Schrift:
Ansicht Home:
einestages

Meistgefeiertes Tor der Fußballgeschichte

Und ewig fliegt die kleine Taube

Fußballkult in Argentinien: Jedes Jahr am 19. Dezember wiederholt Aldo Poy seinen sensationellen Flugkopfball von 1971. Auch heute, mit 73 Jahren. Das ist seine Geschichte.

Concejo Municipal de Rosario
Von
Mittwoch, 19.12.2018   14:23 Uhr

Was ihre Leidenschaft für Fußball angeht, sind Argentinier nicht normal. Als sich jüngst die Mannschaft der Boca Juniors zum letzten Training vor dem Finale der Copa Libertadores traf, tat sie das im vollbesetzten Stadion, das vor lauter Vorfreude zu explodieren drohte. Für den größten Helden des Landes, Diego Maradona, existiert gar eine eigene Kirchengemeinschaft, die statt Jesu Geburt den Geburtstag von "El Diez" als wichtigsten Feiertag im Kalenderjahr feiert.

Die Zuneigung der Argentinier zum Fußball, zu ihren Klubs, Helden und Legenden kennt keine Grenzen. Wen wundert es da, dass das meistgefeierte Tor in der Geschichte dieses Sports seinen Ursprung in Argentinien hat?

Genauer gesagt in Rosario, der mit knapp 1,3 Millionen Einwohnern drittgrößten Stadt, in der es angeblich niemanden gibt, dessen Herz für einen Klub aus Buenos Aires, Cordoba oder sonstwo schlägt. Wer in Rosario zur Welt kommt und dem Fußball verfällt, kann seine Liebe auf zwei Arten ausleben: entweder als Anhänger der CA Newell's Old Boys, Jugendklub von Lionel Messi. Oder als Fan von Rosario Central, gegründet am 24. Dezember 1889.

Fotostrecke

Aldo Poys Kulttor: "Jedesmal war es wunderbar"

Für diesen Traditionsverein feiert 1965 ein torgefährlicher Mittelfeldspieler sein Debüt. Aldo Poy, 20, fühlt sich nicht als Fußballprofi, sondern "wie ein Fan, der das Glück hatte, für seinen Klub auflaufen zu können", wie er selbst im einestages-Interview sagt. Als ihn sein klammer Herzensverein 1969 verkaufen möchte, versteckt er sich auf einer Insel und kehrt erst zurück nach Rosario, als der Deal geplatzt ist. "Mein Herz, meine Seele, alles von mir gehört zu Central. Für mich gab es nichts Schöneres, als für diesen Verein zu spielen."

1971 erreicht sein Klub das Halbfinale der argentinischen Meisterschaft und hat noch nie einen Titel gewonnen, die Vorfreude der Anhänger ist riesig. Gegner der Partie am 19. Dezember in Buenos Aires ist Stadtrivale CA Newell's Old Boys - erstmals in ihrer langen Geschichte treffen die Teams in einem K.-o.-Spiel aufeinander.

Mit Wucht ins kurze Eck

60.000 Menschen passen ins Estadio Monumental. Sie sind Zeugen, als in der 54. Minute ein Eckball von Rosario Central zunächst abgefangen wird, der Ball bei Jorge Gonzáles landet, und er von der rechten Seite knapp vors Tor flankt. "Mit den Füßen hätte ich den Ball nicht erreichen können", sagt Poy, "also versuchte ich es mit einem Flugkopfball."

Das argentinische Fußballwörterbuch hat für diese artistische Einlage eine beinahe poetische Bezeichnung geschaffen: la palomita - die kleine Taube. Aldo Poy, der Fußballfan mit Profivertrag, trifft den Ball perfekt mit der Stirn und versenkt ihn ins kurze Eck.

Ein Fotograf schießt das Foto, das man noch heute in Rosario auf Häuserwänden oder tätowierten Leibern bewundern kann: Mit wehendem Haar, mächtigen Koteletten und einem ebenso mächtigen Schnauzbart liegt Poy in der Luft und beobachtet die Flugbahn des Treffers, der ihn zur Ikone machen wird.

Fotostrecke

Elf Traumtreffer: Goooooal! Die größten Tore aller Zeiten

Denn es bleibt beim 1:0. Central besiegt die favorisierten Old Boys und zieht dank Poys Kopfball ins Endspiel ein, das die Mannschaft ausgerechnet im Stadion des Stadtrivalen mit 2:1 gewinnen kann. Die halbe Stadt feiert ausgelassen den größten Triumph der Vereinshistorie, niemand ist glücklicher als Aldo Poy, Held des Halbfinales.

Damit wäre diese Geschichte eigentlich beendet. Wenn nicht zwei Monate später, als selbst die härtesten Fans vom Feiern erschöpft sind und Aldo Poy sich mit seiner Mannschaft auf die neue Saison vorbereitet, ein paar Anhänger mit einer Bitte beim schnauzbärtigen Mittelfeldmann vorstellig werden: ob er seinen Flugkopfball vor einer Bar zum Spaß noch einmal vorführen könne. Warum nicht, antwortet Poy, taucht zur Verabredung auf, lässt sich einen Ball zuspielen, versenkt ihn gekonnt im improvisierten Tor, trinkt ein paar Bier und geht nach Hause.

Bitte, mach's noch mal

Ein Jahr später, kurz vor dem 19. Dezember, bitten ihn dieselben Leute erneut, das Tor nachzustellen. "Das fand ich etwas merkwürdig, sagte aber trotzdem zu", erinnert sich Poy, der auch im Jahr darauf zu diesem besonderen Jubiläum eingeladen wurde. Und von da an tatsächlich jedes Jahr am 19. Dezember einen Ball auf den immer kahleren Schädel geflankt bekommt.

Es geschieht in seiner Heimatstadt, aber auch in anderen Städten Argentiniens, einmal in Uruguay und 1997 gar auf Kuba, wo ihm nicht irgendwer die Vorlage serviert, sondern Ernesto Guevara, jüngster Sohn von Revoluzzer-Idol Che Guevara, der 1928 in Rosario geboren wurde. "Ich habe dieses Tor an den verschiedensten Orten geschossen", sagt Poy, der heute als Lokalpolitiker tätig ist, "mal bin ich im Gras gelandet, mal im Schlamm - aber jedesmal war es wunderbar."

Dieser Feiertag allein wäre schon kurios genug, aber die Fans von Rosario Central und spezielle jene, die den Hype um das Taubentor schufen, haben wohl einen besonderen Hang zum Absurden. Verantwortlich für das Flugkopfballritual erklärte sich eine selbst ernannte "Geheimgesellschaft" namens Organización Canalla Anti Leprosa. Der OCAL ist auch ein Ministerium für Gentechnik unterstellt, das sich zum Ziel gesetzt hat, Aldo Poy zu klonen - irgendwer muss ja die Tore machen, sollte der Kicker mal sterben.

Dieser Blinddarm war ihm am nächsten

Parallel arbeiten Mitglieder des Ministeriums für Kriegsführung daran, Biografien von früheren und heutigen Spielern der Newell's Old Boys daraufhin zu durchleuchten, ob diese im Kindesalter Central-Anhänger waren. Geradezu mythisch aufgeladen ist das vereinseigene Museum, zu dem nur Mitglieder Zutritt haben; bewundern dürfen sie angeblich den in Alkohol konservierten Blinddarm von Poys Halbfinal-Gegenspieler Ricardo Di Renzo. Erklärung: Dieser Blinddarm sei Poy bei seinem legendären Treffer am nächsten gewesen. Eine weitere Attraktion: jener mumifizierte Papagei, der zu Lebzeiten in der Lage gewesen sein soll, die Hymne von Rosario Central unfallfrei zu singen.

Wurde hier schon erwähnt, dass Argentinier in Sachen Fußball nicht normal sind?

Aldo Poy musste seine Karriere verletzungsbedingt bereits mit 29 Jahren beenden. Seine Legende aber hat viele Generationen von Spielern überdauert, sein kultischer Treffer gilt dank der Ausdauer und Leidenschaft der Central-Gemeinde als meistgefeiertes Tor der Fußballgeschichte. Die Anfrage ans Guinnessbuch der Rekorde läuft seit Jahren.

Die Fußballparty findet auch in diesem Jahr am 19. Dezember statt. Wieder werden sich Hunderte an einem erst kurz zuvor bekannt gegebenen Ort treffen, wieder wird man dem nun 73-jährigen Aldo Poy einen Ball zuspielen, wieder wird er sein größtes Tor nachstellen und sich auf Fanschultern vom Platz tragen lassen.

Hat er eigentlich je neben das Tor geköpft oder ist am Ball vorbeigesprungen? "Niemals", sagt Aldo Poy, "so lange ich noch gerade stehen kann, werde ich diesen Ball versenken." Und ewig fliegt die kleine Taube.

insgesamt 2 Beiträge
Martin Kempin 19.12.2018
1. Carlos
Nicht zu vergessen, dass er auf dem Mannschaftsfoto(5/7) der 74er WMelf direkt neben Carlos Babington steht, der nach dieser WM von der SG Wattenscheid 09 verpflichtet wurde.:)
Nicht zu vergessen, dass er auf dem Mannschaftsfoto(5/7) der 74er WMelf direkt neben Carlos Babington steht, der nach dieser WM von der SG Wattenscheid 09 verpflichtet wurde.:)
Klaus H. Biermann 19.12.2018
2. Bessere Sache
Fallrückzieher. Tor des Jahrhunderts. Klaus Fischer Schöne Weihnachtsgrüße aus Dortmund!
Fallrückzieher. Tor des Jahrhunderts. Klaus Fischer Schöne Weihnachtsgrüße aus Dortmund!

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP