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Mobilität

Autos unterm Hammer

Porsches "Ahnherr" wird versteigert

In den USA wird der einzige verbliebene Porsche Typ 64 versteigert, der erste echte Sportwagen des Herstellers. Auf den erhaltenen Sitzen raste im Zweiten Weltkrieg schon der Firmengründer über die Reichsautobahn.

Jack Schroeder/ Courtesy of RM Sotheby's
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Donnerstag, 15.08.2019   05:01 Uhr

Unterm Hammer: Der letzte Porsche Typ 64, Baujahr 1939 - das erste Auto, das den Porsche-Schriftzug trug und die Tradition des Herstellers als Sportwagenbauer begründete.

Warum mitbieten? Die Ahnenreihe des wohl bekanntesten deutschen Sportwagens ist bekannt: Kraft-durch-Freude-Wagen, VW Käfer, Porsche 356, Porsche 911. In der Kette gilt der im österreichischen Gmünd entstandene, allererste 356 als Ur-Porsche und Bindeglied zwischen Käfer und Sportwagen - allerdings etwas zu Unrecht.

Denn eigentlich stellt ein anderer Wagen den Übergang vom KdF-Wagen zu den sportlichen Verwandten her: der Typ 64. Dieser 1939 gebaute Sportwagen nimmt die typische Porsche-Linienführung vorweg - schon Ex-Unternehmenschef Ferry Porsche nannte ihn ehrfürchtig "Ahnherr".

Fotostrecke

Fotostrecke: Ein Porsche mit 40 PS

Seine Existenz verdankt er einem geplanten Nazipropagandarennen, das von Berlin nach Rom führen sollte. Mehrere Hersteller wollten an dieser im Frühjahr 1939 angekündigten Vergleichsfahrt teilnehmen. Das nationalsozialistische Kraftfahrkorps beauftragte Porsche, drei Rennversionen des KdF-Wagens zu bauen.

So entstand bei Porsche ein Auto, das mehr mit einem Flugzeug als einem Volkswagen gemein hatte: Die Bodengruppe, aber auch die aerodynamische Hülle, bestanden aus Aluminium, mehr als 2000 Nieten hielten die Haut des Wagens zusammen. Rechteckige Rohre aus Duraluminium, einem besonders leichten Aluminium aus der Luftfahrtindustrie, verstärkten das Chassis.

Getunter Motor des KdF-Wagens

Die besonders schmale Kabine machte den Wagen windschlüpfriger, aber auch unbequem. Der Fahrer des Typ 64 sitzt beinahe in der Mitte, der Beifahrer muss auf einer Art Notsitz schräg hinter ihm Platz nehmen.

Neben der Aerodynamik überarbeiteten Porsches Techniker auch den Motor des KdF-Wagens. Größere Ventile, zwei Solex-Fallstromvergaser und eine höhere Kompression verhalfen ihm zu einer Leistung von 35 bis 40 PS, womit er die 23,5 Pferdestärken des KdF-Wagens deutlich übertraf.

Durch das hohe Drehmoment des Motors und ein niedriges Gewicht von nur rund 600 Kilogramm beschleunigte der Typ 64 vergleichsweise stark, die Höchstgeschwindigkeit lag bei über 160 km/h. Damit hätte sich der Wagen bei der Propagandafahrt vermutlich gut geschlagen - der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verhinderte das Rennen jedoch.

Anfangs Skepsis bei nationalsozialistischen Funktionären

Der Typ 64 war somit plötzlich überflüssig - und das nicht zum ersten Mal. Denn die Geschichte des Wagens begann eigentlich im September 1938, als Käfer-Konstrukteur Ferdinand Porsche dem Volkswagenwerk bereits einen Sportwagen auf Basis des Kraft-durch-Freude-Wagens vorgeschlagen hatte.

Der Deutschen Arbeitsfront, die als NS-Einheitsgewerkschaft für die Freizeitorganisation Kraft durch Freude (KdF) und dadurch auch für das Volkswagenwerk zuständig war, gefiel diese Idee nicht. Ihr war der Sportwagen zu weit vom Grundgedanken des NS-Autobaus entfernt, ein Auto für die einfache Bevölkerung zu erschaffen. Man lehnte Porsches Vorschlag also ab.

Schon zwei Wochen später belebte Volkswagen das Projekt jedoch wieder. Das Werk beauftragte Porsche, einen dem Typ 114 ähnlichen Wagen zu konstruieren, der die Probleme mit den leistungsschwachen, schmalen Reifen des KdF-Wagens beheben sollte. So entstand unter der Aufsicht Erwin Komendas zunächst ein Karosseriemodell des sogenannten Typ 60 K10, der zehnten Karosserievariante auf Basis des Typ-60-Chassis des KdF-Wagens. Porsche bezeichnete den Wagen intern als Typ 64 - es war die Grundlage für das nun zu versteigernde Auto.

Reisewagen von Ferdinand Porsche

Denn trotz des 1939 abgesagten Renneinsatzes wurden drei Exemplare des Typ 64 gebaut: Das erste erhielt der Arbeitsfront-Funktionär Bodo Lafferentz, der es aber noch im Jahr 1939 bei einem Unfall beschädigte. Der zweite Wagen wurde nach Kriegsende von US-Soldaten zu Schrott gefahren. Vom dritten Wagen entstand lediglich die Karosserie. Lafferentz' Exemplar, das nun zum Verkauf steht, blieb deshalb das einzige überlebende Original.

Die Jahre von 1940 bis zum Kriegsende 1945 verbrachte der Wagen trotz des unglücklichen Starts tatsächlich auf der Langstrecke - allerdings in Firmendiensten. Unternehmensgründer Ferdinand Porsche nutzte ihn als Reisewagen und erreichte nach eigenen Angaben während einer Fahrt von Berlin nach Wolfsburg eine Durchschnittsgeschwindigkeit von rund 134 km/h.

Nach dem Krieg blieb der Wagen im Unternehmen, vor allem Ferdinand Porsches Sohn Ferry nutzte nun den Typ 64 und ließ ihn 1947 neu aufarbeiten: Der Karosseriebauer Pininfarina frischte die Hülle des Wagens auf, Porsche übernahm die Arbeiten am Motor. Im Zuge dieser Überarbeitung erhielt der Wagen den Schriftzug, der die Front des Wagens ziert und zum Vorbild des heutigen Markenschriftzugs wurde.

Ferry Porsche kriegt den Wagen nicht zurück

Im Juli 1948 begleitete der Typ 64 den neuen Porsche 356 auf dessen Werbetour. Bei einem Rennen in Innsbruck erregte jedoch nicht nur der neue Wagen Aufsehen: Einem der Teilnehmer, Otto Mathé, gefiel der Typ 64 besonders - und 1949 erwarb ihn der damals wohl bekannteste Rennfahrer Österreichs schließlich. Mathé errang mit dem Wagen 1950 einen Klassensieg bei der Alpenfahrt und stellte ihn später in seinem privaten Museum aus - zum Leidwesen Ferry Porsches.

Der versuchte ab 1957, Mathé in mehr als 40 Briefen vom Verkauf oder wenigstens einem Tausch des Wagens zu überzeugen - vergeblich. Nach dem Tod Mathés im Jahr 1995 wurde der Typ 64 an einen Sammler verkauft und von diesem vorsichtig restauriert. Fast alles am Auto ist noch original - sogar die Sitze sind noch mit dem Stoff bezogen, auf dem auch schon Ferdinand Porsche saß.

Zuschlag! Das Auktionshaus Sotheby's versteigert den Typ 64 am 17. August in Monterey im US-Bundesstaat Kalifornien und erwartet Gebote jenseits der 20 Millionen US-Dollar. Damit ist ein Rekord in Sicht: Der liegt für Porsche bisher bei 14 Millionen US-Dollar für einen 917K-Rennwagen von 1970.

insgesamt 28 Beiträge
phewww 15.08.2019
1. Porschemuseum ... ?
Ich glaube fest, mich an einen Typ 64 im Porschemuseum erinnern zu können ... war das etwa eine Replika?
Ich glaube fest, mich an einen Typ 64 im Porschemuseum erinnern zu können ... war das etwa eine Replika?
Mike.liquimoly 15.08.2019
2. 134 km/h im Schnitt, ein Träumchen
Waren das Zeiten! 134 km/h wären bei der heutigen Verkehrsdichte undenkbar und bei den vielen Geschwindigkeitsbegrenzungen eine teure Angelegenheit bis zum Verlust des Führerscheins.
Waren das Zeiten! 134 km/h wären bei der heutigen Verkehrsdichte undenkbar und bei den vielen Geschwindigkeitsbegrenzungen eine teure Angelegenheit bis zum Verlust des Führerscheins.
dasfred 15.08.2019
3. Ich glaube, der wird teuer
Ein Einzelstück mit Geschichte ist für reiche Sammler so wertvoll, wie ein Kunstwerk eines namhaften Malers. Im Hause Porsche Piäch gibt es wohl kaum ein Limit für Opas Auto und mancher Oligarch will sich so ein Renomierstück [...]
Ein Einzelstück mit Geschichte ist für reiche Sammler so wertvoll, wie ein Kunstwerk eines namhaften Malers. Im Hause Porsche Piäch gibt es wohl kaum ein Limit für Opas Auto und mancher Oligarch will sich so ein Renomierstück nicht entgehen lassen. Der Schätzwert wird mit Sicherheit weit übertroffen.
MadamimadaM 15.08.2019
4. Mich wundert...
...dass das Auto überhaupt versteigert wird. Sicher werden solche Pretiosen meistens eher geräuschlos gehandelt, um sie dann nach waschen, schneiden, glätten, fönen dem Publikum zu präsentieren. Erstaunlich. Oder typisch [...]
...dass das Auto überhaupt versteigert wird. Sicher werden solche Pretiosen meistens eher geräuschlos gehandelt, um sie dann nach waschen, schneiden, glätten, fönen dem Publikum zu präsentieren. Erstaunlich. Oder typisch USA?
seikor 15.08.2019
5. Duraluminium
Dural ist nicht "besonders leicht", sondern eine besonders feste Legierung mit Aluminium und tatsächlich etwas schwerer (dichter) als Reinaluminium.
Dural ist nicht "besonders leicht", sondern eine besonders feste Legierung mit Aluminium und tatsächlich etwas schwerer (dichter) als Reinaluminium.

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