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Mobilität

VW Chico

Avantgarde für einen Augenblick

Mit diesem Hybrid wäre VW ganz vorne gewesen: Die Automobilgeschichte ist voll von irren Studien, die erst begeisterten und dann verschwanden. SPIEGEL ONLINE zeigt die gewagtesten Visionen. Dieses Mal: der Chico.

Volkswagen Aktiengesellschaft
Von
Sonntag, 29.10.2017   07:26 Uhr

Im September 1991, da war VW wirklich mal Avantgarde. Auf der IAA in Frankfurt zeigten die Wolfsburger die Studie Chico - den für lange Zeit modernsten Volkswagen überhaupt. "Wir wollten andeuten, dass es bei VW auch mal ein kleines Auto unterhalb des Polo geben könnte. Zugleich wollten wir ausloten, ob auch ein Zweisitzer mit zwei weiteren Notsitzen akzeptiert werden würde. Ich dachte damals an einen Gegner für den Mini." So erinnerte sich Ulrich Seifert, seinerzeit Vorstand für Forschung und Entwicklung bei VW, in einem Interview mit der "Berliner Zeitung" an die grüne Studie mit dem spanischen Namen.

Der Entwurf der freundlichen, rundlich-fröhlichen Karosserie des Autos stammte von Stefan Seiffert. Direkt nach seinem Designstudium - die Diplomarbeit war ein zweisitziges Solarauto - hatte der damals 28-Jährige bei VW angefangen und dort sogleich die Kleinwagenstudie modelliert, die dann als Chico Furore machte. Auch VW-Vorstandschef Carl Hahn war begeistert von dem Auto, und das lag nicht nur am Design, sondern am Gesamtkonzept. Der 3,15 Meter lange Chico bot vier Sitzplätze, raffinierte Mehrgelenktüren zum bequemen Ein- oder Aussteigen in engen Parklücken, ein auswechselbares Dachsystem (festes Dach, Faltdach, Solardach), ein digitales Cockpit, ein Head-up-Display und ein Kofferraumvolumen von 60 Liter, das sich durch Umklappen der Fondsitze deutlich vergrößern ließ.

Und dann war das noch etwas: Ein Hybridantrieb. 1991! Von VW!

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VW Chico: Genial anders

Der neuartige Antrieb bestand aus einem quasi halbierten VW-Polo-Motor, also einem Zweizylinder-Benziner mit 636 Kubikzentimeter Hubraum und einer Leistung von 34 PS sowie einer 6 kW (8 PS) starken Elektromaschine. Drei Fahrmodi waren möglich: Entweder der Chico wurde allein vom E-Motor, ausschließlich vom Benziner oder von beiden Triebwerken gemeinsam über ein halbautomatisches Fünfganggetriebe in Schwung gebracht - je nach Bedarf und Wunsch des Fahrers. Neben dem Hybridantrieb waren auch ein konventioneller Verbrenner und ein rein elektrischer Antrieb für den Chico vorgesehen.

Die Serienfertigung war geplant, 50 Rohkarosserien waren schon gebaut

Weil die Reaktionen auf die Studie so überwältigend positiv waren, plante VW die Serienfertigung. 650 Menschen in Wolfsburg arbeiteten an dem Projekt, das Europaparlament hatte bereits 50 Exemplare als Flotte für die Abgeordneten bestellt, die Karosserierohlinge waren produziert. Parallel war der Uhrenunternehmer Nicolas Hayek, animiert durch den Chico, bei VW vorstellig geworden, um gemeinsam mit dem Autobauer ein minimalistisches Swatch-Auto zu realisieren. Auch an diesem Projekt arbeitete Designer Seiffert.

Aus diesem MCC (Micro Compact Car) wurde später, nach diversen unternehmerischen Zerwürfnissen, der Smart, der 1998 unter Daimler-Regie debütierte. Den VW Chico hingegen ereilte das Schicksal in Person von Ferdinand Piëch. Der löste am 1. Januar 1993 Carl Hahn auf dem Vorstandssessel bei VW ab und stoppte kurz darauf den innovativen Kleinstwagen - quasi im letzten Moment.

Angeblich war der Chico "zu modern" für VW

"Das Design ist zu modern für VW", soll der neue Boss gesagt haben. Für Designer Stefan Seiffert war der Traum, eine zeitgemäße Version des VW Käfers auf die Straßen zu bringen, geplatzt. Kurz darauf kündigte er bei Volkswagen. Einige Jahre später kam er noch einmal mit dieser speziellen Kleinwagenidee in Berührung - als freier Designer für Smart.

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Schönes Ding: Die skurrilsten Auto-Designstudien

Auch bei VW wurde nach dem Chico-Aus das Konzept eines Kleinwagens unterhalb des Polo nicht komplett fallen gelassen. Im Herbst 1998 erschien der VW Lupo, ein durch und durch konventionelles Auto, das nichts mehr von einem "alternativen Fahrzeugkonzept der Zukunft" hatte, wie es einst im Pressetext zum VW Chico zu lesen war.

So ähnlich klingt VW heute übrigens wieder. "Die Zukunft braucht neue Antriebe", verkündet der Autohersteller aktuell auf seiner Website und wirbt damit für die ab 2020 angekündigten Elektromodelle. Vor mehr als 25 Jahren hätte VW wirklich die Chance gehabt, ein zukunftsweisendes Auto zu bauen.

insgesamt 65 Beiträge
oesi_in_de 29.10.2017
1. Was lernen wir ...
... nicht VW ist das Problem, sondern Piëch. Das wurde mir erst durch diese Geschichte bewußt. F. Piëch hat sicher für satte Jahre gesorgt aber die Grundlage für technologischen Fortschritte erstickt. W12 statt Elektro, [...]
... nicht VW ist das Problem, sondern Piëch. Das wurde mir erst durch diese Geschichte bewußt. F. Piëch hat sicher für satte Jahre gesorgt aber die Grundlage für technologischen Fortschritte erstickt. W12 statt Elektro, Phaeton statt Cico und Betrug beim Schadstoffausstoß statt Unternehmensehre. Ich hoffe für all die anständigen Mitarbeiter dort, dass der Schaden aus dieser "Ära" bald überwunden ist.
frenchie3 29.10.2017
2. Der Ford Ka von VW
Was hemmt den jetzt rauszubringen?
Was hemmt den jetzt rauszubringen?
HH1960 29.10.2017
3. Hätte, könnte, wollen, werden tun
VW halt! Einige kündigen an, andere machen. Jetzt bauen Toyota und Hyundai Autos mit innovativen Antrieben - tw. seit zwanzig Jahren und der Anteil der Hybride am Gesamtverkauf liegt bei Toyota bei 40%. Die ersten Serienfahrzeuge [...]
VW halt! Einige kündigen an, andere machen. Jetzt bauen Toyota und Hyundai Autos mit innovativen Antrieben - tw. seit zwanzig Jahren und der Anteil der Hybride am Gesamtverkauf liegt bei Toyota bei 40%. Die ersten Serienfahrzeuge mit Brennstoffzelle kommen auch von den beiden asiatischen Herstellern, die Stadt Tokio setzt auf Busse mit Brennstoffzellenantrieb von Toyota und die Deutsche Post lässt E-Scooter für Drittkunden bauen. VW sollte mehr machen und weniger ankündigen.
rathat 29.10.2017
4. Ankündigungsweltmeister VW
Was hat VW nicht schon alles vorgestellt: 3L Auto, 1L Auto, Hybrid, Brennstoffzelle und momentan batterieelektrische Fahrzeuge mit 700km Reichweite. Letztendlich und hoffentlich wird der Konzern aber an dem ersticken, worin er [...]
Was hat VW nicht schon alles vorgestellt: 3L Auto, 1L Auto, Hybrid, Brennstoffzelle und momentan batterieelektrische Fahrzeuge mit 700km Reichweite. Letztendlich und hoffentlich wird der Konzern aber an dem ersticken, worin er Weltmeister geworden ist: im produzieren von schädlichen Abgasen. Denn letztlich ist es genau das, womit VW IMMERNOCH Geld verdient.
niveau-limbo 29.10.2017
5. Typisch...
...für diesen wohl damals schon überheblichen Affen Piech... Bloß keine Innovationen, keine Erneuerung, keine frischen Ideen. Jeder der nen Golf oder Polo neu kauft müsste noch Schläge dazu haben, VW hat noch niemals in der [...]
...für diesen wohl damals schon überheblichen Affen Piech... Bloß keine Innovationen, keine Erneuerung, keine frischen Ideen. Jeder der nen Golf oder Polo neu kauft müsste noch Schläge dazu haben, VW hat noch niemals in der Firmengeschichte ein vernünftiges innovatives Auto zu einem vernünftigem Preis gebaut.

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