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Mobilität

Klimastrategien im Check

Wie Autohersteller das Null-CO2-Auto bauen wollen

2050? 2040? 2039? In ein paar Jahrzehnten wollen die großen Autohersteller kein Gramm CO2 mehr verursachen - nirgends. Wie ernst meinen sie es damit? Die Strategien im Check.

AFP

VW-Produktion in Wolfsburg: Fast 70 neue Elektromodelle bis 2028 geplant

Von
Donnerstag, 07.11.2019   08:29 Uhr

In ein paar Jahrzehnten wird ein Auto kein einziges Gramm CO2 mehr verursachen. Weder in der Produktion, noch während der Fahrt oder bei seiner Entsorgung. Das zumindest ist das erklärte Ziel vieler europäischer Autohersteller - die auch einen festen Zeitpunkt dafür nennen.

Während Volkswagen die Wegmarke auf das Jahr 2050 datiert, setzt der schwedische Hersteller Volvo den Tag X bereits auf 2040. Mercedes möchte es sogar noch ein Jahr früher schaffen. Alle drei Hersteller wollen spätestens bis dahin keine Fahrzeuge mehr bauen, die von einem Verbrennungsmotor angetrieben werden. Als einziger großer deutscher Hersteller legt sich BMW dagegen nicht auf einen Zeitpunkt fest. Was die Hersteller erreichen wollen, ob es realistisch ist und wer dabei vorangeht - ein Faktencheck.

Volkswagen: Klimaneutral bis 2050

"Wir haben verstanden" sagte der damalige VW-Chef Matthias Müller 2017 auf der IAA. Müller kündigte damals den kompletten Umbau des VW-Konzerns hin zur Elektromobilität an. "Das ist keine unverbindliche Absichtserklärung, sondern eine Selbstverpflichtung, an der wir uns ab heute messen lassen."

Zwei Jahre später steht sein Nachfolger Herbert Diess auf der IAA-Bühne und präsentiert das Elektroauto VW ID 3. Der elektrische Nachfolger des Golf ist zugleich das Versprechen, Elektromobilität massentauglich zu machen.

Um bis 2050 CO2-frei zu sein,

"Volkswagen steht von den deutschen Herstellern derzeit am besten da", sagt Peter Mock vom International Council on Clean Transportation (ICCT). Die Wolfsburger verfolgten eine glaubwürdige Strategie, so Mock. "Volkswagen treibt das Thema von allen Herstellern am stärksten voran", bestätigt auch Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management (CAM). Wie kein anderer Hersteller mache VW auch deutlich, dass das Elektroauto über den gesamten Lebenszyklus nachhaltig sein müsse. "Sonst betreibt man weiterhin nur Symbolpolitik", sagt Bratzel.

Bis 2023 will VW rund 30 Milliarden in den technologischen Wandel investieren, weitere 14 Milliarden fließen in die Vernetzung und Assistenzsysteme. Ab 2040 will VW zudem den Verkauf von Verbrennern komplett einstellen. Sogar jeden geschäftlichen Flug von Mitarbeitern will VW künftig kompensieren. Das deutet darauf hin, dass in Wolfsburg tatsächlich ein neues Denken begonnen hat. Derart große Investitionen sind zum einen kaum zurückzunehmen, zum anderen auch ein hohes wirtschaftliches Risiko - selbst für einen so großen Konzern wie VW.


Volvo: Klimaneutral bis 2040

Auch der schwedische Hersteller Volvo nennt klare Ziele. Neben der Elektrifizierung der Antriebe entwickeln die Schweden derzeit weitere Maßnahmen, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren.

Bereits 2040 will der Hersteller komplett klimaneutral sein und dafür

"Volvo setzt derzeit noch sehr stark auf Plug-in-Hybride. Das könnte für die Schweden zum Problem werden", meint Bratzel. Demnach gebe es bei Plug-in-Hybriden eine starke Abweichung zwischen dem angegebenen und dem realen Spritverbrauch. Dieser liege auf der Straße teilweise um das Dreifache höher. Dadurch besteht die Gefahr, dass Volvo durch die vermeintlich sparsamen Plug-in-Hybride nur auf dem Papier CO2-neutral wird.

Zwar setzen auch andere Hersteller wie VW oder Mercedes derzeit noch auf Plug-in-Fahrzeuge, beginnen aber zeitgleich damit, Elektroautos in großem Stil auf den Markt zu bringen. Volvo verkauft das erste E-Modell hingegen erst ab Ende 2020. Bratzel: "Volvo hat noch viel Arbeit vor sich und muss aufpassen, dass seine Klimastrategie nicht zum Papiertiger verkommt."


Mercedes: Klimaneutral bis 2039

Mercedes will am schnellsten sein und seine Neuwagenflotte mit der sogenannten "Ambition 2039" innerhalb der nächsten 20 Jahre klimaneutral machen.

Dafür will Mercedes

"Mercedes hat sich zur CO2-Neutralität verpflichtet und hinterlegt das mit einem glaubwürdigen Programm", sagt Bratzel. Der Hersteller unternehme Schritte, die zeigen, dass das Thema ernst genommen wird und nicht mehr von der Agenda verschwinden werde. Auch Daimler setzt derzeit stark auf Plug-in-Hybride und hat das Angebot in dieser Fahrzeuggattung erst kürzlich stark erweitert. Dennoch sieht Bratzel Mercedes auf einem guten Weg zur Klimaneutralität, da Mercedes zeitgleich damit beginnt, reine E-Autos auf den Markt zu bringen.


BMW: Klimaneutral bis ?

BMW nennt als einziger großer deutscher Hersteller kein konkretes Zieljahr für die CO2-Neutralität. Stattdessen haben die Bayern bereits 2001 einen Plan mit zehn Nachhaltigkeitszielen entwickelt, den sie bis 2020 umsetzen wollen.

Unter anderem will BMW

Dass BMW kein festes Jahresziel hat, sei kein Zeichen von mangelndem Ehrgeiz bei der CO2-Reduktion, sagt Mock vom ICCT. "BMW hat schon jetzt einen vergleichsweise hohen Anteil an Elektroautos und Plug-in-Hybriden, auf den man aufbauen kann."

Bei BMW heißt es, man sei bei den aktuellen Zielen auf einem guten Weg. So beziehe BMW in Europa bereits ausschließlich regenerativen Strom. Ob sich der Hersteller nach Ende des aktuellen Nachhaltigkeitsplans im Jahr 2020 auf ein Datum zur CO2-Neutralität festlegt, steht laut einem BMW-Sprecher noch nicht fest.


"Die Hersteller haben verstanden"

Die Jahresziele zur CO2-Neutralität seien allerdings nicht das wichtigste Kriterium, sagt Experte Mock. "Langfristige Vorhaben seien immer erst einmal leicht zu verkünden, weil man sie nicht kontrollieren kann." Wichtiger seien kurzfristige Ziele, sagt Mock und meint damit die Einhaltung der Emissionsgrenzen für 2021. Ab dann dürfen Neuwagen durchschnittlich nur noch 95 Gramm CO2 ausstoßen.

Kollege Bratzel sieht das anders. Er hält die Ziele der Hersteller für realistisch und es sei sinnvoll, feste Jahreszahlen als Zielpunkte zu setzen. Dennoch fordert auch Bratzel, verbindliche Zwischenziele zu vereinbaren, die politisch überwacht werden. Denn es nütze nichts, mit der Problemlösung erst in zehn Jahren zu beginnen, weil man noch so viel Zeit habe. "Grundsätzlich haben die Hersteller das Problem aber verstanden", sagt Bratzel.

Zeitenwende in der Autoindustrie

Einer möglichen Einsicht und hehren Absichten steht allerdings das Problem steigender SUV-Absatzzahlen entgegen. Und um die Nachfrage weiterhin zu bedienen, elektrifizieren viele Hersteller derzeit vor allem große SUV-Modelle. Dabei wären kompakte, sparsame Autos das Gebot der Stunde.

Ein komplett CO2-freies Auto ist dagegen Wunschdenken. Zu komplex sind die Lieferketten der Hersteller. Eine letzte Sicherheit, unter welchen Bedingungen das Kobalt für die Batterien abgebaut und wo auf den langen Lieferwegen überall CO2-Emissionen anfallen, hat der Hersteller nicht. Durch Kompensationszahlungen für Klimaschutzprokjekte wird das Auto somit nur bilanziell, also auf dem Papier emissionsfrei. Das aber trifft nicht den Kern des Problems.

Denn künftig einfach mit Strom statt Öl zu fahren, ohne die Mobilität an sich neu zu denken, ist keine langfristige Lösung. Stattdessen müssten die Hersteller auch überlegen, ob man aus dem Blech eines großen SUV nicht auch zwei Kleinwagenkarosserien bauen könnte. Oder ob es sogar erstrebenswert wäre, weniger Autos zu verkaufen, die Innenstädte zu entlasten und verstärkt über nachhaltigere, ebenfalls gewinnbringende Mobilitätskonzepte nachzudenken. Denn das Null-CO2-Auto wird es auch 2050 noch nicht geben.

insgesamt 179 Beiträge
post_fuer_tutu 07.11.2019
1. Klingt doch gut
Da gibt es endlich Strategien. Was in der Politik - insbesondere den Grünen - leider völlig fehlt. Die Autokonzerne überlegen offen, wie werden unsere Autos, Fabriken und Lieferkletten in 20 - 30 Jahren aussehen, wie wollen wir [...]
Da gibt es endlich Strategien. Was in der Politik - insbesondere den Grünen - leider völlig fehlt. Die Autokonzerne überlegen offen, wie werden unsere Autos, Fabriken und Lieferkletten in 20 - 30 Jahren aussehen, wie wollen wir diese Lieferketten und Produktionen sehen. Vielleicht spielt da auch viel Optimismus muss und nicht jedes Ziel wird erreichbar sein, aber es sind Visionen und klare Pläne. So was fehlt in der Politik leider völlig. In einem irrt sich der Autor, "Stattdessen müssten die Hersteller auch überlegen, ob man aus dem Blech eines großen SUV nicht auch zwei Kleinwagenkarosserien bauen könnte. Oder ob es sogar erstrebenswert wäre, weniger Autos zu verkaufen, die Innenstädte zu entlasten und verstärkt über nachhaltigere ebenfalls gewinnbringende Mobilitätskonzepte nachzudenken. Denn das Null-CO2-Auto wird es auch 2050 noch nicht geben." Genau das ist eben nicht Aufgabe der Autokonzerne, sondern der Politik. Die Wirtschaft wird sich den Regeln und Vorgaben der Politik beugen (müssen). Aber diese Mobilitätskonzepte zu erarbeiten ist Aufgabe der Politik. Und da ist leider nichts zu sehen von.
Bakturs 07.11.2019
2. Leere Versprechen und eine Einbahnstraße
Der verzicht auf einen Verbrennungsmotor zugunsten eines E-Motors ist eine umweltökologische Einbahnstraße. Die Entwicklung von so vielen Batterien zur Förderung des Individualverkehrs sollte überdacht werden. M. E. müssen [...]
Der verzicht auf einen Verbrennungsmotor zugunsten eines E-Motors ist eine umweltökologische Einbahnstraße. Die Entwicklung von so vielen Batterien zur Förderung des Individualverkehrs sollte überdacht werden. M. E. müssen hier andere Motorlösungen (Wasserstoff?) gefunden werden. Weiteres Problem: Die Ziele werden so weit in die Zukunft gesetzt, damit man jetzt erst einmal noch 20 Jahre die Umwelt versauen kann. 2040 oder 2050 frägt dann keiner mehr nach und fordet die Versprechen ein. Da war bei den ach so sauberen Diesel genauso. Hier wird nur Zeit geschunden um eine neue Trickserei auszutüfteln.
bert1966 07.11.2019
3.
In ein paar Jahrzehnten werden Autohersteller tatsächlich kein Gramm CO2 mehr verursachen - weil die Individualmobilität mit Autos wie die Autobauer selbst dann längst Geschichte sind. Wer aktuell in einem der Novemberstaus [...]
In ein paar Jahrzehnten werden Autohersteller tatsächlich kein Gramm CO2 mehr verursachen - weil die Individualmobilität mit Autos wie die Autobauer selbst dann längst Geschichte sind. Wer aktuell in einem der Novemberstaus steht, der hat Muße genug, sich einmal vorzustellen, wie lange man im Stau stehen wird, wenn die Weltbevölkerung weiter wächst. Auch dürften dann die Auswirkungen der CO2-Emission auf das Klima längst zu gesellschaftlichen Umwälzungen geführt haben.
dirk.resuehr 07.11.2019
4. Von der Lüge zum Selbstbetrug
scheint ein kurzer Weg. In der BRD gibt es rund 47 Millionen PKW, davon nicht einmal 100000 elektisch betriebene. Offenbar kommt E-Mobilität beim Verbraucher überhaupt nicht an, soweit der Markt. Weiterhin die Rohstofffrage: [...]
scheint ein kurzer Weg. In der BRD gibt es rund 47 Millionen PKW, davon nicht einmal 100000 elektisch betriebene. Offenbar kommt E-Mobilität beim Verbraucher überhaupt nicht an, soweit der Markt. Weiterhin die Rohstofffrage: Woher soll denn das benötigte Lithium kommen? Und wenn, welche Umweltschäden verursacht die Produktion? Viele Fragen offen, nicht gelöst und nicht lösbar. Es riecht nach dem zweiten schlimmen Fehler, der sich anbahnt. Ein wirtschaftliches Waterloo droht, wieder verursacht durch KfZ-Vorstände, die dann noch Millionen Abfindung und Rente erhalten, falls noch Vermögen vorhanden
Johann Dumont 07.11.2019
5. ohne CO2 Ausstoß funktioniert es nur mit Wind und Sonne
C02 frei ist nicht erreichbar wenn undurchsichtige Ausgleichsmaßnahmen veranlasst werden - wie beispielsweise Waldanpflanzungen unter ungünstigen Bedingungen in Afrika. Wir haben alles um sofort die Hälfte an Öl, Kohle und Gas [...]
C02 frei ist nicht erreichbar wenn undurchsichtige Ausgleichsmaßnahmen veranlasst werden - wie beispielsweise Waldanpflanzungen unter ungünstigen Bedingungen in Afrika. Wir haben alles um sofort die Hälfte an Öl, Kohle und Gas einzusparen. Auch in den VW Werken sollte man massive Solarthermie, Wärme und Kältespiecher, Photovoltaik und Windkraft nutzen. Es gibt auch schon große langlebige preiswerte Batterien - es sind Redox Flow Batterien z.B. bis 60 MWh aus Japan. Die Technik ist simple und könnte auch von VW produziert werden. Die Hersteller der Membrane kommen aus Deutschland. Die CO2 Abgabe ist nur eine Verschiebung von Abgasen in andere Regionen und spart erst einmal nichts global betrachtet. Die Politik sollte optimale und jetzt schon technisch mögliche Verfahren fördern.

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