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Mobilität

Autogramm Audi SQ7

Harmloses Monster

Als gäbe es keinen Diesel-Skandal, prescht Audi mit einem Extrem-SUV heran. Der SQ7 ist schwer, bietet trotzdem explosionsartige Beschleunigung - wären da nicht die Assistenzsysteme: betreutes Fahren von 435 PS.

Audi
Von
Sonntag, 15.05.2016   12:06 Uhr

Der erste Eindruck: Bloß nicht auffallen. Weil der Q7 schon protzig und provozierend genug ist, haben sich die Designer beim ersten S-Modell der großen SUV-Baureihe zurückgehalten und auf die üblichen optischen Sport-Verzierungen verzichtet.

Das sagt der Hersteller: Kompromisslose Fahrdynamik und ultimativer Luxus - Projektleiter Klaus Bugelnig umschreibt den SQ7 mit denselben Floskeln, die man bei jedem Sportmodell in der gehobenen Preisklasse zu hören bekommt.

Für Audi-Entwicklungsvorstand Stefan Knirsch ist der SQ mehr, nämlich endlich mal wieder ein Beleg für den Slogan "Vorsprung durch Technik". Der war einmal prägend für die Marke, wurde von den Entwicklern zuletzt aber offensichtlich eher weniger beherzigt.

Doch nun das: Erstmals kommt beim SQ7 ein neuartiger Verdichter zum Einsatz, der mit Hilfe eines leistungsstarken Elektromotors das sogenannte Turboloch endgültig vergessen macht.

Dafür musste Audi die Spannung an Bord erhöhen und ein zweites Stromnetz mit 48 Volt einziehen. Projektleiter Bugelnig sieht darin eine Investition in die Zukunft. "Dieses zweite Bordnetz ermöglicht uns künftig zahlreiche neue Funktionen - vom hoch assistierten Fahren bis hin zur nächsten Generation des Hybrid-Antriebs."

Das ist uns aufgefallen: Den rechten Fuß nur ein paar Millimeter bewegt, schon beschleunigt der wuchtige SUV explosionsartig, der 435 PS starke SQ7 rennt davon wie von Sinnen. Weil schon bei 1000 Touren ein maximales Drehmoment von 900 Nm an den Rädern reißt und den Schotter beim unbedachten Start auf losem Grund meterweit spritzen lässt, werden die 2,2 Tonnen Gewicht zu einer virtuellen Größe. Herkömmliche Dieselmotoren erreichen kaum mehr als die Hälfte dieses Wertes und brauchen dafür deutlich mehr Drehzahl.

Foto: Tom Grünweg

Dass der SQ7 mit solch einer Vehemenz abgeht, liegt nicht allein an den vier Litern Hubraum verteilt auf acht Zylinder, mit denen Audi auch im Motorraum Größe zeigt. Sondern verantwortlich dafür ist eben jener so gepriesene elektrische Verdichter, der den beiden in Reihe angeordneten Turbos vorgeschaltet ist. Er dreht in weniger als einer Viertelsekunde auf bis zu 70.000 Touren und sorgt so für enormen Staudruck im Luftsystem. Das Turboloch wird sozusagen weggepresst.

Die Fahrdynamik des Autos steht allerdings im Kontrast zum Heer der Assistenzsysteme. Denn so leidenschaftlich sich die Fuhre fahren lässt, so lässig kann man sich in diesem Auto auch zurücklehnen und die Arbeit der Elektronik überlassen: der Abstandsregelung mit automatischer Einhaltung des Tempolimits, der Spurführung mit elektronischem Griff ins Lenkrad und dem fast automatischen Stop-and-Go im Stau - das ist betreutes Fahren mit 435 PS.

Das muss man wissen: Wenn der Audi SQ7 im Sommer in den Handel kommt, kostet der Wagen mindestens 89.900 Euro. Damit ist er knapp 30.000 Euro teurer als die V6-Variante. In dieser Preisdifferenz sind laut Audi Extras wie LED-Scheinwerfer oder kleinkariert belederte Sportsitze für in Summe mehr als 10.000 Euro enthalten.

Den Rest der Differenz, also rund 20.000 Euro, zahlt man also für die aufwendige Strominfrastruktur und die beiden Innovationen des SQ7, die sie ermöglicht. Denn die Stromabnahme der E-Motoren für den Verdichter und die Wankstabilisierung hätte bei einem herkömmlichen 12-Volt-Bordnetz Stromkabel dick wie Schiffstaue erfordert.

Dafür braucht es nicht nur einen zweiten Kabelbaum und einen so genannten DC/DC-Wandler, sondern auch eine zweite Batterie unterm Kofferraumboden. Der neue Akku arbeitet mit Lithium-Ionen-Zellen und stellt sechsmal so viel Leistung bereit wie eine konventionelle Bleibatterie. Zur zusätzlichen Ausstattung des SQ7 gehört übrigens auch ein um zehn auf 85 Liter vergrößerter Tank - ein sicheres Indiz dafür, dass man nicht allzu viel auf den Normverbrauch von 7,2 Litern geben sollte.

Das werden wir nicht vergessen: Das Auto gewaltig, die Fahrleistungen eindrucksvoll, die Bordspannung hoch und der Preis ebenso - um so kleinlicher wirkt es, wenn ausgerechnet in einem der größten und teuersten Audi-Typen das Lenkrad noch von Hand verstellt werden muss. Für den dazu nötigen, kleinen E-Motor hätte es eigentlich auch noch reichen müssen.

insgesamt 246 Beiträge
mansiehtnurmitdemherzengu 15.05.2016
1. Unfassbar
Man denkt ja angesichts eines auf Sportwagen getrimmten Kleinlastwagens, es könne nicht noch schlimmer kommen als es der Hersteller angerichtet hat. Aber dann tritt der Herr Tester auf den Plan und moniert den fehlenden E-Motor [...]
Man denkt ja angesichts eines auf Sportwagen getrimmten Kleinlastwagens, es könne nicht noch schlimmer kommen als es der Hersteller angerichtet hat. Aber dann tritt der Herr Tester auf den Plan und moniert den fehlenden E-Motor am Lenkrad. Dagegen ist die spätrömische Dekadenz eine Übung in Bescheidenheit.
magicveloce 15.05.2016
2. Pervers
Ja ja, Arbeitsplätze, ist schon klar.
Ja ja, Arbeitsplätze, ist schon klar.
carluke2001 15.05.2016
3. Kopfschüttel
Wirkt wie aus der Zeit gefallen. Aus der Kategorie: Autos, die die Welt nicht braucht.
Wirkt wie aus der Zeit gefallen. Aus der Kategorie: Autos, die die Welt nicht braucht.
rln 15.05.2016
4. DC/DC Wandler
... oder auch ganz profan ein Trafo. Herr Grünweg, nur in der Autowelt wird handelsübliche Technik wie ein Trafo oder hohe Anlaufströme als "Innovation" verkauft.
... oder auch ganz profan ein Trafo. Herr Grünweg, nur in der Autowelt wird handelsübliche Technik wie ein Trafo oder hohe Anlaufströme als "Innovation" verkauft.
hansglück 15.05.2016
5. Immer noch Benzin und Diesel ?
Eure alte Technik könnt Ihr behalten, ich bin nicht derjenige, an den Ihr Eure alten Überreste verscherbelt, bevor Ihr endlich auf Elektro umstellt.
Eure alte Technik könnt Ihr behalten, ich bin nicht derjenige, an den Ihr Eure alten Überreste verscherbelt, bevor Ihr endlich auf Elektro umstellt.
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Fahrzeugschein

Hersteller: Audi
Typ: SQ7
Karosserie: SUV
Motor: V8-Turbodiesel
Getriebe: Achtgang-Automatik
Antrieb: Allrad
Hubraum: 3.956 ccm
Leistung: 435 PS (320 kW)
Drehmoment: 900 Nm
Von 0 auf 100: 4,8 s
Höchstgeschw.: 250 km/h
Verbrauch (ECE): 7,2 Liter
CO2-Ausstoß: 189 g/km
Kofferraum: 805 Liter
umgebaut: 1.990 Liter
Preis: 89.900 EUR

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