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Mobilität

Legendärer Le-Mans-Rennwagen GT40

Stirb, Reifen!

Sein Revier waren Langstrecken wie Le Mans. Im Duell mit Ferrari fuhr der Ford GT40 in den Sechzigerjahren Siege in Serie ein. Bis heute hat der brachiale Bolide nicht an Faszination eingebüßt. Ausfahrt in einer Legende.

Fabian Hoberg
Von Fabian Hoberg
Sonntag, 14.06.2015   18:42 Uhr

Die Löcher im Chassis und die Anordnung der Benzinpumpen machten ihn stutzig. Irgendetwas stimmte mit diesem Auto nicht. Der Interessent stellte Vergleiche mit alten Fotos und historischen Datenblättern an - und kaufte den Boliden. Wie viel er für den Ford GT40 bezahlt hat, möchte er nicht verraten, ebenso wenig seinen Namen. Doch seit ein paar Monaten ist klar: Der Motorsportenthusiast hat einen Schatz gefunden, der Kauf hat sich rentiert. Denn dieser Ford GT40 ist der zweite jemals gebaute Prototyp und der erste GT40, der überhaupt bei einem Rennen mitfuhr. "Die Historie macht das Auto besonders", sagt der jetzige Besitzer.

Er wollte schon jahrelang einen Ford GT40 kaufen, suchte nach einem der seltenen Originalfahrzeuge. "Das Auto sieht fantastisch aus, wie ein richtiger Rennwagen. Außerdem war ich es als Porsche-Fahrer leid, bei Oldtimer-Rennen regelmäßig von GT40 überholt zu werden", sagt der Rennsportfan.

Test auf dem Nürburgring: Die Türen schwingen weit nach vorne, der Einstieg bleibt aber eng wie in einem Kampfflugzeug. Mit angezogenen Knien und viel Akrobatik faltet man sich auf die papiertuchdünnen Sitze. Hosenträgergurte verschweißen Fahrer und Beifahrer geradezu mit der Karosserie. Der Blick geht direkt auf die Straße. Von der langen Motorhaube ist nichts zu erkennen, so tief sitzt man.

Die Reifen wimmern um Gnade

Auf dem Armaturenbrett reiht sich wie im Flugzeugcockpit eine Armada von Kippschaltern aneinander. Mit einem kurzen Druck auf den Startknopf erwacht der 4,2-Liter-V8 im Heck. Die Ventile schnattern wie eine Horde Gänse und die Stößelstangen klappern dazu im Takt. Vier Weber-Doppelvergaser ziehen gierig Luft an, als es aus der Boxengasse auf die Rennstrecke geht.

Schon bei Halbgas wummert der Achtzylinder im Heck, brüllt bei höheren Drehzahlen den Ruß aus dem Auspuff und brabbelt rhythmisch von der ersten Kurve an. Aus dem Auspuff knallt es beim Zurückschalten und im Innenraum riecht es wie in einer Boxengasse - nach Sprit und Öl.

Im Cockpit wird es schnell heiß. Mit den 900 Kilogramm Leergewicht haben die 450 PS leichtes Spiel: Der 1,02 Meter (40 Zoll) hohe Grand Touring (GT) wetzt von Kurve zu Kurve, die Reifen wimmern um Gnade und bei zu viel Gas lenkt der Besitzer ruckartig gegen. "Der GT40 fährt sich extrem sportlich, hat einen tollen Sound und macht wirklich viel Spaß", brüllt der Pilot unter seinem Helm. Er tanzt mit schmalen Rennschuhen auf den noch schmaleren Pedalen und freut sich, dass kein Porsche ihn überholt.

Die Gegner waren zu Beginn der GT40-Geschichte andere: Der Ford ist mehr als nur ein amerikanischer Sportwagen. Er zeigte den Ehrgeiz und die Verbissenheit Henry Fords II. Der amerikanische Patriarch wollte 1962 Enzo Ferraris Firma kaufen. Als sich die Alphatiere nach monatelanger Verhandlung im Mai 1963 nicht einigten, war nicht einfach ein Deal geplatzt. Entstanden war eine erbitterte Feindschaft. Ford war so sauer, dass er gesagt haben soll, er wolle Ferrari auf seinem eigenen Terrain vernichten - bei Langstreckenrennen wie den 24 Stunden von Le Mans. Er baute sein eigenes Sportprogramm auf, das am Ende vier Jahre in Folge, 1966, 1967, 1968 und 1969 Le Mans gewinnen sollte.

Abflug in den Wald

Von 1964 an entstanden zunächst zwölf Prototypen, beginnend mit der Nummer 101 und einer Karosserie aus glasfaserverstärktem Kunststoff sowie kleinen V8-Motoren. Erst danach begann die offizielle Serie mit insgesamt 101 Fahrzeugen - am Schluss mit V8-Motoren und sieben Litern Hubraum.

Das zweite Auto, die Nummer 102, galt bisher als verschollen. Es war der erste GT40, der überhaupt bei einem Rennen startete, der Typ 101 war ein reines Showcar.

Bei seinem ersten Rennen am Nürburgring im Mai 1964 schied der 102 mit gebrochener Hinterradaufhängung aus. Einen Monat später gingen die Fahrer Phil Hill und Bruce McLaren in Le Mans an den Start und im Juli bei einem Rennen in Reims, schieden aber mit technischen Problemen aus. Am 28. Oktober blieb bei einem Test die Drosselklappe hängen und der Fahrer John Whitmore rauschte von der Rennstrecke direkt in einen Wald. Er blieb unverletzt, die Front des GT40 war jedoch zerstört.

Mitte der Sechzigerjahre holten Schrotthändler die ausgedienten Vorserien-Autos im Werk ab, um sie zu zerlegen. Darunter auch das lädierte Chassis Nummer 102, mit 6270 Meilen auf dem Tacho. Ein Händler hielt sich nicht an die Abmachung und verkaufte Nummer 102 weiter. Das Auto ging zu einem Prototypen-Händler und blieb dort 20 Jahre. Der wiederum verkaufte es an einen Porsche-Sammler, der den Ford vom Rennwagen zum Straßenauto umbaute. Den wahren Wert erkannte der Sammler nicht. So verstaubte der Wagen 20 Jahre in einer Halle, bis er das Auto versteigern ließ. Durch Zufall entdeckte der jetzige Besitzer das Auto bei dem Sammler.

Um sicher zu gehen, dass er keinem Schwindel aufsitzt, untersuchte der Motorsportfan den Ford akribisch. Sogar metallurgische Untersuchungen ließ er anfertigen. Die anschließende Restaurierung dauerte zwei Jahre. Dabei setzte der Besitzer nicht nur auf Originalität, sondern auch auf modern angefertigte Neuteile wie Bremsen, Fahrwerk und andere technisch relevante Teile. "Der Motor ist sonst zu stark für das ursprüngliche Getriebe und für das Fahrwerk", sagt er. Zur originalen Front ließ er sich eine zweite anfertigen. Auch wenn die erst 1965 beim Rennen in Le Mans zum Einsatz kam und nicht zur Nummer 102 passt. "Sie ist aber schöner und aerodynamisch stabiler als die alte", sagt er.

Wie viel dieser Ford GT 40 heute wert ist, weiß er nicht. Vielleicht drei Millionen Euro. Vielleicht auch fünf. Der monetäre Wert interessiert ihn weniger. Es ist vielmehr die Historie des Autos. Und das Fahrverhalten. "Der GT40 fährt sich nicht wie ein störrisches altes Biest, sondern sehr einfach. Es macht einfach Spaß mit ihm ein paar schnelle Runden zu drehen", sagt der Besitzer. Klar, dass er damit nur auf Rennstrecken fährt - dort, wo der GT 40 hingehört.

insgesamt 41 Beiträge
k-3.14 14.06.2015
1. Holzhammer ...
"Zentralverschlüsse an den Rädern helfen beim schnellen Reifenwechsel. Gelöst werden die Verschlüsse mit kräftigen Schlägen eines Holzhammers." Na, dann viel Spaß mit dem Holzhammer ;-)
"Zentralverschlüsse an den Rädern helfen beim schnellen Reifenwechsel. Gelöst werden die Verschlüsse mit kräftigen Schlägen eines Holzhammers." Na, dann viel Spaß mit dem Holzhammer ;-)
big t 14.06.2015
2.
Schöne Geschichte. Vor allem aber, dass er den Wagen heutigen Zeiten angepasst hat, finde ich toll. Übertriebene Gottesfürchtigkeit vor alten Dingen ist Unsinn, schließlich gibt es keinen Oldtimer, der ein Unikat ist. [...]
Schöne Geschichte. Vor allem aber, dass er den Wagen heutigen Zeiten angepasst hat, finde ich toll. Übertriebene Gottesfürchtigkeit vor alten Dingen ist Unsinn, schließlich gibt es keinen Oldtimer, der ein Unikat ist. Jedes Fahrzeug kann heutzutage 1:1 neu gebaut werden. Selbst die Pyramiden könnte man 1:1 neu bauen, nur für so etwas hat niemand Zeit/Geld, es ist wahrlich kein Problem des Könnens, was allem Alten den Glanz nimmt. Schön zu wissen, dass man damals solche Autos gebaut hat, mehr aber auch nicht.
thomas.d. 14.06.2015
3. Entertainment pur
Ganz ohne Dispays, Internetanbindung und ähnlichem Firlefanz. Ein Auto. Zum fahren!
Ganz ohne Dispays, Internetanbindung und ähnlichem Firlefanz. Ein Auto. Zum fahren!
thomas.d. 14.06.2015
4. Holzhammer?
Nö, der Kupferhammer für die Zentralverschlüsse liegt vor dem linken Hinterrad auf Bild No. 1..........
Nö, der Kupferhammer für die Zentralverschlüsse liegt vor dem linken Hinterrad auf Bild No. 1..........
BeratungsconsultingWirkes 14.06.2015
5. Zwischengefagt
Wie sieht es bei Langstreckenrennen wie den 24 Stunden von Le Mans eigentlich mit den gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten für Fahrzeugführer aus?
Wie sieht es bei Langstreckenrennen wie den 24 Stunden von Le Mans eigentlich mit den gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten für Fahrzeugführer aus?

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