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Mobilität

Moia startet in Hamburg

So funktioniert VWs Volksfahrdienst

Elektrobusse, Buchung per App, 10.000 Haltepunkte: Montag startet Volkswagen seinen Fahrdienst Moia in Hamburg - und will so den Stadtverkehr entlasten. Es ist aber auch möglich, dass das Gegenteil eintritt.

DPA
Von
Samstag, 13.04.2019   17:12 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Losfahren, ohne nachzudenken - das zeichnet laut Moia-Geschäftsführer Robert Henrich das Auto aus. "So schnell, so flexibel und komfortabel wie Autofahren" soll Henrich zufolge Volkswagens Fahrdienst Moia sein. Am Montag startet der Service in Hamburg mit zunächst hundert elektrisch betriebenen Fahrzeugen, später sollen es bis zu tausend werden. In Hannover läuft bereits ein erster, kleinerer Test.

Deutschlands Autohersteller Nummer eins will sich mit Moia neu erfinden. Und wird dabei die Verkehrswelt, wie wir sie kannten, ergänzen oder gar umkrempeln - zulasten des Autos, möglicherweise aber auch zu Ungunsten des öffentlichen Nahverkehrs.

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Moia-Bus: Das ist Volkswagens Elektro-Shuttle

Doch wie stehen die Chancen, dass VW mit Moia den Durchmarsch schafft? Und was haben die Stadtbewohner davon? Wir erklären, wie der Dienst funktioniert - und untersuchen die einzelnen Erfolgsfaktoren, die darüber entscheiden, ob Volkswagen die Mobilität tatsächlich so entscheidend ändert.

Ein Fahrzeug rufen: Regenschirm nicht vergessen

Wer mit Moia von A nach B will, gibt in der App ein Ziel ein, wählt, ob er sofort, in fünf oder zehn Minuten aufbrechen möchte und bekommt eine Verbindung vorgeschlagen. Allerdings bringt der schwarz-goldene Transporter Fahrgäste nicht von ihrem Startpunkt bis zur Haustür - anders als ein Taxi.

Die Busse fahren stattdessen Haltepunkte an, die im Stadtbild nicht markiert sind. Rund 10.000 davon hat Moia über das Stadtgebiet nördlich der Elbe verteilt. Die Hamburger Bahngesellschaft Hochbahn fährt nur 1327 Haltestellen mit ihren Bussen an. Die unsichtbaren Moia-Stopps sind bis zu 300 Meter vom jeweiligen Start und Ziel entfernt, sollen dafür aber an großen Straßen auf der Seite des Ziels liegen - und den Dienst in dieser Hinsicht fast so komfortabel wie einen Privatwagen machen.

An welchem Haltepunkt es losgeht und wo man genau aussteigt, entscheidet der Algorithmus - abhängig vom Fahrgastaufkommen und den Buchungen der anderen Kunden. Man sollte allerdings pünktlich sein - denn auch der Moia-Bus wartet nicht.

Fazit: Der Moia-Bus ist kein Taxi und erspart nicht den Weg zur Haltestelle - bringt Fahrgäste aber ohne Umsteigen recht nah ans Ziel. Das erleichtert den Verzicht aufs Auto, könnte aber auch ÖPNV-Fahrgäste anlocken, die umsteigefrei ans Ziel gelangen.

Fahren und Fahrgefühl: Premiumbus ohne Umsteigen

Bei der Buchung nennt die App einen verbindlichen Zeitraum für die Ankunft. Der werde immer eingehalten, versichert Moia-Geschäftsführer Henrich - "auch, wenn Kunden zusteigen". Wie in einem Bus können andere Fahrgäste mit einem zur Route passenden Ziel während der Fahrt ein- und aussteigen. Den Premiumbus teilt man sich dann mit bis zu fünf weiteren Personen. Im Testgebiet in Hannover fahren Fahrgäste jedoch meist allein. Lediglich am Nachmittag und am Abend werden bei mehr als jeder zweiten Tour Fahrgemeinschaften gebildet. In Hamburg will Moia die Quote deutlich erhöhen.

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VW-Dienst Moia im Preisvergleich: Wer zwischen Elbphilharmonie und Partyviertel am billigsten fährt

Trotzdem sollen die Busse Privatsphäre bieten. Sitze schirmen die Fahrgäste voneinander ab und erinnern eher an die erste Klasse des ICE als an einen klassischen Linienbus. Die Fahrer sollen defensiv fahren. Auf einer Testfahrt entpuppte sich der goldene Bus als leise und komfortabel, rumpelte jedoch wie alle Transporter etwas ruppig über Bodenwellen. An Bord gibt es Platz für Gepäck, Kindersitze und zwei Sitzplätze mit Isofix.

Zusätzlich bieten die Busse Wlan und Lademöglichkeiten für Smartphones. Das gibt es jedoch auch in vielen Bussen der Hochbahn. Im Gegensatz zum Linienbus ist der goldene Moia-Transporter nicht für Rollstuhlfahrer geeignet. Wollen diese den Service nutzen, bringt sie die Partnerfirma Caredriver zum gleichen Preis ans Ziel.

Fazit: Eine Fahrt im Moia-Bus ist leise, komfortabel und erstaunlich privat. WLAN und Lademöglichkeiten sind im Vergleich zum Taxi ein Pluspunkt - wie auch die vorhandenen Kindersitze. Ob der Dienst allerdings den Verkehr entlastet, bleibt sehr fraglich, solange Passagiere teilweise allein kutschiert werden.

Preise: recht günstig - aber nicht für Paare und Gruppen

Moia ist teurer als der ÖPNV - aber billiger als ein klassisches Taxi: Ein Kilometer mit Moia kostet rund einen Euro (Taxi Hamburg: 1,50 bis 2,45 Euro). Eine Grundgebühr gibt es nicht, bezahlt wird per App. Der Fahrpreis steht bei der Buchung fest und wird nicht verändert - auch nicht bei Staus oder Sperrungen. Bucht man für mehrere Personen, zahlt nur der erste Fahrgast den vollen Preis, der zweite und dritte deutlich weniger. Zufriedene Passagiere dürfen den Fahrern auch ein Trinkgeld geben - allerdings nur per App.

Fazit: Der Preis passt zum angebotenen Komfort, ist aber gerade für Paare und kleine Gruppen doch recht hoch. Die Tarife sprechen dagegen, dass Moia schon zum Start ein echtes Massenverkehrsmittel wird.

Das Geschäftsmodell: Überrumpelt Moia Taxis und ÖPNV?

Den Stadtverkehr wird VW nur umkrempeln, wenn die Fahrgäste das Konzept lieben und Moias Geschäftsmodell zündet. Ein aus Sicht der Wolfsburger ermutigendes Zeichen: Die Konkurrenz läuft zum Teil Sturm gegen Moia. So protestierte das Hamburger Taxigewerbe bereits gegen Moia.

Vertreter des öffentlichen Nahverkehrs machen sich dagegen wenig Sorgen, zumindest öffentlich. Für den ÖPNV sei Moia keine Konkurrenz, sagt der Vorstandsvorsitzende der Hamburger Hochbahn, Henrik Falk. Der Dienst helfe, einen "verlustfreien Verzicht aufs Auto" zu ermöglichen. Das glaubt auch Verkehrsforscher Andreas Knie. "Um die Leute aus dem Auto zu bekommen, brauchen wir solche Alternativen. Das geht mit dem klassischen ÖPNV allein nicht, dafür brauchen wir individualisierte Angebote."

Behaupten muss sich Moia allerdings auch gegenüber anderen neuen Fahrdiensten wie der Bahn-Tochter Clevershuttle. Dort buchen Kunden per App einen Pkw mit Fahrer, der sie ans exakte Ziel bringt. Wie bei Moia steigen unterwegs eventuell weitere Fahrgäste zu. Fahrzeuge des Dienstes Ioki (der ebenfalls der Bahn gehört) bringen Kunden in einigen Hamburger Stadtteilen von der Haustür zu Haltestellen des ÖPNV.

Ab wann sich das Geschäft für die VW-Tochter finanziell lohnen soll, verraten die verantwortlichen Manager nicht. "Dieses Geschäft ist für beide Konzerne, für Volkswagen mit Moia und auch für die Bahn mit Ioki, komplett neu", sagt Verkehrsforscher Knie. Damit die Dienstleister am Ende attraktiv sind, müsse der Service vor allem "reibungslos funktionieren".

Fazit: Wem Moia am Ende Marktanteile abspenstig macht und wann sich der Service lohnt, ist offen und hochspannend. Hamburg ist die erste Stadt, in der Volkswagen sich mit vielen starken Konkurrenten misst.

Moia als Arbeitgeber: Gute Fahrer sind knapp

Mit Dumpinglöhnen gegen Taxi und ÖPNV? Das ist nicht das Ziel von Moia. Vielmehr will (und muss) das Unternehmen Fahrer ordentlich bezahlen - um überhaupt welche zu bekommen. "Fahrer sind eine sehr knappe Ressource", sagt Moia-Geschäftsführer Ole Harms. Und mit jedem Mobilitätsdienst, der auf den Markt komme, werden mehr Fahrer gesucht. Dabei seien die Chauffeure durch ihren Fahrstil, aber auch durch den direkten Kontakt zum Kunden entscheidend für deren Zufriedenheit, so Harms.

Die Fahrer sind bei Moia fest angestellt, der niedrigste Stundenlohn liegt bei zwölf Euro. Es gibt Zuschläge für Nacht- und Feiertagsschichten. Mittlerweile hat Moia mehr als die zum Start benötigten 300 Fahrer beisammen. Wenige Wochen vor dem Start sah das noch anders aus: "Das wird eine enge Kiste", räumte Geschäftsführer Harms bei der ersten Präsentation ein.

Fazit: Für Moia fahren fest angestellte Mitarbeiter, die ordentlich bezahlt werden. Damit setzt die VW-Tochter andere Akzente als Uber und Co., die vor allem in den USA durch schlechte Arbeitsbedingungen für ihre Fahrer Aufsehen erregt haben. Faire Arbeitsbedingungen und ein gutes öffentliches Ansehen sind in Deutschland aber auch Voraussetzungen, um erfolgreich zu sein.

Die Fahrzeuge: Umgebaute E-Crafter mit 300 Kilometer Reichweite

Die goldenen Transporter basieren auf dem VW E-Crafter, sind maximal 90 km/h schnell und haben eine Reichweite von 300 Kilometern. Die Akkus werden während des Schichtwechsels in den Betriebshöfen geladen, mit Ökostrom nach dem Standard des TÜV Nord. Durch 150kW-Schnelllader stehen nach 30 Minuten wieder 80 Prozent der Reichweite zur Verfügung.

Dass die Wagen elektrisch fahren, hatte die Stadt Hamburg von VW gefordert. So sind sie laut Robert Henrich aber auch für das Ridesharing prädestiniert. "Wir haben hohe Laufleistungen von 100.000 Kilometern pro Jahr, da lohnen sich E-Fahrzeuge durch ihre niedrigen Betriebskosten."

Fazit: Abgasfrei, schnell aufgeladen und keine langen Anfahrtswege: Das Antriebskonzept verleiht den Moia-Bussen ein Alleinstellungsmerkmal, das im Wettbewerb mit der Konkurrenz hilfreich ist.

Gesamteindruck: Sinnvolles Angebot mit einer Schwäche

Moia überzeugt in vielen Kategorien. Die Fahrt per App zu buchen und zu bezahlen, ist einfach, die Fahrt komfortabel und auch der Preis ist in Ordnung. Gleichzeitig können Fahrgäste dank E-Antrieb, Ökostrom und fest angestellten Fahrern mit recht gutem Gewissen in den goldenen Bus einsteigen.

Erfolgsentscheidend wird sein, dass Moia wirklich Fahrgäste mit unterschiedlichen Zielen in die Autos bekommt. Dazu braucht der Fahrdienst rasch viele Kunden - und muss beim weiteren Wachstum genügend Fahrer finden. Vielleicht haben diese vorher Taxis gelenkt?

Kommt Moia nicht schnell ins Rollen, wird sich am Verkehr in Hamburg kaum etwas ändern. Für einen wirklich nachhaltigen Effekt wären deshalb flankierende Maßnahmen der Verwaltung nötig, erklärt Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach: "Damit die Menschen auf dieses Modell umsteigen, muss die Politik positive, sowie negative Anreize schaffen, das Auto stehen zu lassen. Eine Möglichkeit wäre eine City-Maut oder eine Erhöhung der Parkgebühren in der Innenstadt."

Zusammengefasst: Der Fahrdienst Moia könnte viele Verkehrsteilnehmer überzeugen. Komfort und Preis fügen sich in die Lücke zwischen ÖPNV und Taxi ein. Außerdem gibt es Kindersitze und ein Angebot für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen. Fahrgäste wissen bereits bei der Buchung, wie viel die jeweilige Fahrt kostet und wann sie ungefähr ankommen - egal, wie viele andere noch zusteigen. Außerdem werden die Fahrer anders als bei Diensten wie Uber fest angestellt. Es wird spannend zu beobachten, ob Moia wirklich für weniger Verkehr auf den Straßen sorgt.

insgesamt 143 Beiträge
coulter2 13.04.2019
1. Bin skeptisch.
In Hannover sehe die Dinger immer nur leer fahren - ich schätze in HH wird das nicht anders sein. Würde VW nicht finanziell das ganze zumindest noch subventionieren, wäre es nur eine weitere Totgeburt. In der Stadt gibt es [...]
In Hannover sehe die Dinger immer nur leer fahren - ich schätze in HH wird das nicht anders sein. Würde VW nicht finanziell das ganze zumindest noch subventionieren, wäre es nur eine weitere Totgeburt. In der Stadt gibt es mit Individualverkehr, Fahrrad, Fußgängern, ÖPNV, Taxis, CarSharing, usw. usf. zig Fortbewegungsarten, da hat eigentlich niemand auf ein eher teures und beschränktes (nur 6-0 Uhr, nur innerhalb der Stadt) Verkehrsmittel gewartet. Für Pendler und/oder Umlandbewohner (die den Großteil des Berufsverkehrs ausmachen) ist MOIA zumindest keine Alternative. Wenigstens kommen in HH im Gegensatz zu Hannover Elektrofahrzeuge zum Einsatz...
fahrgast07 13.04.2019
2. Autos reduzieren
Der letzte Satz triffts: Erst wenn die Ptivat-PKW ihre Privilegien verlieren, wird neue Mobilität möglich. Moia könnte von Fahrgemeinschafts-Spuren profitieren, und eine Citymaut würde sowieso helfen. Leider ist die Politik [...]
Der letzte Satz triffts: Erst wenn die Ptivat-PKW ihre Privilegien verlieren, wird neue Mobilität möglich. Moia könnte von Fahrgemeinschafts-Spuren profitieren, und eine Citymaut würde sowieso helfen. Leider ist die Politik mutlos: Man hofft immer noch, Verkehrsprobleme zu lösen, ohne die Privat-PKW zu beschränken. Daran scheiterts.
wolle0601 13.04.2019
3. Genau, fahrgast07 (Nr. 2)
und das ist auch gut so. Autobesitzer sind Wähler (und es gibt viele von ihnen; sie nicht zu verärgern nennt sich Demokratie). Und Autobesitzer sind auch Melkkühe, auf deren Milch man auch zur Subventionierung des ÖPNV nicht [...]
und das ist auch gut so. Autobesitzer sind Wähler (und es gibt viele von ihnen; sie nicht zu verärgern nennt sich Demokratie). Und Autobesitzer sind auch Melkkühe, auf deren Milch man auch zur Subventionierung des ÖPNV nicht verzichten möchte (jaja, ich kenne die Studien grünen-naher Institute, wieviele Fantastilliarden die Autobesitzer dennoch zu wenig zahlen). Tatsache ist, die Qualität des MIV (Geschwindigkeit, Privatsphäre, Hygiene) liegt nunmal deutlich über der des ÖPNV, zumindest im Nahverkehr. Mit Moia übt VW für den ÖPNV auf autonomer Basis, und das ist noch besser.
uhu_13 13.04.2019
4. Opnv Busse sind tot
Also wie Ueber Pool. OEPNV Busse sind damit tot.
Also wie Ueber Pool. OEPNV Busse sind damit tot.
dojanrk 13.04.2019
5. und was mache ich ohne Smartphone...
dem Bus hinterherwinken... nicht jeder hat so ein Ding in der Tasche und kann alles per App steuern, bzw. will es auch nicht. Da lobe ich mir den ÖPNV und Taxis, da wird nicht viel gefragt und ich kann mit Barem [...]
dem Bus hinterherwinken... nicht jeder hat so ein Ding in der Tasche und kann alles per App steuern, bzw. will es auch nicht. Da lobe ich mir den ÖPNV und Taxis, da wird nicht viel gefragt und ich kann mit Barem bezahlen....(Trinkgeld via App, geht's noch)
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