hinterbau hat Thomas Bernds bereits 1991 [...]
Die Firma BERNDS fertigt seit fast 30 Jahren Falträder, die dieser "Neuerung" doch extrem ähnlich sehen. Die pregnante Federung der Hinterradschwinge und den klappbaren Hinterbau hat Thomas Bernds bereits 1991 erfunden. Auch gibt es das BERNDS Faltrad seit dieser Zeit mit Riemenantrieb und seit sehr vielen Jahren auch als Elektroversion mit Motoren namhafter Hersteller. Wer sich über ausgereifte Technik und prämiertes Design informieren möchte, wird auf der Internetseite des Herstellers fündig.
micspiegelforum 30.05.2019
3. Cool
Rekuperation, vernünftiges Gewicht, und auf das Display verzichtet. Das entlastet die Umwelt. Hat ja eh jeder sein Display dabei. Hört sich gut an. Es gibt also Menschen mit Ideen.
Rekuperation, vernünftiges Gewicht, und auf das Display verzichtet. Das entlastet die Umwelt. Hat ja eh jeder sein Display dabei. Hört sich gut an. Es gibt also Menschen mit Ideen.
bran_winterfell 30.05.2019
4. Diesmal kostet das Rad
... immerhin "nur" knappe 3000?, die letzten beiden waren einen Tausender teurer. Anscheinend ist die diese Kolumne nur für eine gewisse Oberschicht gedacht,bei der Geld keine Rolle spielt. Oder eBikes mit leisen für [...]
... immerhin "nur" knappe 3000?, die letzten beiden waren einen Tausender teurer. Anscheinend ist die diese Kolumne nur für eine gewisse Oberschicht gedacht,bei der Geld keine Rolle spielt. Oder eBikes mit leisen für Normalsterbliche werden nicht kostenlos fürs Probe fahren zur Verfügung gestellt. Schade eigentlich...
barlog 30.05.2019
5.
Mich würde mal interessieren, wie hier der Rahmen zum Wechseln des Riemens geöffnet werden kann.
Mich würde mal interessieren, wie hier der Rahmen zum Wechseln des Riemens geöffnet werden kann.

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