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"Der E-Motor demokratisiert das Mountainbike"

E-Mountainbikes sind die Verkaufsschlager der Fahrradindustrie. Für den Mountainbike-Pionier Ulrich Stanciu lösen erst sie alle Versprechen der ersten Mountainbikes wirklich ein.

stockstudioX/ Getty Images

Immer mehr fahren mit dem E-Mountainbike durchs Gelände

Ein Interview von Hans Dorsch
Samstag, 13.07.2019   07:09 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Herr Stanciu, das E-Mountainbike erlebt einen enormen Boom. Sie haben die Entwicklung miterlebt und begleitet. Ist es wirklich gut, wenn dank E-Unterstützung jeder Berg für jeden mit Rad bezwungen werden kann?

Uli Stanciu: Viele Menschen sagen: "Oh, jetzt fahren die mit dem Moped oder mit E-Doping ins Gebirge." Ich sehe es anders. Das ist eine gute Entwicklung, eine Demokratisierung des Mountainbikes.

Zur Person:

SPIEGEL ONLINE: Aber bisher wurde doch niemand vom Mountainbikefahren abgehalten, oder?

Uli Stanciu: Das Mountainbike hat uns enorm große Freiheit gegeben. Wir konnten weg von der Straße. Wir konnten Feldwege, Waldwege, Trails fahren. Wir konnten die Natur genießen. Es war eine größere Freiheit, ein größerer Genuss, als an die Straße gebunden zu sein. Aber das Mountainbike hat für viele weniger trainierte Leute den Nachteil, dass es bergauf sehr mühsam werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Aber gehört diese Anstrengung nicht zum Genuss? Und ist die Aussicht vom Gipfel nicht auch eine Belohnung, um die man sich mit Elektrounterstützung zumindest teilweise bringt?

Uli Stanciu: Wenn Sie heute einen langen, steilen Anstieg in den Alpen mit dem Mountainbike fahren wollen und nicht hundertprozentig trainiert sind, dann werden Sie entweder an ihre absolute Leistungsgrenze gehen und sich quälen müssen - oder Sie müssen absteigen und schieben, was immer auch eine Niederlage ist.

Fotostrecke

E-Mountainbikes: Elektrisch durchs Gelände

SPIEGEL ONLINE: Nimmt man damit Sportlern nicht die Herausforderung?

Uli Stanciu: Nein, das E-Mountainbike gibt einfach mehr Freiheit. Ich kann selbst über den Grad der Anstrengung entscheiden und ihn mir dann einstellen. Ich kann im Eco-Modus den Berg hochfahren, dann habe ich ein ganz kleines bisschen Rückenwind, muss aber selbst immer noch viel arbeiten. Ich kann aber auch auf Sport oder Turbo schalten. Dann schiebt mich das so den Berg rauf, dass das fast schon Entspannung ist.

SPIEGEL ONLINE: Das E-Mountainbiken könnte sich zum Massensport entwickeln - im Jahr 2018 wurden allein in Deutschland 298.000 E-Mountainbikes verkauft. Viele Kritiker, nicht zuletzt der Alpenverein, befürchten, dass es dann in den Bergen auch im Sommer so zugehen wird wie im Winter auf den Skipisten. Wird die Natur nicht noch weiter zerstört?

Uli Stanciu: Ich will nicht abstreiten, dass da eine gewisse Gefahr besteht, aber es gibt trotzdem einen großen Unterschied zwischen Ski- und Mountainbike-Fahren. Skipisten sind sehr breit, bis zu 100 Meter, außerdem müssen zusätzlich Trassen für Bergbahnen geschlagen werden. Diese gravierenden, landschaftlichen Veränderungen konzentrieren sich dann auf vergleichsweise wenige Punkte. Man geht in Kitzbühel Skifahren und Sankt Moritz und den Dolomiten und so weiter. Biken können Sie im Sommer überall in Europa, in jedem abgelegenen Tal, wo überhaupt kein Skilift ist. Es gibt viel mehr für Radfahrer nutzbare Wege als Skipisten. Deswegen verläuft sich das stärker. Und die Wege, die wir Biker benutzen, sind eben nicht 50 bis 100 Meter breit, sondern, wenn's hochkommt, einen oder zwei Meter. Wir nehmen vorhandene Wege, für uns muss keine Infrastruktur gebaut werden.

SPIEGEL ONLINE: Also fahren Sie auf Wegen, die eigentlich den Wanderern gehören?

Uli Stanciu: Der größte Teil der Biker nutzt vorhandene Wege, die aus irgendwelchen anderen Gründen mal gebaut wurden. Nehmen Sie nur die ganzen Militärstraßen und Trails aus dem ersten Weltkrieg, zum Beispiel in den Dolomiten am Pasubio, in Trentino am Gardasee oder bei Bormio und Livigno. Diese Wege wurden für kriegerische Zwecke gebaut, dort wurden Kanonen und Munition hochgeschafft, dort sind Tausende Soldaten gefallen. Heute können wir sie als Beitrag zum friedlichsten Zweck der Welt nutzen, nämlich um unsere Erholung und unsere Freude zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem gibt es in vielen Skigebieten schon länger spezielle Downhill-Bikeparks mit überhöhten Kurven und Sprüngen, um die Lifte auch im Sommer auszulasten. Könnten die Betreiber nicht auf die Idee kommen, noch mehr davon zu bauen?

Uli Stanciu: Diese gebauten Trails verlieren ihre Attraktivität sehr schnell. Wenn man die drei-, viermal gefahren ist, sind sie berechenbar. Der Trend geht deswegen zu Trail-Parks ohne Lift. Die haben auch Steinstufen oder ein paar Wurzeln drin und sind zwar gut hergerichtet, aber haben einen natürlichen Charakter. Das sind keine Autobahnen, sondern Natur-Trails. Das kommt deutlich besser an bei den Bikern.

SPIEGEL ONLINE: Geht mit der Motorunterstützung nicht ein Stück Körpergefühl verloren? Sollten Kinder schon E-MTB fahren?

Uli Stanciu: E-MTBs eignen sich bei Kindern dann, wenn sie Radtouren mit den Eltern machen sollen. Kinder trödeln sonst oft hinterher, haben schnell keine Lust mehr, wollen dies und jenes machen und fragen dann "muss ich da immer treten?" Und ich weiß von Kindern, die, wenn sie einen E-Motor drin haben, plötzlich aufblühen: "Oh, toll, vorwärts!" Kinder lieben ja dieses Spiel, diese Geschwindigkeit.

insgesamt 118 Beiträge
browserhead 13.07.2019
1. Ökobilanz?
Da scheinen ja herrliche Zeiten aufzuziehen. Die elektromotorisierten Biker genießen jetzt also ganz "demokratisch" die "Natur"? Dafür karren die Batterie-Junkies jetzt ihre schweren Bikes hunderte Kilometer, [...]
Da scheinen ja herrliche Zeiten aufzuziehen. Die elektromotorisierten Biker genießen jetzt also ganz "demokratisch" die "Natur"? Dafür karren die Batterie-Junkies jetzt ihre schweren Bikes hunderte Kilometer, wahrscheinlich im SUV, durch die Republik. Dort vor Ort erwarten sie dann eine entsprechende Infrastruktur (Gipfelhütte mit Ladebooster für die Batterie in allen gängigen Normen). Und außerdem beglückt uns die Freizeitindustrie mit weiteren Tonnen Elektroschrott, die alle paar Jahre auf den großen Berg der Elektromobilität gehören. Ich fände E-Hubschrauber, mit denen man das Gipfelgefühl des Mount Everest genießen kann auch sehr "demokratisch" (keine Gipfelschlangen oder Verschmutzungen, keine Toten, keine Privilegien für Reiche und die Sherpas müssten nicht mehr ihr Leben riskieren) - also das sähe ich jedenfalls so, wenn die E-Hubschrauber-Industrie mich unterstützen würde.
viellärmumnichts 13.07.2019
2. Ohne Worte
Querfeldein dank E-Motor damit SUV-Städter mit Spargel-Beinchen ihr Nah-Naturerlebnis haben können. Auch ein ein E Bike ist ein motorgetriebenes Fahrzeug und nichts in Wäldern und Parks zu suchen. Ausnahmen natürlich für [...]
Querfeldein dank E-Motor damit SUV-Städter mit Spargel-Beinchen ihr Nah-Naturerlebnis haben können. Auch ein ein E Bike ist ein motorgetriebenes Fahrzeug und nichts in Wäldern und Parks zu suchen. Ausnahmen natürlich für Menschen, die körperlich drauf angewiesen sind, aber Menschen ohne Beeinträchtigung dürfen die Natur pur erleben. Eigentlich sollen E Bikes ja Autos und Motorräder ersetzen und nicht faule Radfahrer schonen. So funktioniert Umweltschutz nicht.
Leibdschor 13.07.2019
3. Grenzwertige Mode
Was hier gar nicht angesprochen wird ist, das man mit dem E-MTB auch den Berg wieder runter muss. Und genau da liegt das Hauptproblem. Ungeübte rasen dann mit einem 10-15 kg schwereren Rad Trails runter, die sie nicht [...]
Was hier gar nicht angesprochen wird ist, das man mit dem E-MTB auch den Berg wieder runter muss. Und genau da liegt das Hauptproblem. Ungeübte rasen dann mit einem 10-15 kg schwereren Rad Trails runter, die sie nicht beherrschen. Und genau da passieren die meisten Unfälle, auch bereits tödliche. Das jetzt jeder Dödel den Berg hoch kommt, ist also schon das Problem. Denn die meisten, die ohne E-Unterstützung den Berg hoch kamen, hatten auch die Fähigkeit ihn unbeschadet wieder runter zu kommen.
Teile1977 13.07.2019
4. Pest
Diese Dinger sind eine Pest! War man früher zumindest im Wald sicher, weil dort nur fitte und aufmerksame Menschen herumführen, pflügen nun Horden von Rentnern mit Augen und Reaktionsschwächen in Höchstgeschwindigkeit durch [...]
Diese Dinger sind eine Pest! War man früher zumindest im Wald sicher, weil dort nur fitte und aufmerksame Menschen herumführen, pflügen nun Horden von Rentnern mit Augen und Reaktionsschwächen in Höchstgeschwindigkeit durch die Waldwege. Wenn ich beim Spazierengehen so ein Sirren höre springe ich sofort auf die Seite, weil sofort danach wieder so eine Herde Freizeitrennfahrer um die Ecke kommt, gerne drei nebeneinander, ohne Rücksicht auf andere.
laermgegner 13.07.2019
5. Kampfmaschinen !
Jede Erfindung wird mißbraucht ! Noebel hat sein Gewissen mit der Auslobung seines Preis versucht sein Gewissen zu entlasten ... Die Fahrradindustrie dringt mit ihren tollen Erfindungen in Bereiche vor, wo sie nicht gebraucht [...]
Jede Erfindung wird mißbraucht ! Noebel hat sein Gewissen mit der Auslobung seines Preis versucht sein Gewissen zu entlasten ... Die Fahrradindustrie dringt mit ihren tollen Erfindungen in Bereiche vor, wo sie nicht gebraucht wird. Wenn die ehrliche " Arbeit " durch Muskelkraft nicht mehr belohnt wird , ist dieser Sport auch schon keiner mehr - und bei der Sicherheit- gibt ja die Krankenkasse- wie praktisch. Das der ELT - Motor die Geschwindigkeit und die Überwindung von Hindernissen bestimmt - jedoch der Fahrer ja sich der Hilfsmittel bedienten muß, um die " Strecke" zu schaffen - kann von einer allgemeinen Überforderung des bikers gesprochen werden. Ferner zerstört der Biker Ressouren - Um eine Überforderung zu verringern : Für die Dinger braucht es eine Fahrerlaubnis, eine Zulassung und ein Kennzeichen + Steuern !

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