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Mobilität

Rallye-Autos unterm Hammer

Eilige Dreifaltigkeit

Für manche Autos muss man einfach mehr bieten. SPIEGEL ONLINE zeigt Fahrzeuge mit berühmten Vorbesitzern und Raritäten, die versteigert werden. Diesmal: ein ziemlich extremes Rallye-Trio.

Ronen Topelberg/ Gooding & Company
Von
Montag, 12.08.2019   05:05 Uhr

Unterm Hammer: ein Dreierlei der Extreme aus der Ära der Gruppe B, der wohl aufregendsten Phase des Rallyesports. Ein Peugeot 205 Turbo 16 von 1984, ein Lancia Delta S4 Stradale, Baujahr 1985, und ein MG Metro 6R4 von 1986 - allesamt straßentauglich.

Warum mitbieten? Die Rallyewagen der Gruppe B waren gewissermaßen Formel-1-Renner für den Feldweg. Mit bis zu 500 PS und Allradantrieb benötigten sie für den Sprint aus dem Stand auf 100 Km/h nur knapp mehr als zwei Sekunden - auf losem Untergrund, wohlgemerkt. Damit diese Boliden an der WM teilnehmen durften, mussten die Hersteller 200 Exemplare so zähmen, dass sie eine Straßenzulassung erhalten konnten - die sogenannten Homologationsmodelle.

Nun bietet sich die Chance, gleich drei Exemplare dieser extrem seltenen Fahrzeuge bei einer Auktion zu ergattern. Und obwohl alle drei Boliden der gleichen Ära des Rallyesports entspringen, könnten sie unterschiedlicher nicht sein.

Auction Heroes

Die teuersten Autos der Welt sind oft keine Neuwagen, sondern gebrauchte: Oldtimer, die sich in Händen reicher Sammler befinden oder nach langer Vergessenheit plötzlich aus Scheunen wieder auftauchen. Für den gewöhnlichen Auto-Enthusiasten bleiben diese Fahrzeuge unerreichbar, nur mit ganz viel Glück bekommt man sie mal zu Gesicht. In seltenen Momenten ergibt sich aber die Gelegenheit, etwas über diese Traumwagen zu erfahren: Wenn sie versteigert werden.

Bevor die Autos zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten wieder verschwinden, werden die alten Storys über sie neu erzählt oder sogar Geheimnisse gelüftet. Je schillernder die Geschichte eines Autos, desto höher sein Marktwert. Die glamourösesten Fahrzeuge stellen wir in einer Serie in loser Reihenfolge vor. Sie sind unsere Helden unterm Hammer - die Auction Heroes.

Der Musterschüler des Trios ist der Peugeot 205 Turbo 16 aus dem Jahr 1984: Sein Turbomotor sitzt nicht vorne, sondern mittig hinter den Vordersitzen und treibt alle vier Räder an - mit 350 PS. Die Straßenversion, die hier angeboten wird, kann da nicht ganz mithalten, sie leistet 200 PS bei einem Leergewicht von 1145 Kilogramm. Dafür ist sie aber deutlich besser gedämmt als die Rallyeversion und bietet sogar ein Radio, jedoch keinen Kofferraum.

Fehlende Alltagstauglichkeit wiegt der zahme 205 mit der wichtigsten Qualität der Rennversion auf: einem überragenden Fahrverhalten. Das sei so spontan und leichtfüßig, urteilte die "Automobil-Revue" im Jahr 1984, dass sich Allradautos mit Frontmotor dagegen wie antiquierte Lastwagen anfühlten. Eben diese Wendigkeit machte den 205, obwohl er in der Gruppe B ein Nachzügler war, zum Vorzeigemodell: Er sicherte Peugeot die Fahrer- und Konstrukteurstitel der Jahre 1985 und 1986.

Preis damals: 100 Millionen Lire

Der Vergeltungsschlag aus Italien hörte auf den Namen Lancia Delta S4. Ein brachiales, von den Ingenieuren bis ans Limit hochgezüchtetes Gerät: Sie spendierten dem Wagen nicht nur den damals obligatorischen Turbolader, sondern auch noch einen Kompressor.

Der Kompressor sollte das sogenannte Turboloch schließen und bei niedrigen Drehzahlen den Motor zwangsbeatmen. Bei höheren Drehzahlen dann umgeht ein Ventil den Kompressor und der Turbo arbeitet allein. Die aufwendige Konstruktion sollte im Duett so viel Luft wie möglich in den 1,8 Liter großen Vierzylindermotor pressen. Das gelang: Der Delta S4 verfügte über 500 PS.

In der Straßenvariante fielen Kompressor und Turbo kleiner aus, die Leistung fiel entsprechend auf 250 PS. Verstecken musste man sich damit 1985 nicht. Zum Vergleich: Ein Ferrari 288 GTO, damals das Spitzenmodell aus Maranello, leistete 400 Pferdestärken.

Mit dem eigentlichen Namensgeber, dem Kompaktmodell Lancia Delta, hat der S4 Stradale nur wenig gemein. Auch die Karosserie hat mit der Serie allerhöchstens entfernte optische Ähnlichkeit. Sie ist aus Kunststoff, spannt sich über einem Rohrrahmen und birgt eine wahrhaft beeindruckende Funktion: Wer an den Motor gelangen will, muss den hinteren Teil der Karosserie bis zur B-Säule hochklappen - wie beim Vorbild aus der Rallyewelt.

Dafür wich die Straßenversion an anderer Stelle deutlich vom Vorbild ab: Im Innenraum verarbeitete Lancia jede Menge Alcantara-Leder. Das spiegelte sich auch im Preis wider: 100 Millionen Lire beziehungsweise 160.000 Mark kostete der S4 Stradale - doppelt so viel wie ein Porsche 911 Turbo.

Während die Straßenversion deshalb ein Ladenhüter blieb, entpuppte sich die Rennversion als Volltreffer: Beim ersten Einsatz in Großbritannien Ende 1985 holte der S4 den Sieg, im Folgejahr belegte der Wagen den zweiten Rang, hinter dem Gruppe-B-Dominator Peugeot.

Maximale Leistung bei 9000 Umdrehungen

Doch der S4 war auch mit schuld am Ende der Gruppe B im Jahr 1986. Bei der Rallye Korsika verlor der Lancia-Fahrer Henri Toivonen die Kontrolle über seinen Wagen, er und sein Beifahrer starben. Damit brachte der S4 einen der interessanten Gruppe-B-Renner um seine Karriere: den MG Metro 6R4.

Mit dieser extrem bespoilerten, vom Williams-Formel-1-Team entwickelten Rallyevariante des Austin Metro wollte auch British Leyland in der prestigeträchtigen Gruppe B mitmischen. Der 1985 enthüllte Rennwagen hatte mit seinem Namensgeber jedoch, ähnlich wie der Delta S4, nur noch grobe optische Ähnlichkeit.

Aber beim Antrieb verfolgte der britische Renner ein komplett anderes Konzept als seine Konkurrenten. Zwar hatte auch der Über-Metro Allradantrieb und einen Mittelmotor. Allerdings verzichteten die Entwickler auf den damals sonst obligatorischen Turbolader, stattdessen sollte schiere Drehzahl für Vortrieb sorgen. Am Ende seiner Entwicklung leistete der Sechszylinder in der Rennversion des Metro 416 PS bei 9000 Umdrehungen pro Minute.

Auch beim Homologationsmodell ging MG andere Wege. Das leistet zwar auch weniger als die Rallyevariante, nämlich 253 PS. Allerdings unterschied es sich technisch nur minimal vom Rennmodell. Auch äußerlich ist der beinahe würfelförmige, grotesk bespoilerte 6R4 den echten Rennwagen am ähnlichsten, wirkt aber schneller, als er tatsächlich ist. Die 100-km/h-Marke fällt nach 5,7 Sekunden und bei 175 km/h ist aufgrund der kurzen Übersetzung bereits Schluss - die erreicht er jedoch bereits nach 900 Metern Fahrstrecke.

Fotostrecke

Lancia, Peugeot und MG: Drei Supersportler fürs Grobe

Ähnlich kurz wie diese Strecke war allerdings auch die Rallyekarriere des 6R4. Bei ersten Einsätzen im Jahr 1985 schlug er sich noch gut, nur um dann in der Rallye-WM 1986 komplett zu versagen und in sämtlichen Läufen auszuscheiden. Schuld waren zahlreiche Kinderkrankheiten wie abgesprungene Zahnriemen. Und bevor man diese auskurieren konnte, endete die Ära der Gruppe B aufgrund der vielen tödlichen Unfälle - und der Über-Metro verlor seine Daseinsberechtigung.

Zuschlag! Das Auktionshaus Gooding versteigert die drei Boliden am 17. August in Pebble Beach. Erwartet werden Preise von rund 225.000 US-Dollar für den Peugeot 205 Turbo 16, 650.000 US-Dollar für den Lancia Delta S4 Stradale sowie 200.000 US-Dollar für den Metro 6R4.

insgesamt 8 Beiträge
super-m 12.08.2019
1.
Der Delta Stradale ist ein absoluter Traum...
Der Delta Stradale ist ein absoluter Traum...
persor 12.08.2019
2. Gebe Ihnen recht,
..ich als italophiler Autofan finde aber auch den Peugeot sehr interessant..
Zitat von super-mDer Delta Stradale ist ein absoluter Traum...
..ich als italophiler Autofan finde aber auch den Peugeot sehr interessant..
Fragende_Leere 12.08.2019
3. Zum Lancia
Sicherlich war eine Turbo/Kompressorkombination zu der Zeit selten. Der Artikel lässt jedoch vermuten, dass das heute auch noch so wäre. Stimmt aber nicht, siehe TFSI/TSI
Sicherlich war eine Turbo/Kompressorkombination zu der Zeit selten. Der Artikel lässt jedoch vermuten, dass das heute auch noch so wäre. Stimmt aber nicht, siehe TFSI/TSI
randers5 12.08.2019
4. Vielleicht noch
... der Hinweis, dass bei der Rennversion des S4 der Benzintank unterhalb der Fahrersitze angeordnet war. Im wahrsten Sinne des Wortes ein Ritt auf der Kugel. Im Falle eines Überschlags hatten die Fahrer wohl wirklich keine [...]
... der Hinweis, dass bei der Rennversion des S4 der Benzintank unterhalb der Fahrersitze angeordnet war. Im wahrsten Sinne des Wortes ein Ritt auf der Kugel. Im Falle eines Überschlags hatten die Fahrer wohl wirklich keine Chance (siehe Toivonen/ Crespo)
Referendumm 12.08.2019
5. Wenn schon, denn schon
Nur der MG 6R4 hat die Gene der Rallyefahrzeuge - alle anderen zwei sind nur kalter Kaffee! Der MG 6R4 ist quasi ein reiner Motor, um den die Karrosserie plus Flügelwerk gebaut wurde. Konnte damals dieses Monster noch beim [...]
Nur der MG 6R4 hat die Gene der Rallyefahrzeuge - alle anderen zwei sind nur kalter Kaffee! Der MG 6R4 ist quasi ein reiner Motor, um den die Karrosserie plus Flügelwerk gebaut wurde. Konnte damals dieses Monster noch beim Rallyecross in Buxtehude live bewundern - der reinste Wahnsinn - dito der Ford RS200 mit Martin Schanche am Steuer - "Mister Rallyecross" Die heutigen Rallyecross-Fahrzeuge sind dagegen eher langweilig; leider.

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