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Mobilität

E-Scooter im Alltag

Selten so geschämt

Erleichtert der E-Scooter den Weg zur Arbeit? Sparen Fahrer Zeit? Unser Redakteur hat es ausprobiert - und ist in manch peinliche Situation geraten.

Nils-Viktor Sorge/ SPIEGEL ONLINE
Von
Dienstag, 06.08.2019   05:06 Uhr

E-Scooter gelten vielen als eine Art Heilsbringer gegen den Verkehrskollaps. Klein, wendig und umweltfreundlich sind sie und entlasten deshalb die Städte - so das Kalkül. Weil sie sich mit anderen Verkehrsmitteln kombinieren lassen, würden Pendler auf das Auto verzichten. Die Scooter sollen sogar Zeit sparen, weil der Weg zum und vom Bahnhof schneller bewältigt werden kann.

Aber funktioniert das Ganze auch in der Praxis? Das wollte ich wissen und habe dazu ein Testgerät der Marke Egret geliehen.

Da steht er in meiner Wohnung: Ein blauer E-Scooter, eines der ersten in Deutschland zugelassenen Modelle. Das Exemplar wiegt fast 17 Kilo und wirkt ganz schön wuchtig. Unter Mikromobilität hatte ich mir etwas anderes vorgestellt.

Als Kind hatte ich auch mal so einen Roller. Der war unmotorisiert, 13 Kilo leichter, halb so breit und vor allem: cool. Insbesondere deshalb, weil seine bierdeckelgroßen Räder rot leuchteten, sobald ich losfuhr. Mit so was war man in der Schule der King. Der E-Scooter, mit dem ich mich jetzt auf den Weg zur Arbeit mache, ist dagegen nicht cool. Und ich fühle mich auch nicht wie der King.

Generation "Last Mile"

Zum einen, weil ich inzwischen Anfang dreißig bin, und meine wilde Rollerzeit lange vorbei ist. Zum anderen ersticken die großen Schutzbleche, Kabel am Lenker, Tacho, zwei Handbremshebel und die aufgesetzte Frontleuchte jede Lässigkeit im Keim. Fehlt noch der obligatorische Einkaufskorb am Lenker. Trotzdem surren die Menschen (junge wie ältere) damit inzwischen in Schwärmen durch die deutschen Großstädte. Warum nur?

Vielleicht einfach, um Teil der schönen neuen Mobilitätswelt zu sein. In einer Zeit, in der "Last Mile" zum Begriff einer ganzen Generation geworden zu sein scheint, geht es darum, wer diesen Teil des Weges am hipsten, schnellsten und umweltschonendsten zurücklegt. Der E-Roller soll all diese Versprechen einlösen. Und was könnte man morgens nicht alles mit den eingesparten Minuten machen? Einen halben Becher mehr Kaffee trinken, schon ein paar Mails checken oder einfach länger im Bett bleiben. Das will ich mir in einer Zeit, in der es auf jede Minute ankommt, natürlich nicht entgehen lassen.

Fotostrecke

E-Scooter im Alltag: Ziemlich unpraktisch, ziemlich peinlich

Also los, Startknopf drücken. Auf der tachoähnlichen Anzeige erscheinen Geschwindigkeit, zurückgelegte Strecke und das Fahrlevel (von eins bis fünf). Lässig mit dem Fuß abstoßen, den Schubhebel drücken - schon brettere ich mit bis zu 20 Kilometern pro Stunde davon. Schneller darf der Roller laut Elektrokleinstfahrzeugeverordnung nicht sein.

Scooter wird zur Stolperfalle

Die 500 Meter bis zur S-Bahn-Station lege ich in drei Minuten zurück - vier Minuten schneller als zu Fuß. Toll! Dafür muss ich das unhandliche Gefährt die Treppen runterwuchten. Stattdessen den Fahrstuhl nehmen und mit Kinderwagen oder älteren Menschen teilen, die den Lift nötiger haben als ich fauler Rollerfahrer? Traue ich mich nicht.

Am Bahnsteig stellt sich eine junge Frau mit einem herkömmlichen Tretroller neben mich. Während sie ihn rasch zusammenklappt und unter den Arm klemmt, überlege ich kurz, es ihr gleichzutun. Ahnend, dass das weniger elegant ablaufen würde, schiebe ich den Roller in die Bahn - zum Unmut meiner Mitfahrer. Während in Hamburg zu Stoßzeiten keine Fahrräder in der Bahn transportiert werden dürfen, gilt das für die Roller nicht. Blöd, dass meiner so groß ist, dass er in der vollen Bahn zur Stolperfalle wird.

#peinlich

Auf der Fahrt starre ich verlegen auf mein Smartphone und stelle fest, dass die Roller auch für Instagram taugen. Überhaupt sind die Scooter in den sozialen Medien die Renner. Unter #escooterlife halten Nutzer ihre schönsten E-Scooter-Momente fest. Auch die Modebranche springt auf die Zweiräder an. Models präsentieren die Kollektion auf, vor und neben Rollern. Andere finden ihren Scooter so schön, dass sie ihn ganz allein fotografieren - vor Pools, an Kreuzungen oder an einem reißenden Fluss in der Wildnis. Bevor ich mir Gedanken machen kann, wie der Scooter in die Wildnis gekommen ist, muss ich umparken, weil eine Frau mit Kinderwagen zusteigt.

Während ich weiter durch Instagram-Welten von #escooterclub, #escootermalaysia und #escooterdivison scrolle, stolpern die Leute in der Bahn immer mal wieder über meinen Roller und strafen mich mit Blicken. Ich denke darüber nach, auch ein Foto bei Instagram zu veröffentlichen: #peinlich.

Sechs Minuten Zeitersparnis

Am Hauptbahnhof geht's endlich raus. Ich schiebe den Roller über den Bahnsteig bis sich die nächste Frage stellt. Links die Treppe rauf oder rechts die Rolltreppe? Ich entscheide mich für rechts, weil ich keine Lust habe, Sporttasche und den schweren Roller durch die Menschenmengen die Treppe hochzuschleppen. Passt doch zum E-Scooter, sich möglichst wenig selbst zu bewegen.

Vom Bahnhof in die Redaktion sind es noch einmal 1,2 Kilometer. Ein Großteil der Strecke führt bergab. Das verspricht nach all der Scham wenigstens noch einmal einen Spaßmoment. Vor der Talfahrt schnell ins höchste Fahrtlevel und Vollgas. Ich kratze an der 25 km/h-Marke - nun bin ich ordnungswidrig unterwegs. Der Geschwindigkeitsrausch währt allerdings nur, bis ich von einem Radfahrer überholt werde, der ganz lässig pedaliert.

Als ich in die Redaktion rolle, zeigt die Stoppuhr gut 19 Minuten. Immerhin, denke ich. Sonst brauche ich etwa 25 für den Arbeitsweg. Allerdings stehen den sechs Minuten Zeitersparnis viele peinliche Momente und verärgerte Mitmenschen gegenüber. Und das Gefühl, dass es nicht verkehrt gewesen wäre, sich an diesem Morgen schon mal ein wenig die Beine zu vertreten, bevor man auf den Bürostuhl sinkt.

Fotostrecke

Fotostrecke: Roller-Fischen in der Seine

Und dann wäre da noch der Anschaffungspreis von 1649 Euro für den E-Scooter. Alternativ gibt es das Sharing-Modell, das für die tägliche Nutzung aber nicht wirklich günstiger ist. Beispiel: der Sharing-Anbieter Lime. Er verlangt pro Leihvorgang einen Euro und pro Minute Fahrt 25 Cent.

Pro Tag würden bei Lime in meinem Fall für Hin- und Rückfahrt (20 Minuten plus Entleihgebühr) sieben Euro fällig werden. Bei einer Fünftagewoche macht das 35 Euro und im Monat 140 Euro. Aufs Jahr gerechnet hat man dann ziemlich genau den Preis raus, den der Roller kosten würde. Obendrauf kommt die Fahrkarte für den ÖPNV. Dass unter diesen Umständen kaum jemand sein Auto stehen lässt, liegt auf der Hand.

Umweltfreundlich? Im Gegenteil!

Zugegeben: Sich auf einem E-Scooter fortzubewegen, ist Geschmackssache. Zudem ist jeder Arbeitsweg anders. Aber unabhängig von der persönlichen Vorliebe kommen Zweifel auf, dass der Scooter die Mobilität in den Großstädten entlastet oder umweltfreundlicher macht. Und was passiert, wenn die Zahl privater Scooter ansteigt und viel mehr Menschen damit in die Züge drängen?

Überhaupt, die Umwelt. Zumindest die Sharing-Scooter leben offenbar nicht lange - und werden zu Müll. Ersten Untersuchungen zufolge schwankt die Lebensdauer eines solchen Tretrollers zwischen 28 Tagen und drei Monaten. In Paris versenken Passanten Roller, die den Gehweg versperren, in der Seine.

Wer unbedingt einen E-Scooter fahren möchte, sollte ihn deshalb selbst kaufen. Oder aber man greift gleich auf die älteste und ökologischste aller Fortbewegungsarten zurück - und geht zu Fuß.

insgesamt 503 Beiträge
dan.donot 06.08.2019
1. Umweltfreundlich?!?
Direkt im 1. Satz der dickste Fehler unserer Zeit. Umweltfreundlich ist kein Verkehrsmittel das eine andere Energiequelle als den menschlichen Körper nutzt. Bitte nutzt Wörter der Definition entsprechend.
Direkt im 1. Satz der dickste Fehler unserer Zeit. Umweltfreundlich ist kein Verkehrsmittel das eine andere Energiequelle als den menschlichen Körper nutzt. Bitte nutzt Wörter der Definition entsprechend.
zauberer2112 06.08.2019
2. Komisch
Erst wird das Gerät gehypt wie Hulle und nun verdammt wie der Satan persönlich. Dabei lagen die Probleme doch für jeden, der weiter als von 12 bis mittags denken konnte, auf der Hand. Erst recht nach den "guten" [...]
Erst wird das Gerät gehypt wie Hulle und nun verdammt wie der Satan persönlich. Dabei lagen die Probleme doch für jeden, der weiter als von 12 bis mittags denken konnte, auf der Hand. Erst recht nach den "guten" Erfahrungen, die man schon mit diversen Leihrädern und deren Anbietern gemacht hat. Und dazu noch der vollkommen überflüssige Stromverbrauch, bevorzugt auf minimalen Strecken.
ahloui 06.08.2019
3. Perfekt!!!
Ich kann mir auch absolut nicht vorstellen, mit so einem Ding durch die Gegend zu brausen und meine Faukheit so offen zur Schau zu tragen. Umweltschonend sind diese Roller ohnehin nicht. Aus dem gleichen Grund habe ich ach [...]
Ich kann mir auch absolut nicht vorstellen, mit so einem Ding durch die Gegend zu brausen und meine Faukheit so offen zur Schau zu tragen. Umweltschonend sind diese Roller ohnehin nicht. Aus dem gleichen Grund habe ich ach ganz normales Fahrrad und kein e-Bike. Aber dieser Hype ist ein schönes Beispiel dafür, zu zeigen, dass der Mensch und der Lemming offenbar artverwandt sind :-)
holger.becker 06.08.2019
4. in der Bahn zählt Packmaß
Als Berufspendler, ich selber habe seit Jahren ein Faltrad für die letzten Kilometer frage ich mich, warum es Fahrzeuge (Scooter wie Fahrräder gibt), dir im geklappten Zustand 2-3 Sitzplätze benötigen. So etwas nervt in der [...]
Als Berufspendler, ich selber habe seit Jahren ein Faltrad für die letzten Kilometer frage ich mich, warum es Fahrzeuge (Scooter wie Fahrräder gibt), dir im geklappten Zustand 2-3 Sitzplätze benötigen. So etwas nervt in der rushhour! Zumal es sehr gute Modelle gibt, die unter dem Sitz verschwinden oder in eine größere Handtasche passen. Alles andere gehört m.M.n. ins Fahrradabteil!
barstow 06.08.2019
5. Deutsche Minderwertigkeitskomplexe
Der Artikel sprüht nur so voller deutscher Minderwertigkeitskomplexe. Einmal mehr bestätigt, dass ich alles richtig gemacht habe als ich in die USA eingewandert bin dieses gestörte Land hinter mir gelassen habe.
Der Artikel sprüht nur so voller deutscher Minderwertigkeitskomplexe. Einmal mehr bestätigt, dass ich alles richtig gemacht habe als ich in die USA eingewandert bin dieses gestörte Land hinter mir gelassen habe.

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