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einestages

Der letzte Schuss auf Mauerflüchtlinge

"Lauft! Lauft! Lauft!"

Hindernislauf in die Freiheit: Zwei junge Ost-Berliner wollten 1989 durch einen Grenzübergang sprinten. Nur wenige Meter fehlten - dann fiel der Schuss, der selbst nach DDR-Regeln nicht hätte fallen dürfen.

privat
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Montag, 08.04.2019   11:41 Uhr

Der 8. April 1989 sollte ihm die Freiheit bringen. Am Morgen griff Bert Greiser, 27, zu Turnschuhen und seinen bequemsten Klamotten: eine Jogginghose, dazu ein weiter, beiger Pullover. Beweglich wollte er sein, schließlich musste er sprinten, Barrieren überspringen, zur Not klettern und DDR-Grenzern entkommen.

Ein Hindernislauf aus der DDR direkt in ein neues Leben in der BRD. Wenn es gut ging. Oder eben ein Lauf, der im Knast oder gar mit dem Tod endete.

"Ich hatte Adrenalin bis unter die Schädeldecke", erinnert sich Bert Greiser, muskulöse Oberarme, dunkle Haare, Undercut-Frisur, 30 Jahre später. Mit seinem Freund Michael Baumann ging er ein letztes Mal zu dem Sportplatz, auf dem sie monatelang Sprints trainiert hatten für den geplanten Grenzdurchbruch in der Berliner Chausseestraße.

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Spektakulärer Fluchtversuch: "Adrenalin bis unter die Schädeldecke"

"Wir wollten uns noch mal locker machen, mussten runterkommen." Greiser, heute 57 Jahre und dreifacher Großvater, sitzt in einem Café am einstigen Grenzübergang. Er redet jetzt fast im Stakkato, als ginge es immer noch um Sekunden. Damals liefen er und "der Micha", wie er den Freund nennt, ein paar Runden. Aufwärmen für die Republikflucht.

Im Grunde war ihr Plan simpel, brachial, "nichts Hochintelligentes", so Greiser. Kein selbst geflickter Heißluftballon, kein per Pfeil über die Grenze geschossenes Seil. Die beiden wollten einfach durch den Grenzübergang rennen, im Windschatten der Autos, die dort per Passierschein durchgelassen wurden: "Wir setzten alles auf den Überraschungseffekt. Es waren ja nur 150 Meter."

Der perfekte Zeitpunkt

Gegen 9.30 Uhr fuhren die jungen Männer vom Sportplatz zum Grenzübergang. Es war voll, viele wollten an diesem Samstag in den Westen, das hatten sie gehofft. Greiser raunte seinem Freund zu: Wenn der Schlagbaum das nächste Auto durchlasse, "dann los". Erst Micha, dann er. "Ich bin schneller, ich hol dich ein."

Die nächsten Sekunden schrieben Geschichte. Denn der Fluchttermin war unwissentlich perfekt gewählt: Die DDR hatte den Schießbefehl, dessen Existenz hohe SED-Kader später vor Gericht leugneten, aufgehoben. Zu sehr stand das Regime schon unter Druck. Einen weiteren Mauertoten wollte die DDR in dieser Krise unbedingt vermeiden, nachdem im Februar 1989 noch der junge Chris Gueffroy im Kugelhagel an der Berliner Mauer gestorben war.

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Greiser in der Chausseestraße, 2019

Daher wies das Kommando der Grenztruppen am 3. April 1989 alle untergeordneten Einheiten an, "die Schußwaffe (...) zur Verhinderung von Grenzdurchbrüchen nicht anzuwenden". Geschossen werden dürfe fortan nur "bei Bedrohung des eigenen Lebens". Bis zum 4. April 1989 wurde dies auch allen Grenzposten mitgeteilt, internen Unterlagen zufolge erreichte diese Meldung um 22 Uhr auch den diensthabenden Offizier in der Chausseestraße.

Vier Tage vor Greisers und Baumanns Flucht durfte also selbst nach DDR-Maßstäben nicht mehr geschossen werden. Die beiden konnten das nicht ahnen. Sie hatten sich geschworen: "Wenn ein Schuss fällt, brechen wir sofort ab. Wir wollten die Freiheit, nicht den Tod."

"Die DDR macht dicht!"

Aber auch Greiser hatte dafür gesorgt, dass seine Flucht Geschichte schreiben sollte: Er verriet einem Bekannten in West-Berlin seinen Plan. "Am liebsten wollte ich, dass er unsere Flucht filmt." Warum? "Das war doch ein bewegender Moment. Und um es an Coca-Cola zu verkaufen." Greiser lacht. Ein Scherz, womöglich mit einem Funken Wahrheit. Vielleicht hätte das ja sogar geklappt: ein Werbespot über ein Rennen ins kapitalistische Paradies. Freedom, sponsored by Coke.

Diese Freiheit war Bert Greiser immer wichtig gewesen. Anfangs hatte er sich noch mit der DDR arrangiert. Er verdiente gut in der Gastronomie, hatte eine Freundin und eine Tochter, spürte dennoch ein nagendes Unwohlsein. Würde er hier seinen Traum von einem Haus am See verwirklichen können? Weltreisen waren ihm nie wichtig, "aber ich wollte selbst über mein Leben bestimmen".

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Kreativ bis lebensgefährlich: Go West - spektakuläre DDR-Fluchten

Ab 1988 dachte er ständig an die Flucht. Viele Bekannte waren schon weg, der Freundeskreis schrumpfte. Greiser wollte nicht als Letzter in der DDR versauern. "Es gab ja nur die beiden Möglichkeiten: Entweder bricht die DDR bald zusammen. Oder sie macht richtig dicht." Und genau das nahm er an. Also begann er mit dem Lauftraining, weihte seinen Freund ein. Die jungen Männer hofften, ihre Kinder und Freundinnen, die mit dem Vorhaben einverstanden waren, per Familienzusammenführung nachholen zu können. "Das war Plan A." Plan B sah vor, dass sie als politische Gefangene freigekauft wurden.

Ein Fluchtfilm konnte, falls etwas schiefging, nicht schaden, um Druck aufzubauen. Der Freund aus West-Berlin kam zwar nicht mit Videokamera, brachte aber drei Begleiter und eine gute Fotokamera mit. Sie platzierten sich gegen 9.30 Uhr auf einem West-Podest, wo Berlintouristen gern Richtung Grenze gafften, als sei die DDR ein Menschenzoo. Die vier standen, wenn man so will, am Zieleinlauf.

"Völliger Tunnelblick"

"Ungefähr hier sind wir gestartet", sagt Bert Greiser 30 Jahre später an der rauschenden, viel befahrenen Chausseestraße. Er sucht nach Anhaltspunkten. Fast alle Gebäude von damals sind abgerissen, hier steht nun die wuchtige neue BND-Zentrale. Greiser deutet auf ein gelbes Haus; aus dem obersten Stock hatte er vor der Flucht mehrmals den Grenzübergang beobachtet. Und da hinten, auf Höhe der Werbetafel, da befand sich der Posten mit den vier West-Berlinern. Etwas davor erinnern heute Kopfsteinpflaster und eine Gedenktafel an die Grenze.

Als er damals losrannte, hatte er "nur ein Ziel, völliger Tunnelblick". Vorbei an den Autos. Später vorbei an Micha. Über Barrieren, die mit 1,30 Metern höher waren als die Hürden, die er von Leichtathletikwettkämpfen kannte. Wie schnell er zu seinen besten Zeiten war? "Schneller als die meisten, ich hatte einen Arm voll Medaillen."

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Beim Fluchtversuch: Greiser und Bachmann, 8. April 1989

Die Stasi rekonstruierte diesen Lauf so minutiös, als gäbe es eine Zeitlupe. Es ist ein Dokument der Rechtfertigung ihres Scheiterns: Ein Grenzmitarbeiter griff nicht ein, weil er gerade einen Pkw abfertigte. Er brauchte sieben Sekunden, um den Alarm auszulösen. Zwei Zollbeamte waren im Kontrollhaus beschäftigt, sodass es "den Tätern" möglich war, "auf der Kfz-Spur zwischen den Pkw laufend ungehindert weiter vorzudringen". Ein Passkontrolleur fertigte gerade Fußgänger ab, "nahm die sofortige Verfolgung auf", kam aber wegen eines Zaunes zwischen Fußgänger- und Kfz-Bereich zu spät.

Auf dem Podest im Ziel brüllten derweil die vier West-Berliner laut Stasi-Protokoll: "Lauft, lauft!"

Stasi-Schütze beim Rauchen gestört

Greiser hörte das nicht, nur das Schrillen des Alarms. Und dann: einen Schuss. Greiser blieb sofort stehen, hinter dem Schlagbaum, den er übersprungen hatte, sieben Meter vor dem Ziel. "Ich war noch nicht mal außer Atem." Micha war 20 Meter hinter ihm. Handschellen klickten, "wir wurden abgefertigt wie Schwerverbrecher".

Auf dem Podest entstanden von der Flucht fast ikonische Bilder. Sie zeigen einen älteren Mann mit dünnem Haar und Zigarette im Mund, wie er mit der Pistole zielt. Er war so hektisch aus seinem Kontrollhäuschen geeilt, dass er seine Dienstmütze verloren hatte. Das Foto, eine Blamage für die DDR, ging durch die West-Berliner Presse. Dort hieß der Offizier fortan nur noch der "Kippe-Schütze".

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Der Schütze: Stasi-Hauptmann Karl-Heinz B.

Wieso aber fiel dieser Schuss, trotz Ende des Schießbefehls?

Weil der Schütze ein Mitarbeiter der Passkontrolleinheit war. Die PKE war der Hauptabteilung VI der Stasi untergeordnet. Zur Tarnung trugen ihre Mitarbeiter Uniformen der Grenztruppen, ohne dazuzugehören. Anders als die Grenztruppen waren sie offenbar nicht über das Ende des Schießbefehls unterrichtet. So gesehen hatten die beiden Flüchtlinge das große Pech, Opfer einer Kommunikationspanne zu sein.

Greiser glaubt, dass er großes Glück hatte. Der Schuss verfehlte ihn nur knapp, so legt es eine Rekonstruktion der Schusslinie in einem späteren Gerichtsprozess nahe. Im Stasi-Bericht hingegen stand, der Schütze habe nur einen Warnschuss "ca. 2 Meter" über den Flüchtling abgegeben, "da keine andere Möglichkeit mehr bestand, den Grenzdurchbruch zu verhindern". Ein "gezielter Schuss" habe nicht stattgefunden.

Beim Mauerfall im Knast

Darüber ärgert sich Greiser noch heute: "Das war kein Warnschuss!" Man müsse sich nur das Foto anschauen, die Haltung der Pistole, das Zielen. Im Prozess 1993 ließ sich das dem "Kippe-Schützen", Stasi-Hauptmann Karl-Heinz B., aber nicht nachweisen. "Er verließ das Gericht mit einem Grinsen", sagt Greiser.

Für seinen Fluchtversuch wurde Greiser 1989 zu 22 Monaten Haft verurteilt, sein Freund Micha bekam zwei Monate weniger. Den Mauerfall verpasste er - in der Jugendhaftanstalt Halle. "Ein Wärter kam zu mir und sagte: 'Ich war schon drüben - und du?'"

Die Zeit nach dem 9. November kam ihm ewig vor. Warum kamen die politischen Gefangenen nicht frei? Am 13. November 1989 wurde er endlich entlassen.

Er brauchte ein paar Tage, um alles zu verarbeiten, "auch wenn man das als Kerl nicht gerne zugibt". Dann passierte er den Grenzposten in der Chausseestraße. Diesmal ganz legal, "aber mindestens so aufgeregt".

In Ost-Berlin waren die Straßen leergefegt. Im Westen pulsierte das Leben. "Boah, krass, diese Lichter", erinnert sich Greiser. Inzwischen hat er sich auch seinen Traum aus DDR-Zeiten erfüllt: Heute wohnt Bert Greiser südlich von Berlin in einem Haus am See.

insgesamt 9 Beiträge
Christian Marx 08.04.2019
1. Bitte informieren Sie uns auch...
... was aus diesem Stasi-"Helden" Karl-Heinz B. wurde.
... was aus diesem Stasi-"Helden" Karl-Heinz B. wurde.
Christian Schwarz 08.04.2019
2. ...und aus seinem Freund Micha.
Danke.
Danke.
Mann-spricht-Deutsch Texte für Geld 08.04.2019
3. Grenze zu - glückliches Land?
Und heute träumen sie wieder von schön verschlossenen Grenzen.
Und heute träumen sie wieder von schön verschlossenen Grenzen.
Siegfried Bernhard 08.04.2019
4. Und ich dachte schon...
"...dann fiel der Schuss, der selbst nach DDR-Regeln nicht hätte fallen dürfen." Mein erster Gedanke war schon, hier hat jemand den Mut, gegen den Mainstream anzuschreiben, und sich endlich einmal auf den Boden von [...]
"...dann fiel der Schuss, der selbst nach DDR-Regeln nicht hätte fallen dürfen." Mein erster Gedanke war schon, hier hat jemand den Mut, gegen den Mainstream anzuschreiben, und sich endlich einmal auf den Boden von Rechtsstaatlichkeit stellen. Im Gegensatz zu den Foristen, aber (naach dem lesen) hatte ich die seltene Gelegenheit in einem Sozialverein zu arbeiten (1991-1999) deren eherenamtlicher Vorsitzender im Hauptberuf Vorsitzender einer Goßen Strafkammer an einem LG im Land Brandenburg war. Der also alle sog. Grenzerprozesse in Brandenburg leitete. Der sich damals schon als Jurist darüber erregte, daß die Medien nur die 10% der Anklagen aufgriffen, die auch verhandelt wurden. Während die 90%, die das Gericht gar nicht erst zur Verhandlung zugelassen hatte, unter den Tisch fielen. Und das ist das Rechtsstaatliche. So wie bei den Todesschüssen an der Grenze BRD - Österreich (JA, auch das gab es), wurden in Berlin und den anderen östlichen Bundesländern nur die Fälle verhandelt, die sich auch nach DDR-Recht strafbar gemacht hatten. Etwas anderes, so der damalige Richter P., wäre rechtlich auch gar nicht möglich gewesen.
Jens Enders 09.04.2019
5. Todesschüsse BRD - Österreich
Das sollten Sie erläutern. Davon habe ich noch nie gehört und bezweifle das auch. Beamte der Bundesrepublik sollen auf deutsche Staatsbürger geschossen haben, die nach Österreich "flüchten" wollten? Das halte ich [...]
Das sollten Sie erläutern. Davon habe ich noch nie gehört und bezweifle das auch. Beamte der Bundesrepublik sollen auf deutsche Staatsbürger geschossen haben, die nach Österreich "flüchten" wollten? Das halte ich für eine waschechte Ente...

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