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Die Briten und Europa

"I want my money back!"

Sie erstritten schon früh einen Quengelrabatt, zufrieden waren sie trotzdem nie: Die Beziehung der Briten zu Europa ist spätestens seit Premierministerin Margaret Thatcher zerrüttet.

imago/ ZUMA Press/ Bob Thomas/ Michael Ochs Archives/ Getty Images
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Mittwoch, 10.04.2019   11:19 Uhr

Roger Daltrey und Tony Woodcock gehören zu jenen Engländern, die in Deutschland und auf dem ganzen Kontinent beliebt sind. Fußballer Woodcock spielte in den Siebzigern auch als Stürmer für den 1. FC Köln. Daltrey spielte in europäischen Konzerthallen als Sänger der Gruppe The Who, die in den Sechzigerjahren die "British Invasion" nach den Beatles und den Rolling Stones verstärkten. Am 1. März feierte er seinen 75. Geburtstag.

Die beiden eint nicht nur ihr lockige Mähne, auch in Sachen EU sind sie auf einer Linie. Beide sind Brexit-Befürworter und erklären dies gern den Medien. Dabei legen sie Wert darauf, dass sie nichts gegen Europa hätten, aber jetzt "wieder ihre eigenen Regeln machen wollen", so Woodcock 2016 im Kölner "Express": "Es wird einen neuen Deal geben, der gut für beide Seiten ist. Das ist vielleicht nicht einfach, aber niemand muss Angst haben."

Daltrey begründet die Europaferne vor allem mit Großbritanniens Insellage. Wo der Brite an eine Grenze tritt, sieht er ja Wasser. Der Rockmusiker, früher stets mit legendär kurzer Lunte, ist im Alter milder gestimmt, redet sich über Europa aber schnell in Rage. "Es ist, als würden wir von der Fifa regiert!", sagte er kürzlich dem SPIEGEL über seinen Hass auf Brüssel. Und seine Rede über Ökonomie und den Euro und Pensionsfonds und die Fiskalunion, sie wollte kaum enden.

Das Motto der "Eisernen Lady" : Ich will alles, und zwar sofort

Mit ähnlichen Argumenten - und ähnlicher Frisur - war einst Margaret Thatcher in den Achtzigerjahren in Europa aufgetreten. Helmut Schmidt erinnerte sich in seinem Buch "Die Deutschen und ihre Nachbarn", wie die "Eiserne Lady" beim EG-Gipfel am 29. November 1979 in Dublin auf den Tisch schlug: "Sie fasste sich kurz: 'I want my money back, and I want it now!'" Bei der Pressekonferenz sagte Thatcher damals gleich im zweiten Satz, man wolle nicht etwa Geld von der Gemeinschaft, sondern: "What we are asking is for a very large amount of our own money back."

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Von Thatcher und Schmidt bis zum Brexit: ...dann ist es aus zwischen uns

Das war frustrierend für Helmut Schmidt. Als erster ausländischer Staatsgast hatte er Thatcher nach ihrer Wahl 1979 besucht. Wie viele Sozialdemokraten Europas glaubte auch er, dass dieses kontinentale, dieses konservative und kapitalistische Projekt dringend der demokratischen und politischen Traditionen Großbritanniens bedürfe.

Erst 1973 waren die Briten der EG beigetreten - und bald schon wollten sie wieder raus. Im November 1974 reiste Schmidt extra nach London, um die Labour-Regierung davon abzuhalten. Gut drei Jahrzehnte später bekannte er, dass er eine solch emotionale Rede wie auf dem Labour-Parteitag nicht mehr halten würde: "Nein, heute wäre ich kühler."

Am europäischen Erfolg teilhaben, das schon

Beim Beitritt hatten die konservativen "Tories" unter Edward Heath Regie geführt; die Arbeiterpartei, in dieser Zukunftsfrage gespalten, reagierte mit scharfer Opposition. Es ist bezeichnend, dass es im britischen Diskurs stets um die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft ging, obwohl der Name bereits seit 1967 Europäische Gemeinschaft lautete. Auch Befürworter und Gegner der EG nannten sich Pro- und Anti-Marketeers.

Nach der Labour-Regierungsübernahme 1974 strengten vor allem die Anti-Marketeers Neuverhandlungen sowie ein Austrittsreferendum an. Vordergründig ging es um den europäischen Haushalt, denn von den Mitteln für den Agrarsektor profitierte Großbritannien kaum. Damals war das Vereinigte Königreich als "kranker Mann" von Europa bekannt, weil es seinen wirtschaftlichen und politischen Einfluss in der Welt eingebüßt hatte. Splendid isolation versprach keinen Erfolg mehr. Deshalb wollte man nach Europa, um an der Prosperität der erfolgreichen sechs Gründerstaaten Frankreich, Italien, Deutschland, Luxemburg, Belgien und den Niederlanden zu partizipieren.

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Doch durch die Konstruktion des EG-Haushaltes wurde Großbritannien mit dem Beitritt gleich zum Nettozahler. Die Neuverhandlungen im März 1975 erwiesen sich als zumindest kurzfristig erfolgreich - im Referendum drei Monate später stimmten die Briten mit 67 Prozent für den Verbleib in Europa, ganz anders als 2016.

Ruhe kehrte danach keineswegs ein. Zwar hatten sich die nun oppositionellen Konservativen 1975 im Referendum unter ihrer neuen Parteivorsitzenden Maggie Thatcher für den Verbleib eingesetzt. In dieser Zeit gerierten sich die Tories als Europapartei, wollten eine führende Rolle in Europa einnehmen und auf diesem Weg weltpolitische Bedeutung zurückerlangen.

Mitterrand wollte Thatcher "null, null, null anbieten"

Kaum aber waren die Wahlen 1979 gewonnen, erarbeitete sich die "Eiserne Lady" mit der gefährlichen Handtasche ihren Kampfnamen auch gegenüber den europäischen Partnern und behandelte sie vielfach wie Gegner. Thatcher, so Helmut Schmidt 2005, habe ihm zu der Erkenntnis verholfen, dass es um ein tief liegendes Gefühl der Briten gehe, nicht zu Europa zu gehören.

Zum geflügelten Wort wurde Thatchers "I want my money back" dann 1984, als sie sich das Geld tatsächlich zurückholte - natürlich das der Briten, nicht ihres. Jetzt setzte die Premierministerin um, was sie gleich nach der Regierungsübernahme angekündigt hatte: Wie schon die Labour-Party 1975 wollte sie die Bedingungen der britischen EG-Mitgliedschaft neu aushandeln.

Ein erstes Angebot der europäischen Partner reichte ihr nicht. Bundeskanzler Helmut Kohl schrieb in seinen Erinnerungen, die "Eiserne Lady" habe sich in Brüssel dafür zwar bedankt, dann aber abgelehnt. Frankreichs Präsident François Mitterand habe ihm daraufhin beim gemeinsamen Essen zugeflüstert: "Ich habe langsam genug von dieser ewigen Diskussion. Ich denke an eine Verständigung zwischen uns, ihr null, null, null anzubieten."

Tatsächlich gelang es Thatcher jedoch, einen enormen Rabatt auszuhandeln. Seitdem muss Großbritannien, gemessen an der Wirtschaftsleistung, wesentlich weniger in den europäischen Haushalt einzahlen. Gefordert hatte sie 70 Prozent Ermäßigung, Mitterand wollte maximal 60 Prozent gewähren, Kohl hatte ihr 65 Prozent angeboten. Thatcher schrieb in ihren Memoiren über ihre Entschlossenheit, zwei Drittel Rabatt zu bekommen - und schließlich bekam sie auch 66 Prozent. Helmut Kohl schrieb etwas resigniert: "Damit hatte Margaret Thatcher ihre Ziele weitgehend erreicht."

Seit 35 Jahren Quengelrabatt

So kam es also zum "Briten-Rabatt", jener einzigartigen Reduzierung der britischen Beiträge zur Gemeinschaft, die bis heute gilt. Dennoch brachte sie keine Befriedigung der Briten und auch keine Befriedung ihres Verhältnisses zu Europa. "No satisfaction" könnte man mit den Rolling Stones sagen. Und eben auch: "You can't always get what you want". Der Historiker Frank Bösch schreibt in seinem neuen Buch "Zeitenwende 1979 - Als die Welt von heute begann", Thatchers EG-Kritik nach ihrem Amtsantritt habe "nachhaltig die Europa-Skepsis in ihrem Land gefördert".

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Ohne Gewähr

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Thomas Birkner
Comrades for Europe? Die »Europarede« Helmut Schmidts 1974 (Studien der Helmut und Loki Schmidt-Stiftung)

Verlag:
Edition Temmen
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152
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EUR 14,90
ab 2,51 Euro

Das Brexit-Votum 2016 zeigte endgültig, wie zwiegespalten die Briten gegenüber Europa immer waren und nach wie vor sind. Eine möglichst lose Freihandelszone wäre wohl ausreichend, Europa war für sie vor allem ein kapitalistisches Projekt, an dessen positiven Aspekten man durchaus teilhaben wollte. Insofern hat insbesondere die politische Klasse Englands sich aus wirtschaftlichen Gründen für eine Erweiterung der EG, später der EU ausgesprochen, aber Schritte der Vertiefung abgelehnt.

Es ist aber nicht nur die politische Klasse, ebenso die Arbeiterklasse, zu der sich Roger Daltrey, längst Millionär, auch nach 75 Jahren qua Herkunft zählt. Dem "Rolling Stone" sagte er 2018: "Für mich und meine Klasse ist das so: Wir sind eine Insel, wir haben uns nie als Europäer gefühlt. Ich weiß nicht, warum."

Und weil das so ist und obwohl sie noch nicht mal genau wissen, warum, bleibt das Verhältnis der Briten zu Europa kompliziert - mit oder ohne Brexit, ob hart oder weich.

insgesamt 38 Beiträge
Marcus Straub 10.04.2019
1. Und weil dem so ist.....
...sollte der Brexit so schnell wie möglich umgesetzt werden. Und die ganze Mühe, die sich Meggie Thatcher gemacht hat wäre perdu. Und GROßbritanien kann dann überall neue Verträge aushandeln, ist ihre Position dann ja eine [...]
...sollte der Brexit so schnell wie möglich umgesetzt werden. Und die ganze Mühe, die sich Meggie Thatcher gemacht hat wäre perdu. Und GROßbritanien kann dann überall neue Verträge aushandeln, ist ihre Position dann ja eine viel bessere als der der EU. Nur, warum sind sie dann immer noch da?
Mark Eckerle 10.04.2019
2. Ich hoffe immer noch, dass...
...ich am 12.4. die schon seit Wochen kaltgestellte Flasche Sekt aufmachen und mit einem "Farewell to the UK" austrinken kann.
...ich am 12.4. die schon seit Wochen kaltgestellte Flasche Sekt aufmachen und mit einem "Farewell to the UK" austrinken kann.
Paul Panzer 10.04.2019
3. Die müssen auf die Nase fallen...
Lasst sie gehen... wenn sie nicht flott klar kommen dann eben ohne Deal. Sie kommen zurück. Dann ohne Brittenrabatt! ;)
Lasst sie gehen... wenn sie nicht flott klar kommen dann eben ohne Deal. Sie kommen zurück. Dann ohne Brittenrabatt! ;)
Axel Gläsel 10.04.2019
4. Wird Zeit, dass die Diva auf den Teppich kommt
Meine Theorie von Grossbritannien, insbesondere England, als Diva, die in den großen Erfolgen der Vergangenheit schwelgt, hatte ich schon vor 30 Jahren englischen Bekannten präsentiert, die sie mit großer Zustimmung aufnahmen. [...]
Meine Theorie von Grossbritannien, insbesondere England, als Diva, die in den großen Erfolgen der Vergangenheit schwelgt, hatte ich schon vor 30 Jahren englischen Bekannten präsentiert, die sie mit großer Zustimmung aufnahmen. Ich dachte allerdings, dass sich "das" geben würde. Aber ist scheinbar eher schlimmer geworden. Jetzt werden sie höchstwahrscheinlich ein Rendezvous mit der Realität haben, das sie hoffentlich mehr erdet. ... das ist fast der einzige Aspekt, den ich am Brexit gut finde.
Klaus Bodo Valentin Lichti 10.04.2019
5.
Wem nützt es, ein Mitglied dabei zu haben, das von vorneherein alles, was ihm nichts bringt, boykottiert, selbst dann, wenn es ihm nicht schadet? Sieht so aus, als würde ich bei den Europawahlen die Piraten wählen.
Wem nützt es, ein Mitglied dabei zu haben, das von vorneherein alles, was ihm nichts bringt, boykottiert, selbst dann, wenn es ihm nicht schadet? Sieht so aus, als würde ich bei den Europawahlen die Piraten wählen.

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