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Mobilität

Baumaschinen-Fantreffen

Kipp, kipp, hurra!

Einmal im Jahr zieht es Fans alter Baumaschinen in eine Sandgrube bei Aachen. Dort lassen sie ihrer Leidenschaft freien Lauf - und baggern, buddeln und schütten, was das Gerät hergibt.

Ute Kolla-Bliesener
Von Richard Holtz
Samstag, 04.05.2019   11:51 Uhr

Frank Brinkmann nimmt mit seinem Radlader eine ordentliche Schaufel Sand auf. Dann dreht er sich mit dem Fahrzeug um 90 Grad und peilt die Ladefläche eines hellgrünen MAN an. Der Sand rutscht auf die Ladefläche.

Brinkmann und sein Hanomag 60 E sind offensichtlich in ihrem Element. Sand, wohin das Auge blickt in der Grube Davids in Geilenkirchen bei Aachen.

Es herrscht reger Betrieb mit mehr als hundert schweren Lastwagen, Baggern und Schaufelladern. Baustoff gewonnen wird hier aber nicht. Etwa 400 Liebhaber alter Baumaschinen treffen sich, um ihrer Leidenschaft freien Lauf zu lassen. "Wie ein kleiner Junge" fühle er sich, sagt Brinkmann, der im wirklichen Leben Fuhrunternehmer ist und als solcher 14 Kipperzüge sowie zwei Radlader besitzt.

Fotostrecke

Kippertreffen: Baggern, buddeln, schütten, schieben

In der Grube Davids sind Veteranen am Werk, die schon lange aus dem Straßenbild verschwunden sind. Manche Marke gibt es gar nicht mehr. Krupp baut schon lange keine Lastwagen mehr, Hanomag-Henschel ist von Mercedes übernommen worden, Büssing bei MAN untergekrochen und Magirus Teil von Iveco geworden. In Geilenkirchen leben die alten Marken wieder auf, darunter auch niederländische Spezialfahrzeuge von Terberg oder IFA.

Seitdem das Kippertreffen in Geilenkirchen im Frühjahr statt im Herbst steigt, gibt es meist auch Autos zu sehen, die über den Winter restauriert worden sind. Sie glänzen wie frisch vom Band. Trotzdem setzen die stolzen Besitzer sie artgerecht ein, beladen sie also schwer und fahren Steigungen rauf und Gefällstrecken herunter.

Tücken der geringen Motorleistung

Ebenso ergeht es den Lkw, die schon Rost angesetzt haben und deren Lack schon mehrfach ausgebessert worden ist. Altes Eisen, aber mit Seele. Achim Röttgermann, Tourenwart der Nutzfahrzeug Veteranen Gemeinschaft, die das Treffen veranstaltet, ist dem Virus selbst verfallen. Von "begreifbarer Technik, an der man noch schrauben kann", schwärmt er.

Er hat 2003 den Lkw-Führerschein gemacht und einen Mercedes, der eigentlich eine rollende Sparkassenfiliale werden sollte, zu einem Wohnmobil hergerichtet. Mit ihm ist er nach Geilenkirchen angereist.

Dort fährt er gelegentlich Lkw von Freunden und kämpft mit den Tücken der geringen Motorleistung. Mit einem Mercedes 323 Rundhauber hat er sich festgefahren. Der Motor hatte nicht genug Kraft, den Kipper freizufahren. "Also habe ich in meiner eigenen Spur zurückgesetzt und einen anderen Weg genommen", sagt Achim Röttgermann.

Langer Bremsweg birgt Gefahren

Schief angeguckt wird er deswegen nicht. Sicherheit ist oberstes Gebot, und doch verhalten sich manche Besucher leichtsinnig: "Es gibt leider immer wieder ein paar Idioten, die sich für ein gutes Foto fast vor die Lkw werfen. Damit gefährden sie Fahrer, Zuschauer und sich selbst", sagt Röttgermann. Der Bremsweg der Oldies sei länger, als man es heute gewohnt ist. "Und wenn 15 bis 20 Tonnen ins Rutschen kommen, kann das schnell mal ein böses Ende nehmen."

Enthusiasten wie den Fuhrunternehmer Brinkmann hält das nicht ab. Der Ibbenbührener findet die alte Technik erhaltenswert, weil sie reparierbar sei und heute noch funktioniert, wenn sie gut behandelt wird. Nach ein paar Besuchen hat ihn die Rolle des Zuschauers beim Kippertreffen der Nutzfahrzeug Veteranen Gemeinschaft nicht mehr ausgefüllt.

In diesem Jahr ist der Familienvater mit Kind und Kegel und zwei Tiefladern angereist. Auf dem einen hat er einen Opel-Blitz-Laster mitgebracht, Baujahr 1958. Mit dem fährt inzwischen hauptsächlich sein 14-jähriger Sohn Luca. Auf dem zweiten hat er den Hanomag transportiert.

Jugendlicher steuert Laster des Uropas

Brinkmann arbeitet konzentriert und vorsichtig. Geht es doch um historische Fahrzeuge, die von ihren Besitzern oft aufwendig restauriert worden sind. Während der Sand auf die Ladefläche rutscht, guckt sich Brinkmann mehrmals um. Auch er sorgt sich wegen unvorsichtiger Fotografen. "Vorhin hatte ich einen im toten Winkel. Der konnte sich wohl gar nicht vorstellen, dass ich ihn beim Zurücksetzen nicht sehen kann."

Sohn Luca fährt derweil mit dem Opel Blitz durchs Gelände. Die Kuhlen im Sand sind tief. Ein vorausfahrender Magirus donnert einfach durch. Der schwere Dreiachser schüttelt sich und zieht eine Staubfahne hinter sich her. Luca hingegen geht vom Gas, schaltet in den ersten Gang und weicht den gröbsten Löchern sogar aus. "Ich will nicht, dass der alte Lkw Schaden nimmt. Der grüne Laster ist eine Erinnerung an meinen verstorbenen Opa."

Die Liebe zu den Fahrzeugen hat bei den Brinkmanns eine lange Geschichte. Lucas Urgroßvater Heinrich Brinkmann hatte den Opel einst in Herford gekauft. Dessen Sohn Hans-Jürgen hat den Opel zusammen mit Lucas Vater restauriert. Luca hat dann nachgearbeitet. An so einem Oldie ist eigentlich immer etwas zu tun. Was er dabei lernt, kann ihm helfen, wenn er einmal einen eigenen Lkw restauriert - das ist sein Traum.

insgesamt 1 Beitrag
mueller23 04.05.2019
1. Das war damals noch richtig Arbeit
ohne Servolenkung und synchronisierten Getrieben. 1980 wollte ich einen Hanomag F66 aus den 60ern ausleihen, alles klar, aber erstmal lernst du fahren, meinte Manni Krippendorf von den Olefanten in Köln-Ehrenfeld. Die hatten [...]
ohne Servolenkung und synchronisierten Getrieben. 1980 wollte ich einen Hanomag F66 aus den 60ern ausleihen, alles klar, aber erstmal lernst du fahren, meinte Manni Krippendorf von den Olefanten in Köln-Ehrenfeld. Die hatten den Kofferwagen von BAP geschenkt bekommen, war deren erster Tour-Lkw. Also erstmal mit Manni von Ehrenfeld zur Kippe nach Liblar. Halbherzig Gas gegeben, Manni: Entweder gibst du hier Vollgas oder gar nicht. Hochschalten: zweimal Kupplung treten, runterschalten ebenso, aber mit Gas geben nach dem Auskuppeln, der Gang flutscht nur rein wenn die Drehzahl stimmt. Nach ein paar Kilometern ging es, die Gangwechsel ohne knarzende Geräusche aus dem Getriebe hinzukriegen, durfte den Wagen dann für einen Nachmittag mitnehmen, um Balken für unser Bauprojekt zu holen. Dabei habe ich mich gefühlt wie der König der Landstraße. Jetzt steht gerade mein Peugeot-Lieferwagen mit verrecktem Ausrücklager vor der Tür. Es ist zwar nicht dasselbe, ein unsynchronisiertes Getriebe mit Kupplung oder ein synchronisiertes ohne Kupplung zu bedienen, aber auch hier gilt: der Gang flutscht nur rein wenn die Drehzahl stimmt. Hochschalten geht mit Gefühl, runterschalten wiederum nur mit Zwischengas geben. Gut, dass ich es damals gelernt habe.

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