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Mobilität

Nischen-Oldtimer Marcos

Britischer Pfundskerl

Es gibt eine Oldtimer-Marke, die selbst Spezialisten oft nicht kennen. Dabei bieten die Sportwagen der britischen Firma Marcos Fahrleistung und Exklusivität eines Jaguar E-Type - für den Bruchteil des Preises.

Stefan Weißenborn
Von
Samstag, 11.05.2019   07:23 Uhr

Aus der Garage schiebt sich eine lange, orange Autonase. Rechts und links wird sie von zwei Glupschaugen hinter Klarglas flankiert. Gerd Bruns rangiert langsam, unter Motorröhren, das den sonnigen Morgen zerreißt, seinen Marcos auf die Einfahrt. Den einen.

"So von vorn betrachtet, ist der ja eher hässlich", sagt Bruns, nachdem er ausgestiegen ist. Der vordere Überhang steht hoch über dem Boden, zu hoch für die Autoflunder von nur gut einem Meter Höhe. Man könnte meinen, dem Zweisitzer fehle das Kinn. Bruns schwingt ein Tuch und verpasst der Plastikhaut seines kuriosen Gefährts noch den letzten Glanz, bevor es auf Spritztour geht.

Auch 33 Jahre nachdem er den Marcos in einem Inserat entdeckte und für einen Kaufpreis von 18.600 D-Mark am Bodensee abholte, schwingt Begeisterung in Bruns Stimme mit, wenn er von dem Auto redet. "Die Leute sagen immer, ich fahre den Marcos, weil ich auffallen will - aber das stimmt nicht." Schon der MGA-Roadster aus den Fünfzigerjahren, den der Fan britischer Autos vor dem Marcos fuhr, war ein Hingucker.

Schneller als ein E-Type

Aber stopp mal: Marcos… wer? Den Namen der britischen Marke kennen selbst PS-Aficionados oft nicht. "Marcos setzt sich zusammen aus den je ersten drei Buchstaben der Firmengründer Marsh und Costin", erklärt Bruns. Es war eine kleine Firma, die da 1959 in Luton nördlich von London gegründet wurde. Das hinderte die beiden Eigner nicht, selbstbewusst in den Markt zu gehen.

"Der Marcos kostete damals neu mehr als ein Jaguar E-Type", sagt der ehemalige kaufmännische Angestellte Bruns. Im Sprint zogen die stärkeren Marcos mit Dreilitermotor die GT-Ikone von Jaguar ab - zumindest "im Tempobereich zwischen 30 und 100 Meilen pro Stunde", so die damalige Werbung. Als Marke allerdings verlor Marcos Cars das Rennen: Nach einer Berg- und Talfahrt aus Pleiten und Wiedergeburten existiert die Firma heute nicht mehr. Jaguar schon.

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Nischen-Oldtimer Marcos: Es muss nicht immer Jaguar sein

Anfangs baute Marcos, wie die britische Edelmarke Morgan, Fahrzeuge mit Holzchassis. Die Karosserie wurde aus Kunststoff darüber gezogen. Frank Costin, einer der Firmengründer und Konstrukteur, entwickelte sogar ein Holz-Monocoque für den Motorsport mit leichtfüßigen Fahreigenschaften.

Die Rennsportgeschichte der Firma ist durchwachsen

Neben der Sportwagenfertigung betrieb Marcos auch eine eigene, kleine Motorsport-Sparte. Marcos-Rennversionen traten zum Beispiel beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans an. 1966 fuhr dort der Mini-Marcos - eine geschrumpfte Version des klassischen, von Designer Dennis Adams gezeichneten Marcos-Coupés - als einziges britisches Auto ins Ziel. Große sportliche Erfolge blieben jedoch aus. Da halfen auch große Namen nichts: Jackie Oliver, Pilot aus der zweiten Reihe und späterer Formel-1-Chef, raste im Marcos um die Wette, und Jackie Stewart, dreimaliger Weltmeister in der Königsklasse, soll seine Karriere sogar am Steuer eines Marcos begonnen haben.

Zuletzt starteten Boliden vom Typ LM600 mit V8 von GM bis ins neue Jahrtausend bei internationalen Rennen - doch richtig viel rissen auch sie nicht. Zivile Versionen des ein oder anderen Marcos-Coupés fanden dafür den Weg in prominenten Privatbesitz. "Auch Rod Stewart hatte einen", sagt Bruns, der über die Jahre ein wandelndes Marcos-Lexikon geworden ist, "und die Walker Brothers fuhren Marcos."

In den Sechzigerjahren verlief vieles zunächst verheißungsvoll. Zwar ein Nischenhersteller handgefertigter Fahrzeuge, genoss die Marke doch mehr als ein respektables Image. Das renommierte britische Magazin "The Autocar" schrieb 1971 über die Version mit dem Reihensechszylinder von Volvo, den Marcos 3 litre, den auch Bruns fährt: "Mit seinen breiten Reifen, dem niedrigen Schwerpunkt und der guten Feder-Geometrie sollte es jeden Grund geben, warum sich der Marcos gut fährt, und er tut es. Teuer, aber macht Spaß!"

Im Marcos schlummert ein Herz von Volvo

"Haste schon mal drin gelegen?" Mit einem Grinsen versenkt der Rentner sich, das rechte Bein voran, der Rest des Körpers irgendwie hinterher, auf den Fahrersitz und, ja, liegt tatsächlich fast. Die Beine anwinkeln? Geht kaum, denn der Fahrzeugboden verläuft nur zehn Zentimeter unterhalb der Polster. "Diese Sitzposition!", schwärmt der 66-Jährige und macht auf eine Besonderheit aufmerksam, den medaillengroßen Drehschalter links vom Lenkrad: "Hier kannst Du die Pedale nach vorn und hinten verstellen - denn der Sitz ist ja fest verbaut und kann nicht verschoben werden."

Abermals vorsichtig - der Wagen könnte aufsetzen - rollt der Marcos aus der Einfahrt, dann auf die Landstraße, und Bruns, der schnell noch ein oranges Poloshirt mit Marcos-Logo übergeworfen und die Sonnenbrille aufgesetzt hat, gibt Gas. "Der zieht einfach immer weiter, dreht wie eine Turbine." Der Volvo-Sechszylinder lasse die nur 930 Kilo schwere Gfk-Flunder mit Heckantrieb und gut geführter Starrachse zwar etwas kopflastig fahren. Aber selbst aus dem vierten Gang beschleunigt er brachial. Eingetragen ist das 4,27-Meter-Coupé mit 130 PS, alte Werksangaben belaufen sich auf 147 PS.

Wer sich selbst ans Steuer setzt, bemerkt schnell: Hier fährt ein Oldtimer. Die Lenkung ist weich, das Zusammenspiel von Kupplung und Gas erfordert höchste Konzentration, um den Motor nicht abzuwürgen. Den Sportlergeist unter der Haube erweckt erst, wer ein bisschen übt. Dann aber erfreut man sich an dem elastischen Volvo-Aggregat, das aus fast jeder Drehzahl fein herausbeschleunigt, und dem präzisen Kurvenverhalten.

Ein Gastauftritt in "Clockwork Orange"

Missmanagement und Produktionsprobleme mit dem viersitzigen Marcos Mantis und Pech im US-Exportgeschäft führten 1971 zur ersten Firmenpleite. Ausgerechnet in jenem Jahr erlangte ein anderes Auto aus der Feder von Marcos-Zeichner Dennis Adams eine breite Resonanz: der Probe 16, mit dem die Jugendgang "The Droogs" in Stanley Kubricks "Clockwork Orange" in London auf Irrfahrt geht. "Für echte Fans der Marke", sagt Bruns, sei das Jahr 1971 "bereits der Tod von Marcos" gewesen.

Nach dem Ausstieg von Frank Costin aus dem Projekt Marcos sicherte sich Jeremy Marsh später die Namensrechte, restaurierte Marcos-Fahrzeuge und feierte 1981 die Wiedergeburt als Anbieter von Kit-Cars. Nach Auskunft von Reinhard Rieser, Präsident des Swiss Marcos Club, folgte mit den Jahren 1994 bis 1998 noch einmal eine Blütezeit, als Modelle wie der Mantara als Spyder und Coupé oder der Mantis mit 4,6-Liter-V8 aus dem Ford Mustang aktuell waren. "Das waren richtige Konkurrenzmodelle zu TVR" - eine andere britische Sportwagenmarke, die zu der Zeit hochpotente Boliden für Rennstrecke und Straße baute. Doch seit einer weiteren Pleite im Jahr 2000 ist es ruhig geworden um Marcos. Die Produktion wurde 2008 eingestellt. Da war Costin, der eine Firmengründer, bereits tot, Marsh starb 2015.

Ende der Achtzigerjahre machte sich Bruns im Campingbus auf eine Tour durch England. Er fuhr auch durch Westbury, dem damaligen Sitz von Marcos. "Ich war auf der Suche nach Fensterdichtungen." Die bekam er zwar vor Ort nicht, dafür aber traf er Jem Marsh, der ihm das Werk zeigte. Dort wurde zu der Zeit der Mantula V8 als Kit gefertigt, eine stilistische und technische Weiterentwicklung des klassischen GT - als Spyder wahlweise mit Verdeck, beide Varianten mit Stückzahlen von rund 170 und 120 rar.

Die Szene ist klein, aber fein

Anfang der Neunzigerjahre kaufte Bruns sich sein zweites Exemplar - einen raren 1800 GT in Blau-Metallic von 1965. Anders als der 3 litre ruhte er auf einem Holzchassis und verfügte über einen Overdrive-Schongang. Nach Aktenlage wurde das Modell so nur 99 Mal gebaut. Bezahlt hat Bruns nach eigenen Angaben "sehr wenig Geld". Dafür bekam er ihn jedoch in Kisten geliefert, völlig zerlegt und mit vermodertem Holzchassis, das er sich nachbauen lassen musste.

Anders als bei vielen anderen ähnlich exklusiven Oldtimern ist die Preis-Rallye bei den Autos von Marcos ausgeblieben. Um die 30.000 Pfund könne man in England, wo es ansatzweise so etwas wie eine Szene gebe, vielleicht erwarten - ein Bruchteil dessen, was heute für einen E-Type gezahlt wird. "Doch im Prinzip gibt es keinen Markt, die Autos sind zu unbekannt."

In einem Tunnel lässt Bruns den Auspuff röhren, in einem Kreisel das Heck tanzen. Es riecht nach Benzin und Abrieb. Und als der Marcos-Liebhaber auf der Autobahn auf 180 km/h beschleunigt, zittert die lange Motorhaube, doch Bruns fühlt sich sicher: "Bei dem Tempo wird er langsam ruhig, weil das Auto vorn etwas hochkommt und leichter wird. Etwas später sieht man - die hübschen Autohüften im Rückwärtsgang voran - den Marcos mit seiner langen orangen Nase wieder in der Garage verschwinden.

insgesamt 19 Beiträge
m.w.r. 11.05.2019
1.
"Glupschaugen"? Das Wort kommt vom glubschen, nicht glupschen;-)
"Glupschaugen"? Das Wort kommt vom glubschen, nicht glupschen;-)
VadidWyle 11.05.2019
2. Häh?!
"Anfang der Neunzigerjahre kaufte Bruns sich sein zweites Exemplar - einen raren 1800 GT in Blau-Metallic von 1965. " Wie geht das denn jahrzusammen?
"Anfang der Neunzigerjahre kaufte Bruns sich sein zweites Exemplar - einen raren 1800 GT in Blau-Metallic von 1965. " Wie geht das denn jahrzusammen?
fehleinschätzung 11.05.2019
3. toll
noch ein extrem lautes Auto....
noch ein extrem lautes Auto....
chrismuc2011 11.05.2019
4.
#2: Was soll da nicht zusammenpassen? Herr Bruns kaufte sich in den 1990ern einen raren Oldtimer, den 1800 GT von 1965. Noch ein paar Anmerkungen: Der MiniMarcos war ein recht begehrtes KitCar auf Basis des Mini. Zitat: [...]
#2: Was soll da nicht zusammenpassen? Herr Bruns kaufte sich in den 1990ern einen raren Oldtimer, den 1800 GT von 1965. Noch ein paar Anmerkungen: Der MiniMarcos war ein recht begehrtes KitCar auf Basis des Mini. Zitat: ""So von vorn betrachtet, ist der ja eher hässlich", sagt Bruns, nachdem er ausgestiegen ist. Der vordere Überhang steht hoch über dem Boden, zu hoch für die Autoflunder von nur gut einem Meter Höhe." Ja, der Wagen steht zu hoch, das kann man aber ändern. Wenn man sich Fotos von anderen Marcos ansieht, dann sehen sie tiefer in den Federn. Ein Marcos hatte sicher weder die Eleganz, noch die technische Rafinesse eines Jaguar E-Types, von der Performance ganz zu schweigen. Einen biederen Volvomotor mit einem 6 Zylinder Reihenmotor mit zwei obenliegenden Nockenwellen und 265PS aus 4.2 Litern vergleichen zu wollen grenzt an Blasphemie. Mal von der Hinterachskonstruktion des E-Types und 4 Dunlop Scheibenbremsen abgesehen. Einzig das antiquierte Mossgetriebe des Jaguars wäre ein Kritikpunkt. Der Witz des E-Types war ja gerade sein sensationeller Preis bei erstklassiger Performance, die mit jedem deutlich teureren Mercedes 300SL oder Ferrari 250 mithalten konnte.
mikko11 11.05.2019
5.
Regen Sie sich besser über Dinge auf, bei denen es sich lohnt. Bei 176 gebauten Exemplaren werden Sie nicht das "Pech" haben, einem zu begegnen.
Zitat von fehleinschätzungnoch ein extrem lautes Auto....
Regen Sie sich besser über Dinge auf, bei denen es sich lohnt. Bei 176 gebauten Exemplaren werden Sie nicht das "Pech" haben, einem zu begegnen.

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