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Mobilität

Fahrbericht BMW 750i xDrive

Der Rollraser

Der 7er BMW lässt sich durch Gesten bedienen, er massiert seine Passagiere und ist voll vernetzt. Wie nett. Im Gedächtnis bleiben aber klassische Vorzüge.

SPIEGEL ONLINE
Von
Donnerstag, 09.06.2016   06:28 Uhr

Da steht man also vor dem neuen 7er BMW, dem Stolz eines 100 Jahre alten Unternehmens, gesegnet mit den modernsten Errungenschaften der Fahrzeugentwicklung, Preis laut Hersteller 131.040 Euro. Farbe: Magellangrau. Und was ist? Man ärgert sich über den Autoschlüssel.

Der Schlüssel ist so groß wie ein Handy, er hat einen Touchscreen (!) und auf diesem Bildschirm leuchtet jetzt das Batteriesymbol. Akku bald leer. Wenn auf dem Autoschlüsseldisplay die Lichter ausgehen: Steht man dann vor seinem 131.040-Euro-Wagen und kommt nicht rein? Die Sorge erweist sich als unbegründet. Auf und zu kriegt man den Wagen auch dann, wenn der Bildschirm auf dem Schlüssel schwarz wird.

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Ein Schlüssel wie ein Faustkeil

Ein zu groß geratener Schlüssel ist natürlich ein Luxusproblem, aber der 7er BMW ist schließlich auch ein Luxusauto. Er ist mehr als das: Die Limousine ist das Flaggschiff der Bayern, und wie die Pendants der beiden anderen selbsternannten Premiumhersteller aus Deutschland - die Mercedes S-Klasse und der Audi A8 - hat sie den aktuellen Stand des technisch Machbaren abzubilden.

Genau das macht das Flaggschiff auch für diejenigen interessant, die keine 100.000 Euro für ein Auto übrig haben, sondern einen 1er, 3er oder 5er fahren: Der 7er bietet ihnen sozusagen einen Blick in die Zukunft - denn traditionell halten die Innovationen später Einzug in die anderen Modelle.

Was hat dieser Wagen also außer einem klobigen Schlüssel zu bieten?

Stilvoll wie eine Zigarrenlounge

Natürlich steht dieses Auto erst einmal einfach für sich. Herrschaftlich groß ist der 7er, und diese feine Balance zwischen Eleganz, Masse und Sportlichkeit kriegen sie in Deutschland tatsächlich nur in München hin.

Wo zum Beispiel Audi seit Jahren rund- und ausgelutscht daherkommt, setzt BMW auf die Grundlagen der Kantenphysik: Die scharfen Linien scheinen den Wagen nach vorn zu ziehen. Alles drängt zum Nierengrill. Nur diese seitliche Leiste, die wie ein liegender Eishockeyschläger aussieht, bräuchte es nicht.

Innen: Keramik, Eiche, Nappaleder. Ein Ambiente wie in einer Zigarrenlounge, minus Qualm. "Bei der Verarbeitung", sagt ein Mitfahrer, der sich seit 20 Jahren die jeweils neueste Ausgabe der S-Klasse leistet, "kann Mercedes noch was von BMW lernen." Er sagt es, während er neben zwei weiteren Passagieren im Fond sitzt. Alle haben genug Platz und vier große Gepäckstücke passen mühelos in den Kofferraum. Weiter vorn das Glück im Kleinen: Im Fach zwischen Radio und Ganghebel lassen sich griffbereit eine Flasche, der Haustürschlüssel, das Handy und das Sonnenbrillenetui verstauen.

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Holz, Leder, Keramik - das gepflegte Innere des 7er

Nur falls Sie sich jetzt fragen, wo der fette Autoschlüssel untergekommen ist: Für ihn ist eine Extra-Ecke reserviert. Sie befindet sich im Staufach der Armlehne, wo er induktiv aufgeladen wird.

Das teuerste Extra ist sein Geld wert

Großzügiges Platzangebot ist klassischer Luxus. Genauso praktisch sollen zwei Neuigkeiten sein, mit denen BMW den 7er anpreist: die Gestensteuerung und das ferngesteuerte Einparken. Die schlechte Nachricht: Letztere Sonderausstattung hatte unser Testwagen nicht. Die gute Nachricht: Wir sind auch ohne Fernsteuerung in Parklücken rein- und wieder rausgekommen.

550 Euro Aufpreis kostet der Fernsteuerungsgag, vermisst haben wir die Funktion nicht. Wohingegen die Sensoren- und Kameraausstattung "Driving Assistant Plus" - eine Grundvoraussetzung für die Fernsteuerung - mit automatischem Abstandsregler, intelligentem Tempomat und Spurhalteassistent die rund 3100 Euro wert ist.

Diese Funktionen gibt es längst in vielen Oberklasseautos, und auch im 7er machen sie Autobahnfahrten um einiges entspannter: Einfach Geschwindigkeit und Mindestabstand zum Vorausfahrenden einstellen, alles andere macht die Limousine von allein. Überholen muss man noch eigenhändig, aber in langgezogenen Kurven kann man schon die Finger vom Lenkrad nehmen, während selbiges von selbst einschlägt.

Augenstecher, Ohrfeige und ein Tritt

Was die serienmäßige Gestensteuerung betrifft: BMW hat sich hier einer großen Aufgabe gestellt.

Es geht es um nichts Geringeres als die möglichst intuitive und ablenkungsfreie Bedienung von Navigationssystem, Radio, Klimaanlage, Bordcomputer, Telefon, Sitzmassage, Assistenzsystemen, Podcasts und Smartphone-Musikliste. Fluch des Fortschritts: Früher gab es die Hälfte davon nicht im Auto, dafür sahen die Armaturen nicht aus wie Mischpulte in Musikstudios. BMW hat die Verknopfung durch das sogenannte iDrive-System eingedämmt, einen zentralen Regler in der Mittelkonsole, mit dem man sich durch die Anzeigen auf dem Display drehen und drücken kann. Außerdem ist der Bildschirm berührungsempfindlich.

Bringt uns die Bedienung durch Gesten da weiter? Kopfschütteln, Daumen nach unten. Das Gefingere ist nett und als kleine Unterhaltungseinlage für die Mitfahrer allemal gut. Nicht mehr und nicht weniger.

Die Gestensteuerung im Video:

Foto: SPIEGEL ONLINE

Wenn man zum Beispiel die Musik aufdrehen will, lässt man den Finger auf Höhe des Bildschirms kreisen, dann wird die Anlage lauter. Das Auto kennt auch den "Augenstecher", bei dem Zeige- und Mittelfinger gespreizt werden. Damit kann man beispielsweise das nächste Lied auf der Playliste auswählen. Durch eine Luft-Ohrfeige lassen sich außerdem Anrufe ablehnen. Über dem Innenspiegel ist ein Sensor angebracht, der diese Handzeichen erkennt.

Der Kopf sagt nein, aber der Rücken sagt ja

Die wichtigste Innovation beim neuen 7er kommt ohne große Show daher: Durch die Verwendung von Karbon im Karosseriebau hat der Wagen mehr als 100 Kilo im Vergleich zum Vorgänger abgespeckt. Das klingt erst einmal abstrakt, aber im Auto glaubt man diesen Gewichtsverlust förmlich zu spüren. Das wirklich Faszinierende an dieser Limousine ist dann auch ihr Fahrverhalten.

Obwohl der 7er immer noch rund zwei Tonnen auf die Waage bringt und mehr als fünf Meter lang ist, bewegt er sich völlig unangestrengt. Der Schwebezustand kostet weitere 3000 Euro Aufpreis, so viel muss man für das Extra-Fahrwerksregelsystem namens "Executive Drive Pro" hinlegen. Der Kopf sagt nein, aber der Rücken sagt ja. Ein elektromagnetisches System an Vorder- und Hinterachse balanciert den Wagen ständig aus, es wird mit Echtzeitdaten aus dem Navigationssystem und der Frontkamera gefüttert und antizipiert Unebenheiten wie Gullideckel oder Schlaglöcher. Wo es für andere Autofahrer holprig wird, fühlt man sich im 7er wie auf Wattebäuschen.

Der V8-Motor wirkt entschleunigend

Den Rest erledigt der 450-PS-Achtzylinder und sein Biturbo. Solche Brocken sind völlig aus der Zeit gefallen, weil sie bei normaler Fahrt pro Kilometer mehr als 200 Gramm CO² in die Luft husten. Gleichzeitig kann man nicht anders, als sich das Auf und Ab der Zylinderkolben wie eine perfekt arrangierte Partitur vorzustellen. Sobald der Motor startet, findet er in einen sanften Rhythmus. Und in den besten Momenten vermittelt er ein Gefühl, als ob sich die Laufruhe der Maschine auf den Menschen überträgt. V8-Zen - auch so eine Spezialität von BMW.

Gut für die Besitzer des Flaggschiffs. Doch Pech für all jene, die sich vom 7er einen Blick auf die Zukunft der erschwinglicheren BMW-Modelle erhofft haben: Achtzylindermotoren kommen da nämlich garantiert nicht vor. Riesige Schlüssel, das ist der Trost, aber auch nicht.

insgesamt 412 Beiträge
tfelis 09.06.2016
1.
Ein Cockpitdesign wie aus dem letzten Jahrhundert! Ein aufgeseztes Display. Als ob die Designer vergessen hätten das da noch was hingehört. Zumindest auf en Fotos sieht die vercromung im billig aus und die Formen lassen das [...]
Ein Cockpitdesign wie aus dem letzten Jahrhundert! Ein aufgeseztes Display. Als ob die Designer vergessen hätten das da noch was hingehört. Zumindest auf en Fotos sieht die vercromung im billig aus und die Formen lassen das alte ergonomische BMW Design vermissen. Das Design ist so retro altbacken wie die Motorentechnik. Explosionsmotoren aus einem anderen Jahrtausend.
ThomasTM 09.06.2016
2. und....
...wie lange dauerts bis das keyless-go geknackt wird und der dieb einfach wegfahren kann?! Ist jetzt kein BMW-spzifisches problem, aber musste einfach grad raus, weil es irgendwie keinen hersteller juckt was dagegen zu machen! [...]
...wie lange dauerts bis das keyless-go geknackt wird und der dieb einfach wegfahren kann?! Ist jetzt kein BMW-spzifisches problem, aber musste einfach grad raus, weil es irgendwie keinen hersteller juckt was dagegen zu machen! Ansonsten...nette Limo, aber nicht ganz so mein geschmack ;-)
fatherted98 09.06.2016
3. Schönes Auto...
...aber total unnötig.
...aber total unnötig.
schokohase123 09.06.2016
4. Ein Traum von einem Fahrzeug...
Wunderschön, elegant, und ganz klar streitbar. Und da ein Großteil der Menschen der Klimalüge unterliegen und wir uns immer noch anmaßen, die Menschheit könne einen Planeten zerstören, ist dieses Auto ein Kontrapunkt der [...]
Wunderschön, elegant, und ganz klar streitbar. Und da ein Großteil der Menschen der Klimalüge unterliegen und wir uns immer noch anmaßen, die Menschheit könne einen Planeten zerstören, ist dieses Auto ein Kontrapunkt der Realität: Fossile Brennstoffe werden bald zur Neige gehen, doch solche Autos sind dann auch in Elektro schön. Und der Motorensound lässt sich auch elektronisch simulieren, innen wie außen!
habenix 09.06.2016
5. Geld wenn man hätte
Dann wäre so ein Auto schon lecker.
Dann wäre so ein Auto schon lecker.
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Fahrzeugschein

Hersteller: BMW
Typ: BMW 750i xDrive
Karosserie: Limousine
Motor: V8-Biturbo
Getriebe: Achtstufen-Automatik
Antrieb: Allrad
Hubraum: 4.395 ccm
Leistung: 450 PS (331 kW)
Drehmoment: 650 Nm
Von 0 auf 100: 4,4 s
Höchstgeschw.: 250 km/h
Verbrauch (ECE): 8,3 Liter
CO2-Ausstoß: 194 g/km
Kraftstoff: Benzin
Kofferraum: 515 Liter
Preis: 131.040 EUR

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