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einestages

Sängerin Bonnie Tyler

"Musik war meine Traumwelt"

Reibeisenröhre und Balladen machten Bonnie Tyler weltberühmt. Jetzt feiert sie ihr 50. Bühnenjubiläum. Ein Gespräch mit dem "weiblichen Rod Stewart" über Dieter Bohlen, Terroristen und Opern im Wohnzimmer.

Michael Ochs Archives/ Getty Images
Ein Interview von
Mittwoch, 13.03.2019   16:21 Uhr

Zur Person

einestages: Ihre Reibeisenstimme hat Sie weltberühmt gemacht. Wie bekommt man so ein Organ? Whisky? Viele Auftritte in verrauchten Klubs?

Tyler: Nein, dahinter steckt eine ernstere Geschichte. Anfang 1977, ausgerechnet nach meinem ersten Hit "Lost in France", hatten sich auf meinen Stimmbändern Knötchen gebildet. Hohe Töne machten mir Probleme. Ein HNO-Arzt riet zur Operation und sechs Wochen Sprechverbot. Wahnsinn! Nach zehn Tagen hielt ich es nicht mehr aus, ich konnte den Mund nicht halten. Und das war's. Als ich erstmals wieder ins Studio ging und lossang, hatte ich plötzlich diese Reibeisenstimme (sie röhrt "It's a Heeeaaartache…"). Seither nennt man mich den "weiblichen Rod Stewart".

einestages: Wie waren Sie denn ursprünglich zum Singen gekommen?

Tyler: Durch Elsie, meine Mutter. Sie war Opern-Fan, hörte die Callas, Caruso, Mario Lanza. Zu Hause sang sie zu den Platten aus vollem Halse mit, oft bei offenem Fenster. Da blieben schon mal Leute auf der Straße stehen, um ihr zuzuhören. Für die Bühne wäre sie zu schüchtern gewesen, aber in den eigenen vier Wänden, da hat sie performt (lacht). Das höchste der Gefühle war für sie der Kirchenchor am Sonntag. Da nahm sie mich mit. Einmal habe ich heimlich ein Tonband von ihrem Gesang aufgenommen und es meinem Produzenten Jim Steinman vorgespielt. Der war so beeindruckt, dass er ihre Stimme auf meinen Song "Making Love Out of Nothing at All" verewigt hat.

einestages: Sie stammen aus einem kleinen Bergbaunest in Südwales, weit weg von Glamour und Showbusiness.

Tyler: Ganz weit! Mein Vater Glyn schuftete im Kohlebergwerk, später in einer Ölraffinerie. Und meine Mutter hatte sechs Kinder zu versorgen. Wir lebten in einer kleinen Sozialwohnung, es war eng, aber das tat der guten Stimmung keinen Abbruch. Bevor meine Mutter starb, nahm sie mich mal in der Küche zur Seite und sagte: "Bonnie, wenn ich mal gehen muss, halte die Familie zusammen!"

einestages: Welche Rolle spielte Musik für Sie?

Tyler: Eine deutlich größere als die Schule! Ich ging ohne Abschluss ab, jobbte im örtlichen Lebensmittelladen. Musik war meine Traumwelt. Zu meinen Idolen zählten Tina Turner, Janis Joplin und die Beatles. Meine erste selbstgekaufte Platte war von Nina Simone, aber nur, weil sie bei Woolworth im Sonderangebot war. Zu Hause habe ich die Platte immer wieder aufgelegt. Das Zimmer teilte ich mit meiner Schwester Angela, bis sie heiratete und auszog. Ich sang und tanzte oft vorm Spiegel zu Tina Turners "River Deep Mountain High". Eine Haarbürste war mein Mikro.

Fotostrecke

Rock-Röhre Bonnie Tyler: Schmachterfolge mit Rasselstimme

einestages: Wann haben Sie professionell mit dem Singen angefangen?

Tyler: Anfang 1969, ich war 17. Meine Familie überredete mich, bei einem lokalen Talentwettbewerb mitzumachen. Mit Liedern von Mary Hopkin und Ray Charles wurde ich Zweite. Kurz danach nannte ich mich "Sherene Davis" und bin mit Bands in Kneipen aufgetreten, erst nur als Backgroundsängerin.

einestages: Und wie wurden Sie schließlich entdeckt?

Tyler: Um 1975 hörte mich Roger Bell, ein Talentscout, im Townsman Nightclub in Swansea singen. Er brachte mich mit den Produzenten Ronnie Scott und David Mackay zusammen. Wir nahmen Demos auf, darunter der Titel "Lost in France", der 1976 ein Hit wurde. Meine erste Single "My! My! Honeycomb" war gefloppt, doch dann gings aufwärts. Auf "Lost in France" folgte "It's a Heartache" und ich war plötzlich berühmt. Danach gab es immer wieder Höhen und Tiefen. Aber unterkriegen lassen habe ich mich nie.

einestages: Inwiefern hat die Karriere Ihr Leben verändert?

Tyler: Ich war nur noch auf Achse, echt anstrengend. Und ich war ziemlich scheu, bei Fotosessions für Pop-Magazine wie "Bravo" stand ich starr wie eine Salzsäule in der Kulisse. Ich musste mich erst daran gewöhnen, ein Star zu sein. Heute fühle mich wohl in der Rolle.

einestages: 1984 suchten Sie in Ihrem Hit "Holding Out for a Hero" nach einem Helden - Ihren ganz persönlichen hatten Sie da längst gefunden.

Tyler: Schon 1969, als ich Robert Sullivan kennenlernte. Seit 1973 sind wir verheiratet. Mein Mann war und ist immer an meiner Seite, er unterstützt mich, obwohl er als Projektentwickler in der Immobilienbranche einiges um die Ohren hat. Robert ist wirklich ein Held. Er kämpfte lange im britischen Judo-Nationalteam.

einestages: Und trat auch bei der Olympiade 1972 in München an...…

Tyler: ...…wo er mit seinen Teamkollegen fast in die Geiselnahme der Palästinenser geriet. Horror. Ich saß in Wales und zitterte, weil ich kein Geld hatte, nach München mitzureisen. Robert wohnte im Olympiadorf direkt neben dem Haus, in dem sich die Terroristen mit den israelischen Geiseln verschanzt hatten. Ich verfolgte das im Fernsehen, schreckliche Bilder, die ich nie vergessen werde. Robert hatte großes Glück, ihm und seinem Team ist nichts passiert. Im Jahr darauf haben wir geheiratet.

Tourdaten Bonnie Tyler 2019

23.04. Ulm + 28.04. München + 29.04. Nürnberg + 02.05. Suhl + 04.05. Köln + 07.05. Halle/Saale + 08.05. Berlin + 10.05. Bremen + 14.05. Karlsruhe + 16.05. Zwickau + 17.05. Osnabrück + 22.05. Singen + 23.05. Ulm + 28.05. Hannover + 29.05. Rostock, 31.05. Dortmund + 01.06. Frankfurt am Main
Mehr Informationen und Termine gibt es hier.

einestages: In den USA ging Ihre Karriere eher zaghaft los. Es heißt, die Rolling Stones hätten damals ihren großen Durchbruch in Amerika verhindert.

Tyler: Ja, stimmt irgendwie. Ich hatte in den frühen Achtzigern einen Vertrag bei CBS in den USA unterschrieben, damals die größte Plattenfirma der Welt. Kurz zuvor hatte Labelchef Walter Yetnikoff auch die Stones unter Vertrag genommen. Es ging um zig Millionen Dollar. Er musste ihnen das komplette Marketingbudget des Jahres geben. Für mich war nichts mehr übrig.

einestages: Dann erschien "Total Eclipse of the Heart", Ihr größter Hit. 1983 verkauften sie in den USA 52.000 Singles pro Tag, heute hat das Video über 570 Millionen Views auf YouTube. Wie kam es zu diesem Erfolg?

Tyler: Komponiert und produziert wurde die Nummer von Meat-Loaf-Entdecker Jim Steinman. Ich wollte einen Rock-Song von ihm, nachdem ich das Album "Bat Out of Hell" gehört hatte.

einestages: Ihre früheren Plattenmanager hatten Sie eher in der Country-Ecke gesehen.

Tyler: Ja, weil "It's a Heartache" so erfolgreich war. Aber ich wollte rocken. Daher habe ich das Label gewechselt. Beim ersten Meeting bei CBS wurde ich gefragt, mit wem ich gern arbeiten würde. Ich sagte: Jim Steinman. "Oh Bonnie", meinten sie "wir glauben nicht, dass Jim mit dir arbeiten wird." Ich blieb stur: "Fragt ihn einfach, und sollte Steinman nein sagen, fragen wir Phil Collins."

einestages: Aber Steinman mochte Sie.

Tyler: Er orderte einige meiner Platten und dann kam ein klares "Ja"! Ich habe ihn in seinem Apartment mit Blick über den Central Park besucht. Sein Nachbar war Dustin Hoffman. Jim besitzt auch eine Wohnung im Trump Tower, da ließ er mich wohnen, als wir im Studio arbeiteten. Das war die große weite Welt für ein Mädchen aus Wales.

einestages: Ergebnis war Ihr von Steinman produziertes Nummer-1-Album "Faster than the Speed of Night". Wie war es, mit ihm zu arbeiten?

Tyler: Steinman ist ein absoluter Perfektionist, immer am Rande des Wahnsinns. Von jedem Song nahm er neun verschiedene Versionen auf, um die richtige zu finden. Können und gute Kondition sind bei ihm Voraussetzung.

einestages: 1989 landete Tina Turner mit "The Best", einem Song des Songwriter-Teams Mike Chapman und Holly Knight, einen Welthit. Sie hatten dieselbe Nummer schon ein Jahr zuvor aufgenommen, ohne Erfolg….

Tyler: So spielt das Leben (lacht). Der Song war ursprünglich Paul Young angeboten worden, der ablehnte. Meine Plattenfirma meinte, "The Best" sei perfekt für mich. Also habe ich ihn 1988 aufgenommen. In den Charts schaffte ich es nur bis Platz 95, aber ich singe den Song noch heute gern live. Tina ist eine Ikone, ihre Version ist klasse, ist doch klar, dass sie damit einen Tophit schaffte. Ich habe sie in den Neunzigern bei einer TV-Show in Deutschland kennengelernt. Als sie probte und ich in den Saal kam, stimmte sie spontan "It's a Heartache" an. Da ging mir das Herz auf. Sie war immer mein großes Vorbild.

einestages: Mit "Between the Earth and the Stars" bringen Sie jetzt Ihr 17. Studioalbum raus - unterstützt von jeder Menge Rock'n'Roll-Prominenz!

Tyler: Ich habe Rod Stewart dabei, Cliff Richard, Francis Rossi von Status Quo und einen Song von Barry Gibb. Ausgangspunkt des Albums war Kevin Dunne, der Bassist meiner Liveband. Er hat viele neue Songs für mich komponiert. Mit Rod Stewart singe ich etwa "Battle of the Sexes", über den Kampf zwischen Mann und Frau. Das Thema wird ja nie alt.

Preisabfragezeitpunkt:
21.05.2019, 09:20 Uhr
Ohne Gewähr

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Bonnie Tyler - Between The Earth And The Stars

Label:
Earmusic (Edel)
Preis:
EUR 8,45

einestages: Erinnern Sie sich noch an "Howard Houston"?

Tyler: Dieter Bohlen, wie könnte ich ihn vergessen! Er benutzte als Produzent dieses Pseudonym, weil er damals ständig schlechte Presse hatte. Gewisse Radio-DJs hätten meine Nummern eventuell nicht gespielt, wenn sie gewusst hätten, dass er dahintersteckt.

einestages: Bohlen verhalf Ihnen als Produzent Anfang der Neunziger zu einem Comeback. In der letzten "Tatort"-Folge von Götz George aus dem Jahr 1991 sangen sie "Against the Wind" - und Schimanski schwebte spektakulär mit einem Drachen davon.

Tyler: Ein Gänsehautmoment, noch heute. Ich bin Götz George zu jener Zeit mehrmals begegnet. Ein charmanter, toller Typ, sehr gutaussehend. Sein Tod hat mich berührt.

insgesamt 3 Beiträge
Henning Marcard 13.03.2019
1. schönes Interview
Impressario Fritz Rau sagte mal über Künstler: "traue keinem unter 40". Wie Recht er hat. tolle Frau!
Impressario Fritz Rau sagte mal über Künstler: "traue keinem unter 40". Wie Recht er hat. tolle Frau!
Jens-Peter Giersch 14.03.2019
2. Sehr schönes Interview
Sehr gelungen und schön detailliert: Ich fand das sehr interessant! Interview mit sehr persönlicher Note; die Details mit Hr. Bohlen waren mir neu. Solche Beiträge lese ich sehr gerne; danke an die Redaktion! Bin schon auf [...]
Sehr gelungen und schön detailliert: Ich fand das sehr interessant! Interview mit sehr persönlicher Note; die Details mit Hr. Bohlen waren mir neu. Solche Beiträge lese ich sehr gerne; danke an die Redaktion! Bin schon auf die nächsten Interviews bekannt ;-)
hualorn 17.03.2019
3. Lob
Dem Lob möchte ich mich anschliessen. Wirklich fantastisches Interview mit einer Frau die ganz schön was zu erzählen hat und ja jeder ältere Semester ihre Welt Hits kennt. Interessante Details, die ich auch noch nicht kannte. [...]
Dem Lob möchte ich mich anschliessen. Wirklich fantastisches Interview mit einer Frau die ganz schön was zu erzählen hat und ja jeder ältere Semester ihre Welt Hits kennt. Interessante Details, die ich auch noch nicht kannte. Daumen hoch!

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