Schrift:
Ansicht Home:
einestages

Synthiepop-Stars Alphaville

"Richtige Instrumente konnten wir nicht"

Mit Hits wie "Forever Young" wurden die Münsteraner Marian Gold und Bernhard Lloyd 1984 über Nacht zu Stars - dabei hatten sie als sozialistisches Kollektiv angefangen. Ein Gespräch über politische Werte und Partys mit Oligarchen.

imago/ Horst Galuschka
Ein Interview von
Montag, 18.03.2019   11:45 Uhr

Zur Person

einestages: Was sind die drei Fragen, die Sie sich in den vergangenen 35 Jahren am häufigsten anhören mussten?

Gold: Standardfrage Nummer eins: Woher kommt der Name Alphaville? Gefolgt von: Seid ihr wirklich für immer jung?

Gössling: Und: Wart ihr schon mal in Japan?

einestages: Und Ihre Antworten darauf?

Gold: Wir sind ziemlich alt und auch noch nie in Japan gewesen.

Gössling: Wir waren überall auf der Welt, aber Japan hat sich irgendwie nie ergeben.

Gold: Und der Bandname Alphaville kommt vom gleichnamigen Film von Jean-Luc Godard. Den hatten wir, als wir auf der Suche nach einem Bandnamen waren, grad auf VHS angeschaut. Da geht es um ein elektronisches Superhirn, das eine Stadt beherrscht. Das passte, denn wir hatten auch Probleme mit unserer Elektronik. Das war so technologische Romantik, passte also gut zu uns. Außerdem waren wir uns einig, dass der Name einfach gut klingt.

einestages: Die Synthesizer zu spielen, fiel Ihnen anfangs schwer?

Gold: Wir waren eben Amateure, die sich alles selbst draufgeschafft haben. Richtige Instrumente spielen konnten wir schon gar nicht. Ohne die technologischen Entwicklungen der Synthesizer hätte es Alphaville überhaupt nicht gegeben. Wir hatten aber viele Ideen. Und die Technik hat uns geholfen, sie ohne klassische Instrumente zu verwirklichen.

einestages: Ihre Songs wie "Forever Young" klangen dennoch nach klassischem Songwriting.

Gold: Stimmt, da kommen wir ja auch her. Wir sind von den Beatles, Rolling Stones und Alan Parsons Project beeinflusst. Also der Musik, mit der wir aufgewachsen sind.

einestages: Angefangen haben sie 1981 in Münster als Künstlerkollektiv namens Nelson Community. Was hat man sich darunter vorzustellen?

Gold: Das war eben unsere Community damals, in der es nicht nur die Mitglieder von Alphaville gab, sondern auch andere Künstler, alles Freunde von uns. Damals haben wir gemäß unseren politischen Vorstellungen, wir waren ein sozialistisches Künstlerkollektiv, mit anderen Künstlern zusammengelebt.

einestages: Also wie einst die Hippies?

Gold: Vielleicht, wir waren allerdings viel konsequenter.

einestages: Worin bestand diese Konsequenz?

Gold: Zum Beispiel darin, dass wir alles Materielle miteinander geteilt haben. Auch noch zu der Zeit, als es mit Alphaville richtig losging.

einestages: Das heißt, dass die Einnahmen von "Big in Japan", das ja ein großer Hit war, im Kollektiv geteilt wurden?

Gold: Genau. Bis Mitte der Neunziger haben wir alles durch sieben Leute geteilt. Das war in den ersten Jahren, als es noch nicht gut lief, der Fall, und warum hätten wir das ändern sollen, als es dann endlich super lief?

Gössling: Wir hatten einen runden Tisch in der Küche, wo über jede Mark, die ausgegeben wurde, basisdemokratisch diskutiert wurde.

Fotostrecke

Synthiepop-Stars Alphaville: Klein in Münster, Big in Japan

einestages: Erinnern Sie sich an das allererste Alphaville-Konzert?

Gössling: Das war am 31. Dezember 1982 in Enger im "Forum". Da waren so 450 Leute gekommen.

Gold: Bernd war damals DJ dort, nur deshalb waren so viele Leute gekommen, denn wir waren ja völlig unbekannt. Und immer, wenn wir einen neuen Song fertig hatten, hat Bernd den damals auf Kassette mitgebracht und als DJ so oft gespielt, bis die Leute sich daran gewöhnt hatten. Darum kannte das Publikum damals auch die Hälfte unserer Songs, obwohl es noch keine Platte von uns gab, was für die Performance natürlich ein großer Pluspunkt war.

Gössling: Wir waren Fans von Künstlern wie David Bowie, Roxy Music, Cockney Rebel, David Essex, OMD, Tubeway Army, Ultravox und Pink Floyd. Das waren alles Vorbilder für uns.

Gold: Das Gefühl, eigene Songs schreiben zu können und dann auch zu reproduzieren, ist einfach unbeschreiblich. Der entscheidende Moment war, als wir unseren Plattenvertrag unterschrieben haben.

Gössling: Unsere erste Single "Big in Japan" in der Hand zu halten, war die Erfüllung eines Traums.

einestages: Sie waren ab 1984 mit Songs wie "Big in Japan" und vor allem "Forever Young" sehr erfolgreich. Ahnten Sie, als Sie den geschrieben hatten, dass der besonders ist?

Gössling: Irgendwie schon, aber letztlich ist so ein Erfolg schwer zu verstehen. Das hat sich alles schnell verselbstständigt.

Gold: Der Erfolg war irgendwann so außer Kontrolle, dass ich mich manchmal fragte, ob wir das tatsächlich geschrieben haben. Es schien, als ob "Forever Young" ins kollektive Bewusstsein der Menschheit gerutscht ist. Es ist egal, wo du hingehst, ob das in Indonesien oder Peru ist, überall spielen sie dieses Lied. Und es wird von so vielen neu interpretiert, von Jay-Z bis Karel Gott und irgendwelchen experimentellen Jazzern.

einestages: Bekommt man als Autor einen Schreck, wenn Karel Gott "Forever Young" singt?

Gold: Ach, Karel Gott ist ein Freund. Sein Management fragte damals um die Erlaubnis, dass er einen deutschen Text dafür machen dürfte. Die haben wir sofort erteilt.

einestages: Das Management von Jay-Z bat auch um Erlaubnis, Ihren Song nutzen zu dürfen?

Gold: Die haben sich gemeldet, aber ich habe dann auch mit Jay-Z selbst telefoniert. Der wollte ja durch den Rap-Part einiges verändern, das haben wir dann am Telefon geklärt. Aber es bleibt unfassbar für mich, wenn ich mir auf YouTube anschaue, wie Beyoncé "Forever Young" singt. Das sind die Momente, in denen ich mich frage, ob das tatsächlich noch unser Stück ist.

einestages: Seit wann sind Sie finanziell unabhängig?

Gold: Seit 1984.

Gössling: Der Erfolg kam ja gleich mit dem ersten Album. 1984 war entscheidend für uns. Was da alles passiert ist, hat sich tief bei uns eingebrannt. Es war aber weniger eine Befreiung, sondern ein großer Druck, der in den Jahren danach auf uns lastete. Nach dem großen Erfolg war die große Frage: Was kommt jetzt? Das hat uns schon sehr beschäftigt. Es war eher eine schwierige Zeit, die wohl auch dazu geführt hat, dass das zweite Album nicht ganz so toll war wie das erste. Da sind wir dann unsicher geworden, weil uns nicht mehr klar war, wo es eigentlich langgehen soll. Wir sind da ja nicht reingewachsen, sondern der Erfolg kam von null auf hundert.

einestages: War immer klar, dass bei Alphaville auf Englisch gesungen wird?

Gold: Bei der Neuauflage unseres Debütalbums sind auch ein paar Songs aus der frühen Zeit dabei, die in Deutsch sind. Damals waren zwei Drittel Englisch, ein Drittel Deutsch. Aber als wir das Album zusammenstellten, haben wir die deutschen Titel wie "Traumtänzer" oder "Blauer Engel" alle rausgeschmissen, war wohl auch die richtige Entscheidung. Komischerweise habe ich mich vor einiger Zeit mal hingesetzt und eine deutsche Übersetzung der Texte zu "Forever Young" oder "Big in Japan" gemacht, und da sind ein paar tolle Sachen bei rausgekommen. Ich überlege, ob ich die alten Playback-Versionen mit neuen deutschen Texten aufnehmen sollte. Das ist bei uns ein bisschen wie bei Tocotronic, die ja auch ihren eigenen Jargon erfunden haben und deren Texte ich auch immer toll fand.

Preisabfragezeitpunkt:
26.05.2019, 13:00 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Forever Young (Deluxe)

Label:
WM Germany
Preis:
EUR 14,85

einestages: Was ist deutsch an Alphaville?

Gössling: Die Sturheit. Wir haben wirklich Durchhaltevermögen.

Gold: Dass es uns immer noch gibt, ist ostwestfälische Sturheit. Wir geben seit Jahren beständig immer wieder Konzerte, und anfangs waren wir wirklich schlecht an den Instrumenten. Aber wir haben immer weitergemacht. Seit einigen Jahren sind wir richtig gut geworden.

einestages: Stimmt es, dass Sie 1993 sogar in Beirut aufgetreten sind?

Gold: Wir waren von der Deutschen Botschaft eingeladen worden. Das war kurz nach dem Bürgerkrieg da. Erst habe ich abgelehnt, denn was man so über die Lage dort las, war ja nicht grad vertrauenerweckend. Ich hatte einfach Angst. Aber dann hat mich unser damaliger Manager doch überzeugt. Als wir dort ankamen, sah es unfassbar aus: Zerstörungen, wie nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir waren nach sechs Jahren der erste westliche Act, der da wieder aufgetreten ist. Die Libanesen waren begeistert. Es war das eindrucksvollste Konzert, das ich in meinem Leben gegeben habe.

Alphaville Forever Young Tour

19.3. Bochum + 20.3. Köln + 29.3. Berlin + 30.3. Hamburg + 9.4. Frankfurt am Main + 10.4. München
Mehr Informationen und Termine gibt es hier.

einestages: Sie stehen angeblich auch für Privatkonzerte zur Verfügung. Was war da Ihr seltsamstes Erlebnis?

Gössling: Ja, ja, wir gehören auch zu diesen korrupten Typen, die für russische Oligarchen spielen.

Gold: Wir hatten mal einen Deal für ein Privatkonzert, eine größere Party mit 2000 Leuten in der Nähe von Chamonix. Da hatte eine russische Familie ein Chalet auf einem riesengroßen Gelände, das war ein unglaublicher Luxus. Jedenfalls war bei der Einladung was schiefgegangen, und es war nur die Familie da. Wir haben dann unser Equipment aufgebaut und dann nur für diese sechs Leute gespielt. Vor der Bühne waren nur das Ehepaar und ihre Kinder. Und als wir fertig waren, haben die noch ein Feuerwerk für Abertausende Dollar abgefackelt.

Gössling: Das war ziemlich bizarr.

einestages: Wie lange wollen Sie sich das noch antun?

Gold: Mit 64 bin ich mit Abstand der Älteste in der Band. Aber ein paar Jahre will ich das noch machen.

insgesamt 15 Beiträge
Jürgen Z 18.03.2019
1. Namen
Gold (Künstlername) und Gössling (Geburtsname) ? Ist da irgendeine Botschaft dahinter? Der eine ist mehr weltgewandter Künstler, der andere Ostwestfale?
Gold (Künstlername) und Gössling (Geburtsname) ? Ist da irgendeine Botschaft dahinter? Der eine ist mehr weltgewandter Künstler, der andere Ostwestfale?
Frederic Furchensumpf 18.03.2019
2. Frank Mertens?
Und wo ist Frank Mertens geblieben? Der fehlt in der Aufzählung völlig... Mal davon abgesehen, dass "Afternoons In Utopia" viel zu oft verkannt wird. "Forever Young" ist für mich, nostalgisch gesehen, [...]
Und wo ist Frank Mertens geblieben? Der fehlt in der Aufzählung völlig... Mal davon abgesehen, dass "Afternoons In Utopia" viel zu oft verkannt wird. "Forever Young" ist für mich, nostalgisch gesehen, generell und mit Abstand das wichtigste Album für mich in meinem Leben, da kommt nichts anderes ran. Ich habe es 1984 zum Geburtstag geschenkt bekommen und sehe mich heute noch, wenn ich es höre, als 13jähriger an einem Samstag-Abend zwischen meinen Legos sitzen. Alphaville und Jean-Michel Jarre haben mich quasi die Liebe zur elektronsichen Musik gelehrt. Und auch danach hat mir das Album nicht nur einmal durch schwere Zeiten geholfen. Emotional hänge ich also sehr an dem Album. Musikalisch finde ich A.I.U. aber deutlich ausgereifter und abwechslungsreicher, auch wenn sich mein absolutes Lieblingsstück von Alphaville nicht auf dem Album, sondern auf der B-Seite der Singleauskopplung "Dance With Me" zu finden ist (mit dem viel zu langen Titel "The Nelson Highrise (Sector Two: The Mirror)"). Ich zähle es dennoch zum A.I.U.-Kanon. Für mich das perfekte Album zu einem guten Buch von Jules Verne...
Udo Fussbroich 18.03.2019
3. Völker, hört
'Forever Young' ist allenfalls eine pubertäre Fingerübung. Der wahre Schatz ist "The Breathtaking Blue", welches bis auf zwei nicht ganz so dolle Füller nur erlesenste Songperlen enthält. Das Album ist zum [...]
'Forever Young' ist allenfalls eine pubertäre Fingerübung. Der wahre Schatz ist "The Breathtaking Blue", welches bis auf zwei nicht ganz so dolle Füller nur erlesenste Songperlen enthält. Das Album ist zum Dahinschmelzen schön, klingt atemberaubend und will und will nicht altern.
Steffen Knossalla 18.03.2019
4. 1984 ein guter Jahrgang
Forever Young gehört auch zu meinen Lieblingsalben. Ich finde, dass 1984 ohnehin ein außergewöhnliches Jahr in der Pop Geschichte war. Ich erinnere nur an Purple Rain von Prince, Private Dancer von Tina Turner, Borne in the USA [...]
Forever Young gehört auch zu meinen Lieblingsalben. Ich finde, dass 1984 ohnehin ein außergewöhnliches Jahr in der Pop Geschichte war. Ich erinnere nur an Purple Rain von Prince, Private Dancer von Tina Turner, Borne in the USA von Bruce Springsteen, Diamond Life von Sade, Welcome to the Pleasuredome von Frankie goes to Hollywood, Hunting High and Low von A-Ha, It's my Life von Talk Talk, Like a Virgin von Madonna, um nur einige der Alben zu nennen, die 1984 mit unvergessenen Hits Musikgeschichte geschrieben haben.
Christine Schröter 18.03.2019
5. Fast ein Privatkonzert
Als Alphaville groß war hatte ich nichts für sie übrig. Das änderte sich am 10.08.2012 (mein 49. Geburtstag). Im Vorfeld hatte ich in Berlin Plakate gesehen für das erste Bergfunk Open Air auf dem Funkerberg (von dort wurde [...]
Als Alphaville groß war hatte ich nichts für sie übrig. Das änderte sich am 10.08.2012 (mein 49. Geburtstag). Im Vorfeld hatte ich in Berlin Plakate gesehen für das erste Bergfunk Open Air auf dem Funkerberg (von dort wurde am 22.12.1920 Deutschlands erste Rundfunksendung ausgestrahlt) in Königs Wusterhausen. An diesem Abend regnete es. Kein lauer Sommerregen, sondern Starkregen. Es goss wie aus Kannen. Dementsprechend wenig Publikum war dort. Ich stand mit ca. 30 Leuten direkt vor einer halbhohen Bühne. Auf eben jener turnte Marian Gold in viel zu engen Klamotten wie ein Michelin Männchen herum und lieferte eine Show ab die absolut begeisterte. Die Bühne wurde genauso nass wie wir. Es kam zu Rückkoppelungen und kurzen Ausfällen. Wen es nicht juckte war Marian Gold. Ein echter Vollblut Rock'n Roller. Ich habe meine Begeisterung in meinem Freundeskreis geteilt. Bis heute glaubt mir das niemand.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP