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Mobilität

Autogramm VW T6.1

Das SUV, das auch Ökos lieben

Der VW-Bus T7 kommt schon bald, trotzdem bringt VW jetzt noch einen neuen Bulli auf den Markt: den T6.1. Seine Qualitäten werden überdauern - und von bestimmten Kunden geschätzt.

Achim Hartmann/ Volkswagen AG
Von
Freitag, 06.09.2019   04:59 Uhr

Der erste Eindruck: Ist das der neue Bus oder spielt VW der Welt hier gerade einen Streich? Äußerlich unterscheidet sich der T6.1 kaum vom Vorgänger.

Das sagt der Hersteller: Die inneren Werte zählen, das zumindest findet Designchef Albert Kirzinger. "Die Außenmaße sind beinahe identisch zum Vorgänger, innen ist der T6.1 aber viel geräumiger", erklärt er. Trotz der aufwendigen neuen Abgasreinigung sei nun mehr Platz zwischen den Vordersitzen, man könne bequemer nach hinten durchgehen. Der Weg vom Fahrersitz in die zweite Reihe wird dadurch tatsächlich zu einem überraschend einfachen Fußweg, auf dem man die Beine nicht mühsam durch irgendwelche Lücken bugsieren muss.

Beim Außendesign habe man vor allem die Dinge erhalten, die den VW-Bus unverwechselbar machen, so Kirzinger: "Durch das Zusammenspiel aus kurzem Überhang vorn, steiler Motorhaube und Frontscheibe wirkt der Wagen monolithisch, also wie aus einem Guss." Die im Vergleich zur Konkurrenz hohen und großen Fenster sollen ihm außerdem ein freundliches Äußeres verleihen.

Das ist uns aufgefallen: Früher war mehr Nutzfahrzeug. Nach dem Einsteigen fühlt man sich im T6.1 mehr denn je wie in einem "normalen" VW. Das liegt vor allem am Lenkrad, aber auch am Infotainment, denn beides stammt aus dem Passat. Neben den Systemen der zweiten Generation des "Modularen Infotainmentbaukastens" gibt es jetzt auch die der dritten Generation, die mit einem 8- und einem 9,2-Zoll großen Display locken - allerdings gegen Aufpreis, serienmäßig bespaßt die Insassen nur ein schlichtes Radio.

Das Pkw-Interieur täuscht den Fahrer jedoch nur im Stand. Sobald der Wagen rollt, ist er wieder ganz Transporter. Denn trotz einer nun elektromechanisch arbeitenden Lenkung muss man in Kreisverkehren und engen Kurven ordentlich kurbeln. Und auch Unebenheiten wie Bremsschwellen erinnern den Fahrer rumpelnd daran, dass er eben doch nicht in einem Passat sitzt, sondern im Transporter.

Multivan-Käufer dürfte jedoch vor allem eine klitzekleine Neuerung freuen: Die Dosenhalter auf der Oberseite des Armaturenbretts, die bislang den Handwerkern im Transporter vorbehalten waren, gibt es nun in allen Modellen. Neu ist auch die Namensplakette am Kotflügel, die Scheinwerfer und Blinker verbindet.

Auf ihr prangt die Modellbezeichnung, also ob es sich bei diesem Bus um den hemdsärmeligen Transporter, die Pkw-Variante Caravelle mit Mehrfachbestuhlung oder das Topmodell Multivan handelt. Wer mit dem sechsstelligen Preis seines Highline-Multivan lieber nicht angeben möchte, kann sich jedoch auch schlicht für "Bulli" entscheiden.

Das muss man wissen: Der T6.1 ist zwar in vielen Punkten neu, aber am Ende eben auch nur ein Update des T6. Haube und Heckklappe übernimmt der Wagen dabei vom Vorgänger. Nach der Generation sechseinhalb folgt der echte Einschnitt: Das Nachfolgemodell T7 wird auf der MQB-Plattform stehen und ein ganz anderes Auto sein. "Der Innenraum wird noch flexibler als der des T6.1, durch die Basis auf dem MQB hat er aber weniger Zuladung", sagt Designer Kirzinger.

Der T7 wird deshalb für viele Handwerker nicht infrage kommen - also soll der T6.1 gleichzeitig weitergebaut werden und im Transportertrio mit T7 und dem elektrischen ID Buzz den Praktiker geben. Laut VW ist er deshalb auch kein Konkurrent des Nachfolgers. So biete der T6.1 einige Zentimeter mehr Innenraumlänge als seine Konkurrenten, sagt Kirzinger - "ohne dabei außen länger zu sein". Das dürfte vor allem Gewerbekunden gefallen. "Aber was dem Schreiner gefällt, finden auch private Bulli-Käufer gut", fügt der Designer an.

Fotostrecke

Fotostrecke: Der letzte Praktiker

So haben die Entwickler allerlei praktische Spielereien im Wagen versteckt und eine zusätzliche Etage ins Armaturenbrett eingezogen. Zwischen dem Handschuhfach und dem Staufach darüber gibt es nun das sogenannte Zollstockfach aus dem großen Bruder Crafter - nur eben maßstabsgerecht auf "Bulli"-Format geschrumpft, wodurch hier tatsächlich nicht mehr als ein Meterstab Platz haben dürfte.

Das werden wir nicht vergessen: Den SUV-Effekt. Denn der Bus bietet, was die Käufer der Stadtgeländewagen suchen: viel Stauraum, eine gute Übersicht und eine hohe Sitzposition. So kann man vom Fahrersitz des T6.1 perfekt auf fast alle anderen Verkehrsteilnehmer herabschauen - auch auf die in den dicksten SUV. Nimmt man Nutzfahrzeuge aus, befand sich lediglich der Fahrer eines Toyota Land Cruiser auf Augenhöhe - für den Fahrer eines Porsche Cayenne hat man im T6.1 dagegen nur ein müdes Lächeln von weit oben übrig.

Ähnlich weit oben sitzt der Bus-Fahrer offenbar auch auf der Beliebtheitsskala anderer Verkehrsteilnehmer. Denn anders als für die dicken Geländewagen haben Radfahrer und Fußgänger stets ein Lächeln für den Bus übrig - auch wenn ihnen der entgegenkommende Bulli in schmalen Straßen den Weg versperrt und sie sogar absteigen müssen. Denn der T6.1 nimmt mindestens genauso viel Platz weg wie die viel gescholtenen SUV - tut dies dank des freundlichen Äußeren aber offenbar auf die korrekte Art und Weise.

Hersteller: VW
Typ: T6.1
Motor: Vierzylinder-Dieselmotor
Getriebe: Manuelle Sechsgangschaltung
Antrieb: Front
Hubraum: 1.968 ccm
Leistung: 150 PS (110 kW)
Drehmoment: 340 Nm
Von 0 auf 100: 12,9 s
Höchstgeschw.: 182 km/h
Verbrauch (ECE): 7,0 Liter
CO2-Ausstoß: 183 g/km
Kraftstoff: Diesel
insgesamt 123 Beiträge
yogearbear 06.09.2019
1. Auf korrekte Art und Weise den Weg versperren...
Mein lieber Jolly.. richtig erkannt: bei SUVs sucht man den Stauraum, den man im Bus hat. Deswegen ist das eine ja auch ein Nutzfahrzeug und das andere ist eben einfach nur ein unnützes Fahrzeug.
Mein lieber Jolly.. richtig erkannt: bei SUVs sucht man den Stauraum, den man im Bus hat. Deswegen ist das eine ja auch ein Nutzfahrzeug und das andere ist eben einfach nur ein unnützes Fahrzeug.
smarty79 06.09.2019
2. Fraglos ein schönes Familienauto
Aber zwei Dinge sollte man noch erwähnen: 1) Die 183g CO2 sind nach NEFZ ermittelt. Nach WLTP spuckt der Konfigurator um die 220g aus. 2) Die kompakte Bauform ist nur deshalb möglich, weil die aktuellen Vorschriften zum [...]
Aber zwei Dinge sollte man noch erwähnen: 1) Die 183g CO2 sind nach NEFZ ermittelt. Nach WLTP spuckt der Konfigurator um die 220g aus. 2) Die kompakte Bauform ist nur deshalb möglich, weil die aktuellen Vorschriften zum Fußgängerschutz aufgrund der alten Typzulassung keine Anwendung finden.
ubd46 06.09.2019
3. Defekt nach Garantie?
Was sagen die Fachleute zur Dauerhaltbarkeit der Abgasreinigung? Tolles Auto, aber neben regelmäßig defekten Motoren erwarten uns nun evtl. auch noch teure Reparaturen der Abgasanlage... natürlich nach Ablauf der lächerlich [...]
Was sagen die Fachleute zur Dauerhaltbarkeit der Abgasreinigung? Tolles Auto, aber neben regelmäßig defekten Motoren erwarten uns nun evtl. auch noch teure Reparaturen der Abgasanlage... natürlich nach Ablauf der lächerlich kurzen Garantiezeit...?
shechinah 06.09.2019
4. SUV Effekt
Erstaunlicherweise wird ein VW-Bus von den üblichen Verdächtigen nie als böser SUV wahrgenommen wahrgenommen, das auschließlich zur Vergrößerung der Reproduktionsorgane des Fahrers (aber nie der Fahrerin) dient, sondern nur [...]
Erstaunlicherweise wird ein VW-Bus von den üblichen Verdächtigen nie als böser SUV wahrgenommen wahrgenommen, das auschließlich zur Vergrößerung der Reproduktionsorgane des Fahrers (aber nie der Fahrerin) dient, sondern nur als liebenswerter Bulli - und das obwohl er deutlich größer ist als mein US Explorer.
mescal1 06.09.2019
5. Das soll einer verstehen
da wird über SUVs hergezogen, denen dieser Bulli aber in nichts nachsteht. Jene werden von den Ökos verdammt, der Bulli aber geliebt. Da soll noch einer sagen, dass nach Fakten geurteilt wird. Ideologie ist das Zaubewort. [...]
da wird über SUVs hergezogen, denen dieser Bulli aber in nichts nachsteht. Jene werden von den Ökos verdammt, der Bulli aber geliebt. Da soll noch einer sagen, dass nach Fakten geurteilt wird. Ideologie ist das Zaubewort. Wobei ich den Bulli gar nicht schlecht finde. Nur - ein Ökospielzeug ist der nicht.

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