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Mobilität

Rolls-Royce Phantom VIII

Stille Macht

Nach einer biblischen Laufzeit von 14 Jahren bringt Rolls-Royce nun einen neuen Phantom. Die achte Generation ist erkennbar im digitalen Zeitalter angekommen, verblüfft aber am meisten durch eine unwirkliche Ruhe an Bord.

James Lipman / Rolls-Royce
Von
Dienstag, 17.10.2017   05:18 Uhr

Der erste Eindruck: Alles neu und doch ganz der Alte.

Das sagt der Hersteller: Als Rolls-Royce vor 14 Jahren erstmals unter der Regie von BMW ein Auto lancierte, war der Phantom VII für die verschlafenen Briten ein Erweckungserlebnis. "Dieses Auto hat unsere Marke wieder dorthin gebracht, wo sie hingehört: an die oberste Spitze des Automobilbaus", sagt Firmenchef Torsten Müller-Ötvös. Er sonnt sich seitdem in konstant hohen Absatzzahlen, und doch war der Erfolg des Phantom auch eine Bürde. "Umso schwerer war es für uns, mit Generation acht noch einmal nachzulegen", sagt er.

Zweifel daran, ob dieses Ziel erreicht werden konnte, zerstreut Müller-Ötvös rigide. "Wir haben das beste Auto der Welt noch besser gemacht und ein wahres Meisterstück geschaffen." Für die üblichen Kategorien der PS-Welt mag das ein bisschen hochgestapelt sein, doch wenn man den Phantom weniger als Auto und mehr als Gesamtkunstwerk betrachtet, ist da schon was dran. Zumindest in einem Detail kann man dem Chef tatsächlich nicht widersprechen, aber dazu kommen wir noch.

Das ist uns aufgefallen: Während der Phantom außen mit der puren Präsenz von 5,76 Metern Länge, dem Bug im Format des Buckingham Palace, dem schillernden Glanz eines nochmals gewachsenen Kühlergrills, meterlangen Chromleisten und bisweilen hart an der Geschmacksgrenze zusammengestellten Zweifarblackierungen um ultimative Aufmerksamkeit schreit, ist es im Auto ganz, ganz still.

Foto: Tom Grünweg

Den sanft säuselnden Zwölfzylinder ahnt man eher, als dass man ihn tatsächlich spüren oder hören könnte. Alltagsgeräusche von draußen werden von mehr als zwei Zentnern Dämmstoffen geschluckt, darüber hinaus von mehr als sechs Millimeter dicken Isolierglasscheiben und einem speziellen Schallschutzschaum in den Reifen. Das Abrollgeräusch der 22-Zoll-Pneus - fehlt. Das Rauschen des Windes - gibt es nicht.

Verstärkt wird dieser Eindruck durch ein Fahrwerk, das die Last der 2,6 Tonnen eher mit Flügeln als Rädern zu tragen scheint. Weil die Gummibalge der Luftfederung jetzt auf jeweils vier Liter verdoppelt wurden, weil Rolls-Royce nicht wie üblich zwei oder drei, sondern acht Entwicklungsschleifen bei den Reifen gedreht hat, und Exklusivpartner Continental am Ende 180 verschiedene Gummimischungen ausprobiert hat. Die Dämpfer erkennen mit Hilfe von Kameras zudem Fahrbahnunebenheiten schon im Voraus und stellen sich darauf ein. So kommt man dem Gefühl vom fliegenden Teppich im Phantom näher als in jedem anderen Auto.

Während man akustisch derart in Watte gepackt auf dem Lederfauteuil im Fond thront und in eine Art Paralleluniversum abdriftet, hat man fast ein bisschen Mitleid mit Männern wie Robert Kahlenberg. Er ist der Chefentwickler des Phantom und hat sich mit einem Team von 500 Mitarbeitern mehr als fünf Jahre lang vor allem darum bemüht, dass man seine Arbeit am Auto kaum wahrnimmt.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Rolls Royce Phantom - mit unserem 360-Grad-Foto:

"Am Ende ist natürlich auch der Phantom nur ein Auto und braucht deshalb einen Antrieb", sagt Kahlenberg, und wirft mit Zahlen um sich, die bei jedem anderen Fahrzeug für nervöses Zucken im rechten Fuß des Fahrers sorgen würden: 12 Zylinder, 6,75 Liter Hubraum, 571 PS Leistung und 900 Nm Drehmoment, die - der Umstellung auf Turbotechnik sei Dank - unmittelbar nach dem Leerlauf abgerufen werden können. Das würde jedem Sportwagen zur Ehre gereichen und ist im Phantom kaum mehr als eine Fußnote Wert.

Sogar die Hinterachslenkung, derentwegen man nun ohne Rangieren - selbst mit der um weitere 22 Zentimeter gestreckten Langversion - durch Schweizer Serpentinen kommt, ist nicht viel mehr als eine schöne Spielerei. Denn: Wer in einem Rolls-Royce sitzt, lässt in der Regel fahren. Wer trotzdem mal von hinten rechts nach vorne links wechselt, erlebt ein paar Überraschungen. Weniger, weil sich das Prunkschiff tatsächlich einigermaßen behände bewegen lässt, sondern weil der Thronsaal auf Rädern mittlerweile mehr Hightech bietet als die meisten Hotelsuiten.

Mit seinen Orgelzügen für die Luftverteilung und den Rändelrädern für die Temperatureinstellung wirkt das Auto innen wunderbar klassisch, mache mögen das auch für antiquiert halten. Auf Knopfdruck aber surren große Bildschirme hinter hölzernen Klapptischen oder aus ledernen Konsolen hervor, das WLAN-Netzwerk spannt sich auf und die digitalen Instrumente und das Head-up-Display flimmern los. Bei allem Hang zur Tradition - der Phantom ist im digitalen Zeitalter angekommen.

Selbst einem rollenden Supercomputer wie dem BMW 7er steht der Phantom in nichts nach, selbst den virtuellen Hubschrauberflug der Onboard-Kameras, mit denen man den Wagen aus jeder Perspektive anschauen kann, gibt es. Obwohl Kahlenberg Wert darauf legt, dass der Phantom eben kein 7er im Smoking ist, erinnert das alles verdächtig an das BMW-Flaggschiff. Nur Touchscreens gibt es keine im Rolls, weil sich ein Phantom zu fein für solche Fingereien ist.

In einem Punkt versucht der Projektleiter jedoch gar nicht erst, mit anderen Oberklasselimousinen mitzuhalten. Während BMW 7er, Mercedes S-Klasse und Audi A8 gerade einen Wettkampf austragen, wer wann, wo und wie lange autonom fahren kann, bietet der Phantom kaum mehr Assistenzsysteme als ein VW Polo. "Ein Autopilot ist bei den meisten Phantom-Exemplaren ohnehin an Bord", sagt Kahlenberg, "nur dass der aus Fleisch und Blut ist und Chauffeur heißt."

Das muss man wissen: Auch bei der Produktion des Phantom lässt es Rolls-Royce ruhig angehen. Weil der Bau eines Wagens in der Manufaktur in Goodwood im Schnitt 1200 Stunden dauert, fertigen die Briten im ersten Jahr erst einmal die Erstausstattungsautos für die Händler. Kunden werden ihre Autos frühestens im Januar erhalten. Sie brauchen nicht nur viel Geduld, sondern auch eine Stange Geld. Der "kurze" Phantom steht mit 446.250 Euro in der Liste, der lange schlägt mit 535.500 Euro zu Buche. Und weil mehr als die Hälfte aller Phantom individuell veredelt werden, dürfte die Mehrzahl der neuen Phantom für einen siebenstelligen Preis aus dem Werk rollen.

Mit dem neuen Phantom führt Rolls-Royce auch eine neue Plattform ein, die als Alu-Spaceframe konstruiert ist und - ein weiterer Unterschied zum 7er - ohne den Karbonkern des BMW-Flaggschiffs auskommt. Das neue Rückgrat des Autos ist nicht nur um 30 Prozent steifer und somit buchstäblich die Basis für die unerschütterliche Ruhe und das majestätische Fahrgefühl, sondern auch das Fundament für die Zukunft der Marke. Müller-Ötvös: "Wir werden alle neuen Modelle auf diese neue 'Architecture of Luxury' stellen."

Dazu zählt neben den Nachfolgern für die Modelle Ghost, Wraith und Dawn auch der erste Geländewagen aus Goodwood, der unter dem Codenamen Cullinan entwickelt wird und binnen Jahresfrist vorgestellt werden soll. Und als wäre das nicht schon Revolution genug, gibt es bald auch noch einen neuen Antrieb. "Keine Sorge, es wird weder ein Achtzylinder noch ein Diesel, und auch kein Hybrid", beruhigt Müller-Ötvös. "In der nächsten Dekade gibt es den ersten Rolls-Royce mit reinem Elektroantrieb."

Das werden wir nicht vergessen: Das Armaturenbrett, dass sich in der Bespoke-Abteilung für individuelle Wünsche zur "Gallery" verwandeln lässt. Kunden können dort hinter Glas Kunstwerke installieren lassen, zum Beispiel Gemälde in Acryl, Skulpturen aus Silber oder Leder, Installation aus Gold und Edelsteinen. Sogar konservierte Pfauenfedern und Nymphenburger Porzellan haben die Briten dort schon drapiert. Je nachdem, welcher Künstler dafür verantwortlich zeichnet, wird der Phantom so nicht nur zum Unikat, sondern tatsächlich zu einem Meisterstück. Schon einfache Arbeiten in Leder oder Metall kosten so viel wie ein Kleinwagen; wenn jedoch das Werk eines Topstars der Kunstszene die Armaturentafel ziert, dürfte der Preis des Autos zur Nebensache werden.

Hersteller: Rolls-Royce
Typ: Phantom VIII
Karosserie: Limousine
Motor: V12-Turbo-Benzindirekteinspritzer
Getriebe: Achtgang-Automatik
Antrieb: Heck
Hubraum: 6.750 ccm
Leistung: 571 PS (420 kW)
Drehmoment: 900 Nm
Von 0 auf 100: 5,3 s
Höchstgeschw.: 250 km/h
Verbrauch (ECE): 13,9 Liter
CO2-Ausstoß: 318 g/km
Kofferraum: 548 Liter
Preis: 446.250 EUR
insgesamt 91 Beiträge
schlauchschelle 17.10.2017
1. Über Geschmack lässt sich bekanntermaßen
stundenlang streiten, wenn ich das Geld hätte für einen solchen Wagen -- ich würde ihn NICHT kaufen / besitzen wollen, denn, sorry, schön und elegant geht, aus meiner Sicht, anders. Nundenn, wem er gefällt, nur zu. [...]
stundenlang streiten, wenn ich das Geld hätte für einen solchen Wagen -- ich würde ihn NICHT kaufen / besitzen wollen, denn, sorry, schön und elegant geht, aus meiner Sicht, anders. Nundenn, wem er gefällt, nur zu. Bemerkenswert: Alle möglichen Fachexperten und Politiker verkünden, dass in absehbarer Zeit niemand mehr selbst fahren dürfe / müsse, in XX Jahren würden wir vollautonom fahren, laut Merkel benötige man in 20 Jahren eine Sondererlaubnis, wenn man selbst ans Steuer wolle, und dann das: Zitat ""Ein Autopilot ist bei den meisten Phantom-Exemplaren ohnehin an Bord", sagt Kahlenberg, "nur dass der aus Fleisch und Blut ist und Chauffeur heißt."". Dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen und sage Chapeau. Ich möchte selbst fahren, habe ich dazu keine Lust, laufe ich, fahre Rad, nehme Bus - Taxi - Bahn oder ein Kumpel fährt, so einfach ^_^
akkzent 17.10.2017
2. Was für eine barocke Angeberlimousine
Kein Wunder, hat der edle Bentley der Traditionsmarke den Rang abgelaufen. RR taugt in der Zwischenzeit nicht mehr zum Herzeigen sondern nur noch für Neureiche zum Protzen. Wer will sich denn noch mit so einer Karre sehen lassen?
Kein Wunder, hat der edle Bentley der Traditionsmarke den Rang abgelaufen. RR taugt in der Zwischenzeit nicht mehr zum Herzeigen sondern nur noch für Neureiche zum Protzen. Wer will sich denn noch mit so einer Karre sehen lassen?
patsche2712 17.10.2017
3. Ein...
...solches Auto ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die versuchen Energie, Ressourcen und Treibhausgase einzusparen. Es ist eigenartig, dass wir in unserer hochtechnisierten Welt für den Verkehr und Warentransport immer noch [...]
...solches Auto ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die versuchen Energie, Ressourcen und Treibhausgase einzusparen. Es ist eigenartig, dass wir in unserer hochtechnisierten Welt für den Verkehr und Warentransport immer noch primär auf eine Antriebstechnik bauen, die im frühen 19. Jahrhundert entwickelt worden ist...
kuschl 17.10.2017
4. Oh Schreck
Als ich das erste Bild sah, dachte ich, da kommt ein alter Wohnzimmerschrank auf mich zu. Es wird aber sicherlich Kundschaft dafür geben.
Als ich das erste Bild sah, dachte ich, da kommt ein alter Wohnzimmerschrank auf mich zu. Es wird aber sicherlich Kundschaft dafür geben.
JerryKraut 17.10.2017
5. Richtig schöne
Roller aus den 60ern und 70ern gibt es für einen Bruchteil dieses Preises. Für Leute, die noch ein Auto und kein Internet-Cafe fahren wollen. Und dass die im Verbrauch und Unterhalt teurer sind wage ich zu bezweifeln.
Roller aus den 60ern und 70ern gibt es für einen Bruchteil dieses Preises. Für Leute, die noch ein Auto und kein Internet-Cafe fahren wollen. Und dass die im Verbrauch und Unterhalt teurer sind wage ich zu bezweifeln.

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