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Mobilität

Autogramm BMW 8er

Sportler mit Speckschicht

Mit dem neuen 8er schärft BMW nach längerer Zeit wieder sein sportliches Image: Das Auto soll Vollgas-Ikonen wie den Porsche 911 angreifen. Kann das gelingen?

Foto: BMW AG / Daniel Kraus
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Donnerstag, 25.10.2018   04:28 Uhr

Der erste Eindruck: Flach, breit, fies - das große Coupé ist eher provozierend als protzig.

Das sagt der Hersteller: Endlich wieder ein Traumwagen. Wenn Carsten Groeber über das neue Coupé spricht, gerät der Marketingchef für die Luxusklasse aus München ins Schwärmen. Denn Autos mit einer "8" im Typenzeichen seien bei BMW immer etwas Besonderes gewesen, sagt Groeber mit Blick auf den Z8 und das erste 8er Coupé. Das neue Modell, den ersten BMW 8er des neuen Jahrtausends, sieht Groeber jedoch vor allem als Sportwagen. Folglich konkurriert das Coupé aus BMW-Perspektive weniger mit der zweitürigen S-Klasse von Mercedes oder dem Porsche Panamera als mit dem AMG GT und dem Porsche 911. Nicht umsonst wurde die Jungfernfahrt des Serienmodells im Vorfeld des 24-Stunden-Rennens von Le Mans zelebriert. Deshalb ist gleich vom Start weg auch ein sogenanntes M-Performance-Modell mit unsittlichen 530 PS im Angebot. Trotzdem weiß Groeber, dass man die Sache mit dem Sportsgeist nicht übertreiben darf und der Wagen nur selten auf einer Rennstrecke anzutreffen sein wird. Deshalb spricht er lieber vom Gentleman's Racer und begründet so auch den ganzen Luxus, den BMW ins Auto gepackt hat.

Das ist uns aufgefallen: Die flache, aggressive Frontpartie, die gewölbten Radhäuser, das endlos breite Heck - egal aus welcher Perspektive man den 8er anschaut, er sieht schon im Stand verteufelt schnell aus. Kaum hinterm Steuer, will der Fahrer nur noch den Startknopf drücken und Gas geben. Selten hat ein BMW einen so angemacht und angestachelt wie dieser, zum letzten Mal vielleicht das Sportcoupé M2.

Fotostrecke

Autogramm BMW 8er: Der Edelflitzer

Dabei enttäuscht der 8er auch beim Fahren nicht - zumindest, wenn man im M850i sitzt, den die Bayern zum Debüt in den Fokus rücken. Denn das Coupé ist mit 530 PS Leistung und 750 Nm Drehmoment nicht nur auf der Geraden schnell. Für ein Auto von knapp fünf Meter Länge und beinahe zwei Tonnen Gewicht fühlt sich der 8er auch in den Kurven überraschend handlich und leichtfüßig an. Für die Entwickler bedeutete das eine immense Herausforderung. Sie haben einen Allradantrieb entwickelt, der die Kraft - wann immer sinnvoll - nach hinten leitet. Die Elektronik kontrolliert die Hinterachse in extremen Fahrsituationen, sodass das kurvenäußere Rad mehr Drehmoment abbekommt und den Wagen zusätzlich ums Eck drückt. Die Hinterachslenkung bewirkt, dass der 8er bei der Kurvenhatz fast so agil ist wie ein 4er, sich förmlich an der Fahrbahn festsaugt und die Landstraße zur Lustmeile macht.

Der 8er allerdings kann auch gemütlich und genussvoll. Dann erfreut man sich an einer wolkenweichen Konfiguration fürs Fahrwerk, an bequemen, klimatisierten Sesseln und einer Hightech-Ausstattung, die neben einem voll vernetzten Infotainment-System samt Sprachsteuerung auch ein Heer von Assistenten bietet. Mit denen kommt der 8er dem autonomen Fahren so nahe, wie es der Gesetzgeber erlaubt - selbst wenn man in diesem Wagen nun wirklich keine Lust hat, sich das Lenkrad aus der Hand nehmen zu lassen.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des BMW 8er - mit unserem 360-Grad-Foto:

Weil der 8er aber den Spagat zwischen Luxus und Leistung schaffen muss, ist er in keiner Richtung so ganz konsequent. Für einen echten Sportwagen ist er zu groß, zu schwer und im Prinzip auch ein bisschen zu gemütlich. Schließlich hat Leidenschaft auch ein bisschen was mit Leiden zu tun. Außerdem sind 250 km/h Höchstgeschwindigkeit schlichtweg zu wenig, wenn man tatsächlich mit Neunelfer & Co. konkurrieren will. Und für einen echten Luxusliner fehlt dem Auto zum Beispiel der V12-Motor des alten 8ers oder der aktuellen S-Klasse und vor allem ein wenig Extravaganz beim Interieur. Das erinnert trotz aller Finesse zu sehr an banale Modelle wie den neuen X5.

Das muss man wissen: Der Verkauf des 8ers beginnt Ende November - mit zunächst nur zwei Motorvarianten, die beide mit Allradantrieb und Achtgang-Automatik aufwarten. Das Basismodell für glatt 100.000 Euro ist der 840d xDrive mit einem 320 PS starken Sechszylinder-Diesel mit drei Litern Hubraum, der in 4,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h beschleunigt, 250 Sachen schafft und im Mittel 6,1 Liter verbraucht. Für 25.700 Euro mehr gibt es den hier getesteten M850i mit dem 4,4 Liter großen V8-Motor, der sich auf dem Prüfstand 9,7 Liter gönnt. Wem der noch zu schwach und zu langsam ist, der kann sich auf einen M8 mit geschätzt 650 PS und mehr als 300 km/h Spitze freuen. Wer eine halbwegs vernünftige Alternative sucht, dem stellt BMW einen 840i mit 340 PS starkem Sechszylindermotor in Aussicht, den es auch als Hecktriebler und dann für weniger als 100.000 Euro geben wird. Von einer Version mit V12-Motor ist dagegen genauso wenig die Rede wie vom Plug-in-Hybrid-Antrieb aus 5er oder 7er, die beide auf die Plattform passen würden.

Das werden wir nicht vergessen: Wie ungerecht die Welt selbst in der Luxusklasse sein kann. Denn während man sich auf den vorderen Sitzen fühlt wie in einem Fitnessstudio mit großem Wellnessbereich, ist die Rückbank eine Zumutung. Der Einstieg gelingt nur Schlangenmenschen. Bei praktisch allen, die das sechste Lebensjahr hinter sich haben, kratzen Kopf oder Knie an den Konsolen - oder Kopf und Knie. Doch Abhilfe ist in Sicht: Für mehr Kopffreiheit kommt im Frühling ein Cabrio und für einen leichteren Zustieg in den Fond später im Jahr 2019 das viertürige Gran Coupé.

Hersteller: BMW
Typ: M 850i
Karosserie: Coupé
Motor: V8-Turbobenziner-Direkteinspritzer
Getriebe: Achtgang-Automatik
Antrieb: Allrad
Hubraum: 4.395 ccm
Leistung: 530 PS (390 kW)
Drehmoment: 750 Nm
Von 0 auf 100: 3,7 s
Höchstgeschw.: 250 km/h
Verbrauch (ECE): 9,7 Liter
CO2-Ausstoß: 221 g/km
Kofferraum: 420 Liter
Versicherung: 20 (HP) / 31 (TK) / 28 (VK)
Preis: 125.700 EUR
insgesamt 229 Beiträge
fehleinschätzung 25.10.2018
1. schön für Leute, die
allein auf dieser Welt sind. Das Wort "agressiv" im Zusammenhang mit einem Spielzeug für ewig gestrige zu verwenden, ist fast schon "unverantwortlich"
allein auf dieser Welt sind. Das Wort "agressiv" im Zusammenhang mit einem Spielzeug für ewig gestrige zu verwenden, ist fast schon "unverantwortlich"
f36md2 25.10.2018
2. BMW-Diesel - auch das noch!
Auch als Diesel erhältlich?! Viel Freude beim Wiederverkauf in einigen Jahren.... Aber wer sich den leisten kann, hat für Fahrten in die Stadt bestimmt noch ein Elektro-Fahrzeug als Zweitwagen in der Garage stehen....?!
Auch als Diesel erhältlich?! Viel Freude beim Wiederverkauf in einigen Jahren.... Aber wer sich den leisten kann, hat für Fahrten in die Stadt bestimmt noch ein Elektro-Fahrzeug als Zweitwagen in der Garage stehen....?!
jakker 25.10.2018
3. Im Grunde habe ich ja nichts dagegen,
dass BMW sich ein wenig "austobt" und zeigt was für gelungene Fahrzeuge man auf die Räder stellen kann, letztendlich brauchen sie solche automobilen "Träume" ja um Geld zu verdienen. Die Frage, die sich mir [...]
dass BMW sich ein wenig "austobt" und zeigt was für gelungene Fahrzeuge man auf die Räder stellen kann, letztendlich brauchen sie solche automobilen "Träume" ja um Geld zu verdienen. Die Frage, die sich mir aber stellt, wie will BMW die Flottenemissionen die demnächst gelten einhalten?? Vielleicht werden solche Autos bald nur noch außerhalb Europas verkauft und zugelassen??
Plasmabruzzler 25.10.2018
4.
Wie? Ein 8er BMW ohne V12 Maschine? Das wäre ja wie ein Rolls Royce ohne Regenschirm in der Tür oder ein Mercedes Benz ohne Stern. Schade. Falls Fragen aufkommen, warum ausgerechnet ein V12: dann kann man auch fragen, warum ein [...]
Wie? Ein 8er BMW ohne V12 Maschine? Das wäre ja wie ein Rolls Royce ohne Regenschirm in der Tür oder ein Mercedes Benz ohne Stern. Schade. Falls Fragen aufkommen, warum ausgerechnet ein V12: dann kann man auch fragen, warum ein V8. Ein V6 mit Aufladung würde es womöglich auch tun. Bei solchen Autos, bar jeder Vernunft, darf es ruhig mal ein bisschen mehr sein.
thomas.wenzel 25.10.2018
5. An sich ist Tom Grünweg wohl der beste Motorjournalist
Unter seinen diversen Namen veröffentlicht er allein in etlichen Titeln, darunter eben auch SPON, mehr Substanz als die großen Redaktionen der bekannten Automagazine zusammen. Nach soviel Lob darf aber hier folgen, dass das [...]
Unter seinen diversen Namen veröffentlicht er allein in etlichen Titeln, darunter eben auch SPON, mehr Substanz als die großen Redaktionen der bekannten Automagazine zusammen. Nach soviel Lob darf aber hier folgen, dass das Thomas Geigers schwächerer Artikel war. So viel Zitate der BMW Pressestelle, keine Substanzaussagen, viel Gerede. So hätte statt der vielen Zeilen über die besondere Steuerung des Allradantriebs gereicht, dass natürlich auch dieser BMW torque vectoring hat.
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