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Freistaat Christiania

Staatsgründung mit Bolzenschneider

Am Anfang war ein Loch im Zaun. 1971 besetzten ein paar Anarchos eine verlassene Kaserne mitten in Kopenhagen und schufen den Freistaat Christiania. Seither tobt ein Kampf um das Filetstück im Herzen der dänischen Hauptstadt. Doch dem Utopia droht Ungemach - von innen.

AP
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Dienstag, 13.09.2011   14:51 Uhr

Am Anfang war da nur dieses kleine Loch in jenem Zaun, der seit Jahrzehnten ein ehemaliges Militärgelände im Herzen Kopenhagens umgeben hatte. Außerdem eine Handvoll idealistischer Jugendlicher und Hippies, die das Loch in den Zaun geschnitten hatten, um die verlassenen Kasernen im Stadtteil Christianshavn zu besetzen. Für sie war das mehr als ein banaler Akt der Ungehorsamkeit. Es war eine soziale Rebellion, die Geburt eines autonomen Mini-Staates: Anarchie, ausgerechnet an einem Ort, an dem einst die soldatische Disziplin gezählt hatte.

"Dies ist nun der Freistaat Christiania", sagte am 26. September 1971 Wortführer Jacob Ludvigsen nach der erfolgreichen Besetzung feierlich. "Wir fordern alle auf, hierher zu emigrieren". Überzeugt, etwas Historisches geschaffen zu haben, notierten die selbsternannten Sozialrevolutionäre penibel die Uhrzeit der Proklamation: 12.08 Uhr.

Kaum jemand nahm den Aufruf anfangs ernst, auch nicht, als ihm schon bald ein paar hundert Dänen folgten. Das Verteidigungsministerium, rechtmäßiger Besitzer des 36 Hektar großen Areals, reagierte unentschlossen und ließ das Gelände nicht räumen. Auf der anderen Seite ahnten auch die kühnsten Träumer unter den Besetzern nicht, was sie da angestoßen hatten: Dass ihr kleines Loch im Zaun einmal tatsächlich die dänische Gesellschaft durchlässiger machen würde.

Insel der Freiheit für Unangepasste

Heute, genau vierzig Jahre später, ist Christiania weltberühmt und nach dem Tivoli die größte Attraktion Kopenhagens. Jährlich kommen Hunderttausende Touristen hierher - neugierig zu sehen, wie dass denn funktioniert, wenn Drogendealer, Musiker, Filmregisseure und Aussteiger in selbst gebauten Holzhütten und buntbemalten Baracken zusammenleben. Wie ein selbstverwaltetes Leben ohne Postleitzahlen und Privateigentum überhaupt möglich ist, wie rund 800 Menschen aus einer Gemeinschaftskasse Kindergärten, Wege und Müllabfuhr finanzieren können - und es trotz Konsenspflicht schaffen, Entscheidungen zu treffen.

Dabei hat es eine Zeitlang gedauert, bis sich die wohl erfolgreichste und langlebigste Kommune der Welt selbst gefunden hatte. "Im Augenblick müssen wir diesen Keimling, der die Freiheit in sich birgt, noch schützen", hieß es in einem programmatischen Artikel kurz nach der Ausrufung des Freistaats. "Wir müssen das gemeinschaftliche Leben lernen, wir müssen Solidarität lernen." Langfristig, prophezeite der Autor, werde die Bewegung aber stark genug sein, um die Grenzen "zwischen uns und der alten Gesellschaft einzureißen".

Die Hoffnung teilten viele Dänen nicht. Christiania hat das Land von Beginn an polarisiert. Für die einen war es ein Auffangbecken für die Gestrandeten des Kapitalismus, eine Insel der Freiheit für Unangepasste und Querdenker, ein Ort, an dem das Schräge normal war. Sogar Psychiater sollen ihren Patienten ernsthaft einen Aufenthalt in Christiania als beste Lebenstherapie empfohlen haben.

Hort der Verwahrlosung

Empörte Konservative hingegen wetterten schon früh gegen das "soziale Experiment", wie Christiania seit 1973 von der dänischen Regierung offiziell bezeichnet wurde. Sie hielten es für einen Hort der Verwahrlosung und Sittenlosigkeit, einen Sammelplatz für drogenabhängige Hedonisten und Faulpelze. In Leserbriefen an die Presse ätzten sie gegen "Europas übelste Lasterhöhle", diesen "Supermarkt des Elends".

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Anarchostaat: Selbstverwaltung für Außenseiter und Unangepasste

Die Beschimpften wussten von Beginn an, dass sie in einem Zustand der permanenten Duldung lebten und ihr Utopia, das sie mit so viel Herzblut und nach zähen Diskussionen errichtet hatten, ein endlicher Traum sein könnte. Sie konnten nicht damit rechnen, dass der dänische Staat dauerhaft einen Teil seiner Souveränität abgeben und die besonderen Regeln in Christiania akzeptieren würde: Das wilde Bauen ohne Genehmigungen etwa, oder den offenen Handel mit Cannabis und Hasch in der "Pusher Street" - ein offener Verstoß gegen die dänischen Gesetze.

Auch deshalb verboten die Christianiter, wie sie sich selbst nennen, schon 1979 den Konsum harter Drogen. Heroin-Junkies wurden auf die Straße geworfen und die Polizei benachrichtigt; die Angst vor organisierter Kriminalität setzte der Toleranz selbst in Christiania Grenzen. Das konnte jedoch nicht verhindern, dass der Stadtteil immer wieder zum Schauplatz von Straßenblockaden, Razzien und Auseinandersetzungen mit der Polizei wurde.

Die Besucher kamen in Scharen

Geschadet hat das dem Freistaat nicht. Im Gegenteil, mit jeder Schlagzeile über Schlachten zwischen den scheinbar unbeugsamen Linken und der vermeintlich gnadenlosen Staatsmacht nahm die Sympathie für die Außenseiter zu. "Gehen Sie nicht als Tourist nach Christiania", riet 1980 zwar noch der Fotograf Mark Ewards in seinem Buch über den alternativen Stadtteil. "Sie werden sich unbehaglich fühlen." Nur: Kaum jemand hörte auf ihn.

Die Besucher kamen in Scharen und schlenderten durch eine Art Hippie-Märchendorf mit Orten wie dem "Platz der Roten Sonne" oder Viertel, die "Löwenzahn" hießen. Christiania wurde ein Magnet für Aussteiger und Rastlose aus der ganzen Welt. Für Menschen wie den Tischler Klaus Danzer etwa, der jahrelang als Wandergeselle unterwegs gewesen war, bevor er plötzlich in der dänischen Kommune sesshaft wurde - bezaubert von dem Charme eines Ortes, "den es sonst sicher nirgendwo so gibt".

Als er vor knapp 19 Jahren in Christiania strandete, fiel ihm als Handwerker besonders die eigenwillige Architektur auf: die windschiefen Holzbaracken, die graffitibesprühten Kasernen. "Ich sah das mit einem weinenden und lachenden Auge", erzählt er im Interview mit einestages. "Einerseits war vieles aus Mangel an Kenntnissen schlecht gemacht. Die Leute haben eben einfach wild drauflos gebaut." Bauwagen wurden zusammengeschoben und provisorisch mit einem Dach verbunden, Wohnungen nach Bedarf irgendwie erweitert. "Anderseits erzielt man auf diese Weise besonders kreative Ergebnisse, die nie möglich geworden wären, wenn man von Beginn an alles durchgeplant hätte."

Mitbauen an der Bananen-Republik

Die Sympathie für diese architektonische Anarchie sowie die Begeisterung für politische Selbstverwaltung und Basisdemokratie überzeugten ihn, zu bleiben. Er lernte Dänisch und baute schließlich an einem Gebäude mit, das heute zu einem der Wahrzeichen von Christiania geworden ist: das Bananenhaus, eine verwunschene Wohnung in der Form einer liegenden Banane.

Allein 70.000 Euro investierte Danzer im Laufe der Jahre für das Material, das er im Erdgeschoss des Bananenhauses verbaute, "dazu kommen noch rund 4000 bis 5000 unentgeltliche Arbeitsstunden". Ein kleines Vermögen für ein Gebäude, das er zwar bewohnen darf, das ihm aber niemals selbst gehören wird. Für ihn ist das selbstverständlich. "Sobald wir hier Privateigentum hätten", glaubt er, "wäre das der Tod Christianias".

Doch genau das versuchte der dänische Staat seit dem Regierungswechsel 2001 immer wieder. Die konservativ-liverale Minderheitskoalition um Anders Fogh Rasmussen war toleriert von den Rechtspopulisten der dänischen Volkspartei, und denen war Christiania schon lange ein Dorn im Auge. Der Stadtteil in bester Lage sollte "normalisiert" und für die Baupläne finanzstarker Investoren geöffnet werden, so die Forderung der neuen Regierung.

Kulturkampf in Kopenhagen

So entbrannte dreißig Jahre nach Gründung des Freistaats ein heftiger Kulturkampf in Kopenhagen. Vieles hat sich seitdem geändert, der Drogenhandel in der "Pusher Street" wurde unterbunden, Polizeistreifen versuchten zwischenzeitlich, einen Leinenzwang für Hunde durchzusetzen. Viele prophezeiten bereits Christianias Ende, besonders nachdem der Oberste Gerichtshof 2011 einen jahrelangen Rechtsstreit beendete - und dem Staat das alleinige Nutzungsrecht für Christiania zuschlug.

"Danach gab es Untergangsszenarien", berichtetet Klaus Danzer, "aber ich habe versucht, ruhig zu bleiben." Er gehörte zu jenen, die mit der Regierung verhandelten, auch wenn das einige als Verrat empfanden. Schließlich, im Juni 2011, die Rettung: Die Bewohner kauften über einen gemeinsamen Fonds einen Großteil des Geländes für rund zehn Millionen Euro; einige Häuser werden sie dauerhaft mieten. "Der massivste Angriff wurde abgewehrt", nennt Danzer die Lösung etwas martialisch, "doch absolute Sicherheit wird es hier nie geben."

Vier Jahrzehnte nachdem Jacob Ludvigsen den Freistaat ausgerufen hat, sieht Danzer aber noch eine ganz andere Gefahr. "Wir sind älter geworden", sagt der 49-Jährige, "und es gibt die Tendenz, dass wir auch spießiger werden." Die Breitschaft, Wildfremde ins Haus einzuladen, habe zum Beispiel deutlich nachgelassen.

Und, was macht er gegen die Gefahr der Spießigkeit? "Ich versuche einfach jeden Tag, kreativ zu bleiben", sagt Danzer. Kurz danach beendet er das Gespräch, er muss jetzt weiterbauen, in den Baumwipfeln von Christiania, an einer neuen Aussichtsplattform.

insgesamt 3 Beiträge
Niels Rohleder 17.09.2011
1.
Es wundert mich, daß der dänische Name »Fristaden Christiania« immer wieder mit »Freistaat Christiania« übersetzt wird. Das dänische Wort »stad« heißt auf deutsch »Stadt« (im Gegensatz zu »stat« = »Staat«). [...]
Es wundert mich, daß der dänische Name »Fristaden Christiania« immer wieder mit »Freistaat Christiania« übersetzt wird. Das dänische Wort »stad« heißt auf deutsch »Stadt« (im Gegensatz zu »stat« = »Staat«). Korrekt wäre also: »Freie Stadt Christiania« ? ähnlich wie Freie Stadt Danzig.
Hanno Krusken 19.09.2011
2.
Christiania war und ist ein Zuhause und Zuflucht für alle die folgenden Song im Herzen trugen.. jene die sich nach Sozialer Wärme sehnten und selber an andere abgeben wollten.. sowie bereit waren ihre Träume zu verwirklichen [...]
Christiania war und ist ein Zuhause und Zuflucht für alle die folgenden Song im Herzen trugen.. jene die sich nach Sozialer Wärme sehnten und selber an andere abgeben wollten.. sowie bereit waren ihre Träume zu verwirklichen und mit der sogenannten "Gesellschaft" zu brechen weil sie damit nichts anfangen konnten oder ausgestoßen wurden weil sie anders empfanden als die Masse.. De Vilde Blomster Gror Farverne forsvinder Lydene dør Regnens dråber kysser Din brændende kind Tusinde tanker Hvorhen vil du gå Alene når du ingen vegne Mørke skygger falder På vejen hvor du står Hvor stenbroen synger Og de vilde blomster gror Alle dine drømme Dine hænders slid Falder som regnen I gadens søle ned Du skal ikke leve Og dø som en hund Så ensom som stjernen På nathavets bund Mørke skygger falder ?. Mørke skygger falder På vejen hvor du står Hvor stenbroen synger Og de vilde blomster gror
Jens Thorning 20.09.2011
3.
Soziales Experiment? Dieser Ausdruck wurde von der damaligen bürgerlichen (!) Verteidigungsminister erfunden um doch irgendwelche Kontrolle auszuüben zu scheinen. Es ist meines Erachtens ein unglückliche und patronisierende [...]
Soziales Experiment? Dieser Ausdruck wurde von der damaligen bürgerlichen (!) Verteidigungsminister erfunden um doch irgendwelche Kontrolle auszuüben zu scheinen. Es ist meines Erachtens ein unglückliche und patronisierende Bezeichnung als ob die Staat es alles in der Hand hätte. Das war bis jetzt nicht der Fall.

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