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einestages

Sponti-Hauptstadt West-Berlin

Keine Macht für niemand

Sie nannten sich "Schädel" oder "Ramba", ihre Kongresse hießen "Tunix". In West-Berlin sammelten sich seit den Sechzigern Aussteiger, Freaks und Punks. "Taz"-Mitbegründer Michael Sontheimer erinnert sich an Hausbesetzungen, Randale-Rituale - und seine Flucht vor zwei Zentnern Raketentreibstoff.

Udo Schewietzek
Freitag, 05.10.2012   15:28 Uhr

1. Teil: Gegen den bewaffneten Kampf

Da mein Zimmer das größte in unserer Wohngemeinschaft war, musste es als Redaktionsbüro herhalten. Wir schleppten das Bett raus, stellten große Tische auf und diskutierten erst einmal gründlich, welche Texte wir veröffentlichen wollten.

Dann tippten wir die Artikel auf mechanischen Schreibmaschinen, zeichneten Illustrationen und klebten die Seiten zusammen. Die Redaktion bestand aus einem guten Dutzend Linksradikalen. Das Blatt, das wir im Januar 1978 halblegal produzierten, hieß "BUG-Info". "BUG" stand für "Berliner undogmatische Gruppen".

Wir machten uns keine ernsthaften Sorgen, dass die "Bullen" uns hochnehmen würden. Obwohl ein paar von uns ein Ermittlungsverfahren wegen Werbung für eine terroristische Vereinigung nach Paragraf 129a am Hals hatten. Deshalb hatte sich die Redaktion auch in Wohnungen zurückgezogen.

Wir waren eindeutig gegen den bewaffneten Kampf von Roter Armee Fraktion und Bewegung 2. Juni und wollten diejenigen, die ihn führten oder mit ihm sympathisierten, davon abbringen. Aber das ging nicht, ohne darüber zu diskutieren, und deshalb hatten wir im "BUG-Info" gelegentlich Texte von Mitgliedern und Freunden der Bewegung 2. Juni abgedruckt. Das wiederum hatte den Staatsanwälten nicht gefallen.

Uns waren allerdings andere Themen wesentlich wichtiger als die wahnwitzige militärische Konfrontation zwischen Stadtguerilla und Staat. Das Titelblatt der Ausgabe, die wir im Januar 1978 produzierten, zierte eine Zeichnung zum Widerstand der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg gegen die in Gorleben geplanten Nuklearanlagen. Die meisten von uns hatten sich dem Protest angeschlossen. Als Atomkraftgegner vertraten wir 1978 bereits das Regierungsprogramm des Jahres 2011.

Die meisten Seiten unserer Zeitung mit einer Auflage von 5000 Exemplaren füllten Texte zu einem Kongress namens "Tunix", zu dem wenige Tage später Tausende Linksradikale in die Mauerstadt kamen, um Pläne für das richtige Leben im falschen System zu schmieden.

Wir wurden "Spontis" genannt. Mit den verblendeten Anhängern des Realsozialismus in der DDR oder den autoritären Maoisten der unterschiedlichen Kleinstparteien wollten wir nichts zu tun haben. Wir schwärmten von Selbstbestimmung und Rätedemokratie.

Die linksradikale Szene umfasste an die 20.000 Köpfe, die sich aber auf verschiedene Strömungen verteilten. Eine Zeitlang hatte in unserer Wohnung ein maoistisches Pärchen gewohnt. Als die beiden am Morgen des 1. Mai in weißem Hemd und weißer Bluse erschienen, fragte einer von der Sponti-Fraktion, ob sie heute heiraten würden. Sie fanden das gar nicht komisch und hielten uns vor, dass wir am "Kampf- und Feiertag der Arbeiterklasse" mit abgerissenen Lederjacken auf die Demonstration gingen.

Als wir die Zeitung produzierten, arbeitete auch ein älterer Genosse namens Ramba mit. Er war in der DDR aufgewachsen und hatte schon mit Rudi Dutschke im Sozialistischen Deutschen Studentenbund gegen den Vietnam-Krieg demonstriert. Ramba war ein Pionier jenes Soziotops des Protests, das ab Mitte der sechziger Jahre in der Mauerstadt aufgeblüht war, jenes Mekkas für Dissidenten aller Couleur. Für uns, mit Anfang zwanzig, war Ramba ein väterliches Vorbild, der die Brücke zwischen den später "68er" genannten Radikalen und uns schlug, die wir wesentlich pragmatischer und realistischer Alternativen schaffen wollten.

Den männlichen Teil dieser Szene hatte nicht zuletzt die in der Bundesrepublik geltende Wehrpflicht in die demilitarisierten Westsektoren Berlins getrieben. Bei der mündlichen Verhandlung meines Antrags auf Kriegsdienstverweigerung beim Kreiswehrersatzamt München war der Fleischermeister mit dem Eisernen Kreuz am Revers eingenickt, hatte dann aber der Ablehnung meines Antrags auch zugestimmt. Das Risiko, in der zweiten Instanz erneut nicht als Wehrdienstverweigerer anerkannt zu werden, erschien zu groß, also zog ich nach West-Berlin.

Die Zahl dieser Wehrflüchtigen, die zumeist gebildet, kreativ und unternehmungslustig waren, wurde nie ermittelt, aber ich erinnere mich an einen "Schädel" genannten Bekannten, der als Eingeborener seine notorische Erfolglosigkeit bei Frauen mit dem Männerüberschuss der Szene begründete: "Hier kommen doch", klagte er, "auf eine Braut mindestens zwei Typen."

insgesamt 12 Beiträge
Volker Altmann 07.10.2012
1.
Es ist Ost wie West das gleiche Phänomen. Die Berliner ? und sonderbarerweise auch die Landflüchtigen, die die Berliner Insel der Glückseligen zu Ihrer neuen Heimat gemacht haben - hielten sich schon immer für den Nabel der [...]
Es ist Ost wie West das gleiche Phänomen. Die Berliner ? und sonderbarerweise auch die Landflüchtigen, die die Berliner Insel der Glückseligen zu Ihrer neuen Heimat gemacht haben - hielten sich schon immer für den Nabel der Welt. Schmähungen über die Restrepublik ? ob DDR oder BRD - gehörten schon immer zum guten Ton. Vielleicht liegt darin auch die geradezu legendäre ?Freundlichkeit? der Berliner begründet? ?In den wilden Tagen der Straßenschlachten Anfang der achtziger Jahre, unter dem Motto "Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran", tat sich eine Ethnie hervor, die bis heute bei eingeborenen oder altgedienten Berlinern nicht wirklich beliebt ist: die Schwaben, unterstützt von Bayern.? Dies gilt offenbar nicht für den Autor selbst. Wie war das mit der Flucht vor dem Kreiswehrersatzamt München? Soll man das jetzt als gelungene Integration sehen (?Ich bin ein 'altgedienter' Berliner?) oder schlicht und ergreifend als ein Verleugnen der eigenen Wurzeln?
Siegfried Wittenburg 09.10.2012
2.
Ach, Herr Altmann, bitte die Präsent-20-Hose nicht so exakt bügeln. Jede Generation hat ihre Aufgabe. Mir ist dieses Über die Stränge schlagen lieber als sich brav irgendwelchen Feldwebeln unterzuordnen und ohne [...]
Ach, Herr Altmann, bitte die Präsent-20-Hose nicht so exakt bügeln. Jede Generation hat ihre Aufgabe. Mir ist dieses Über die Stränge schlagen lieber als sich brav irgendwelchen Feldwebeln unterzuordnen und ohne nachzudenken die Waffe gegen den bösen Osten zu richten. Im Osten gab es auch welche, die sich verweigert haben. Was wäre heute, wenn sich diese Jugen nicht in ihrer Zeit für den Nabel der Welt gehalten hätte? "Aus stickigen Kleinstädten voll selbstgerechter Süddeutscher nach Berlin entkommen, schlugen sie erst einmal furchtbar über die Stränge - bis sie, oft schneller als alle anderen, wieder die Kurve kratzten und bürgerliche Karrieren einschlugen." Völlig in Ordnung. Man nennt es auch Pubertät.
Hartmut Wolf 10.10.2012
3.
Was heißt "Berlin"? Das war zu der Zeit z. B. in Frankfurt auch nicht anders. Und außerdem gab und gibt es keine "Wehrdienstverweigerer". Die offizielle und korrekte Bezeichnung ist Kriegsdienstverweigerer, [...]
Was heißt "Berlin"? Das war zu der Zeit z. B. in Frankfurt auch nicht anders. Und außerdem gab und gibt es keine "Wehrdienstverweigerer". Die offizielle und korrekte Bezeichnung ist Kriegsdienstverweigerer, was der Sache und den Menschen auch gerecht wurde/wird. Leider habe auch ich vermehrt den Eindruck, dass bei SPON immer mehr Leute mit dürftigem Allgemeinwissen schreibseln.
Olaf Nyksund 10.10.2012
4.
Die Frage, die mir damals niemand beantworten konnte (wollte?) und die daher bis heute offen bleibt, lautet: Warum sind diese Menschen nicht in den Osten der Stadt gegangen, um dort ein neues Leben nach den Prinzipien zu [...]
Die Frage, die mir damals niemand beantworten konnte (wollte?) und die daher bis heute offen bleibt, lautet: Warum sind diese Menschen nicht in den Osten der Stadt gegangen, um dort ein neues Leben nach den Prinzipien zu beginnen, die sie so liebten? Gerade in den 1980er?
Volker Altmann 10.10.2012
5.
Herr Wittenburg, offenbar haben Sie meinen Kommentar nicht richtig erfasst. Ich habe mich niemals gegen die 68er-Bewegung ausgesprochen. Und was das Recht der Jugend betrifft, auf der Suche nach neuen Wegen auch mal über die [...]
Herr Wittenburg, offenbar haben Sie meinen Kommentar nicht richtig erfasst. Ich habe mich niemals gegen die 68er-Bewegung ausgesprochen. Und was das Recht der Jugend betrifft, auf der Suche nach neuen Wegen auch mal über die Stränge zu schlagen, rennen Sie bei mir offene Türen ein. Ich war der Meinung, dass meine Haltung hierzu, schon an anderer Stelle sehr deutlich gemacht wurde in meinen Kommentaren. Mein Kommentar hier galt dem Verhältnis von Berlin zur Restrepublik im Allgemeinen - zu allen Zeiten. Herr Nyksund, viele Kritiker haben damals den Protest gegen das Wettrüsten gerne mit der Empfehlung versehen ?Geh doch nach drüben?. Aber zum Einen gilt hier der Spruch ?Hierbleiben, Widerstehen? und zum Anderen galt die DDR für die meisten Protestler keineswegs als Musterstaat. Sich für die Friedensbewegung einzusetzen oder von einer gerechteren Gesellschaftsform zu träumen, hieß für die große Masse niemals, dass man staatliche Repression, Abschaffung der Meinungsfreiheit, Kerkerhaft aus politischen Gründen oder den Schießbefehl für hinnehmbar hielt. Ich hoffe, ich konnte Ihre Frage hiermit ausreichend beantworten.

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