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"Vater und Sohn"-Zeichner Erich Ohser

"Möge der Fluch von hunderttausend Kindern auf Sie herabkommen!"

Er hatte über die Nazis gelästert und kam dem Todesurteil zuvor: Vor 75 Jahren erhängte sich Erich Ohser im Gefängnis. Der Zeichner der "Vater und Sohn"-Bildgeschichten verachtete das Regime - und arbeitete doch für Goebbels.

e.o.plauen-Gesellschaft
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Freitag, 05.04.2019   13:22 Uhr

Zwei Briefe schreibt der Todgeweihte, bevor er dem Scharfrichter zuvorkommt. Den ersten richtet er an seine Henker: "Sie können stolz sein, der Mörder des Vaters von Vater und Sohn zu sein", schreibt Erich Ohser. "Möge der Fluch von hunderttausend Kindern auf Sie herabkommen! Oh, welche Vorstellung, mit diesen Hinrichtungen gegen die Wahrheit ankommen zu wollen! (...) Mörder, Mörder, Mörder!"

Der zweite Brief geht an seine Frau Marigard und Sohn Christian, 13, der mit Diphtherie im Bett liegt: "Mache aus ihm einen Menschen", bittet Ohser. "Ich gehe mit glücklichem Lächeln", so endet sein Brief.

Dann nimmt Erich Ohser, 41 Jahre alt, ein Handtuch, formt daraus eine Schlinge und erhängt sich am Fenstergitter seiner Zelle im Gestapo-Gefängnis in Berlin-Moabit. Ein Wächter entdeckt den Leichnam am 6. April 1944 um sechs Uhr morgens - der Zeichner wählte den Suizid aus Angst vor dem sicheren Tod.

Am nächsten Morgen um neun Uhr wäre Erich Ohser, angeklagt wegen "Wehrkraftzersetzung" und "landesverräterischer Feindbegünstigung", dem Volksgerichtshof vorgeführt worden. Ihn erwartete das Todesurteil durch den berüchtigten Strafrichter Roland Freisler.

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"Vater und Sohn"-Zeichner Erich Ohser: "Ein Mann wie ein Elefant, der seiltanzen konnte"

Der Grund: Ohser hatte über Hitler und Goebbels gelästert. Ein Mitbewohner schrieb penibel mit und denunzierte einen der genialsten Comiczeichner des 20. Jahrhunderts. Einen Mann, der weder Widerstandsheld noch Täter war. Der das Regime verabscheute - und sich dennoch vor den Nazi-Karren spannen ließ. Denn ab 1940 arbeitete Ohser als Karikaturist für das NS-Renommierprojekt "Das Reich": eine auflagenhohe Wochenzeitschrift mit Leitartikeln von Reichspropagandaminister Josef Goebbels.

"Ich zeichne gegen die Alliierten - und nicht für die Nationalsozialisten": So rechtfertigte Ohser gegenüber Schriftsteller Hans Fallada, einem Freund, seine verstörenden Karikaturen der Vierzigerjahre. Er zeichnete Russland als mordlustige Bärenbestie, Amerika als schmierig-gierigen Kapitalisten, England als blutrünstigen Kolonialherren - kaum zu glauben, dass derselbe Mann der Welt die berührenden "Vater und Sohn"-Bildgeschichten schenkte. Millionenfach bestaunte, menschlich-humorige Miniaturen, die selbst in China und Iran Fans haben und bis heute im Schulunterricht eingesetzt werden.

"Das ist er selbst, der große, herrliche Mann, der so herrlich jung lachen konnte, und sein Junge, sein einziger Sohn, ein spitzmäusiges, lustig lachendes Geschöpf", schrieb Fallada über die "Vater und Sohn"-Geschichten. Ohser veröffentlichte sie ab 1934 unter dem Pseudonym "e. o. plauen" - eine Hommage an seine sächsische Heimatstadt.

Drei Erichs in der Berliner Bohème

Geboren wurde er 1903 in Untergettengrün als Sohn eines Grenzbeamten, verbrachte seine Kindheit in Plauen und absolvierte auf Wunsch des Vaters zunächst eine Schlosserlehre. Doch schweißen, schmieden, schrauben wollte Ohser nicht. Er wollte Künstler werden. "Die Welt wird für den, der zeichnet, schöner, viel schöner", sagte er einmal.

In Leipzig studierte Ohser Kunst und lernte dort seine große Liebe Marigard kennen, der er bald nach dem ersten Rendezvous sagte: "Sie werden meine Frau." Er traf auch den schriftstellernden Studenten Erich Kästner, mit dem er bis an sein Lebensende befreundet blieb.

"Ohser zeichnete, ich schrieb, was das Zeug hielt. Und alles geschah in einer rebellischen Munterkeit", notierte Kästner. Zusammen mit dem Redakteur Erich Knauf bildeten die drei Erichs ein Künstlertrio, dem Sachsen bald zu kleingeistig wurde: Die jungen Bohemiens stürzten sich ins Berliner Getümmel. "Wir arbeiteten wie die Teufel, lachten an der Spree wie vordem an der Pleiße und lebten wieder einmal von der Hand in den Mund", so Kästner.

Erich Ohser/ e.o.plauen Stiftung

"Dienst am Volk", "Neue Revue", 1931

Ohser illustrierte Kästners Bücher und arbeitete für die gewerkschaftseigene Büchergilde Gutenberg, den sozialdemokratischen "Vorwärts", die "Neue Revue", den "Querschnitt". Er zog mit Karikaturen die Nazis durch den Kakao. So pinkelt ein Hutträger ein zittriges Hakenkreuz in den Schnee - "Dienst am Volk", 1931.

Eine andere Karikatur, 1932 im "Vorwärts", zeigt Hitler als erschöpftes Häufchen Elend, kauernd hinter einem riesigen Propagandaplakat, das den "Führer" in breitschultriger Siegerpose zeigt. "Dringend ruhebedürftig" steht drüber. Auch gegen Goebbels richtete sich Ohsers Spott: "Goebbels macht Toilette" heißt eine Karikatur von 1931, zu sehen ist der eitle Einpeitscher beim Ausprobieren diverser Köpfe.

Ein Anarchopärchen trotzt dem Stechschritt

Doch der spätere NS-Propagandaminister verstand keinen Spaß: Nach der "Machtergreifung" 1933 verweigerte die Reichskulturkammer dem Künstler die Aufnahme, was einem Berufsverbot gleichkam. Nicht mehr zeichnen zu dürfen sei, klagte Ohser, "als würde man mir einen Arm abhacken".

Mit Kästners Büchern gingen auch Ohsers Illustrationen in Flammen auf, Freund Knauf kam für zehn Wochen ins KZ. Obschon längst veröffentlicht, verbrannte Ohser die Originale seiner "Vorwärts"-Karikaturen im Schrebergarten. Doch dann traten ein walrossbärtiger, kugelrunder Glatzkopf und sein zerzauster Zögling auf den Plan - die Reihe "Vater und Sohn" rettete Ohser vor dem Ruin.

Für die "Berliner Illustrirte Zeitung" plante der "arisierte" Ullstein-Verlag 1934 nach Vorbild der US-Comics eine fortlaufende Bildergeschichte um eine feste Figur. Mit "Vater und Sohn" gewann Ohser die Ausschreibung und erhielt vom Propagandaministerium die Ausnahmegenehmigung, "unpolitische Zeichnungen" unter Pseudonym zu veröffentlichen.

Die Menschen schlossen "Vater und Sohn" sofort ins Herz, dieses verspielte Anarchopärchen, das dem Stechschritt trotzt und zusammen die Welt auf den Kopf stellt. Das keine Autoritäten anerkennt, lieber Torte als angebrannte Bohnen mampft und ein Gewehr nur benutzt, um Rosinen in den Kuchen zu schießen. Ein wohltuender Gegenentwurf zur Hart-wie-Kruppstahl-Erziehungsdoktrin der Nationalsozialisten. Bald prangten die liebenswerten "Vater und Sohn"-Antihelden auf Keksdosen, Kaffeefiltern, Zigarettenschachteln.

Patriot und Antikommunist

Auf dem Zenit seines Erfolgs wurde Ohser weiter schikaniert - mit einem weiteren Berufsverbot 1936. Der Verlag intervenierte, Ohser durfte weiterzeichnen, doch das NS-Regime instrumentalisierte ihn nun als Werbemaskottchen. Gemeinsam mit seinem 1931 geborenen Sohn Christian musste Ohser bei Straßensammlungen des NSDAP-Winterhilfswerks auftreten und Zeichnungen für die Organisation liefern.

e.o.plauen-Gesellschaft

Populäre Antihelden: Erich Kästner neben einer "Vater und Sohn"-Reklame (um 1935)

1940 richtete das Propagandaministerium eine weitere Forderung an den Künstler: Er sollte politische Karikaturen für die NS-Wochenzeitung "Das Reich" anfertigen. Konnte er das ablehnen? Lange diskutierte Ohser mit seiner Frau Marigard, die gegen den lukrativen Job war. Schließlich willigte er ein.

Es war "ganz einfach die Liebe zu seinem Land, das er vor allem vor dem Osten (...) schützen wollte", so Ohsers Witwe nach dem Krieg. 1930 war er mit Kästner nach Moskau und Leningrad gereist - und als entschiedener Antikommunist zurückgekehrt.

Verhängnisvolle Schwerhörigkeit

Aggressiv dämonisierte Ohser im "Reich" vor allem die Russen als dickschädelige Schlächter, Haie, Bären oder Wölfe. Und attackierte auch die anderen Alliierten. "Weit entfernt von der Freundlichkeit von 'Vater und Sohn' wird Ohsers Virtuosität nunmehr böse", schreibt seine Biografin Elke Schulze.

Frontsoldaten schickten Jubelbriefe, 1942 durfte er sein Werk im Berliner "Kunstdienst" ausstellen. Zugleich riss der von Geburt an schwerhörige Künstler in aller Öffentlichkeit lautstark Witze über die NS-Granden. Eine Angewohnheit, die ihm zum Verhängnis wurde.

Als er mit seinem Freund Knauf über den "dümmsten aller Emporkömmlinge" (Hitler) und seinen "Zwerg" (Goebbels) lästerte, verriet ein Mitbewohner, Hauptmann Bruno Schultz, die beiden Künstler. Am 28. März 1944 wurden Ohser und Knauf verhaftet. Goebbels persönlich drängte auf einen kurzen Prozess.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:30 Uhr
Ohne Gewähr

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Elke Schulze
Erich Ohser alias e.o.plauen: Ein deutsches Künstlerschicksal

Verlag:
Südverlag
Seiten:
144
Preis:
EUR 24,00

Ohser geriet in Panik, ein erster Suizidversuch am 31. März scheiterte. Als er am 5. April erfuhr, dass sein Fall am folgenden Tag verhandelt werden sollte, entschied sich der Künstler, seinen Widersachern zuvorzukommen. Diesen Triumph gönnte er ihnen nicht - und wählte den Freitod. "Ich habe ihn im Moabiter Gefängniskeller auf einer Bahre liegend gesehen", schrieb Ohsers Frau Marigard später. "Es war das Gesicht eines glücklichen, heiteren Menschen."

So konnte Hitlers Blutrichter nur Erich Knauf zum Tode verurteilen. Ohsers Freund wurde am 2. Mai 1944 enthauptet. Seine Witwe bekam die Rechnung für den Henker zugeschickt: 158 Reichsmark und 18 Pfennig - zuzüglich 12 Pfennig Porto.

Der Südverlag hat eine Werkausgabe mit den Karikaturen und "Vater und Sohn"-Bildgeschichten veröffentlicht (mehr Informationen hier). Das Erich-Ohser-Haus in Plauen zeigt zweimal im Jahr wechselnde große Überblicksausstellungen zu Leben und Werk Ohsers. Die nächste Ausstellung mit dem Titel "schwarz auf weiß. e.o.plauen & Line Hoven" beginnt am 14. April 2019 um 19 Uhr und wird bis Oktober zu sehen sein. Mehr Infos und Termine finden Sie hier.
insgesamt 16 Beiträge
vincent sierralta 05.04.2019
1. Bin tief bewegt über das Schicksal von Erich Ohser
Bin tief bewegt über das Schicksal von Erich Ohser. Möge diese dunkle Zeit niemals mehr wiederkommen.
Bin tief bewegt über das Schicksal von Erich Ohser. Möge diese dunkle Zeit niemals mehr wiederkommen.
Frank Kampmann 05.04.2019
2. Danke für diesen Hintergrund...
seine Vater&Sohn-Geschichten waren ein prägendes Begleitmoment in meinen jungen Lebensjahren, da ich ja noch nicht lesen konnte...
seine Vater&Sohn-Geschichten waren ein prägendes Begleitmoment in meinen jungen Lebensjahren, da ich ja noch nicht lesen konnte...
henner2 05.04.2019
3. Ihn erwartete das Todesurteil durch den berüchtigten Strafrichter Rola
Freisler war bestimmt manches, aber mit Sicherheit kein Scharfrichter, Henker. Er war "nur" der Richter. Es sind diese Ungenauigkeiten in der Recherche, die zwar politisch korrekt, aber trotzdem beim Lesen der Zeilen [...]
Freisler war bestimmt manches, aber mit Sicherheit kein Scharfrichter, Henker. Er war "nur" der Richter. Es sind diese Ungenauigkeiten in der Recherche, die zwar politisch korrekt, aber trotzdem beim Lesen der Zeilen die Frage aufkommen lässt, was noch alles falsch ist am Artikel. Und dafür ist der Gegenstand zu Ernst, um sich Ungenauigkeit zu leisten.
günther ZARUBA 05.04.2019
4. @henner 2 nach ihrem Kommentar
habich nochmal GENAU gelesen, da steht++ Ihn erwartete das Todesurteil durch den berüchtigten Strafrichter Roland Freisler.+++ STRAFRICHTER. Außer es wurde zwischenzeitlich korrigiert. Als Kind hab ich Vater und Sohn [...]
habich nochmal GENAU gelesen, da steht++ Ihn erwartete das Todesurteil durch den berüchtigten Strafrichter Roland Freisler.+++ STRAFRICHTER. Außer es wurde zwischenzeitlich korrigiert. Als Kind hab ich Vater und Sohn Geschichten auch gelesen.
Theo Verhülsdonk 05.04.2019
5. @3
Ich unterstelle mal, dass jeder, der den Artikel liest, Roland Freisler "kennt" und zumindest weiß, dass er "der" Richter des Regimes und nicht Henker war.
Ich unterstelle mal, dass jeder, der den Artikel liest, Roland Freisler "kennt" und zumindest weiß, dass er "der" Richter des Regimes und nicht Henker war.

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