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Mobilität

Mobilitätsdienste

Warum Car2Go und Co. so wichtig für die Autokonzerne sind

Autos verkaufen reicht nicht: Volkswagen, Daimler und Co. erfinden sich neu. Die Konzerne fahren Menschen selbst herum und erzeugen einen gigantischen Datenschatz. Car2Go, Moia und andere Dienste sind nur der Anfang.

Daimler
Von
Samstag, 16.02.2019   08:31 Uhr

Volkswagen erweitert sein Geschäftsmodell gerade in rasantem Tempo. Im April soll in Hamburg der Fahrdienst Moia starten. Zunächst mit einer Flotte von hundert elektrisch angetriebenen, sechssitzigen Sammeltaxis, die sich per App buchen lassen. Im zweiten Quartal 2019 soll dann in Berlin das Elektro-Carsharing "We share" den Betrieb aufnehmen, mit 1500 VW E-Golfs.

Die Wolfsburger reagieren auf einen weltumspannenden Trend: Immer mehr Menschen in Ballungszentren wollen nicht mehr unbedingt selbst ein Auto besitzen, sondern bevorzugen Fahrzeuge auf Abruf. Das funktioniert oft ähnlich wie Taxifahren - nur dass heute auch Carsharing (Leihautos), Ridesharing (Sammeltaxis), Mitfahrdienste oder Mischformen dieser Mobilitätsangebote zur Verfügung stehen. Möglich machen all das meist Smartphone-Apps. Die Dienste sind meist billiger als das Taxi und oft bequemer als ein eigenes Auto - schon weil Parkplatzsuche, Reparaturen und das Tanken entfallen.

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Mobilitätsdienste: Die Größe zählt

Für Autohersteller, die bislang vom Pkw-Verkauf lebten, könnten das alarmierende Nachrichten sein. Weniger verkaufte Autos bedeuten weniger Umsatz und wohl auch weniger Gewinn. Also steigen die Konzerne selbst in das neue, wachsende Geschäft ein.

Das werde der Autobranche helfen, ihren Jahresumsatz weltweit bis 2030 auf 6,6 Billionen Euro zu verdoppeln, prognostiziert die Unternehmensberatung McKinsey. Ein Viertel des Zuwachses soll von Mobilitätsdiensten, der Elektrifizierung sowie der Automatisierung der Fahrzeuge kommen - der Rest indes aus dem klassischen Geschäft.

Für VW und andere Hersteller wird es höchste Zeit, den neuen Markt zu besetzen. Neue und einstmals branchenfremde Mobilitätsanbieter sind enteilt. Der chinesische Fahrdienstvermittler Didi Chuxing organisiert pro Jahr rund 7,5 Milliarden Fahrten; das US-Unternehmen Uber etwa 4 Milliarden; beim Fahrdienst Grab, in acht Ländern Südostasiens aktiv, sind es knapp 2,2 Milliarden Fahrten pro Jahr.

Autokonzerne gegen Start-ups und Datenriesen

Toyota stieg im Juni 2018 mit einer Milliarde US-Dollar bei Grab ein - es war die bislang höchste Investition eines Autoherstellers in ein solches Mobilitätsunternehmen. Im August beteiligten sich die Japaner mit 500 Millionen US-Dollar an Uber. Das zeigt: Kooperation ist die eine Option, die Autohersteller haben, um in der Mobilitätsbranche mitzumischen. Eigene Initiativen sind die andere.

"Man kann von einem Kampf der Welten sprechen", sagt Stefan Bratzel, Automobilfachmann und Professor an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. "Einerseits stehen die Autohersteller untereinander im Wettbewerb um das erfolgreichste Mobilitätsangebot. Zum zweiten befindet sich die Autoindustrie in einem Konkurrenzkampf mit den großen Daten- und Mobilitätskonzernen." Auch der US-Internetriese Alphabet (Google) ist mit dem Fahrdienst Waymo im Geschäft.

Die Hersteller von "Transportgefäßen", wie Bratzel sagt, werden künftig für einen eher geringen Teil der Wertschöpfung stehen. Einträglicher seien die vier weiteren Glieder in der Mobilitäts-Wertschöpfungskette: Software für die zunehmend automatischer fahrenden Vehikel; der Betrieb der Fahrdienstflotten und Onlinedienste für die Nutzer. Wenn die Fahrt billig ist und der Fahrgast so Geld spart, kauft er im Auto vielleicht bei Amazon ein, bucht ein Restaurant oder nutzt eine kostenpflichtige Spieleapp.

Geschäftsmodell basiert auf riesigen Nutzerzahlen

Die größten Gewinnchancen sehen Experten beim Betrieb der App, über die Kunden die Fahrdienstleistung buchen. Sie bietet viele weitere Vermarktungsmöglichkeiten.

"Bislang wurde der Erfolg in der Zahl der verkauften Autos gemessen", sagt Marcus Wiland von der Managementberatung MHP. "In Zukunft werden, besonders im urbanen Raum, Personenkilometer verkauft. Das ist der Kuchen, um den es geht."

Größe wird dabei eine entscheidende Rolle spielen. Bei der Mobilitätsplattform Didi Chuxing sind aktuell rund 500 Millionen Nutzer angemeldet. In der digitalen Welt gilt die Gleichung: Viele Nutzer hinterlassen viele Daten, aus vielen Daten wiederum lässt sich viel Wissen über die Wünsche und Vorlieben der Nutzer ableiten - was zu neuen, besseren Angeboten führt, die noch mehr Menschen ansprechen.

Fusion von Car2Go und DriveNow als erster Schritt

"Digitale Systeme sind Kritische-Masse-Systeme", sagt Jens Monsees, Vice President Digital Strategy bei BMW. "Wir streben daher bis zum Jahr 2025 mehr als 100 Millionen Nutzer unserer zentralen BMW-App an." Um schnell viele Kunden unter einem Dach zu vereinen, führen BMW und Daimler ihre bestehenden Mobilitätsangebote - Carsharing, Ridesharing, Taxi-Apps, Parkplatzreservierung oder Ladesäulensuche - zusammen.

Von den Kartellbehörden gab es grünes Licht. Nun gehe es darum, "ein ganzheitliches Ökosystem an Mobilitätsdiensten anzubieten, das auf einen Fingertipp verfügbar ist", wie es bei BMW heißt. Ein Daimler-Sprecher erklärt, man wolle "einen relevanten Tech-Player schaffen, der auf Augenhöhe mit den bekannten Technologiefirmen und digitalen Wettbewerbern agieren kann". Allein durch die Verbindung der Carsharing-Unternehmen Car2go (Daimler) und DriveNow (BMW) ergibt sich eine Kooperation mit mehr als 4 Millionen Nutzern und rund 20.000 Fahrzeugen in bislang 30 Städten weltweit.

Wenn Taxis autonom fahren, wird es richtig interessant

Carsharing jedoch wird wohl ein eher kleiner Teil des künftigen Geschäfts mit der Mobilität sein. Die größten Erwartungen richten sich auf die Fahrdienste. Das hängt mit einem anderen Trend zusammen: dem autonomen Fahren. Sobald die Vision des fahrerlosen Shuttlemobils Realität wird, das per Wischbewegung auf dem Smartphone herbei gerufen wird, dürften die Gewinne solcher Fahrdienste stark zulegen.

Denn dann fiele der größte Kostenfaktor weg - der Fahrer. Uber etwa beziffert die Personalkosten auf 60 bis 70 Prozent. Wer groß genug ist und sich bei den Kunden etabliert hat, muss die Einsparungen nicht sofort über günstigere Preise an die Kunden weitergeben, hoffen die Firmen.

"Sobald das autonome Fahren in einer gewissen Breite auf den Markt kommt, wird das den Markt der Mobilitätsangebote durcheinander wirbeln", sagt Bratzel. Doch wann wird das sein? Bisher gibt es nur Indizien.

So hat die Google-Schwesterfirma Waymo angekündigt, 2021 eine eigene Fabrik im US-Staat Michigan zu eröffnen, in der Serienautos von Fiat-Chrysler (Minivan Pacifica) und Jaguar (Elektro-SUV I-Pace) zu selbstfahrenden Waymo-Shuttlefahrzeugen umgebaut werden sollen. Die Rede ist von einigen zehntausend Autos - im ersten Schritt.

insgesamt 59 Beiträge
pr8kerl 16.02.2019
1. Drive Now ist sehr praktisch...
... weil die App fast immer ein Fahrzeug in der Nähe anzeigt. Ich nutze das in München und in Wien. Wenn Audi meinen Betrugsdiesel zurücknehmen muss werde ich auch in Berlin mit Drive Now fahren. Die Preise sind fair, die [...]
... weil die App fast immer ein Fahrzeug in der Nähe anzeigt. Ich nutze das in München und in Wien. Wenn Audi meinen Betrugsdiesel zurücknehmen muss werde ich auch in Berlin mit Drive Now fahren. Die Preise sind fair, die Abrechnung ist unproblematisch und schnell. Einziges Manko: Es gibt soviele Schweinchen, die ihren Müll nicht aus dem Mietwagen wegräumen, vor allem im teuren München.
zensurgegner2017 16.02.2019
2.
Die Basis dieser Entwicklung ist 5G Erst 5G schafft Echtzeitanwendung, Kommunikation der mobilen Verkehrsteilnehmer VS Fußgänger, Interaktion zwischen stationären Strukturen und mobilem vorbeifahrendem. Ebenso die [...]
Die Basis dieser Entwicklung ist 5G Erst 5G schafft Echtzeitanwendung, Kommunikation der mobilen Verkehrsteilnehmer VS Fußgänger, Interaktion zwischen stationären Strukturen und mobilem vorbeifahrendem. Ebenso die vorausschauende Verkehrsführung, also das Wissen, dass in 2 h soundsoviel Fahrzeuge an der Stelle kreuzen wollen.... Konsequent angewendet spart sich der Staat Billionen an unnötigem Verkehrswegeausbau, der Mensch spart sich Milliarden Staustunden, die Uweltbilanz ist um Längen besser Nur: Ohne konsequentes 5G geht das nicht Und wer da trödelt, der wierd irgendwann feststellen, dass all die Serviceanbieter die Technik im Ausland entwickeln, dass die Infrastruktur bereitstellt Das Datensammeln lässt sich nicht verhindern, nur verzögern Anstelle da also Angst zu haben wäre es sinniger, offensiv damit umzugehen
heino.dengel 16.02.2019
3.
Momentan lohnt es sich nicht. Wer mehr als nur ein paar Mal im Monat fährt, zahlt sich dumm und dämlich, da sind schnell mal 250Euro zusammen.
Momentan lohnt es sich nicht. Wer mehr als nur ein paar Mal im Monat fährt, zahlt sich dumm und dämlich, da sind schnell mal 250Euro zusammen.
NoBrainNoPain 16.02.2019
4. Carsharing
ist ein wirklich gutes Konzept, welches ich in Köln sehr gerne genutzt habe, allerdings wird das Geschäftsgebiet regelmäßig verkleinert, was dazu geführt hat, dass ich nun doch wieder meinen eigenen Wagen nutze.
ist ein wirklich gutes Konzept, welches ich in Köln sehr gerne genutzt habe, allerdings wird das Geschäftsgebiet regelmäßig verkleinert, was dazu geführt hat, dass ich nun doch wieder meinen eigenen Wagen nutze.
Einhorn 16.02.2019
5.
"Man kann von einem Kampf der Welten sprechen" - man könnte auch einfach akzeptieren, dass Mobilität sich verändert. Ja, sich verändern muss. Autos nehmen sehr viel Raum ein, egal ob sie fahren oder parken. [...]
"Man kann von einem Kampf der Welten sprechen" - man könnte auch einfach akzeptieren, dass Mobilität sich verändert. Ja, sich verändern muss. Autos nehmen sehr viel Raum ein, egal ob sie fahren oder parken. Irgendwann ist die Stadt einfach gesättigt, das ewige Wachstum limitiert sich selbst. Irreführend ist übrigens die Aussage "Uber nennt Personalkosten von 60-70 %". Die Fahrer sind nicht bei Uber angestellt, sie sind "selbständige Unternehmer" - also ist jeder weitere Schluss hier am Thema vorbei.

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