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Mobilität

Atlantic-Hommage von Bugatti

Der teuerste Neuwagen der Welt

Seit Jean Bugattis schwarzer Atlantic im Zweiten Weltkrieg verschollen ging, gilt der Stromlinienrenner als Mythos. Den schlachtet die VW-Tochter jetzt mit einem spektakulären Einzelstück aus.

Bugatti
Von
Dienstag, 05.03.2019   10:04 Uhr

Auf diesen Scheunenfund hoffen Oldtimerfans schon seit Jahrzehnten: Irgendwo in einem Heuschober im Elsass oder an der Atlantikküste müsste eigentlich ein Auto vor sich hingammeln, dessen Wert Experten auf mehr als 100 Millionen Euro schätzen: ein Bugatti. Streng genommen der Bugatti schlechthin, das sogenannte Voiture Noire. Bei dem sagenumwobenen Wagen soll es sich um einen von nur vier gebauten Bugatti Atlantic handeln, der von Firmenchef Jean Bugatti selbst genutzt wurde und in den Wirren des besetzten Frankreichs verschollen ist.

"La Voiture Noire ist die automobile Entsprechung zum Bernsteinzimmer", sagt Etienne Salomé und erzählt, wie die schwarze Schönheit auf vier Rädern 1940 auf einen Zug verladen wurde. Bugatti verlagerte damals seine Firma auf der Flucht vor den Deutschen aus dem besetzten Molsheim ins freie Bordeaux. Doch auf dem Weg ins Exil verliert sich die Spur des Wagens: Während die drei anderen Atlantic aus den Jahren 1936 bis 1938 heute alle im Concours-Zustand erstrahlen, elitäre Sammlungen krönen und bei den ganz seltenen Besitzerwechseln hohe zweistellige Millionenbeträge erlösen, ist der vierte Atlantic seit jenem Tag im Jahr 1940 verschwunden und so längst zum Mythos gereift.

Salomé ist Designer bei der heute im VW-Konzern beheimateten Marke Bugatti und hat sich in den letzten Monaten tief in die Historie des Atlantic vergraben. Er erfüllte schließlich einen ganz besonderen Auftrag: Für einen nicht näher spezifizierten Kunden sollte er eine moderne Interpretation des schwarzen Mythos entwerfen, die jetzt auf dem Genfer Salon ihre Weltpremiere feiert. In einschlägigen Supercar-Foren im Internet wird spekuliert, dass es sich bei dem solventen Abnehmer um keinen geringeren als VW-Patriarch Ferdinand Piech handelt.

Je obszöner, desto teurer

Bei seiner Annäherung an den Mythos hat sich Salomé nicht mit halben Sachen aufgehalten: Um den noch immer konkurrenzlosen W16-Motor des Bugatti mit acht Litern Hubraum und 1500 PS hat er - natürlich in Schwarz - eine Karbon-Karosserie geschneidert, die mit dem Chiron, dem "Basisfahrzeug", kaum mehr ein Teil gemein hat: "Wo der Chiron Beauty und Beast sein will, haben wir hier deutlich elegantere Linien gewählt", beschreibt Salomé den Entwurf.

Elegant war das Original allemal. Sein schnörkelloses Stromlinien-Design mit den tränenförmigen Türen und der Finne vom Dach bis zum Heck war damals revolutionär und wird bis heute als eines der besten Designs der Automobilgeschichte gelobt. Die Fahrleistungen des 200 PS starken Achtzylinders waren ohnehin beachtlich: Ein Spitzentempo von mehr als 200 Stundenkilometern wirkte damals wie von einem anderen Stern.

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Einzelstück von Bugatti: Die Legende lebt

Doch es sind nicht nur die Linien und Leistungsdaten, die das Auto schon vor seinem Verschwinden zum Mythos werden ließen. "Der Atlantic hat wie kaum ein anderes Auto den Geist dieser Zeit eingefangen. Die schnelle Überquerung des Atlantiks vom Blauen Band der Liniendampfer bis zu Charles Lindberghs Flug zählt zu den großen Mythen der Moderne. Mit ihrem eingenieteten Kamm knüpft die Konstruktion des Bugatti Atlantic an diese Tradition an und übernimmt ganz klar das Design von Schiffen und Flugzeugen", sagt der Kölner Design-Professor Paolo Tuminelli.

Dass Bugatti diesen Mythos jetzt wieder aufgreift und daraus Kapital zu schlagen versucht, passt für Tumminelli in die Zeit: "Die gegenwärtige Konsumkultur ermöglicht es". Angesichts der rasant wachsenden Zahl an Milliardären, 2.158 bei letzter Zählung und allein in China kommen täglich zwei hinzu, finde man sicherlich einen Käufer. "Je obszöner das Objekt und desto abstruser der Preis, umso besser die Verkaufsaussichten."

Bugatti würde im Grab rotieren

So verwundert es nicht, dass sich immer mehr Hersteller aus der Luxusklasse wieder dem Ideal vom Coachbuilding nähern und immer individuellere Autos für immer extravagantere Kunden bauen: Die Bespoke-Abteilung bei Rolls Royce, Mulliner bei Bentley oder die Special Operations bei McLaren legen mittlerweile Hand an mehr als jedes vierte Auto und immer wieder werden echte Unikate wie zuletzt der Rolls-Royce Sweptail auf die Räder gestellt.

Im Falle des Bugatti hält Tumminelli das allerdings für einen tragischen Irrweg: "Wenn man lediglich an den Namen des teuersten Gebrauchtwagens der Welt anknüpft, treibt man Schindluder mit der Legende. Jean Bugatti würde sich im Graben drehen, wenn er davon wüsste", klagt Tuminelli. Früher, so der Design-Professor, hätte der Name Atlantic Avantgarde bedeutet. "Heute überquert man den Ozean im Billigflieger. Ein fünfter, neuer "Atlantic", das ist nicht mehr als ein Mega-Souvenir. "

Warum Bugatti so etwas dann trotzdem tut? Die offizielle Antwort des Firmenchefs Stephan Winkelmann auf diese Frage ist ziemlich pathetisch: "Unsere Geschichte ist Privileg und Verantwortung zugleich, das Erbe von Bugatti auch in Zukunft weiter auszubauen. Mit dem 'La Voiture Noire' zollen wir dem Respekt und transportieren Schnelligkeit, Technik, Luxus und Ästhetik in ein neues Zeitalter."

Irgendwo muss das Geld ja herkommen

In Wahrheit gibt es wohl sehr viel pragmatischere Gründe, die offen natürlich niemand ausspricht: Bugatti bringt nur mit sehr großen Abständen neue Modelle heraus. Mit Sondereditionen wie dieser bleibt die Marke immerhin im Gespräch. Außerdem müssen auf irgendeinem Wege die gigantischen Entwicklungskosten erwirtschaftet werden, die der normale Chiron nie wieder einspielen wird. Selbst wenn alle 500 angekündigten Exemplare zu einem Stückpreis von 2,5 Millionen Euro verkauft werden.

Bugatti hat mit dem Konzept zudem gute Erfahrungen gemacht: Seit die Marke zum VW-Konzern gehört, gab es immer wieder exklusive Editionen, mit denen das Angebot künstlich verknappt und die Preise entsprechend angezogen wurden. Erst im Sommer enthüllte Bugatti den Divo. Deutlich leichter, deutlich strammer abgestimmt und mit einem Preis von fünf Millionen Euro fast doppelt so teuer wie der Chiron. Die 40 angekündigte Exemplare waren trotzdem schon vor der Weltpremiere verkauft, freut sich Entwicklungschef Stefan Ellrott.

Das schwarze Einzelstück, das Bugatti auf dem Autosalon in Genf zeigen wird, taxiert die Marke auf elf Millionen Euro - ohne Steuern. Damit ist "La Voiture Noire" der bislang teuerste Neuwagen der Welt. Doch so, wie er weder beim Aussehen noch bei Authentizität an das Original heranreichen kann, so wahrt er auch beim Wert einen höflichen Abstand. An die mehr als 100 Millionen Euro, auf die das Original geschätzt wird, sollte es je gefunden werden, reicht das Remake nicht ansatzweise heran.

PS-Philosoph Tumminelli sieht dafür eine andere Parallele zwischen dem alten und dem neuen Auto: Heute mag der Atlantic verehrt werden. Damals war der Wagen im Alltag ziemlich unbrauchbar. Mit nur vier gebauten Exemplaren war er auch wirtschaftlich kein Erfolg. "Heute würde man sagen, ein reines Show-Car," urteilt der Professor: "Immerhin darin folgt das Remake der Tradition."

insgesamt 45 Beiträge
m.s.schneider 05.03.2019
1. Unglaublich!
Wow!... Das ist... was für ein Auto!... mir fehlen schicht die Worte. Es ist so... hässlich.
Wow!... Das ist... was für ein Auto!... mir fehlen schicht die Worte. Es ist so... hässlich.
kzs.games 05.03.2019
2. unerreicht?
"Um den noch immer konkurrenzlosen W16-Motor des Bugatti mit acht Litern Hubraum und 1500 PS hat" Naja, alle neueren Königsegg-Motoren erreichen aus 5 Liter 1360 PS. da würde ich behaupten ist viel mehr drin
"Um den noch immer konkurrenzlosen W16-Motor des Bugatti mit acht Litern Hubraum und 1500 PS hat" Naja, alle neueren Königsegg-Motoren erreichen aus 5 Liter 1360 PS. da würde ich behaupten ist viel mehr drin
gammoncrack 05.03.2019
3. Jetzt warte ich natürlich nach
800 Mio. Dollar Gewinn, Bonuszahlung von VW auf weitere Kommentare der typisch deutschen Neider. Ich würde dieses Wagen nicht geschenkt nehmen, und zwar aus folgenden Gründen: - Schenkungssteuer - Versicherungsbeitrag - [...]
800 Mio. Dollar Gewinn, Bonuszahlung von VW auf weitere Kommentare der typisch deutschen Neider. Ich würde dieses Wagen nicht geschenkt nehmen, und zwar aus folgenden Gründen: - Schenkungssteuer - Versicherungsbeitrag - Unterhaltskosten Aber vielleicht findet sich ja jemand, der das auch noch übernimmt. Mir reichts es aber auch, dieses tolle Auto irgendwann einmal in Natura sehen zu dürfen.
sam-berlin 05.03.2019
4. naja...
...sehr viel Marketing-Blabla. Aber wenn man sich den Neuentwurf anschaut, kann ich da nix erkennen, was man nicht schon öfter gesehen hat. Ein flacher Sportwagen, der wie eine Mischung aus Chiron und Ford GT 40 aussieht. Nett, [...]
...sehr viel Marketing-Blabla. Aber wenn man sich den Neuentwurf anschaut, kann ich da nix erkennen, was man nicht schon öfter gesehen hat. Ein flacher Sportwagen, der wie eine Mischung aus Chiron und Ford GT 40 aussieht. Nett, aber auch nicht außergewöhnlich. Kein atemberaubendes Design wie das Original. Schade, dass man nicht ein großes Coupé auf die Räder gestellt hat, da hätte man auch Design-Ideen verwirklichen können. So ist es nur ein weiterer zweisitziger Supersportwagen - mit einem großen Namen.
House_of_Sobryansky 05.03.2019
5. Infantil-Design für solvent Senile
Darth Vader, fahrbar.
Darth Vader, fahrbar.

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