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Mobilität

Volkswagen

Erdgas ist der neue Diesel

Im VW-Konzern grassiert die Erdgas-Euphorie. Der Dieselskandal ist noch in vollem Gange, da jubeln die Wolfsburger plötzlich CNG zum Treibstoff der Zukunft hoch. Warum? Weil es bald ein massives Problem geben wird.

Christian Frahm
Von
Montag, 26.06.2017   05:09 Uhr

"Wir meinen es ernst", sagt Andreas Brozat. "Es ist nicht genug, dass man die Technik beherrscht, man muss sie jetzt auch auf die Straße bringen." Brozat ist Sprecher für Innovationen bei Volkswagen. Sein Kollege Jens Andersen ergänzt: "Wir wollen den Menschen die Erdgastechnik näher bringen. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse haben wir uns gedacht: wenn nicht jetzt, wann dann."

Die Botschaft wird von VW aktuell geradezu penetrant verbreitet. Bei der Vorstellung des neuen VW Polo wurde vor allem die Variante mit TGI, also mit Erdgasantrieb, von VW gepriesen. Zudem veranstaltet der Konzern "CNG-Mobility-Days". Auf dem Event in Hamburg haben Brozat und Andersen soeben eine neue Initiative vorgestellt, die den massiven Ausbau alternativer Mobilität vorsieht. Mehr Elektroautos also? Später vielleicht. VW pusht jetzt erst mal eine andere, altbekannte Energiequelle: Erdgas, kurz: CNG (Compressed Natural Gas).

Die Initiative unter Führung von VW, der auch Unternehmen aus der Gas- und Mineralölwirtschaft angehören, will den aktuellen Bestand von rund 100.000 Erdgasautos in Deutschland bis zum Jahr 2025 auf eine Million CNG-Fahrzeuge erhöhen. Parallel dazu soll die Zahl der derzeit rund 900 CNG-Tankstellen hierzulande auf 2000 Standorte anwachsen. Betrachtet man die bisherige Entwicklung, ist Skepsis angebracht, denn der Erdgasantrieb fristet bislang ein Nischendasein. Laut Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) wurden in den ersten fünf Monaten des Jahres 2017 lediglich 848 Erdgasautos neu zugelassen, das waren 42,2 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Zum Vergleich: Von Januar bis einschließlich Mai wurden in Deutschland 7993 Elektroautos neu zugelassen, was einem Plus von 126,8 Prozent entspricht.

VW drohen hohe Strafzahlungen

Es scheint also ein guter Zeitpunkt zu sein, jetzt mit Elektroautos auf den Markt zu kommen. Das Problem: VW wird die ersten Modelle auf der neuen E-Antriebsplattform I.D. erst ab 2020 fertig haben. Damit bis dahin überhaupt etwas in Sachen CO2-Reduktion geschieht, kam man offenbar auf die Idee mit dem CNG.

Das ist durchaus clever, denn Erdgasfahrzeuge stoßen im Vergleich zu Benzin- oder Dieselautos um bis zu 25 Prozent weniger CO2 aus. Das ist nicht nur gut für die Umwelt, sondern vor allem naheliegend für VW. "Der Konzern setzt alle Hebel in Bewegung, um den ab 2020 geltenden Grenzwert von 95 Gramm CO2 pro Kilometer einhalten zu können", sagt Stefan Bratzel, Autoexperte vom Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. Der Erdgasantrieb ist einer dieser Hebel.

Der Druck auf VW ist groß. Wie man aus der Wolfsburger Zentrale hört, wird das Unternehmen das von der EU vorgegebene 95-Gramm-Ziel nicht einhalten können. Mit drastischen Folgen: Nach aktuellem Kenntnisstand kommen auf den Konzern ab 2021 Strafzahlungen in Höhe von rund 3,2 Milliarden Euro zu. Ab dann nämlich gilt der ab 2020 in Kraft tretende CO2-Grenzwert verbindlich und ausnahmslos. Falls der Absatz von Diesel-Pkw weiter sinkt, wie das jetzt schon der Fall ist, könnte sich die Strafzahlungssumme noch erhöhen. Denn gerade die Dieselfahrzeuge sollten ja, weil sie weniger Kohlendioxid ausstoßen als Benziner, zur CO2-Reduktion beitragen.

Deshalb versucht Volkswagen nun offenbar, den Diesel-Rückgang durch einen Anstieg von CNG-Fahrzeugen zu kompensieren. Der Aufwand für das CNG-Projekt ist zudem überschaubar, denn die Technik ist ausgereift und verfügbar. "Motorenseitig sind keine großen Änderungen notwendig. Jetzt geht es nur noch darum, die Erdgasautos auch zu verkaufen", sagt Bratzel.

Erdgasantrieb als Brückentechnologie

Die neue CNG-Initiative wurde in aller Eile gestartet. Erst Anfang dieses Jahres wurden die einzelnen Maßnahmen beschlossen. Wenn man die neuen Erdgas-Protagonisten fragt, warum nicht gleich mit voller Kraft die Elektromobilität vorangetrieben werde, hört man folgende Argumentation: Der Erdgasantrieb diene lediglich als Brückentechnologie auf dem Weg zum E-Auto und verschaffe den VW-Ingenieuren mehr Zeit bei der Entwicklung effektiver Akkus.

Autoexperte Bratzel formuliert es anders: "Die Relevanz des Elektroautos haben die deutschen Hersteller einfach zu spät erkannt. Stattdessen haben sie auf Diesel- und Hybridfahrzeuge gesetzt und geglaubt, dass sie damit die CO2-Ziele erreichen können." Sein Fazit: "Das war eine famose Fehleinschätzung, die sich nun rächt."

Das gilt für die gesamte Branche, denn VW steht längst nicht allein vor diesem Problem. Auch die meisten Premiumhersteller, sowie Opel, Ford oder Kia werden sich etwas einfallen lassen müssen. Zumal sich die Kluft zwischen CO2-Zielvorgabe und tatsächlichem CO2-Flottenausstoß aufgrund des anhaltenden SUV-Trends weiter verschärft. "Vielen ist noch gar nicht bewusst, dass die Einhaltung des 95-Gramm-Ziels ein großes Thema werden wird", sagt Bratzel. Sicher sei auch, dass der Grenzwert ohne den Dieselmotor nicht einzuhalten sei. Deshalb käme es darauf an, die Diesel-Problematik so zu lösen, dass die Verunsicherung beim Käufer nachlässt.

Die Politik hilft nach

VW versucht es, indem jetzt Erdgasfahrzeuge propagiert werden. Das freut zumindest die Gaswirtschaft. Derzeit kommen auf eine Erdgastankstelle etwa hundert CNG-Fahrzeuge. Damit ein wirtschaftlicher Betrieb gewährleistet werden kann, müssten es künftig aber doppelt so viele Fahrzeuge sein. Eine Art CNG-Entwicklungshilfe gab es jetzt schon einmal von der Politik: Die Regierungsfraktionen des Bundestags haben sich auf eine Verlängerung der Steuerermäßigung für Erdgas als Kraftstoff bis 2026 verständigt. Ursprünglich sollte die Förderung 2018 auslaufen.

Neue CNG-Modelle sollen weiteren Anreiz für potenzielle Kunden schaffen. Der VW-Konzern bietet derzeit 14 Erdgasmodelle an. Das Angebot soll ausgebaut werden, in diesem Jahr etwa durch einen 1,0-Liter-TGI-Motor mit 90 PS im neuen VW Polo und im Seat Ibiza.

insgesamt 532 Beiträge
seb.mazur@googlemail.com 26.06.2017
1. Nachfrage bei VW egal?
Zitat aus dem Text:"Laut Kraftfahrtbundesamt (KBA) wurden in den ersten fünf Monaten des Jahres 2017 lediglich 848 Erdgas-Autos neu zugelassen, das waren 42,2 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Zum Vergleich: Von [...]
Zitat aus dem Text:"Laut Kraftfahrtbundesamt (KBA) wurden in den ersten fünf Monaten des Jahres 2017 lediglich 848 Erdgas-Autos neu zugelassen, das waren 42,2 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Zum Vergleich: Von Januar bis einschließlich Mai wurden in Deutschland 7993 Elektroautos neu zugelassen, was einem Plus von 126,8 Prozent entspricht." na VW, da produzierst du ja wieder hart an den Kundenwünschen ....
anon_moppi 26.06.2017
2. nur der SUV ?
wer will den heute noch SUV fahren ? jetzt kommt der FullSize Pick-Up Trend richtig in Fahrt. weil viele nun meinen der SUV panzer ist zu klein (um den nachbarn zu beendrucken, den man eh nicht mag). und man kann damit noch [...]
wer will den heute noch SUV fahren ? jetzt kommt der FullSize Pick-Up Trend richtig in Fahrt. weil viele nun meinen der SUV panzer ist zu klein (um den nachbarn zu beendrucken, den man eh nicht mag). und man kann damit noch richtig was transportiern (also im gedanken.) da sollten sich die hersteller echt was einfallen lassen, es brauch viel mehr Modelle von Pick-Up´s
tailspin 26.06.2017
3. Her mit belastbaren Zahlen.
Gilt bei dieser Hin- und Herrechnerei die Annahme, dass die E-Autos nichts zum VW CO2 Flottenausstoss beitragen? Wenn das so sein sollte, dann waere das eine ueberaus kindische Annahme. Der Ausstoss erfolgt dann eben im Kohle- [...]
Gilt bei dieser Hin- und Herrechnerei die Annahme, dass die E-Autos nichts zum VW CO2 Flottenausstoss beitragen? Wenn das so sein sollte, dann waere das eine ueberaus kindische Annahme. Der Ausstoss erfolgt dann eben im Kohle- oder Gaskaftwerk. Der Vortel waere dann allenfalls, dass die Emissionen nicht unbedingt in der Stuttgarter Innenstadt entstehen, sondern in verteilten Kraftwerken irgendwo ausserhalb. Im Kraftwerk kann zwar die die eingesetzte Energie durch Waermetauschprozesse bis runter zur Heiswassertemperatur besser ausgenutzt warden als in einem Auto mit Verbrennungsmotor. Dafuer gibt es aber Generatoren,- Trafo- und Leitungsverluste beim Stromerzeuger sowie Motoren- und Speicherverluste beim E-Auto. Ist dann der Wirkungrad beim E-Auto besser als beim Verbrenner? Ohne einen nachgewiesenen Effizienz- und Kostenvorteil in der energetischen Gesamtbilanz wird sich bei mir kein Enthusiasmus fuer E-Autos einstellen.
markus.pfeiffer@gmx.com 26.06.2017
4. Gar nicht so blöd für die Umwelt
Theoretisch könnte "Erdgas" auch CO2-neutral aus überschüssigem Windstrom künstlich hergestellt werden. Mithin ist ein Erdgasantrieb potentiell so etwas wie E-Mobilität durch die Hintertür... kommt nur noch darauf [...]
Theoretisch könnte "Erdgas" auch CO2-neutral aus überschüssigem Windstrom künstlich hergestellt werden. Mithin ist ein Erdgasantrieb potentiell so etwas wie E-Mobilität durch die Hintertür... kommt nur noch darauf an, dass der entsprechend benötigte Strom ebenfalls CO2-neutral produziert wird.
fe.h. 26.06.2017
5. ... fehlen nur noch die Tankstellen
... dabei fehlen nur noch die Tankstellen für CNG-Ergas bis 2020. Die gibt es nämlich mit ca. 850 im Bundesgebiet viel weniger als für LPG (Autogas). Wenn mann nicht gerade in Wolfsburg arbeitet, wo als Pilotprojekt [...]
... dabei fehlen nur noch die Tankstellen für CNG-Ergas bis 2020. Die gibt es nämlich mit ca. 850 im Bundesgebiet viel weniger als für LPG (Autogas). Wenn mann nicht gerade in Wolfsburg arbeitet, wo als Pilotprojekt sicherlich alle Tankstellen in Konzernsichtweite umgerüstet werden. Hingegen für das LPG-Autogas sieht es ein ganzes Stück besser aus mit ca. 6.500 Tankstellen, sozusagen Flächendecken. Wofür seit Jahren die Benzin-zu-Autogas-Nachrüster auch für einen wachsenden Bedarf sorgen. Die Hersteller von PKW setzen aber hingegen seit jeher verstärkt auf CNG-Ergas. Warum? ich weiß es nicht. Ganz davon abgesehen wird das Nutzungsverhalten der Menschen unterschätzt, was sich nur gemächlich anpasst. Bei vielen Leuten überwiegt in der Anfangszeit Skepsis gegenüber neuen Technologien, und bis 2020 ist es wahrlich nicht mehr lang hin. Bis dahin gute Fahrt!
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