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Mobilität

Mercedes AMG A 35

Die A-Klasse aus der Krachmacherstraße

Mercedes bringt der A-Klasse schlechte Manieren bei. Der Motor des AMG A 35 krakeelt und knallt nach Lust und Laune. Was andere stört, ist für die Daimler-Tochter Teil ihrer Identität.

Foto: Tom Grünweg
Von
Mittwoch, 19.12.2018   04:35 Uhr

Der erste Eindruck: Frech! Zumindest frecher als die übrigen Varianten der Baureihe, aufgrund neuer Schürzen und eines kleinen Spoilers. Richtig frech wird der Wagen, wenn man ihn in der Lackfarbe "Sun Yellow" bestellt. Die knallt!

Das sagt der Hersteller: Mit dem Debüt der neuen A-Klasse ist der Altersdurchschnitt der Mercedes-Kundschaft deutlich gesunken. Das gilt erst recht für den sportlichen Ableger AMG. Das liegt auch am Preis. "Die Nachfrage nach unseren Kompaktmodellen hat sich in den letzten Jahren sehr dynamisch entwickelt", sagt AMG-Chef Tobias Moers. Dieser Erfolg habe AMG bestärkt, das Portfolio auszubauen. So folgt auf den bisherigen AMG A45 nun der AMG A 35. Der bietet weniger Leistung, aber das ist Zahlenhuberei. Moers: "Mit dem neuen A 35 bieten wir begeisternde Querdynamik auf dem Niveau des heutigen A 45." Will heißen: Die schnelle Fahrt durch Kurven soll besonders viel Spaß machen.

Fotostrecke

Autogramm Mercedes AMG A35: Der Bollerwagen

Das ist uns aufgefallen: AMG zeigt mit dem A 35 die dunkle Seite der Mercedes A-Klasse. Von den neuen Sportsitzen bis zu den Zierkonsolen ist das Interieur finsterer als beim normalen Modell. Das wirkt angeblich sportlicher und lenkt weniger ab von dem, was für dieses Auto wichtig ist: der Fahrbahn.

Und dann sind da die Instrumente, deren kunterbunte Grafiken von AMG noch einmal um spezielle Performanceanzeigen erweitert wurden. Auffällig ist auch das neue AMG-Lenkrad, das in der A-Klasse gegen Aufpreis angeboten wird. Es liegt besser in der Hand und sieht besser aus - vor allem wegen der beiden Displaytasten, die rechts und links aus der Nabe herauswachsen. Zwei Druckknöpfe samt kleiner Digitalanzeigen erleichtern das Umschalten der Fahrmodi. Sie muten besser an als die Tasten im neuen Porsche 911 - obwohl der doppelt so viel kostet.

Aber mit dem Ambiente gibt man sich im AMG A 35 nicht lange ab, auch nicht mit der digitalen Erlebniswelt des Bediensystems MB-UX samt selbst lernender und ziemlich verständiger Sprachsteuerung. In der AMG-Version lockt die A-Klasse mit analogem Fahrvergnügen.

In dessen Zentrum stehen ein 2,0 Liter-Turbo-Vierzylindermotor mit 306 PS Leistung sowie ein Allradantrieb, der bis zu 50 Prozent der Kraft nach hinten leitet und so das leidige Untersteuern von Fronttrieblern weitgehend verhindert. Hinzu kommen das schnelle Doppelkupplungsgetriebe, ein strammes Fahrwerk und eine scharfe Lenkung. So wird der AMG A 35 zum Kraftmeier, den man dringend über eine möglichst einsame, enge Landstraße treiben möchte.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Mercedes AMG A35 - mit unserem 360-Grad-Foto:

Während der Wagen im Komfortmodus handzahm ist, der Motor nur leise grollt und sich das Fahrwerk rückenfreundlich gibt, legt das Auto in den schärferen Modi die Zurückhaltung ab. Der Motor bollert im Schub, sprotzt und krakeelt wie ein großer. Gangwechsel dekoriert er mit künstlichen Fehlzündungen. Für die Schwaben gehört das, was andere als Krach empfinden, zu ihrem Selbstverständnis: Mit dem Wagen "erfüllen wir in jedem Detail unser Markenversprechen", sagt Moers. Immerhin ist der A 35 unter den getunten Autos ein eher leiser Vertreter und auch zahmer als der A 45. Legal ist die Geräuschkulisse sowieso, da Lärmschutzgesetze eher lasch sind.

Aber auch im Innern des A 35 kann es unangenehm werden. Die Stabilitätskontrolle agiert oft im Laissez-faire-Modus, das Fahrwerk lässt Schläge vom Asphalt bis zur Wirbelsäule des Fahrers durch.

Spätestens dann ist klar, warum solche Autos auf Englisch "Hot Hatch" (heißer Hecktürer) heißen. Dem Fahrer wird warm, wenn er den Feger flott bewegt. Dass der A35 dabei knapp 20 Prozent weniger Leistung hat als der vormalige A45 der letzten Generation, fällt nicht auf.

Das muss man wissen: Der Mercedes AMG A35 4matic geht in diesen Tagen in den Handel, kostet mindestens 47.529 Euro und ist das einzige AMG-Modell, das weniger als 50.000 Euro kostet. Zugleich sind das aber auch 9000 Euro mehr, als Mercedes für den A250 4Matic mit dem gleichen Grundmotor mit dann aber lediglich 224 PS verlangt. Im AMG A35 leistet das Turbotriebwerk 306 PS und kommt auf 400 Nm Drehmoment. Damit schafft die A-Klasse den Sprint von 0 auf 100 in 4,7 Sekunden und erreicht mühelos das Limit von 250 km/h. Zwar lässt das Auto wenig Wünsche offen, doch weil Konkurrenten wie BMW M2, Audi RS3 und selbst VW Golf R mehr Leistung haben, wird AMG nachlegen. Es werde, so hört man, auch wieder einen AMG A45 geben - mit angeblich mehr als 400 PS.

Das werden wir nicht vergessen: Die Charakterregelung der A-Klasse. Nicht nur, weil der Schalter im Lenkrad Handschmeichler und Augenweide zugleich ist, sondern vor allem, weil die Fahrprofile wirklich weit auseinander liegen. So weit, dass man sich im Komfortmodus zu fragen beginnt, warum man in einen AMG gestiegen ist. Sobald man jedoch in ein engagierteres Profil wechselt, wird der Jungspund der Marke so wild, dass ein A45 eigentlich ziemlich überflüssig erscheint.

Hersteller: Mercedes AMG
Typ: AMG A35
Karosserie: Kompaktwagen
Motor: Vierzylinder-Benzindirekteinspritzer mit Turbo
Getriebe: Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe
Antrieb: Allrad
Hubraum: 1.991 ccm
Leistung: 306 PS (225 kW)
Drehmoment: 400 Nm
Von 0 auf 100: 4,7 s
Höchstgeschw.: 250 km/h
Verbrauch (ECE): 7,3 Liter
CO2-Ausstoß: 167 g/km
Kofferraum: 370 Liter
umgebaut: 1.210 Liter
Preis: 47.529 EUR
insgesamt 45 Beiträge
bauklotzstauner 19.12.2018
1.
"Die Nachfrage nach unseren Kompaktmodellen hat sich in den letzten Jahren sehr dynamisch entwickelt", sagt AMG-Chef Tobias Moers." Aha.... Was trinkt man denn so in Stuttgart, um sich die Ziulassungszahlen [...]
"Die Nachfrage nach unseren Kompaktmodellen hat sich in den letzten Jahren sehr dynamisch entwickelt", sagt AMG-Chef Tobias Moers." Aha.... Was trinkt man denn so in Stuttgart, um sich die Ziulassungszahlen schön zu gestalten? Die alte "Renterauto"-A-Klasse verkaufte sich in Deutschland im besten Jahr 100.000mal. Und noch in den schlechteren Jahren waren es immer über 50.000, meist mehr als 60.000, und es gab etliche Jahre mit 70, 80.000er Zahlen der Neuzlassungen hier in Deutschland. Seit es das neue Sportcoupè unter diesem Namen gibt (2012) träumt man von solchen Zahlen nur noch. Im ersten Jahr waren es noch knapp 50.000 (wegen der Eigenzulassungen), und seitdem ist das "dynamische Jugendauto" auf Werte um die 30.000 durchgesackt. 2017 gab es mit 29.000 den neuen Tiefpunkt der Serie. In der Tat! Sehr dynamisch!
udo l 19.12.2018
2. Mir fehlt völlig der intellektuelle Zugang
zu dem Trend der Hersteller und Käufer immer lauterer Autos. In meiner Nachbarschaft befinden sich mittlerweile vier dieser "Spaßkarren", die dann morgens um 6:00 Uhr die ganze Nachbarschaft wissen lassen, dass sie [...]
zu dem Trend der Hersteller und Käufer immer lauterer Autos. In meiner Nachbarschaft befinden sich mittlerweile vier dieser "Spaßkarren", die dann morgens um 6:00 Uhr die ganze Nachbarschaft wissen lassen, dass sie jetzt zur Arbeit fahren. Da frage ich mich wozu wir Steuergelder für Lärmschutzwände an Autobahnen verbraten, oder weshalb wir uns noch über Fluglärm aufregen. Lärm macht doch offensichtlich so viel Spaß, nein, ist sogar offensichtlich Grundvoraussetzung dafür.
kayser 19.12.2018
3.
Es ist schon kurios, dass in Zeiten, in denen wir über verbrauchs- und emissionsarme Fortbewegungsmittel gefragt sind, deutsche Autobauer sich gegenseitig mit hochmotorisierten Fahrzeugen sowohl im konventionellen als auch im [...]
Es ist schon kurios, dass in Zeiten, in denen wir über verbrauchs- und emissionsarme Fortbewegungsmittel gefragt sind, deutsche Autobauer sich gegenseitig mit hochmotorisierten Fahrzeugen sowohl im konventionellen als auch im Elektrobereich zu überbieten versuchen. Besser kann man Anachronismus und mangelndes Umwelt- und Sozialverständnis nicht darstellen. Sportlich schön und gut, aber warum auch noch absichtliche Fehlzündungen? Am Ende doch nur zusätzlich noch eine Lärmbelastung ... Traurig, dass hier individuelles „Vergnügen“ mal wieder zulasten der Allgemeinheit gehen muss.
schweizergardist 19.12.2018
4. Peinlich
Herr Grünweg, was copypasten Sie da aus Stuttgart. Die dt. Automobilhersteller verlieren gerade den Anschluss. Diese Kiste ist total peinlich und gehört mit den künstlichen Fehlzündungen, die übrigens sehr verstörend und [...]
Herr Grünweg, was copypasten Sie da aus Stuttgart. Die dt. Automobilhersteller verlieren gerade den Anschluss. Diese Kiste ist total peinlich und gehört mit den künstlichen Fehlzündungen, die übrigens sehr verstörend und aufdringlich sind, schlicht verboten. Peinlich. Den wahren Konkurrenten, Tesla M3P, blenden sie aus und nennen stattdessen 2 weitere "Dinosaurier", deren ebenfalls auf Krach getrimmten Hubkolbenmotoren aus über 60% der Brennstoffenergie lediglich Hitze produzieren. Herr Grünweg, sie testen Schreibmaschinen während es schon Laptops und Drucker gibt. Das ist kein Journalismus sondern Lobbyismus. Jeder Stadtbewohner, der in seinen vier Wänden in den Genuss dieser wundervollen Fehlzündungen kam, wird ihnen für diesen Beitrag danken.... An Mercedes: Hochmut kommt vor dem Fall!
Leser161 19.12.2018
5. Ich verstehe
Ich verstehe das. Auch ich mag Krach. Die Frage ist halt warum ist Individualität nur denjenigen erlaubt, die sich einen mehrere Zehntausende teuren Benz leisten können und nicht denen die nur was am Auspuff ihres Kleinwagens [...]
Ich verstehe das. Auch ich mag Krach. Die Frage ist halt warum ist Individualität nur denjenigen erlaubt, die sich einen mehrere Zehntausende teuren Benz leisten können und nicht denen die nur was am Auspuff ihres Kleinwagens machen lassen wollen. Ja gut rhetorische Frage. Aber das erinnert mich doch irgendwie an politische Systeme die ich für überwunden gehalten habe. Gesichtslosigkeit und Genügsamkeit für die Werktätigen ganz im Rahmen des politischen Systems, während die politischen Führer aus unklaren Gründen sich nicht daran halten mussten.
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