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Mobilität

Autogramm Cadillac Escalade

Das Wohnmobil

Hallt da ein Echo im Kofferraum? Der Cadillac Escalade ist das praktischste Auto, das es in Deutschland zu kaufen gibt. Das Problem: Es ist auch das unpraktischste.

Cadillac
Von
Freitag, 20.03.2015   13:21 Uhr

Der erste Eindruck: Eine Abrissbrine auf Rädern.

Das sagt der Hersteller: "Mit jedem neuen Modell, das wir auf den Markt bringen, verbessern wir das Markenimage von Cadillac", sagt Barnabas Vincze, zuständig für Produktmanagement und Marketing bei Cadillac Europe - und er lässt durchblicken, dass es für den US-Hersteller in dieser Disziplin Verbesserungspotential gab. Dass sein Job jedenfalls etwas undankbar gewesen sein muss, lässt sich daran ablesen, wie sehr er von den neuen Zuständen beim Escalade im Speziellen und bei Cadillac im Allgemeinen schwärmt.

"Das einzige Bauteil, das wir für den neuen Escalade nicht geändert und verbessert haben, sind die Fensterheber" sagt er. Die Materialien seien hochwertiger (in den einstigen Plastikwüsten sprießt nun offenporiges Holz) das Infotainmentsystem zeitgemäßer (auf der Mittelkonsole lässt sich das Smartphone kabellos aufladen) und die Technik moderner. Als Beispiel nennt er die Zylinderabschaltung, die aus dem V8 einen V4 macht.

Es herrscht Aufbruchstimmung bei Cadillac: "Der Fokus liegt mehr denn je auf Qualität", sagt Vincze, "und der neue Escalade ist ein gutes Beispiel dafür, dass wir ein ausgezeichnetes Produkt anbieten wollen, bei dem es nicht in erster Linie um eine möglichst hohe Marge geht."

Das ist uns aufgefallen: Wie viele Sorgen sich im Escalade mit einem Knopfdruck beseitigen lassen.

Um auf den Thron im Cockpit zu klettern, bedarf es keiner Anstrengung, weil beim Ein- und Aussteigen automatisch ein Trittbrett ausfährt. Das Gaspedal ist höhenverstellbar - ja wirklich, und es gibt dafür sogar zwei Extratasten direkt neben dem Touchscreen. Warum nicht verschwenderisch mit Platz umgehen, wenn so viel davon da ist?

Die Mittelkonsole hat die Ausmaße einer Minibar. Und zwar deshalb, weil sie genau das ist: ein Kühlfach, in dem sich Grillgut samt Getränke für alle Mitfahrer verstauen lassen. Das sind übrigens maximal acht. Für sie kann man zudem ein Heimkino veranstalten, dank zweier Bildschirme in den Kopfstützen der Vordersitze sowie zwei weiteren, die aus dem Dachhimmel ausklappen.

In Sitzreihe zwei herrscht genau so viel Luxus und Komfort wie in Sitzreihe eins. In Sitzreihe drei ist das Gestühl zwar etwas härter, und die Verkleidung an den Seiten aus Plastik - aber das ist eher durchdacht als schlampig, weil hier zum Beispiel jene Familienmitglieder platziert werden können, um derentwillen man für pflegeleichte Materialien dankbar ist.

Der Fond des Escalade ist ohnehin ein eigenes Universum. Mithilfe einer kleinen Knopfklaviatur in der rechten hinteren Seitenwand lassen sich die Sitze aus den beiden hinteren Reihen fernbedienen. Aufklappen, einklappen, ausfahren und versenken - wer dieses Polsterballet zum ersten Mal beobachtet, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Das bizarrste dabei: selbst wenn alle drei Sitzreihen aufgeklappt sind, ist der Kofferraum immer noch so riesig, dass man einen Smart hineinfahren möchte.

Aber sehen Sie selbst:

Foto: SPIEGEL ONLINE

Wenn ein Wohnwagen an den Escalade gehängt werden soll: kein Problem. Auf dem Ganghebel - der übrigens so groß ist, dass er in einem VW Polo wahrscheinlich aus dem Beifahrerfenster herausragen würde - befindet sich ein Knopf, der das Getriebe auf die zusätzliche Last abstimmt und beim Bergabfahren beispielsweise die Motorbremse anpasst.

Jetzt noch den adaptiven Tempomat aktiviert, und einer bequemen Reise von der West- bis zur Ostküste steht nicht mehr im Wege. Aber wir sind ja nicht in den USA. Und da fangen die Probleme an.

Um nämlich mal kurz zum Biosupermarkt um die Ecke zu fahren, oder die Kinder zur Chinesischnachhilfe zu bringen, ist dieser Wagen viel zu groß. Herrgott, er ist sogar zu überdimensioniert, um übers Wochenende in die Alpen zu verreisen. Sie haben eine normale Garage und keine Fuhrparkhalle? Dann müssen Sie den Escalade draußen stehen lassen. Viel Spaß bei der Parkplatzsuche.

Es gibt noch mehr Dinge, die nerven: Der mächtige Ganghebel kann ziemlich hakelig sein, und die Einstellung der Stereo- und Klimaanlage eine haptische Herausforderung, die an die Bedienung der Touchscreens von Smartphones der ersten Generation erinnert.

Und jetzt mal ehrlich: Man muss wirklich kein Greenpeace-Mitglied sein, um angesichts eines CO2-Ausstoßes von obszönen 302 Gramm pro Kilometer Gewissensbisse zu kriegen.

Das muss man wissen: Der Escalade bietet tatsächlich so viel Luxus und Komfort, wie seine Ausmaße versprechen - und ist so umständlich und klobig, wie sie befürchten lassen.

In Zahlen ausgedrückt: Der Escalade ist 5,18 Meter lang (als Version ESV mit langem Radstand kommen noch mal 50 Zentimeter dazu) und ein bisschen mehr als zwei Meter breit. Er wiegt 2,8 Tonnen. Jeder Milliliter Hubraum des 6,2-V8-Motors (ja, Sechskommazwei) ist nötig, um den Koloss richtig zügig voran zu bringen. Es gibt ausschließlich Benziner. In der von uns getesteten Variante Platinum - die laut Hersteller 85 Prozent der Kunden wählen - kostet der Wagen 106.800 Euro, als Langversion (zu der in Europa immerhin 40 Prozent der Kunden greifen) rund 2200 Euro mehr. Ab April ist er erhältlich.

Das werden wir nicht vergessen: Wie einsam man sich fühlt, wenn man alleine in diesem Wagen sitzt. Als Escalade-Fahrer braucht man entweder eine Großfamilie oder viele Freunde. Von ihnen wird man für den Caddy geliebt werden: Die Kindern kreischen vor Freude, wenn die vier Bildschirme aufklappen - und die Buddys, wenn man aus der Mittelkonsole ein kühles Sixpack zaubert.

insgesamt 229 Beiträge
sogos 20.03.2015
1. fuer USA gebaut
Escalate, Lincoln Navigator and Tahoe ist richtig schoene Schlachtschiffe zum Cruisen. Wer mal eine laengere Tour durch die USA machen will oder einfach Tagesausfluege mit Familie - mieten. Wer allerdings - wie im Artikel [...]
Escalate, Lincoln Navigator and Tahoe ist richtig schoene Schlachtschiffe zum Cruisen. Wer mal eine laengere Tour durch die USA machen will oder einfach Tagesausfluege mit Familie - mieten. Wer allerdings - wie im Artikel vermerkt - in Europe lebt mir engen Strassen, hohen Benzinpreisen und kleinen Parkplaetzen: leider keine echte Option.
littletruth 20.03.2015
2. was für ein schwachsinn...
heutzutage solch eine kiste zu bauen. aber der SUV -wahnsinn scheint ja gerade in großstädten alle umweltanmerkungen ad absurdum zu führen. oder gibt es eine interessante steuererleichterung für dieses monster?
heutzutage solch eine kiste zu bauen. aber der SUV -wahnsinn scheint ja gerade in großstädten alle umweltanmerkungen ad absurdum zu führen. oder gibt es eine interessante steuererleichterung für dieses monster?
derBob 20.03.2015
3. 302g / km?, Na und?
Wahrscheinlich ist der Schadstoffausstoß der gesamten weltweiten Escalade-Flotte geringer als der einer durchschnittlichen Blockupy-Demo.
Wahrscheinlich ist der Schadstoffausstoß der gesamten weltweiten Escalade-Flotte geringer als der einer durchschnittlichen Blockupy-Demo.
raber 20.03.2015
4. Cadillac Escalade beschränkt für Europa
Einverstanden, dass der Escalade, und erst recht die ESV-Version, für Europa zu gross ist. Bin ihn allerdings in den USA und anderen aussereuropäischen Ländern gefahren und es ist eine Wonne mit der Familie auf den Highways zu [...]
Einverstanden, dass der Escalade, und erst recht die ESV-Version, für Europa zu gross ist. Bin ihn allerdings in den USA und anderen aussereuropäischen Ländern gefahren und es ist eine Wonne mit der Familie auf den Highways zu cruisen. Keine extrem harte Federung wie für einen Möchtegern-Rennfahrer und keine Platzangebotsprobleme; und trotzdem eine gute Beschleunigung. Beim Parken gibt es auch in einigen anderen Ländern Probleme und manchmal muss man ein wenig abseits einen Platz suchen; nicht in den USA. Andere Länder, andere Bedürfnisse. Für Deutschland würde ich mir die Kurzversion maximal anlegen wenn ich nicht damit in die Stadt müsste. Irgendwann werden die deutschen "Premiummarken" mit gleichgrossen Modellen auch hier nachziehen.
emporda 20.03.2015
5. schicker Schrott
Nach 28 Millionen Rückrufen von US-Pkws und über 150 Toten durch stümperhafte Konstruktionfehler sollten die Amis ihre Spritschlucker besser vom Montageband direkt in die Schrottpresse fahren. Das spart den Autofahrern hier [...]
Nach 28 Millionen Rückrufen von US-Pkws und über 150 Toten durch stümperhafte Konstruktionfehler sollten die Amis ihre Spritschlucker besser vom Montageband direkt in die Schrottpresse fahren. Das spart den Autofahrern hier viel Ärger. Wer es nicht glaubt, der sollte einmal versuchen hier eine Whitworth Schraube oder einen Simmering in Zollabmessungen zu kaufen, das kostet 500 bis 800% des normalen Preises

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Fahrzeugschein

Hersteller: Cadillac
Typ: Escalde Platinum ESV
Karosserie: SUV
Motor: V8-Benzinmotor
Getriebe: Sechsgangautomatikgetriebe
Antrieb: Allrad
Hubraum: 6.162 ccm
Leistung: 426 PS (313 kW)
Drehmoment: 610 Nm
Von 0 auf 100: 6,9 s
Höchstgeschw.: 180 km/h
Verbrauch (ECE): 13,1 Liter
CO2-Ausstoß: 302 g/km
Kofferraum: 1.113 Liter
umgebaut: 3.424 Liter
Preis: 109.000 EUR

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