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Mobilität

Erste Fahrt im Grand California

Platz da?

VW bringt mit dem Grand California einen XXL-Bulli auf den Markt. Wer sein Gepäck im Camper verstauen will, sollte sich vorher allerdings mit der Zubereitung einer japanischen Speise vertraut machen: dem Sushi.

Foto: Christian Frahm/ SPIEGEL ONLINE
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Mittwoch, 15.05.2019   11:57 Uhr

Mit 40 Kilometern pro Stunde windet sich der Grand California die Serpentinen Gran Canarias empor. Ein paar Kurven weiter oben tauchen bereits die türkisen Linienbusse auf, die mit hoher Geschwindigkeit die enge Straße hinunterschießen. Ein Blick nach rechts offenbart: Der unbegrenzte Fahrbahnrand ist nur 20 Zentimeter entfernt - dahinter geht es hundert Meter steil bergab. Der geübte Linienbusfahrer lässt sich davon nicht beeindrucken. Fest entschlossen rauscht er mit unverminderter Geschwindigkeit vorbei - alles gut gegangen.

Erstmals seit fast 70 Jahren stellt Volkswagen dem legendären Bulli einen weiteren Campingbus zur Seite: den Grand California. VWs neues Camping-Flaggschiff lässt sich bei der Fahrt über die engen Inselstraßen so leicht steuern wie ein herkömmlicher Pkw, was angesichts einer Länge von sechs Metern und einer Höhe von knapp drei Metern nicht selbstverständlich ist. Bereits nach den ersten Kilometern hat man die Größe des Campingbusses vergessen und nimmt die Kurven ähnlich optimistisch wie die spanischen Inselbewohner. Größere Steigungen sind mit dem 177 PS starken 2,0-Liter-Turbodiesel und der 8-Gang-Automatik kein Thema.

Der Camper auf Basis des Crafter ist nicht nur deutlich größer, sondern hat auch eine für den Hersteller fast schon revolutionäre Änderung im Grundriss: Erstmals gibt es den Bulli mit einem kompletten Badezimmer inklusive Dusche an Bord. Das bringt mehr Unabhängigkeit von Campingplätzen - aber auch Platzprobleme im Innenraum mit sich.

Bett, Kühlschrank, Gaskocher und Spülbecken - seit nun fast sieben Jahrzehnten ist der VW Bulli der Inbegriff von Fernweh, Abenteuer und Unabhängigkeit. Ein Bad hat ihm allerdings stets gefehlt, um den Roadtrip auch komplett unabhängig von Campingplätzen genießen zu können.

Genau das hat der neue Grand California nun an Bord. Ein 82 Zentimeter breites und langes Camping-Bad mit Dusche, Klappwaschbecken, Toilette und ein paar Schränken. Eine ausgiebige Morgenpflege ist darin ebenso wenig ein Problem, wie eine warme Dusche nach einer anstrengenden Wanderung durch die Natur. Das Wasser kommt aus einem 110 Liter fassenden Frischwassertank.

Fotostrecke

So ausgestattet eignet sich der Grand Bulli schon fast für das "Glamping", also der luxuriösen Variante des ursprünglichen Dosenravioli-Urlaubs für den kleinen Mann. Doch dem gehobenen Camper stellt sich im Grand California eine zentrale Frage: Wohin mit dem feinen Camping-Zwirn? Denn die mittig auf der Fahrerseite angeordnete Duschzelle bedeutet zwar mehr Freiheit auf der Straße, sorgt im Innenraum aber für ein eingeschränkteres Platzangebot - besonders in den Schränken.

Wenig Stauraum in den Schränken

Denn die wurden - aus Designgründen - nach unten hin abgerundet, damit der Innenraum "luftiger" und nicht beengt wirkt, wie es bei VW heißt. Dadurch verringert sich der Stauraum so sehr, dass T-Shirts oder Hosen oftmals nur zusammengerollt untergebracht werden können. Lediglich im Heck ist das Staufach etwas größer. Statt eines Kleiderschranks gibt es eine 30 Zentimeter lange Kleiderstange, auf die ein paar Hemden und Hosen passen. Bevor man die Klamotten aber in Sushi-Manier zusammenrollt und in den kleinen Fächern verstaut, landet der Reisekoffer samt Inhalt unterm Bett. Dort gibt es einen 800 Liter großen Stauraum, der von innen durch ein zweiteiliges, herausnehmbares Schottbrett, am besten aber über die Heckklappe erreichbar ist.

"Camping ist eben ein Kompromiss" heißt es dazu bei VW. Ja, das stimmt. Allerdings sollte man dabei nicht vergessen, dass bereits die kurze Variante des Grand California sechs Meter in der Länge misst. Bei einem Fahrzeug dieser Größe sollte sich das Platzangebot eigentlich auch im Innenraum widerspiegeln.

Auf dem Campingplatz angekommen werden schnell die praktisch in der Heckklappe verstauten Campingmöbel vor den Bus gestellt. Der 70-Liter-Kühlschrank, der sich in Fahrtrichtung ausziehen lässt, liefert eiskalte Getränke. Und auf dem zweiflammigen Gasherd lässt sich problemlos ein Abendessen zubereiten. Das Leben auf dem Campingplatz - im Grand California kein Problem.

Schlafen in gemütlicher Atmosphäre

Geschlafen wird im 1,93 x 1,36 Meter großen Bett im Heck des Fahrzeugs. Streckt man sich hier mit 1,85 Meter Größe mal richtig durch, wird es allerdings schon etwas enger. Über dem bequemen Bett gibt es dimmbare LEDs und kleine, praktische Staufächer mit USB-Anschlüssen für Smartphones. Die obere Schrankzeile wird außerdem von einem farblich einstellbaren Lichtband durchzogen, das für gemütliche Atmosphäre sorgt.

Optional kann über dem Fahrerhaus ein weiteres Bett geordert werden, das dann allerdings das serienmäßige Staufach ersetzt, das man an Bord dringend gebrauchen könnte. Das Extrabett lässt sich in Richtung Wagenmitte herausziehen. Die unsymmetrische Schlaffläche ist dann auf der Fahrerseite durch ein ausklappbares Extrapolster 1,90 Meter, auf der Beifahrerseite 1.60 Meter lang und insgesamt 1,22 Meter breit. Warum das Extrapolster nicht über die gesamte Breite geht und das Bett damit größer macht, leuchtet nicht ein. Und für ein Fahrzeug dieser Größe und verglichen mit anderen kompakten Campingbussen wie beispielsweise dem Ford Nugget Plus ist das Dachbett verhältnismäßig klein. Zwei Kinder finden dort aber genug Platz.

Der Teufel steckt im Detail

Sind die Kleinen dann über eine kleine Leiter in das Hochbett geklettert, stellt sich die Frage wohin mit Letzterer. Bleibt sie am Bett befestigt, versperrt sie den Weg von der Sitzgruppe zum elterlichen Bett. Nimmt man sie ab, muss man sie zwangsweise nach vorne in die Fahrerkabine oder lose unters Bett legen. Was kleinlich klingt, entpuppt sich aber spätestens als zusätzlicher Umstand, wenn man mit einer vierköpfigen Familie reist und ständig alles von A nach B räumen muss. Zumal andere Hersteller hier Lösungen parat haben.

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Campingbusse: Alternativen zum VW-Bulli

Der Grand California kostet mindestens 54.990 Euro. Das Testfahrzeug mit Extras wie dem optionalen Bett über dem Fahrerhaus, Ambientebeleuchtung, ausfahrbarer Trittstufe, Dach-Markise und weiterer Sonderausstattung kostete rund 79.000 Euro.

Wer mehr Platz braucht, sollte sich für das 80 Zentimeter längere Modell Grand California 680 entscheiden. Das hat neben einem großzügigen Kleiderschrank auch mehr Staufächer und im Heck ein größeres Längsbett. Ein optionales Zusatzbett gibt es allerdings nicht. Preise starten hier ab 57.100 Euro.

Spagat zwischen Jung und Alt

Laut VW soll der Grand California "keine eierlegende Wollmichsau sein". Andererseits soll der Camper jüngere Menschen genauso begeistern wie die ältere Generation. Genau diesen Spagat merkt man dem Grand California auch an. Modernes aber nicht immer praktisches Design für die junge Zielgruppe und Komfort und Annehmlichkeiten für die Älteren - beides in einem Camper sinnvoll zu vereinen, ist VW beim Grand California nicht immer gelungen. Obwohl es oft nur ein paar Kleinigkeiten sind, die es ermöglichen würden, den Raum des verhältnismäßig großen Fahrzeugs besser zu nutzen.

Das Bad möchte man allerdings schon nach einigen Tagen auf Reise nicht mehr missen. Denn mit der Nasszelle bekommt man mit dem Grand California das letzte Stück Unabhängigkeit, das Fahrern des kleinen Bullis der T-Baureihe bislang verwehrt blieb.

insgesamt 31 Beiträge
themistokles 15.05.2019
1.
Schon lustig. Da ist der Aufhänger des Artikels das kleine Platzangebot an Stauraum bzw. der fehlende "Kleiderschrank" und ganz zum Schluss erfährt man dann, dass es eine ca. 80 cm längere Variante mit genau den [...]
Schon lustig. Da ist der Aufhänger des Artikels das kleine Platzangebot an Stauraum bzw. der fehlende "Kleiderschrank" und ganz zum Schluss erfährt man dann, dass es eine ca. 80 cm längere Variante mit genau den fehlenden Equipment gibt. Für einen minimalen Aufpreis. Naja, irgend etwas muss ja die Klicks generieren...
offtheroad 15.05.2019
2. Laaaaangweilig
Da hat VW / Westfalia mal ganz fix jeden x-beliebigen Ducato-Umbau von Hymer, Adria und Co (schlecht) kopiert. Mit einer derartig langen Historie an Campingfahrzeugen aus eigenem Hause, sollte man in der Lage sein etwas [...]
Da hat VW / Westfalia mal ganz fix jeden x-beliebigen Ducato-Umbau von Hymer, Adria und Co (schlecht) kopiert. Mit einer derartig langen Historie an Campingfahrzeugen aus eigenem Hause, sollte man in der Lage sein etwas interessanteres als dieses Steuerberaterbüro auf Rädern zu konstruieren. Kreativ ist im Hause VW leider nur noch die Aufpreisliste.
CouscousGauthier 15.05.2019
3. Logische Weiterentwicklung
Der Grand California scheint doch die logische Weiterentwicklung des California zu sein und richtet sich erfolgreich an der Zielgruppe der "nicht ganz so Jungen mit max. 1-2 Kindern" aus. Die Nasszelle ist ein absolutes [...]
Der Grand California scheint doch die logische Weiterentwicklung des California zu sein und richtet sich erfolgreich an der Zielgruppe der "nicht ganz so Jungen mit max. 1-2 Kindern" aus. Die Nasszelle ist ein absolutes Plus, das war im California wirklich ein Manko. Allerdings gibt es einen Ausbau des T5/T6 mit langem Radstand von Reimo, der genial aufgeteilt ist und ganz hinten ebenfalls eine Nasszelle aufweist. Was mir beim Grand California nicht ganz einleuchtet ist die Beschränkung auf 4 sitzende Insassen und sogar auf nur 2 Übernachtungsgäste in der Langversion (Bett im Hochdach nicht verfügbar). Das ist dann wirklich für die Zielgruppe des Rentnerpaars mit Hund, auf die im Übrigen auch die CampingCard-Tarife zugeschnitten sind.
nickmason 15.05.2019
4. Motor suboptimal
Der größte Knackpunkt am neuen Crafter und damit auch an diesem Camper ist der Vierzylinder mit gerade einmal 2 Litern Hubraum. Was dem Autor des Berichts bei seiner Ausfahrt noch mehr als ausreichend vorgekommen ist, wird sich [...]
Der größte Knackpunkt am neuen Crafter und damit auch an diesem Camper ist der Vierzylinder mit gerade einmal 2 Litern Hubraum. Was dem Autor des Berichts bei seiner Ausfahrt noch mehr als ausreichend vorgekommen ist, wird sich bei voller Zuladung mit Gepäck, Vorräten und drei weiteren Insassen schnell zu einer zähen Angelegenheit entwickeln. VW Nutzfahrzeuge hat damit leider ohne Not den gleichen Fehler wie beim Pick-up Amarok gemacht. Diesen gab es anfangs auch nur mit vielfach kritisiertem "Nähmaschinen-Motor", der vor allem Handwerkern mit Hängerbetrieb ein Dorn im Auge gewesen ist. Mit dem Facelift kam dann der deutlich tauglichere Sechszylinder - der dem Crafter bislang schmerzlich fehlt.
jutta_weise 15.05.2019
5. neee, wie häßlich innen...
besonders wenn ich mir diese 2 Stühle ansehe getarnt als Sitzbank. Gemütlich geht anders. Da lobe und liebe ich doch meinen alten Westfalia Atlantic aus dem Jahre 1990. Da kann ich mich auf der Sitzbank mit etwas Schräge auch [...]
besonders wenn ich mir diese 2 Stühle ansehe getarnt als Sitzbank. Gemütlich geht anders. Da lobe und liebe ich doch meinen alten Westfalia Atlantic aus dem Jahre 1990. Da kann ich mich auf der Sitzbank mit etwas Schräge auch mal ausstrecken. Das Bett im Dach mißt 200x140. Und Platz en masse. Toilette hat er auch und Dusche brauch ich nicht auf Campingfahrten. Die findet man immer unterwegs!

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