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Mobilität

Autogramm Bentley Continental GTC

Feudaler Freisitz

Zwölf Zylinder, 14 Liter Spritverbrauch, frische Luft bei 333 km/h: Bentleys Continental GT Cabriolet protzt mit Extremen. Hinterm Lenkrad fühlt man sich dennoch wie in einem Auto von vor hundert Jahren.

Foto: SPIEGEL ONLINE
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Dienstag, 12.03.2019   05:31 Uhr

Der erste Eindruck: Fettes Teil. Die dritte Generation des Continental sieht zwar feingliedriger aus, doch Bescheidenheit strahlt das Auto weiterhin nicht aus. Der Wagen protzt mit britischem PS-Barock.

Das sagt der Hersteller: Feudal wie eine Limousine, technologisch weit vorn und dynamisch wie ein Supersportwagen - für Bentley-Chef Adrian Hallmark gibt es kein anderes Cabriolet in der Oberklasse, das all diese Eigenschaften so gut wie der GT abdeckt. Das, so Hallmark, habe bei der Marke Tradition.

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Autogramm Bentley Continental GTC: Opulenz im Großformat

Das ist uns aufgefallen: Ein bisschen fühlt man sich im Continental Cabrio tatsächlich wie in einem Auto von vor hundert Jahren. Dickes Leder, poliertes Metall, viel Holzfurnier - das alles ist mehr traditionelle Handwerkskunst als Hightech.

Doch kaum erwacht der Continental GTC auf Knopfdruck zum Leben, beamt Bentley den Insassen ins Jetzt. Hinter dem Lenkrad flammt ein Display auf. Daneben rotiert eine Holztafel um 120 Grad und dreht so einen Touchscreen an die Oberfläche. In der Frontscheibe kommt ein großes Head-up-Display zum Vorschein. Selbst ein Nachtsichtsystem hat der Continental GTC an Bord.

Doch dieses Auto bringt nicht nur das Zeitgefühl des Fahrers durcheinander, sondern auch dessen Gespür für Kraft und Dynamik. So ist der Wagen fast fünf Meter lang, knapp 2,5 Tonnen schwer. Andererseits beschleunigt das Auto schneller als viele Supersportwagen und erreicht eine höhere Spitzengeschwindigkeit. Zudem verbeißt sich der GTC auf einer geschwungenen Küstenstraße in die Kurven und rauscht nur so hindurch. Dazu tritt das Auto mit einem kolossalen Zwölfzylindermotor samt Allradantrieb an, dazu gibt es eine Dreikammer-Luftfederung und einen Wankausgleich. Der arbeitet mit Elektromotoren, gespeist von einem 48-Volt-Netz - und erhöht das Gewicht noch weiter. Kein Wunder, dass der Wagen offiziell glatte 14 Liter verbraucht.

Ist das alles nur opulent oder schon obszön? Diesen Grat kennt man schon vom Continental GT Coupé, das im Sommer eingeführt wurde. Doch mit dem offenen Dach werden die Widersprüche noch klarer, weil das Auto dadurch noch vornehmer wird und dank der Stoffmütze traditioneller aussieht. Weil es noch sinnlicher ist, wenn der Fahrtwind an den Haaren zupft und zugleich noch sinnloser, wenn trotz der Länge nur 235 Liter Kofferraum übrig bleiben und der Rücksitz unterm Stoffdach zur Strafbank wird. Es fühlt sich noch schneller an, wenn bei 300 km/h und mehr auch die beste Föhnwelle ihren Widerstand aufgibt. Zudem ist die offene Variante schwerer als das Coupé. Schließlich besteht das Verdeck aus einem halben Dutzend Lagen, um optimal zu dämmen. Der Elektromotor, der es in 19 Sekunden zusammenfaltet, scheint kräftig genug, um einen Gabelstapler zu betreiben.

Das muss man wissen: Das Continental GT Cabrio, das sich die Plattform unter anderem mit dem Porsche Panamera teilt, kommt ab Juni in den Handel und kostet 228.480 Euro. Das sind rund 27.000 Euro mehr als für das Coupé fällig werden, von dem sich das Cabrio allein durch Faltverdeck und Frischluftfinessen wie Windschott sowie Nackenföhn unterscheidet. Identisch ist natürlich auch der Antrieb: Zunächst gibt es den Continental offen wie geschlossen nur mit einem sechs Liter großen Zwölfzylindermotor, der 635 PS leistet und bis zu 900 Nm Drehmoment mobilisiert. Später dürfte es auch wieder einen V8 geben, mit dem der Preis dann auch knapp unter 200.000 Euro fallen könnte.

Das werden wir nicht vergessen: Das zwiespältige Gefühl, wenn man den Schlüssel für den Continental GTC in der Hand wiegt, der schon allein etwa ein halbes Pfund auf die Waage bringt und groß ist wie ein ganzer Schlüsselbund. Denn auf der einen Seite ist das ein Ausweis für den Luxus, den sich die Briten und ihre Kunden leisten. Und auf der anderen Seite ein Zeichen des Überflusses, den Bentley mit diesem Auto zelebriert.

Hersteller: Bentley
Typ: Continental GTC (2019)
Karosserie: Cabriolet
Motor: W12-Turbo-Benzindirekteinspritzer
Getriebe: Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe
Antrieb: Allrad
Hubraum: 5.950 ccm
Leistung: 635 PS (467 kW)
Drehmoment: 900 Nm
Von 0 auf 100: 3,7 s
Höchstgeschw.: 333 km/h
Verbrauch (ECE): 14,0 Liter
CO2-Ausstoß: 317 g/km
Kofferraum: 235 Liter
Preis: 228.480 EUR
insgesamt 72 Beiträge
Anny 12.03.2019
1. Protzig
Ernsthaft SPON? Gefühlt drei Tonnen schwer, protzig und 14l Spritverbrauch. Das ist doch sowas von gestern....
Ernsthaft SPON? Gefühlt drei Tonnen schwer, protzig und 14l Spritverbrauch. Das ist doch sowas von gestern....
g.schnu 12.03.2019
2. ...oder doch sparsam?
mein prius3 braucht 4l, hat 136ps. dagegen wirkt der bentley mit über 600ps, 12 zylinder, immerhin das 3fache des prius, mit einem verbrauch von 14l fast sparsam!
mein prius3 braucht 4l, hat 136ps. dagegen wirkt der bentley mit über 600ps, 12 zylinder, immerhin das 3fache des prius, mit einem verbrauch von 14l fast sparsam!
Derwatt 12.03.2019
3. Herrlich unvernünftig - ...
... und schön, dass es so etwas heute noch gibt, allem Klima-Jakobinertum zum Trotz.
... und schön, dass es so etwas heute noch gibt, allem Klima-Jakobinertum zum Trotz.
bronck 12.03.2019
4. Gewicht
Das Stoffverdeck macht am Mehrgewicht nicht so viel aus. Cabriolets sind statisch instabiler als Fahrzeuge mit festem Dach und brauchen daher einen verstärkten Rahmen, um sich nicht zu verwinde und der wiegt.
Das Stoffverdeck macht am Mehrgewicht nicht so viel aus. Cabriolets sind statisch instabiler als Fahrzeuge mit festem Dach und brauchen daher einen verstärkten Rahmen, um sich nicht zu verwinde und der wiegt.
scooby11568 12.03.2019
5. Nicht mein Auto, und nicht nur...
Weil ich ihn mir nicht leisten kann. Ich verstehe allerdings die Diskussionen über zuviel Luxus nicht. Immerhin geben Menschen mit zu viel Geld so mal ordentlich was aus.
Weil ich ihn mir nicht leisten kann. Ich verstehe allerdings die Diskussionen über zuviel Luxus nicht. Immerhin geben Menschen mit zu viel Geld so mal ordentlich was aus.
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